Sonntagsevangelium (110)

2. Sonntag nach Weihnachten: Joh 1,1-18 (oder: Joh 1,1-5.9-14)

Das Johannes-Evangelium beginnt mit einem Text, der sich von der nachfolgenden Erzählung deutlich abhebt. Der Prolog hat hymnischen Charakter, allerdings nicht in all seinen Teilen. Deshalb wird meist damit gerechnet, dass der Evangelist eine Vorlage aufgegriffen und in bearbeiteter Form an den Anfang seines Werkes gestellt hat. Welche Aussagen auf den Evangelisten zurückgehen, ist, wie bei solchen literarkritischen Operationen üblich, umstritten. Jedoch lassen sich recht eindeutig die Passagen über Johannes (den Täufer) als späterer Zusatz erkennen (1,6-8.15): Sie heben sich nicht nur mit ihrem stärker erzählenden Duktus vom hymnisch geprägten Kontext ab; sie verlangen auch einen größeren Zusammenhang, der erst durch die in 1,19 einsetzende Erzählung gegeben ist.

Als Prolog zeichnet sich der Abschnitt 1,1-18 dadurch aus, dass er sich einerseits von der nachfolgenden Erzählung unterscheidet, andererseits mit ihr auch in Verbindung steht. Die Eigengestalt zeigt sich nicht nur in sprachlicher Hinsicht, sondern auch im Blick auf die theologische Begrifflichkeit: Manche prägende Begriffe kommen nur im Prolog vor (»Logos«, sein »Zelten unter uns«; »Fülle«; Mitteilen der Gnade). Umgekehrt erscheint das nachfolgend für Jesus so charakteristische Stichwort der »Sendung« im Prolog nur mit Bezug auf Johannes (1,6). In inhaltlicher Hinsicht fällt auf, dass der Prolog keine Zusammenfassung der Jesus-Geschich­te ist. Der Weg zu Kreuz und Auferstehung kommt nicht in den Blick. Verbindungen zur Erzählung ergeben sich mittels personaler Klammern: durch Johannes und durch den Bogen, der von 1,17 über das ganze Buch zu 20,31 insofern geschlagen wird, als nur an diesen beiden Stellen im Johannes-Evangelium die Verbindung von »Jesus« und »Christus« belegt ist. Außerdem sind theologisch bedeutsame Begriffe aus dem Evangelium auch in den Prolog aufgenommen: Licht, Leben, Wahrheit, Herrlichkeit, Welt, glauben, erkennen.

Wegen dieses doppelten Charakters kann man den Johannes-Prolog als Leseanweisung für das Evangelium verstehen (vgl. Jean Zumstein, Kreative Erinnerung, Zürich 2004, 116-121). Der Verfasser tritt mit ihm in Interaktion mit den Adressaten (besonders deutlich in den Wir-Formen in 1,14.16). Er liefert außerdem inhaltliche Klärungen im Blick auf die Bedeutung des Protagonisten durch Nennung der Beziehungen (zu Gott, Täufer, Mose) und des Schauplatzes (universal: die Welt). Und er baut Spannung dadurch auf, dass Aussagen offen bleiben, und lenkt auf diese Weise die Aufmerksamkeit der Leser, etwa: Wie erweist sich der Logos (»das Wort«) als Licht? Warum kommt es zu den unterschiedlichen Reaktionen von Annahme und Ablehnung? 

Die Struktur des Textes lässt sich wohl am besten durch einen dreistrophigen Aufbau erfassen: Der präexistente Logos und seine Bedeutung (1,1-5); der Logos in der Welt: bezeugt, abgelehnt aufgenommen (1,9-13); der fleischgewordene Logos »unter uns« (1,14-18). So zeigt sich in drei Etappen eine doppelte Bewegung: Der göttliche Logos kommt in die Welt, in jeder Strophe konkreter gefasst, bis zur »Fleischwerdung«, so dass von einer konkreten Person zu sprechen ist (1,17); die Menschenwelt reagiert unterschiedlich, jedoch konzentriert sich der Hymnus in der dritten Strophe auf die Glaubensperspektive, der Glaube nimmt die Zumutung der »Fleischwerdung« des Logos an.

