Kirchenpolitische Küchenpsychologie

Da weiß jemand ganz genau Bescheid: »Worum es in der Bischofssynode Ehe und Familie eigentlich geht«. Anders als der Titel nahelegt, handelt der Autor Peter Winnemöller nicht von der Bischofssynode selbst, sondern von der medialen Aufmerksamkeit, die diesem Ereignis zuteil wird.
»Es verfassen ganze Heere von Journalisten, die sonst das Wort Kommunion nur mühsam schreiben können, Artikel über die eigentlich sehr komplexe Sakramententheologie.«
Erstaunlich, wie genau der Autor über die Probleme seiner Kollegen in der Orthographie informiert ist. Das ist aber noch nichts im Vergleich zu seiner Fähigkeit, die Psyche jener auszuleuchten, die er als Anhänger einer »60er/70er-Jahre Reformagenda« vorstellt.

Eine abzuarbeitende »Reformagenda«?

Der Begriff »Reformagenda« fällt nicht zufällig so häufig, nämlich 10-mal. Er assoziiert ein politisches Programm, das Interessengruppen durchsetzen wollen – ohne innere Verbindung zu Glaube und Pastoral. So heißt es denn auch am Schluss, in der Diskussion um den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen werde »auf Kosten von Menschen, deren schwerer Situation sich der Papst annehmen will, dazu beruft er die Synode ein, nur Politik gemacht«. Hier der ernsthaft pastorale Papst, dort die rücksichtslose pressure group.

Es ist ein probates Mittel, die Position des Gegners zu verzerren und ihm unlautere Motive zu unterstellen. Werfen wir einen Blick auf die Verzerrungsstrategien. Der Autor fragt sich angesichts des medialen Echos, das die Frage der wiederverheirateten Geschiedenen findet: »Wieviele Menschen in unseren Land interessieren sich wirklich dafür, ob jemand, der zum zweiten, dritten, vierten mal verheiratet ist, in der katholischen Kirche zur Kommunion gehen darf?« (Hervorhebung von mir)  – als wären die Ehen des Lothar Matthäus Gegenstand der Debatten.

Des Weiteren sieht Winnemöller Hoffnungen genährt, »es könne sich eine Revolution in der Sakramentenlehre der Kirche anbahnen«. Wenn das Anliegen, die sakramentenrechtlichen Regelungen zu wiederverheirateten Geschiedenen zu überdenken, als »Revolution in der Sakramentenlehre« bezeichnet wird, erscheint es von vornherein als illegitim. Es passt in dieses Bild, wenn dem Papst bescheinigt wird, er habe »noch nie die Neigung gezeigt hat, die Lehre der Kirche ändern zu wollen«.

»Lehre der Kirche« oder »kirchliche Tradition«?

Es ist wohl kein Zufall, dass die Wendung »Lehre der Kirche« in diesen Debatten so häufig verwendet wird, meist verbunden mit dem Hinweis, diese Größe könne nicht geändert  werden. Mit dem Begriff »Lehre« verbindet sich die Vorstellung eines eindeutig umrissenen Inhalts, so dass eine Änderung automatisch auch die Vorstellung eines Bruches bedeutet. Weniger häufig liest man in diesen Zusammenhängen von »Tradition«. Mit diesem Begriff ist Dynamik konnotiert, die Weitergabe des Glaubens unter sich ändernden Bedingungen. Sicher bleibt dabei die Frage nicht ausgeblendet, wie der überlieferte Glaube in wechselnden Bedingungen mit sich identisch bleibt. Die Berufung auf eine »Lehre der Kirche«, in satzhaften Aussagen fassbar und dabei stets gleichbleibend gedacht, leistet dies aber nicht.

Zur kirchlichen Tradition gehört die Veränderung. Um nur einige besonders markante Beispiele zu nennen: in der Liturgie des Frühmittelalters »die Umwandlung von der Eucharistie zur Messe, vom Dank zur Bitte« (Arnold Angenendt, s. hier); in der Gestaltung des Amtes die Verquickung von geistlicher und weltlicher Macht bei den Fürstbischöfen; im Falle des Papstamtes eine zuvor nicht gekannte Zentrierung auf Rom als Antwort auf die Herausforderungen der modernen Welt im 19. Jahrhundert; die programmatische Abschottung der Theologie von der Moderne am Beginn des 20. Jahrhunderts, die Absage an dieses Programm im Zweiten Vatikanischen Konzil. Die Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert zeigt, dass auch das Lehramt der Kirche im Lauf der Zeit unterschiedlich einschätzen kann, wie die Kontinuität der Tradition zu wahren ist.

