Warum gibt es im Neuen Testament einen Stürmer-, aber keinen Verteidigerspruch?

Auf diese Frage kommt man nicht, wenn man das Neue Testament durchliest. Man muss schon zu exegetischer Literatur greifen, in der tatsächlich die Rede ist von einem »Stürmerspruch«. Gemeint ist Mt 11,12 – eine Aussage, die schon in der Übersetzung Schwierigkeiten bereitet. Meist wird sie in dem Sinn verstanden, wie er in der Einheitsübersetzung begegnet:
»Seit den Tagen Johannes' des Täufers wird dem Himmelreich Gewalt angetan; die Gewalttätigen reißen es an sich.«
Auch die Lutherübersetzung oder die Zürcher und die Elberfelder Bibel geben das Wort in diesem Sinn wieder, in dem auch die Kommentare zum Matthäus-Evangelium heute meist auslegen. Der Satz lässt sich aber auch anders übersetzen:
»Seit den Tagen Johannes' des Täufers bricht sich das Himmelreich mit Macht Bahn, und Gewalttäter ergreifen es.«
Von diesem Verständnis (es findet sich z.B. in den Übersetzungen von Hermann Menge und Fridolin Stier) rührt auch der Name »Stürmerspruch«: In diesem Fall werden die »Gewalttäter« nicht negativ verstanden als solche, die Gewalt ausüben, sondern als zu allem entschlossene Menschen, die für das Gottesreich alles einsetzen – die es erstürmen.

Gegen diese von einer Minderheit vertretene Auslegung wird eingewandt, sie tue den verwendeten Wörtern Gewalt an, wenn sie von dem Gedanken der Gewaltanwendung absehe und diese nur in einem übertragenen, abgeschwächten Sinn verstehe. Dieses sprachliche Argument kann man bezweifeln: Keines der in Mt 11,12 verwendeten Wörter muss zwingend im Zusammenhang negativ gewerteter Gewaltanwendung gedeutet werden.

(1) Das gilt für das Verb (βιάζομαι), das in der griechischen Übersetzung der hebräischen Bibel verschiedene Grade der Einwirkung auf andere bezeichnen kann und nicht auf Gewaltanwendung festgelegt ist. (2) Dies gilt auch für das Verb, das mit »rauben« oder »an sich reißen« übersetzt wird (ἁρπάζω). Das mit ihm bezeichnete »Wegreißen« kann in guter Absicht geschehen und auf Rettung zielen (Apg 23,10; Jud 23), außerhalb des Neuen Testaments ist es auch im Sinn von »etwas schnell, eifrig ergreifen« belegt. (3) Bei dem Wort, das mit »Gewalttäter« übersetzt wird (βιαστής), tappen wir ziemlich im Dunkeln. Mt 11,12 ist sein ältester Beleg. Außerdem ist es in der antiken griechischen Literatur fast nur im unmittelbaren Einflussbereich des Neuen Testaments zu finden – in den Schriften der Kirchenväter, und die haben den Begriff meist in positivem Sinn verstanden: zum ganzen Einsatz entschlossene Menschen. 

Der sprachliche Befund ist also keineswegs eindeutig, er nötigt nicht zu einem Verständnis im Sinne negativ gewerteter Gewaltanwendung. Dann lassen sich die Probleme eines solchen negativen Verständnisses nicht zur Seite schieben. Worin bestehen sie? Es müsste geklärt werden, was es denn heiße, dass der Gottesherrschaft Gewalt angetan werde. Ein solches Geschick des Gottesreiches begegnet in der Jesustradition sonst nicht. Dass die Gewalt gegen den oder die Boten der Gottesherrschaft gemeint sei, ist vom Wortlaut des Spruches nicht gedeckt. Dasselbe gilt für den auf den zweiten Versteil gerichteten Vorschlag, es ginge angesichts konkurrierender Ansprüche um die Frage der Bevollmächtigung zur Verkündigung des Gottesreiches, oder die Gewalt bestünde darin, dass Menschen die Gottesherrschaft durch Verschließen des Zugangs (s. Mt 23,13) entrissen werde. 

Die Sicht, die zur Bezeichnung des Verses als »Stürmerspruch« geführt hat, lässt sich demgegenüber ohne Schwierigkeit in die Jesustradition einordnen. In diesem Fall liegt der Spruch auf der Linie jenes Verhaltens, das in den Gleichnissen vom Schatz im Acker und der kostbaren Perle (Mt 13,44-46) oder vom klugen Verwalter (Lk 16,1-8) bildlich dargestellt wird; zu dem Jesus ermuntert, wenn er zum Suchen des Gottesreiches aufruft (Mt 6,33); das er in Nachfolgeworten verlangt (Lk 9,57-62).

Das in der Überschrift angedeutete Missverhältnis von Sturm und Verteidigung lässt sich also nicht dadurch eliminieren, dass man Mt 11,12 als »Stürmerspruch« aus der neutestamentlichen Exegese entfernt. Als Alternative bietet sich an, einen »Verteidigerspruch« zu etablieren. Wie wäre es mit Lk 21,14f? 
»Nehmt euch fest vor, nicht im Voraus für eure Verteidigung zu sorgen. denn ich werde euch die Worte und die Weisheit eingeben, so dass alle eure Gegner nicht dagegen ankommen und nichts dagegen sagen können.«
Dieser Vorschlag, der sogar mit der Einheitsübersetzung funktioniert, hat allerdings keine Chance auf Durchsetzung, nicht nur wegen der fehlenden Bedeutung dieses Blogs, sondern weil neu eingeführte Fachbegriffe heutzutage alle englisch sind. 

Kommentare

Gerhard Mentzel hat gesagt…
Sehr geehrter Herr Prof. Häfner,

auch heute zeigen Sie dankenswerter Weise wieder, um wen es im gesamten NT bzw. am Anfang des chr. Glaubens ging, dessen Grund war.

Egal, wie Sie den Stürmerspruch des Matthäus auslegen und mit anderen Aussagen des NT in Verbindung bringen. Der, der gesprochen hat bzw. von dem diese Weisheit ausging, das war nicht einfach der besonders schriftgelehrte Wanderprediger, wie er heute als his. Jesus gilt und damals als sprechender Gott gesehen worden sein soll.

Es war der gleiche Glaubensgrund, den auch Joahnnes als schöpferischen Logos bzw. Vernunft allen kreativen Werdens vorstellt.

Doch wo wird heute dem nat. Werden, das bereits bei Eschnaton oder in sog. Exilszeit bzw. dem anfänglichen Denken als Grund des in Chistus erneutern monoth. Glaubens galt, wie er in antiker Aufklärung neu bzw. in Vernunft erklärt wurde (Logos war, der Fleisch annahm, in menschlicher Gestalt zur Lehre wurde), Gewalt angetan?

Doch entsprechen Ihrer Auslegung des Stürmerspruches besteht Hoffnung.

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