Inhaltlich ist der Prolog durch eine hoheitliche Christologie geprägt, die sich am deutlichsten in dem kaum übersetzbaren Begriff Logos und den über ihn getroffenen Aussagen zeigt. In der griechischen Philosophie wurde »Logos« nicht nur auf die Fähigkeit und den Vollzug des Denkens bezogen, sondern auch im Sinne eines Prinzips, das die Welt durchdringt und bestimmt. Entsprechende Einflüsse sind bei Philo von Alexandrien zu entdecken, in dessen Schriften jüdische Weisheits- und griechische Logos-Spekulation miteinander verbunden sind. Vor diesem Hintergrund zeigt sich: Christus wird in Joh 1 in ein Denken eingeordnet, das auf Ursprung und Zusammenhalt des Kosmos ausgerichtet ist, und mit dem Prinzip identifiziert, das hinter der sichtbaren Welt als deren Grund und durchdringende Kraft erkennbar wird. Der Inkarnationsgedanke ist allerdings in dem religionsgeschichtlichen Vergleichsmaterial nicht zu finden. 

Im Johannes-Prolog ist der Logos zunächst dadurch charakterisiert, dass er (in Anspielung auf Gen 1) mit dem Ur-Anfang verbunden wird. Er geht also der Schöpfung voraus, ist sogar der Schöpfungsmittler: »Alles wurde durch ihn« (1,3). Die Vorstellung von der Schöpfungsmittlerschaft Christi begegnet auch andernorts im Neuen Testament  (1Kor 8,6; Kol 1,16f; Hebr 1,2), ist sonst aber nicht mit dem Logos verbunden.

Außerdem wird der Logos in der ersten Strophe nicht nur sachlich durch seine Mitwirkung bei der Schöpfung, sondern auch ausdrücklich mit Gott in Beziehung gesetzt. Dabei zeigt sich aber eine Differenzierung, die in deutschen Übersetzungen meist nicht erkennbar ist. Im griechischen Text wird unterschieden zwischen artikellosem »Gott« (θεός) und »Gott« mit bestimmtem Artikel (ὁ θεός). Für den Logos wird allein die erste Möglichkeit gewählt (1,1; 1,18), er wird nicht mit Gott gleichgesetzt, sondern als »göttlich« gekennzeichnet. Die Aussagen über die Göttlichkeit des Logos sind nicht allein an dessen Hoheit interessiert, sondern zielen bereits in der ersten Strophe darauf, die Rettung im Ur-Anfang zu verankern: »In ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen«. Damit ist auch die Universalität des Heils angedeutet, das durch Jesus eröffnet ist.

Erstmals nach 1,1 wird der Logos wieder in 1,14 ausdrücklich genannt: Der Ur-Anfang rückt in greifbare Nähe: »Er wurde Fleisch« und lässt sich deshalb mit einer bestimmten Person identifizieren. »Fleisch« bezeichnet hier nicht den Bereich der Sünde, sondern die Bedingungen menschlicher Existenz im Unterschied zur göttlichen Seinsweise. Der ewige Logos ist wirklich in die Geschichte eingegangen. Er hat »unter uns gewohnt«, wörtlich: gezeltet. Damit ist zum einen unterstrichen, dass der Logos wirklich ein sterblicher Mensch wurde, also nur eine bestimmte Zeit auf der Erde weilte – ohne bleibende Wohnung. Zum andern wird so auch deutlich: Die Aussage von Joh 1,14 nimmt die ganze Geschichte Jesu in den Blick, nicht nur das Ereignis der Menschwerdung. Dies bestätigt auch der zweite Versteil, der nun neben das »Fleisch« mit dem Begriff »Herrlichkeit« eine Hoheitsaussage stellt. Die »Wir-Sprecher« zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Spannung zwischen Hoheit und Niedrigkeit aushalten. In seiner menschlichen Existenz kann Jesus als Offenbarer Gottes erkannt werden: »Wir haben seine Herrlichkeit gesehen« – die Herrlichkeit, die sich im »Fleischgewordenen« zeigt. Davon erzählt dann das ganze Johannes-Evangelium. 

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