Revolution in der Theologie?

Es wird der Wirklichkeit der Kirche in ihrer geschichtlichen Entfaltung nicht gerecht, wenn man Veränderung von vornherein negativ besetzt und mit entsprechenden Etiketten versieht. Unser Autor beschreibt die nachkonziliare Entwicklung in einem gesellschaftlichen Klima »einschneidende(r) Veränderungen« und hält fest:
»An den Universitäten tobte natürlich auch in der Theologie die Revolution.« 
Revolution muss in der Theologie falsch sein, und erst recht, wenn sie auch noch tobt, zumal
»der junge polnische Papst nicht etwa die Revolution brachte, sondern eine nachkonziliare Lehrentwicklung ins Werk setzte, die auf den Buchstaben und nicht auf dem Geist des Konzils beruhte« (als wäre der Buchstabe immer eindeutiger als der Geist).
Und in jener wilden Zeit der versuchten theologischen Revolution haben sich diejenigen, die das Sagen in der »veröffentlichen Meinung« haben, ihre »theologischen Kinderschuhe abgelaufen«. Gemeint ist mit dieser ulkigen Metapher eigentlich ein Theologiestudium:
»Eine große Zahl der heute aktiven Kirchenfachleute in den großen Zeitungen haben entweder in der Zeit Theologie studiert oder (?) waren sogar mal Priesteramtskandidaten oder Priester.«
Wer heute eintritt für eine Änderung im Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen, ist, so der Duktus des Beitrags, einfach durch diese Zeit der »Reformagenda« geprägt, steckt also immer noch in den abgelaufenen theologischen Kinderschuhen von damals. Theologieprofessoren probten den Aufstand (in der Kölner Erklärung); »antirömische Propaganda« wurde an Theologischen Fakultäten getrieben, auch in den 1990er Jahren, in denen unser Autor studierte, denn die damaligen Professoren »waren natürlich alle Studenten in den 70er Jahren gewesen«. Muss man sich da wundern über ihre »geradezu trotzige Verfolgung der konsequenten Protestantisierung«? Man sieht sie unmittelbar vor sich, wie sie in ihren abgelaufenen theologischen Kinderschuhen mit den Füßen aufstampfen und »will aber evangelisch« schreien.

Torschlusspanik der Gekränkten?

Ein wirklich ernsthaftes Anliegen kann also gar nicht hinter dem Eintreten für Reformen in der Frage der wiederverheirateten Geschiedenen stecken. Winnemöller kennt das Motiv der kritisierten Medienvertreter: Sie müssen
»mit der biografischen Kränkung leben, daß sich weder ihre eigenen noch die Postulate ihrer Professoren auch nur ansatzweise hätten (sic) durchsetzen können«. 
Er diagnostiziert eine »Torschlußpanik«:
»In unseren Tagen nun sind viele der Protagonisten aus Wissenschaft, Journalismus, Politik und Klerus schon pensioniert oder gehen mit strammen Schritten auf die Pensionierung zu. Es ist für sie die letzte Chance noch umzusetzen, was bislang einfach immer noch nicht umgesetzt ist. Und dabei greift man dann nach jedem Strohhalm, den man nur eben packen kann.«
Ja, man muss diesen gekränkten, bislang erfolglosen Leuten, denen nicht mehr viel Zeit bleibt, alles zutrauen, auch ein Schisma:
»Meine große Befürchtung ist, daß die Protagonisten dieser eigentlich nun rund 40 Jahre alten Reformagenda es tatsächlich wegen einer Banalität zur Kirchenspaltung kommen lassen könnten.« 
Diese Verschlagenen sind, dem listenreichen Odysseus gleich, in der Lage, »die Reformagenda zumindest als trojanisches Pferd irgendwie in die Synodenaula hinein zu schieben. Das jedenfalls scheint der Plan zu sein.« Noch aber ist Hoffnung:
»Ob es gelingen wird, ist noch offen. Und ob man die Trojaner am Ende nicht doch auflaufen läßt ebenfalls.« 
Wer sind die Trojaner? Im trojanischen Pferd saßen ja Griechen, die in ihm nach Troja kamen. Dann wären die Bischöfe in der Synodenaula die Trojaner? Oder wird in Computer-Metaphern gesprochen und sind also Schadprogramme im Blick? Aber wie schiebt man die in einen Raum? Fragen über Fragen.

