Sonntagsevangelium (149)

29. Sonntag im Jahreskreis (A): Mt 22,15-21

Die Erzählung von der Frage nach der Kaisersteuer hat Matthäus mit nur kleinen Änderungen aus dem Markus-Evangelium übernommen (s. Mk 12,13-17). Ob es erlaubt sei, dem Kaiser Steuer zu geben, kann man nur auf den Willen Gottes bezogen sinnvoll fragen. Im Rahmen des politischen Systems ist es nicht nur zweifellos erlaubt, sondern zwingend erforderlich, dem Kaiser Steuer zu geben. Strittig ist die Frage nur innerhalb des religiösen Systems, und dies bekanntermaßen gerade in der Zeit, in der Jesus gewirkt hat. Als im Jahr 6 nC das Herrschaftsgebiet des Herodessohns Archelaos direkter römischer Verwaltung unterstellt wurde, wurde eine Steuerschätzung durchgeführt. Sie rief den Protest jüdischer Frommer hervor, und dies in einem Gebiet, das von der Steuerschätzung gar nicht betroffen war: Galiläa. Dieser Umstand unterstreicht, dass die Problematik der Kaisersteuer nicht allein in der finanziellen Last gesehen wurde, sondern Fragen der Treue zur eigenen Tradition entscheidend waren.

Auch in Mt 22,15-22 wird der Bezug auf das theologische Problem der Kaisesteuer deutlich. In dem einschmeichelndem, unehrlichen Lob, mit dem die Fragesteller an Jesus herantreten, wird Jesus als Lehrer gepriesen, „der in Wahrheit die Wege Gottes lehrt“ (22,16). Wenn darauf die Frage nach dem Erlaubtsein laut wird, ist deutlich, dass es um den Willen Gottes geht. Diese Frage ist angesichts der angedeuteten politischen Situation äußerst gefährlich.

Einerseits: Bekennt sich Jesus ohne Vorbehalt zur Erlaubtheit der Steuer, stellt sich die Frage, welche Bedeutung die Ankunft des Gottesreiches hat, wenn sich die römische Fremdherrschaft so unproblematisch in sie integrieren lässt. In diesem Fall könnte die Glaubwürdigkeit seiner Botschaft beeinträchtigt werden, da sich mit der Vorstellung von der Gottesherrschaft doch recht konkrete Befreiungsvorstellungen verbanden. Sie einfach für irrelevant zu erklären, konnte sich Jesus nicht leisten; und zu längeren Ausführungen, inwiefern der Anbruch der Basileia mit den gegenläufigen Erfahrungen in der Gegenwart in Einklang gebracht werden könnte, bot eine so konkrete Frage kaum Gelegenheit.

Andererseits: Spricht sich Jesus gegen die Erlaubtheit der Kaisersteuer aus, hätte er sich gleich freiwillig zur Aburteilung durch Pontius Pilatus begeben können. Das ausführliche Lob Jesu, mit dem die Szene beginnt (22,16), insinuiert, dass Jesus keine Furcht vor den Mächtigen habe und legt ihm so eine ablehnende Haltung zur Kaisersteuer nahe – und das obwohl die Fragesteller (Pharisäer und Herodianer) selbst nicht als militante Gegner der Steuer bekannt sind.

Dass Jesus hier eine Falle gestellt wird, ist also offenkundig und wird vom Erzähler (22,15: »mit einem Wort fangen«) wie auch von Jesus selbst festgehalten (22,18: »Was stellt ihr mich auf die Probe?«). Die Antwort erfolgt denn auch nicht über ein einfaches Ja oder Nein. Wenn sich Jesus die Steuermünze bringen lässt, dann scheint das Entscheidende nicht zu sein, dass die Fragesteller selbst eine solche Münze bei sich führen, sie also die Erlaubtheit der Steuer indirekt anerkennen. Wem der vorgelegte Denar gehört, bleibt offen. Dass es aus dem Besitz der Fragesteller stammt, wird jedenfalls nicht deutlich. Und die Antwort Jesu hebt nicht auf eine Inkonsequenz derer ab, die ihm die Münze bringen.

