Sonntagsevangelium (117)

7. Sonntag im Jahreskreis (A): Mt 5,38-48

Die fünfte »Antithese« stellt das Jesuswort vom Verzicht auf Gegengewalt der Wendung »Auge für Auge, Zahn für Zahn« (z.B. Ex 21,24f) gegenüber. Bei dieser alttestamentlichen Wendung handelt es sich aber nicht um eine Aufforderung zur Vergeltung. Die Einordnung der sogenannten Talionsformel in einen Abschnitt über Schadensersatzleistungen zeigt, dass es in erster Linie um einen Ausgleich geht, um die Wiederherstellung einer Gleichheit, die durch die Verletzung der körperlichen Integrität gestört wurde. Insofern die Anwendung des Talionsprinzips das Ausufern von Rache verhindert, kann man ihm auch als gewalthemmende Wirkung zuschreiben. 

Das Wort vom Verzicht auf Gegengewalt beschränkt sich nicht darauf, zu einem Verzicht auf einen Ausgleich im Sinne der Talionsformel aufzufordern. Es geht aus von einer erlittenen gewaltsamen Aktion, dem Schlag auf die rechte Wange. Das zweite Beispiel setzt einen Pfändungsprozess voraus, der um das Untergewand geführt wird. Um die Aussagen in ihrer Schärfe zu erfassen, muss man sich auch vor Augen halten, was in ihnen nicht steht: Es wird nichts über besondere Hintergründe der Gewalt oder des Griffs nach dem Untergewand ausgeführt. Ob die Gewalt in einem bestimmten sozialen Gefälle (Herr – Sklave) ausgeübt wird; ob sie etwas zu tun hat mit der Situation angegriffener Jünger Jesu bei der Mission; ob der Pfändungsprozess von einem Reichen oder ebenfalls Armen geführt wird – all das wird nicht gesagt. Auch ein Zweites nicht: Was ist eigentlich das Ziel des geforderten Verhaltens? Soll der Angreifer von seiner Aggressivität abgebracht werden? Soll er besiegt werden durch Friedfertigkeit? Soll der Prozessgegner dazu gebracht werden, von seiner Forderung abzulassen? Auch auf diese Fragen gibt der Text keine Antwort. Er kümmert sich nicht um die Vernünftigkeit des Verhaltens im Blick auf ein angezieltes Ergebnis.

Das kann aber kaum bedeuten, dass ein bestimmtes Ergebnis nicht angezielt wäre. Es wird ja nicht nur passives Ertragen propagiert, sondern eine bestimmte Reaktion gefordert. Es heißt nicht nur: »Schlag nicht zurück!«, sondern: »Halte auch die andere Wange hin!« Dasselbe gilt für das zweite Beispiel: Man soll dem Prozessgegner mehr geben als er fordert, nämlich den Mantel, der nach Ex 22,25f; Dtn 24,12f  nur begrenzt pfändbar war. Dieses widersinnige Verhalten wird nicht erklärt, dann soll es offensichtlich gerade durch seine Widersinnigkeit wirken. Wer das Erwartete und Normale (den Gegenschlag, das Durchfechten des Prozesses) nicht tut, sondern sogar mehr bietet, als der Gegner will, kann ihn überraschen – und so vielleicht den Streit überwinden. Zum Erfolg der Aktion sagt der Spruch aber nichts.

Es findet sich auch keine Begründung für das geforderte Verhalten. Dennoch kann man wohl eine Verbindung zur Botschaft Jesu vom angebrochenen Gottesreich herstellen. Jetzt, da Gott seine Herrschaft durchsetzen will zum Heil, nicht zur Verurteilung der Menschen im Gericht, soll auch der Schuldige und Gewalttäter wahrgenommen werden im Horizont der endgültigen göttlichen Initiative zugunsten der Menschen – und die geschieht nicht nach den menschlichen Maßstäben der Aufrechnung von Schuld und Strafe, Gewalt und Gegengewalt, Schlag und Gegenschlag. 

