Sonntagsevangelium (111)

Taufe des Herrn (A): Mt 3,13-17

Die Erzählung von der Taufe Jesu schließt sich unmittelbar an die Wiedergabe der Verkündigung Johannes des Täufers an, in der es zuletzt um die Gestalt des kommenden Feuertäufers ging (3,11f). Dass diese angekündigte Gestalt Jesus sei, war den Worten des Johannes nicht zu entnehmen (nur im Johannes-Evangelium wird der Täufer zum öffentlichen Zeugen für Jesus). In der Quelle des Matthäus ist die Identifizierung der angekündigten Gestalt mit Jesus durch die Wahl des Verbs angedeutet, mit dem das erste Auftreten Jesu beschrieben wird. Auf die Worte des Täufers »nach mir kommt einer« folgt die Formulierung: »Und es geschah in jenen Tagen, da kam Jesus von Nazaret« (Mk 1,7-9). Matthäus verzichtet auf diesen Zusammenhang und beschreibt stattdessen das Erscheinen Jesu bei Johannes mit demselben Verb, mit dem er Johannes vorgestellt hatte: Beide treten auf (3,1; 3,13: παραγίνεται). Dies entspricht der Tendenz des Matthäus, Johannes und Jesus zu parallelisieren. Am auffälligsten zeigt sich dieser Zug in der Tatsache, dass die Botschaft beider Verkünder mit denselben Worten zusammengefasst werden kann (3,2; 4,17).


Matthäus kann sich die genannte Anspielung des Markus auch deshalb sparen, weil er an anderer Stelle viel deutlicher wird. Er (und nur er unter den Evangelisten) schaltet nämlich in die Szene einen kleinen Dialog zwischen Jesus und Johannes ein, in dem Johannes den übergeordneten Rang Jesu erkennt und ihn deshalb nicht taufen will. Der Einspruch des Täufers ist so formuliert, dass Jesus als die angekündigte Gestalt erkennbar wird: »Ich müsste von dir getauft werden« – dies greift auf die Ankündigung des Kommenden zurück, der »euch mit heiligem Geist und Feuer taufen wird« (3,11). Zugleich zeigt sich hier, dass im Neuen Testament die Taufe Jesu durch Johannes als Problem der Zuordnung der beiden Personen gesehen wird: Hat sich Jesus in der Taufe etwa dem Johannes unterstellt, ihn als übergeordnet anerkannt? Eine solche Folgerung wird abgewehrt. Dass das Erscheinen Christi zur Umkehrtaufe als Problem empfunden worden wäre, ist nicht erkennbar.

Der Dialog dient außerdem dazu, der Taufe Jesu auch eine positive Bedeutung zuzuschreiben. Der genaue Sinn der Antwort Jesu auf den Einspruch des Täufers, das erste Wort Jesu im Matthäus-Evangelium, ist umstritten. Die Diskussion dreht sich um das Verständnis der Begriffs der Gerechtigkeit. In biblischer Sprachtradition handelt es sich dabei, anders als in unserer Alltagssprache, um einen Verhältnisbegriff. Er bezeichnet das Verhalten oder den Zustand, der einem gegebenen Gemeinschaftsverhältnis entspricht – zumeist bezogen auf das Verhältnis Gott-Israel. Dadurch ergibt sich eine Zweiseitigkeit des Begriffs: Es kann die Rede von Gottes Gerechtigkeit sein, seinem Eintreten für Israel (das Volk oder einzelne Fromme), aber auch von der menschlichen Gerechtigkeit, die sich im Erfüllen der Gebote Gottes zeigt. Angewendet auf Mt 3,15 ergibt sich daraus die Frage: Sollen Jesus und Johannes als Vorbilder in der Verwirklichung gerechten Tuns erscheinen oder als diejenigen, durch die sich der göttliche Heilswille erfüllt?

M.E. spricht mehr für die zweite Möglichkeit. Es ist die Rede vom Erfüllen der Gerechtigkeit, nicht einfach vom Tun. Ein heilsgeschichtlich relevantes Erfüllen passt besser zur »Gerechtigkeit« im Sinn des Heilswillens Gottes. Außerdem fügt sich die Übernahme der Taufe als ritueller Akt schlecht in den Gedanken der Norm menschlichen Handelns, wie sie der matthäische Jesus unter dem Stichwort der »Gerechtigkeit« entfaltet (5,20-48; 6,1-18). Schließlich erklärt sich so besser der Einschluss des Täufers in das »Erfüllen aller Gerechtigkeit«: Er erfüllt in der Taufe Jesu seine Rolle als Vorläufer des Messias. Die Taufe ist zwar nicht Ursache, aber äußerer Anlass für Himmelsöffnung und Geistherabkunft – und so Auftakt für das geistgelenkte Wirken des Messias.

Matthäus liegt wie auch Markus daran, Taufe und Himmelsöffnung nicht zu synchronisieren. Der Vorgang der Taufe wird im Griechischen nur mit einem Wort bedacht (wörtlich übersetzt: »Getauft stieg er sogleich aus dem Wasser«: 3,16). Die Himmelsöffnung, geläufiges Motiv in prophetischer und apokalyptischer Literatur, dient dem Empfang von Offenbarung. Diese ist hier szenisch an Jesus gerichtet – trotz der Formulierung mit »dieser ist mein geliebter Sohn«. Da die Vision allein mit Jesus verbunden wird, ist ein weiterer Hörerkreis der Himmelsstimme unwahrscheinlich. Im Hintergrund der Gestaltung steht wohl die Vorstellung, dass Gott seinen Sohn vor dem himmlischen Hofstaat proklamiert (vgl. John Nolland, The Gospel of Matthew. A Commentary on the Greek Text, Grand Rapids 2005, 157).

Da die Himmelsstimme den Sohn nicht direkt anspricht (Mk 1,11: »Du bist mein geliebter Sohn«), treten Verbindungen zu Ps 2,7 zurück (»Mein Sohn bist, du heute habe ich dich gezeugt«). Dies könnte Matthäus willkommen gewesen sein, denn ein Wachrufen der Zeugungsaussage war sicher nicht in seinem Sinn (s. 1,18-25). Wichtiger sind Bezüge zu Jes 42,1, ein Text, den Mt in 12,18 in Anwendung auf Jesus zitiert. Verbindende Stichworte sind: ὁ ἀγαπητός/der geliebte ..., εὐδοκεῖν/Gefallen finden. Was die Himmelsstimme sagt, aktualisiert die prophetische Verheißung vom Gottesknecht, und umgekehrt: Von der Himmelsstimme nach der Taufe her zeigt sich, dass jener erwählte Knecht Gottes geliebter Sohn ist.

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