Es geht vielmehr allein um die Münze selbst. Die Antwort Jesu bezieht sich auf Bild und Aufschrift, woraus sich das Eigentumsverhältnis ergebe: Die Münze gehört dem Kaiser, denn sein Name und sein Bild befinden sich auf ihr. Allerdings endet die Antwort Jesu damit nicht. Wenn es heißt: »Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört«, so ist gesagt, dass sich beides nicht ausschließt, wie es etwa die Zeloten meinen. Für sie bedeutet die Abgabe der Kaisersteuer einen unüberbrückbaren Gegensatz zum Willen Gottes: Wer dem Kaiser das gibt, was er beansprucht, verweigert damit Gott die ihm gebührende Alleinverehrung. Für Jesus dagegen sind Anbruch und Vollendung des Gottesreiches Gottes Geschenk und nicht durch Widerstand gegen die Fremdherrschaft ins Werk zu setzen. Und in diesem Rahmen kann man auch die mit der Fremdherrschaft verbundenen Zumutungen ertragen – in Erwartung der Vollendungsgestalt des Gottesreiches.

In den Jerusalemer Auseinandersetzungen ist mit dieser Erzählung ein gewisser Wendepunkt erreicht. Die Gegner Jesu fragen nun nicht mehr  wie in 21,23 nach seiner Vollmacht, sie gehen zum Angriff  über, der sich in zwei weiteren Szenen fortsetzen wird.

Kommentare

Anonym hat gesagt…
Hätte Jesus nicht einfach sagen können:
"Die Antwort auf eure Frage habt ihr euch doch bereits selbst gegeben, indem ihr selber die Kaisersteuer ja offenbar zahlt. Andernfalls hätte euch Rom längst belangt."

Und wie kommt ein Jude überhaupt zu so einer Steuermünze?
Abaelard hat gesagt…
@Prof Häfner

V 16: "...denn du achtest nicht das Ansehen der Menschen"

Im griechischen Text steht meines Wissens "prosopon", sodass manche Übersetzungen lesen:
denn du achtest nicht auf die Person

Meine Frage: was ist denn mit "prosopon" nun in Wahrheit gemeint? Warum sollte Jesus bzw. Gott nicht auf die Person schauen. Worauf denn sonst, wenn nicht auf die Person?
1) das Geistzentrum des Menschen, das Herz
oder
2) das Äußere des Menschen, das Aussehen eines Menschen, die Maske
oder
3) das Ansehen, das ein Mensch nach außen hin hat, sein Renommee

Wenn mit prosopon das Äußere des Menschen gemeint sein sollte, ist es dann nicht zumindest missverständlich, mit "Person" zu übersetzen? Denn unter Person verstehen wir heute doch wohl kaum das Äußere/die Maske, sondern eher die Herzmitte eines Menschen.

Danke
Gerhard Mentzel hat gesagt…
Wer sich mit der Realgeschichte befasst, dem machen selbst dIe Theologen (Die Anfänge des Christentums, Friedrich Wilhelm Graf) klar, warum es schöpferischer Vernunft entsprach, den Kaiser als Staatsführer zu unterstützen, gleichwohl der Logos im Kult die Rolle des irdischen Mittlers eingenommen hatte, der Kaiser nicht mehr als irdischer Gott galt, dem Opfer zu bringen waren.

Was allerdings hier vom Stapel gelassen wird, das hat mit der Realgeschichte nichts zu tun, das bereitet nur noch Schmerzen.
annagret hat gesagt…
"Was allerdings hier vom Stapel gelassen wird, das hat mit der Realgeschichte nichts zu tun, das bereitet nur noch Schmerzen."

Warum nur, Herr Mentzel, gehen Sie mit sich gar so streng ins Gericht?
Urban hat gesagt…
Ich kann bei bestem Willen nicht verstehen, wieso die Frage nach der Kaisersteuer eine Fangfrage sein soll.

Jesus sagt der Sache nach: "Ja, es ist erlaubt, dem Kaiser Steuern zu zahlen."

Und was passiert ihm daraufhin? Rein gar nichts.

