Sonntagsevangelium (114)

Sonntag in der Weihnachtsoktav - Fest der Heiligen Familie (B): Lk 2,22-40  (oder 2,22.39f)
Darstellung des Herrn: Lk 2,22-40 (oder 2,22-32)

Die Geschichte von der »Darstellung Jesu« bietet zu Beginn einige Schwierigkeiten. Der Anlass für die Reise zum Tempel in Jerusalem wird darin gesehen, dass sich die »Tage ihrer Reinigung erfüllten«. Bezugspunkt dieser Aussage sind die Regelungen der Tora zu Wöchnerinnen. Sie gelten nach der Geburt eines Sohnes 40 Tage lang als unrein (Lev 12,2-4) und sollen nach Ablauf dieser Frist im Tempel ein Opfer darbringen (Lev 12,6-8). Darauf scheint Lukas in 2,24 Bezug zu nehmen, bringt dies aber nicht mit dem Reinigungsopfer für die Mutter in Verbindung.

Dass der Evangelist nicht genau über die Vorschriften der Tora informiert ist, zeigt sich auch in der Formulierung »die Tage ihrer Reinigung«. Im Griechischen ist »ihrer« eindeutig ein Plural (αὐτῶν) und kann sich nur auf Mutter und Kind beziehen; die Mose-Tora kennt aber nur das Reinigungsopfer für die Mutter. Entsprechend gibt sich auch der Sinn der »Darstellung« im Tempel vor dem Hintergrund der Weisung des Gesetzes nicht eindeutig zu erkennen. Lukas bündelt mit dem Begriff der »Darstellung« den Sinn der nachfolgend angeführten Gesetzesvorschrift. Diese ist allerdings recht frei aus Ex 13 gewonnen, wo von der Auslösung der (männlichen) Erstgeburt die Rede ist. Eine solche Auslösung durch ein Opfer ist notwendig, weil die Erstgeburt Gott gehört (Ex 13,2). Das Stichwort der Auslösung greift Lukas aber gerade nicht auf, sondern hebt darauf ab, dass alle männliche Erstgeburt »heilig für den Herrn« genannt werde (2,23). Er scheint in erster Linie die Beziehung des Kindes zu Gott in den Vordergrund rücken zu wollen.

Zu dieser Ausrichtung passt, dass die Erzählperspektive sich sehr schnell auf Jesus hin konzentriert. Ist zunächst von »ihrer Reinigung« die Rede und also die Mutter eingeschlossen, heißt es in der Folge nicht, dass sie nach Jerusalem zogen, sondern: »Sie führten ihn nach Jerusalem hinauf«. Deshalb hat Lukas bei dem Zitat in 2,24 (»ein Paar Turteltauben und zwei junge Tauben«) wohl ein Opfer im Blick, das unmittelbar mit dem Kind zusammenhängt, zumal die Einführung ganz parallel zu der Aussage über die Darstellung verläuft: »Sie führten ihn nach Jerusalem hinauf, um ihn dem Herrn darzustellen ... und um ein Opfer darzubringen gemäß dem Gebot des Gesetzes«.

Auch wenn Lukas selbst in den zitierten Vorschriften nicht zu Hause ist, liegt ihm doch ganz offensichtlich daran, die Familie Jesu als gesetzestreue Juden zu präsentieren. Dreimal kurz hintereinander wird erwähnt, dass die Vorgänge der Mose-Tora entsprechen (2,22: »gemäß dem Gesetz des Mose«; 2,23: »wie geschrieben steht«; 2,24: »gemäß dem im Gesetz des Herrn Gesagten«; s.a. 2,27). Dies ist kein Widerspruch, denn auch für einen in der hellenistischen Welt beheimateten Autor war der Gedanke wichtig, dass sein Bekenntnis zu Christus nicht als etwas Neues erscheint, sondern in alten Traditionen verwurzelt ist.

Die Konzentration auf das Kind in der Einleitung der Erzählung setzt sich fort, wenn die Reise zu ihrem Ziel kommt. Erzählerisch reizvoll wird die auf die Familie Jesu bezogene Schilderung zunächst unterbrochen und in Simeon eine in Jerusalem ansässige Figur vorgestellt (2,25f). Damit wird gewissermaßen die Zeit der Reise nach Jerusalem überbrückt, ehe beide Personengruppen im Tempel aufeinandertreffen (2,27). Aus der Beschreibung Simeons ist vor allem die Kennzeichnung wichtig, dass der »heilige Geist auf ihm war«. Dies steht nicht nur in Verbindung mit der Simeon offenbarten Verheißung, vor seinem Tod den Messias zu sehen; damit wird zugleich vorbereitet, dass der »fromme und gerechte Mann« ein ihm fremdes Kind als den Messias identifizieren kann, zumal ausdrücklich gesagt wird, er sei »im Geist« in den Tempel gekommen (2,27).

Im »Nunc dimittis« (2,29-32) wird die Bedeutung des Kindes nicht titular gefasst (z.B. Christus, Herr), sondern als »Heil« bezeichnet und metaphorisch als Licht und Herrlichkeit entfaltet. Auffällig ist der Bezug auf die Heiden an dieser Stelle (»Licht zur Offenbarung für die Heiden«), der sicher für Lukas programmatische Bedeutung hat. Hier zeigt sich im Vorblick, was das Wirken Jesu in Israel auslösen wird: Das Evangelium wird schließlich »bis an die Grenzen der Erde« getragen (Apg 1,8). Zugleich wird im Kommentar des Simeon der Widerspruch, den Jesus und die Christusbotschaft erfahren, vorweggenommen (2,34f) – ein Bogen, der bis an den Schluss des lukanischen Doppelwerks geschlagen wird, wenn dort vom Unglauben eines Teils der jüdischen Hörer des Paulus die Rede ist und das »Heil Gottes« als zu den Heiden gesandt erscheint (Apg 28,24-28; für »Heil« hier derselbe Begriff wie in Lk 2,30: τὸ σωτήριον).

Ohne Einschränkung spricht die Erzählung von den Eltern (2,27) bzw. von Vater und Mutter Jesu (2,33). Ein Zusatz wie bei der Nennung Josefs im Stammbaum (Jesus als Sohn Josefs, »wie man meinte«) fehlt. Kennt die Geschichte für sich betrachtet die geistgewirkte Zeugung nicht? Dies würde erklären, warum sich Vater und Mutter über die Bedeutung des Kindes wundern, denn sie erführen davon erstmals. Hinter der ursprünglichen Überlieferung könnte tatsächlich diese Vorstellung stehen. Lukas aber, nach dem Josef und Maria über die Bedeutung des Kindes im Bilde sind (1,32f; 1,43; 2,17-19), muss dem Verwunderungsmotiv ebenfalls einen Sinn beigemessen haben. Er dürfte das Staunen in erster Linie auf die genannte universale Bedeutung des Kindes beziehen, denn bisher war Jesus ausschließlich der Heilshoffnung Israels zugeordnet worden (s. 1,32f).

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