Aber nicht für unseren Autor. Der legt zum Abschluss noch einmal in messerscharfer Analyse »des Pudels Kern« frei.
»Es geht um die Reformagenda und die Abarbeitung der biografischen Kränkung bislang erfolglos gewesen zu sein.« 
Die Debatte erreicht mit solcher Küchenpsychologie ein betrüblich niederes Niveau. Inhalte und Argumente spielen keine Rolle mehr, wenn man die Gegenseite als beleidigte Leberwürste stilisiert, die die Frustration über die eigene Einflusslosigkeit aufarbeiten und sich im Horizont von Ruhestand und letzter Ruhestätte jetzt noch einmal in den Vordergrund spielen.

Trösten wir uns zum Abschluss mit der »Lesermeinung« von  mirjamvonabelin zu dem besprochenen Beitrag: »Als Ungebildete ist mir der Artikel und die Kommentare verständlich und einleuchtend.« Vielleicht ist das ja eine ganz durchtriebene Person, die in orakelhafter Mehrdeutigkeit eigentlich mitteilt: »Wäre ich gebildet, wären mir Artikel und Kommentare nicht verständlich und einleuchtend.«

Kommentare

Klaus-Peter Kuhn hat gesagt…
Lieber Herr Häfner,

vielen Dank für ihre in gewohnter Weise auf den Punkt gebrachte Analyse der Argumentationsstruktur der Vertreter der reinen Lehre an einem ausgesuchten Beispiel.

Ein bisschen habe ich mich allerdings auch ertappt gefühlt, habe ich doch schon öfter küchenpsychologische Überlegungen über die Motivation jener besonders Rechtgläubigen angestellt, und warum es ihnen so wichtig zu sein scheint, dass die Kirche Sünder des Leibes besonders unbarmherzig verfolgt.
Frau Wilgefortis hat gesagt…
Kann es sein, dass in gewissen Kreisen Angst vor der kommenden Bischofssynode herrscht? Da wird zitiert, dass Der Papst die Morallehre der Kirche anmahnt, er bezog sich auf Polygamie unter Christen in Afrika, da spricht ein spanischer Bischof beim nach der Begegnung mit dem Papst, er hätte ihnen gesagt, es würde bei wiederverheiratet Geschiedenen keine Änderung der kirchenrechtlichen oder pastoralen Situation kommen ...

Eventuell könnte man Karl den Großen zum Patron der wiederverheiratet Geschiedenen ernennen. Neben etlichen Frauen, mit denen er in der Friedelehe verbunden war, entließ er seine erste Frau aus der Muntehe, entlobte sich dann wieder von der zweiten und heiratete eine Dritte und wurde trotzdem vom Papst zum Kaiser gekrönt und gilt heute als Heiliger. Zugunsten Karls könnte man natürlich einwenden, dass es zu der Zeit keine Konsensehe gab, kirchliche Eheschließungen schon gar nicht. Erst das 4. Laterankonzil erhob diese zur Pflicht.

So viel zur Tradition.
Anonym hat gesagt…
So wäre es überhaupt interessant etwas über die jüdische Ehe zur Zeit Jesu zu erfahren, die ja sicherlich von der heutigen sakramentalen Vorstellung unterschieden werden kann...
Klaus-Peter Kuhn hat gesagt…
Noch ein Nachtrag: Wie ich gerade in einem Artikel in "Christ in der Gegenwart" entdeckt habe geht das etwas schiefe Bild eines synodalen "Trojanischen Pferdes" auf den Gründer der Piusbrüder, Marcel Lefevbre, zurück, der während des Konzils - 1963 - kritisierte, man habe ein trojanisches Pferd in die Konzilsaula hineingeschoben, das die Ideen der Französischen Revolution - Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - verbreite.