In der sechsten Antithese (5,43-48) wird dies in grundsätzlicher Weise weitergeführt. Dass man seine Feinde hassen solle, ist im Alten Testament bekanntlich nicht bezeugt. Matthäus greift hier möglicherweise das in Antike verbreitete Vorurteil von der jüdischen Misanthropie auf, um einen Gegensatz zum Feindesliebegebot Jesu zu schaffen. Da er das Gebot der Nächstenliebe (in Verbindung mit dem der Gottesliebe) als Zusammenfassung der Mose-Tora präsentiert (22,40), konnte er die Worte Jesu zur Feindesliebe nicht einfach nach dem üblichen Muster der Antithesen diesem Gebot gegenüberstellen. So dient der Bezug auf die (angebliche) Forderung zum Feindeshass wohl vor allem der Profilierung des Aufrufs zur Feindesliebe.

Auch an diesem Aufruf fällt zunächst auf, dass es keinerlei Ziel oder Folgen im Blick auf den Feind bedenkt. Was man mit dem Verhalten der Feindesliebe im Blick auf den Gegner erreicht, bleibt völlig außerhalb des Blickfeldes. Die Folgen des Handelns interessieren nur im Blick auf diejenigen, die ihre Feinde lieben: Sie erlangen dadurch die Gotteskindschaft. Dies wiederum steht in Zusammenhang mit der Begründung der Feindesliebe im Handeln Gottes. Gott unterscheidet in der Fürsorge für seine Geschöpfe nicht zwischen Bösen und Guten. In der Entsprechung zu diesem Verhalten werden die Täter der Feindesliebe Gotteskinder sein. 

Dass man Gott oder die Götter in ihrer Güte den Geschöpfen gegenüber nachahmen soll, ist ein in der Antike nicht selten belegter Gedanke. Die Besonderheit der jesuanischen Fassung liegt im Bezug auf die Feindesliebe. Es fällt auf, dass Jesus dabei mit dem Wirken Gottes in der Schöpfung argumentiert: Sonne und Regen dienen dem Erhalt der Menschen in ihrer irdischen Existenz. Es gibt keinen Hinweis auf das endzeitliche Handeln Gottes in der Aufrichtung seiner Herrschaft. Der Grundgedanke deckt sich aber mit der Gottesherrschaft, wie sie Jesus verkündet: Gott hat in seiner Stellung zu den Menschen die Unterscheidung zwischen Sündern und Frommen aufgegeben und nimmt jetzt alle in Israel gleichermaßen an. Wenn wir demselben Gedanken jetzt in einer Aussage begegnen, die sich auf Gott als Schöpfer und Erhalter seiner Geschöpfe bezieht, dann ist ein Zusammenhang wahrscheinlich: Jesus nimmt die Verhältnisse in der Schöpfung in der Perspektive des endzeitlichen Handelns Gottes wahr. Der Bezug auf die Schöpfung verleiht dem Gebot der Feindesliebe prinzipiell eine universale Dimension: In der Bestimmung des Feindes, dem Liebe erwiesen werden soll, gibt es keine Grenze.

Die Frage nach der Lebbarkeit des Gebots ist vor allem die Frage, ob die in der Feindesliebe »vorausgesetzte Erfahrung von Gnade so tragfähig ist, daß der Mensch zu solcher Liebe frei werden kann« (Ulrich Luz, Das Evangelium nach Matthäus, EKK I/1, Düsseldorf/Neukirchen-Vluyn, 5. Aufl. 2002, 415). Aus der parallelen Spruchreihe in Lk 6,30-35  kann man einen wichtigen Hinweis auf eine grundlegende Dimension der Feindesliebe gewinnen. Es geht in ihr nicht um eine emotionale Haltung des „Gernhabens“, sondern um ein bestimmtes Tun. „Tut Gutes denen, die euch hassen“ (Lk 6,27), nicht nur denen, die euch lieben; das tun auch die Sünder (6,33; s.a. 6,35). Damit dürfte es bei der Feindesliebe also nicht darum gehen, persönlichen Feinden mit einem positiven Gefühl gegenüberzutreten. Vielmehr soll man ihnen gegenüber so handeln, dass man sich nicht durch die Feindschaft bestimmen lässt.