Leider nennt Jesus keine Gründe, weshalb er für die Steuerentrichtung plädiert:
Bejaht er die Steuer, weil er in ihr einen gottgewollten Beitrag zum Gemeinwohl sieht, oder bejaht er sie widerwillig als das kleinere Übel, durch welches das größere Übel gewaltsamer römischer Steuereintreibung vermieden werden soll?

Hätte Jesus die Kaisersteuer für nicht erlaubt erklärt, wäre er als Zelot oder Sympathisant derselben überführt gewesen.
Aber den Gegnern Jesu konnte unmöglich verborgen geblieben sein, dass Jesus absolut kein Gewaltmensch und kein jüdischer Taliban war.
Also konnten sie nur mit einem Ja durch Jesus rechnen.
Er sprach's - und blieb ohne Sanktionen. Wo aber ist dann die angebliche Falle?

Unlogisch erscheint auch, nur nebenbei angemerkt, dass Kaiserbild und Inschrift auf der Münze das Eigentumsrecht des Kaisers begründen sollen.
Wenn ich mein Foto und meinen Namen auf den Mercedes meines Nachbarn klebe, werde ich dadurch nicht schon zum Eigentümer desselben :-)
Anonym hat gesagt…
Ich würde die Kreuzigung nicht als "rein gar nichts" bezeichnen...
Mickymaus hat gesagt…
Sie würden die Kreuzigung nicht als "rein gar nichts" bezeichnen?

Gehen Sie denn davon aus, dass Pilatus Jesus deswegen zur Kreuzigung verurteilt hat, weil er die Steuerentrichtung an den römischen Kaiser befürwortet hat?
Gerd Häfner hat gesagt…
@ Anonym (18.10.)

Die Fragesteller wenden sich nicht an Jesus, um von ihm die Antwort auf eine wirkliche Frage zu erhalten. Sie wollen wissen, wie er zur Frage der Erlaubtheit der Kaisersteuer steht. Deshalb kann er sie nicht abspeisen mit dem Hinweis auf ihre eigene Praxis. Dass Juden Steuermünzen besitzen, setzt die Erzählung voraus und problematisiert es nicht; es war für das Bezahlen der Steuer auch notwendig.

@ Abaelard

Ich kann hier nicht auf alle Nuancen des Begriffs prosopon eingehen. Für den Zusammenhang von Mt 22,16 ist das Entscheidende die Sinnlinie, die an der Unparteilichkeit ansetzt. »Nicht auf das Angesicht schauen« heißt: nicht auf das Ansehen einer Person achten (also Ihr dritter Punkt). Dies findet sich in der atl-jüdischen Tradition bezogen auf Gottes Gericht, in dem es keine Vorrechte gibt; in dem vergifteten Lob in der Erzählung von der Steuermünze meint es, dass Jesus ohne Scheu vor den Mächtigen doch sein Urteil in der gestellten Frage abgeben wird.

@Urban

Gerade wenn die Pharisäer wissen, dass Jesus keine zelotischen Positionen vertreten hat, liegt die Falle darin, dass ein glattes Ja zur Kaisersteuer seine Botschaft vom angebrochenen Gottesreich desavouieren könnte. Deshalb sagt Jesus nicht einfach »ja, es ist erlaubt«, sondern argumentiert mit den Eigentumsrechten an der Münze, die den Rechten Gottes nicht zuwiderlaufen. Man kann dem Kaiser geben, was ihm gehört, und zugleich Gott geben, was Gott gebührt. Beides widerspricht sich für Jesus, anders als für die Zeloten, nicht. Bei der Münze sind Bild und Aufschrift nicht aufgeklebt wie im Beispiel vom Mercedes des Nachbarn, sondern durch Prägung fest und seit dessen Entstehung mit dem Gegenstand verbunden. Dies ist sozusagen der argumentative Trick, mit dem Jesus der Falle entgeht: Durch die Konstruktion des Eigentumsverhältnisses (die Münze gehört dem Kaiser) soll einsichtig werden, dass zwischen der Kaisersteuer und dem Anspruch Gottes auf Alleinverehrung keine Konkurrenz besteht.
Gerhard Mentzel hat gesagt…
@annagret,
es sind die Schmerzen der anfänglichen Denker, denen der heutige Kurz-Schluss den Schwachsinn unterstellt, hier hätte sich ein Guru über Steuerzahlen ausgelassen.