Quelle
Klaus-Peter Kuhn hat gesagt…
Hier im dritten Anlauf endlich der erwähnte Artikel aus "Christ in der Gegenwart"
Außerhalb der Kirche kein Heil? von Jan-Heiner Tück
Gerd Häfner hat gesagt…
@ Klaus-Peter Kuhn
Danke für den Hinweis. Jetzt weiß ich auch, warum mir die Formulierung irgendwie bekannt vorkam. Allerdings findet sich bei Lefebvre kein Metaphernbruch, da er nicht von »Trojanern« spricht.


@ Anonym
Vielleicht finden Sie etwas für Sie Interessantes in einem früheren Beitrag: http://www.lectiobrevior.de/2011/09/ehescheidung-neutestamentliche.html
Andreas hat gesagt…
Das oben gefallene Stichwort "Gleichheit" regt mich zu einer Anfrage an Kardinal Schönborn an:
I)
S.g. Herr Kardinal Schönborn,
ich würde nur allzu gern eine Antwort haben wollen auf die Frage, wie die Kirche (bzw. das Konkordat) die Tatsache begründet, dass Priesterkandidaten und Ordensmänner vom Wehr- und Zivildienst ausgenommen sind. Mit welchem Recht ist das so? Mir leuchtet diese Ungleichheit ganz und gar nicht ein, vielmehr sehe ich darin eine eindeutige und eklatante Verletzung des verfassungsmäßigen Gleichheitsgrundsatzes. Sind denn vor dem Gesetz nicht alle Staatsbürger gleich? Sind Kleriker etwa noch gleicher? Zählt das Konkordat mehr als die Verfassung?
Also: Mit welchem Recht drücken sich Priesteramtskandidaten und Ordensmänner vor dieser allgemeinen Staatsbürgerpflicht? Etwa weil die pazifistische (?) Bergpredigt nur für angehende Priester gelten würde, nicht jedoch auch für alle anderen Getauften? Ich behaupte: Die Bergpredigt gilt für JEDEN Getauften; für die getauften Laien „Hinz und Kunz“ keinen Deut weniger als für den Papst!
Andreas hat gesagt…
II)
Herr Kardinal, ich habe ehrlich gesagt absolut kein Verständnis dafür, dass die Kirche nicht von sich aus schon längst die genannte Ungleichheit/Ungerechtigkeit erkannt, benannt und beseitigt hat, sondern erst dazu aufgefordert werden muss. Ist das für eine Kirche, die sich Gerechtigkeit im Namen Gottes auf ihre Fahnen geschrieben hat, nicht wirklich beschämend? Vermutlich wird die Kirchenleitung das völlig ungerechtfertigte Privileg der Kleriker und Ordensmänner mit Zähnen und Klauen, mit frommen und theologischen Winkelzügen sowie mit windschiefen Argumenten verteidigen.
Ich möchte es aber wissen, und zwar ganz genau: Mit welchem (moralischen und religiösen) Recht dürfen sich seit vielen Jahren Dutzende Priesterkandidaten und Ordensleute dem Präsenzdienst bzw. dem Zivildienst-Einsatz z.B. in einem Spital entziehen, während für Tausende junger Österreicher die Wahrnehmung dieser staatsbürgerlichen Pflicht eine Selbstverständlichkeit ist? Diese Fragen müssen freilich ebenso an die politischen Verantwortungsträger Österreichs gerichtet werden.
Übrigens: Ich bin Katholik, kein Kirchengegner. Ein Katholik, der sich freut, dass Papst Franziskus gerade dabei ist, der Kirche wieder ein wenig an Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen.
Justus hat gesagt…
Ist es in Deutschland eigentlich auch so, dass Priesterkandidaten und Klosterbrüder sich (konkordatsrechtlich gedeckt) vom Wehrdienst bzw. vom Wehrersatzdienst in einer gemeinnützigen Einrichtung
drücken dürfen, oder ist das ein österreichisches Spezifikum?
Wer weiß mehr dazu?
Ich bin durchaus für das Recht jedes Menschen, den Waffengebrauch aus Gewissensgründen abzulehnen. Aber wieso in einem solchen Fall ausgerechnet Priester- und KlosterAZUBIS im Unterschied zu allen anderen jungen Männern kein soziales Dienstjahr ableisten müssen, ist mir genauso wenig nachvollziehbar wie "Andreas".

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