Kommentare

Gerhard Mentzel hat gesagt…
Sehr geehrter Herr Prof. Häfner,

auch die fünfte Antithese macht mehr als deutlich, dass der Verfasser von Matthäus nicht von einem jungen Heilsprediger handelt, der alles etwas besser wusste (wie er heute gilt) oder gar einem imaginären Geistwesen. Auch hier hat die in antiker Aufklärung phil. definierte, von Schöpfung ausgehende/autorisierte Vernunft gesprochen bzw. wurde als schöpferisches Wort (Josua, gr. Jesus) zur Sprache gebracht.

Wie Sie wissen, begründe ich meine Annahme nicht allein in den biblischen Texten, sondern dem Denken der Zeit, den vielfältigen anfänglichen Diskussionen bzw. der Christologie, wo es immer um die phil. definierte Vernunft ging. Doch auch der heutige Text macht wieder mehr als deutlich, dass diese auch das Thema des NT ist.

Ich halte es für unverantwortlich, aufgeklärte Menschen im Glauben zu lassen, dass Matthäus einen junger Juden wiedergegeben hätte, der gegen die von Alters her bzw. von Moses ausgehenden grundlegenden Bestimmungen aufbegehrt hat.

Sie wissen besser als ich, dass in der damaligen Zeit die Meinungen eines jungen Mannes völlig unbedeutend gewesen wären, die Vernunftlehre nicht nur Grund neuer phil. Verhaltenslehren, sondern auch das theologische Thema war.

Wenn daher die Kritiker bemerken, dass auch das Gebot der Nächstenliebe nichts Neues gewesen, nur da und dort abgeschrieben worden wäre, dann mögen sich damit Recht haben. Doch das Recht ging auch bei den antiken Lehren, auf die sich die Kritiker berufen von der Vernunft aus, die nicht nur bei Matthäus in Jesus verkörpert wurde.

So wenig wie heute konnte damals ein Mensch oder allen dessen Meinung der Grund des Rechts bzw. der Verhaltenslehren sein. Gerade die grundlegenden Fragen, wie sie im heutigen Text thematisiert sind, machen deutlich, dass es um mehr ging, als eine beliebige menschliche Meinung im Sinne einer Modernisierung.

Wie auch bei Johannes, wo lt. Ihrem Kollegen Joachim Kügel die damals geltenden Vernunftprinzipien gesprochen haben, so sind auch die Antithesen des Matthäus nur von einer Vernunft ausgehende zu verstehen, die (nicht von einer nur neuen persönlichen Gottesvorstellungen), sondern vom schöpferischen Autor bestimmt war.

Wenn aber doch klar ist, dass ein junger Wanderprediger weder der Grund des nun geltenden Rechtes sein konnte und noch weit weniger eine Verkörperung der damals das Verhalten bestimmenden Vernunftlehren/-prinzipien.

Warum nehmen wir nicht ernst, dass in der menschlichen Person (Rolle/Aufgabe) Jesus das Wort, die von nat. Schöpfung ausgehende Vernunft gesprochen hat bzw. verkörpert war?

Warum lässt die heutige Theologie die Menschen in der Unglaubwürdigkeit, dass es umgekehrt war: Nur ein junger Jude auf geheimnisvolle Weise das Wort bzw. die Vernunft gewesen wäre oder nur so hingestellt wurde, christologisiert, hellenisiert...

Warum wird so verhindert, dass der chr. Glaube wieder Bedeutung bekommt, in seinem Namen die Vernunft zur Bestimmung wird, die auf Weltkonferenzen vergeblich gepredigt wird, einsichtig ist?


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