Gäbe es noch was Unbedeutenderes auf der Welt?
Horst hat gesagt…
"Durch die Konstruktion des Eigentumsverhältnisses (die Münze gehört dem Kaiser)... "

Ich verstehe diesen Jesus wirklich nicht.
Er konstruiert (sic!) ein Eigentumsverhältnis,
anstatt sauber zu begründen, weshalb er es gut und gottgefällig findet, dass der Kaiser ein Eigentumsrecht auf Judensteuer haben soll.

Jesus sagt nur DASS der Kaiser Eigentümer sein soll, aber nicht wirklich WARUM er das sein soll (Jedenfalls kann ich in der Prägung der Münze durch Kaiserbild und Inschrift keine Begründung erkennen, sondern wahrlich nur eine "Konstruktion" !
Gerd Häfner hat gesagt…
@ Horst

Vielleicht hilft zum Verständnis der Hinweis, dass in jüdischer Sicht die Kaisersteuer tatsächlich ein grundsätzliches Problem darstellen konnte. Die Erhebung der Steuer (Kopf- und Bodensteuer) dokumentierte den Anspruch der Römer auf den Besitz des Landes und seiner Bevölkerung. Dies aber widersprach dem Selbstverständnis Israels (nicht nur radikaler Gruppen): Das Land ist eine Gabe Gottes für sein Volk, Fremdherrschaft eine Irregularität, mit der umso schwieriger zu Rande zu kommen war, je stärker die fremde Macht ihren Besitzanspruch spürbar zum Ausdruck brachte – die Römer waren hier nicht zurückhaltend.

Eine Argumentation, die die Steuer als »gut und gottgefällig« erweisen könnte, war unter diesen Umständen kaum möglich. Der Hinweis, die Münze gehöre ja dem Kaiser und man könne sie ihm geben, ohne Gott das ihm Gebührende vorzuenthalten, ist der Versuch, mit der Irregularität pragmatisch umzugehen (was auch Gruppen wie den Pharisäern gelungen sein muss): Wegen der Kaisersteuer einerseits keine Rebellion gegen Rom anzuzetteln (bzw. nicht mit einem solchen Vorwurf belegt werden zu können), andererseits das Entrichten der Steuer nicht als unüberwindlichen religiösen Selbstwiderspruch empfinden zu müssen.
Horst hat gesagt…

Wenn Jesu Antwort als pragmatisches Zugeständnis zu verstehen ist (welches einerseits Rebellion gegen Rom vermeiden hilft, andererseits den Ansprüchen Gottes nicht zuwiderläuft),

dann würde das allerdings bedeuten, dass man sich für die Überzeugung, Steuern seien eine prinzipiell gute und gottgewollte Einrichtung, weil der Staat damit Aufgaben wie Friedenssicherung, Rechtspflege, Fürsorge etc. gewährleisten kann,
nicht auf Jesus, zumindest nicht auf den Jesus in Mt 22, 15-22 berufen kann.
Gerd Häfner hat gesagt…
@ Horst

ja, eine solche Folgerung scheint sich tatsächlich schwer aus der Frage nach der Kaisersteuer ziehen zu lassen. Eher müsste man sich, wenn man nach neutestamentlichen Anknüpfungspunkten sucht, an Röm 13,1-7 orientieren, wo Paulus im Zusammenhang seiner Ausführungen zur staatlichen Gewalt – freilich nicht im Sinne einer grundsätzlich gemeinten Staatslehre – diese als "Dienerin Gottes zum Guten" kennzeichnet. Ihr müsse man gehorchen, nicht allein "wegen des Zorns" (nicht allein aus Furcht vor Strafe), sondern auch "um des Gewissens willen". "Deshalb zahlt ihr auch Steuern" (13,6)

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