28. Februar 2014

Sonntagsevangelium (118)

8. Sonntag im Jahreskreis (A): Mt 6,24-34

Nach der Entfaltung der »größeren Gerechtigkeit« im Verhältnis zu den Menschen (5,21-48) wie auch zu Gott (6,1-18) wechselt das Thema der Bergpredigt zur Warnung vor Reichtum und Daseinssorge (6,19-34). Der Lesungstext streift den ersten Aspekt zu Beginn, legt den Schwerpunkt aber auf den zweiten, indem die Grundbedürfnisse leiblicher Existenz zur Sprache kommen: Nahrung und Kleidung. Die Mahnung richtet sich darauf, sich um beides nicht zu sorgen. Der Grundgedanke ist klar: Solche Sorge ist falsch, weil der (himmlische) Vater um das Bedürfnis von Nahrung und Kleidung weiß und für seine Geschöpfe sorgt. Nach vorne wird mit diesem Gedanken eine Verbindung zum Vaterunser hergestellt. Das Gebet erscheint bei Matthäus als Gegenentwurf zum »Plappern« der Heiden, die meinen, nur durch viele Worte Erhörung zu finden, während der himmlische Vater doch weiß, was die Jünger brauchen (6,7f).

Was genau ist mit »sorgen« gemeint? Zwei Aspekte kommen in Frage: zum einen die ängstliche Sorge, die meint, das Leben selbst sichern zu können; zum andern das Sichabmühen, die aktive Besorgung der lebensnotwendigen Güter. Man muss beide Aspekte nicht gegeneinander ausspielen, denn für beide gibt es Anhaltspunkte in der Spruchreihe. Der erste kann an den ängstlichen Fragen ansetzen (»Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen?«) und an der Rede vom Kleinglauben (6,30). Dass aber auch ein geschäftiges Handeln zurückgewiesen sein kann, lässt sich an der Beschreibung von Vögeln und Lilien ablesen, die sich durch ein Nicht-Handeln auszeichnen (»sie säen nicht ...«, »sie spinnen nicht ...«). Auch das Gegenbild vom Suchen des Reiches Gottes (6,33) weist darauf, dass das abgelehnte Sorgen etwas mit der Aktivität des Menschen zu tun hat.

21. Februar 2014

Sonntagsevangelium (117)

7. Sonntag im Jahreskreis (A): Mt 5,38-48

Die fünfte »Antithese« stellt das Jesuswort vom Verzicht auf Gegengewalt der Wendung »Auge für Auge, Zahn für Zahn« (z.B. Ex 21,24f) gegenüber. Bei dieser alttestamentlichen Wendung handelt es sich aber nicht um eine Aufforderung zur Vergeltung. Die Einordnung der sogenannten Talionsformel in einen Abschnitt über Schadensersatzleistungen zeigt, dass es in erster Linie um einen Ausgleich geht, um die Wiederherstellung einer Gleichheit, die durch die Verletzung der körperlichen Integrität gestört wurde. Insofern die Anwendung des Talionsprinzips das Ausufern von Rache verhindert, kann man ihm auch als gewalthemmende Wirkung zuschreiben. 

Das Wort vom Verzicht auf Gegengewalt beschränkt sich nicht darauf, zu einem Verzicht auf einen Ausgleich im Sinne der Talionsformel aufzufordern. Es geht aus von einer erlittenen gewaltsamen Aktion, dem Schlag auf die rechte Wange. Das zweite Beispiel setzt einen Pfändungsprozess voraus, der um das Untergewand geführt wird. Um die Aussagen in ihrer Schärfe zu erfassen, muss man sich auch vor Augen halten, was in ihnen nicht steht: Es wird nichts über besondere Hintergründe der Gewalt oder des Griffs nach dem Untergewand ausgeführt. Ob die Gewalt in einem bestimmten sozialen Gefälle (Herr – Sklave) ausgeübt wird; ob sie etwas zu tun hat mit der Situation angegriffener Jünger Jesu bei der Mission; ob der Pfändungsprozess von einem Reichen oder ebenfalls Armen geführt wird – all das wird nicht gesagt. Auch ein Zweites nicht: Was ist eigentlich das Ziel des geforderten Verhaltens? Soll der Angreifer von seiner Aggressivität abgebracht werden? Soll er besiegt werden durch Friedfertigkeit? Soll der Prozessgegner dazu gebracht werden, von seiner Forderung abzulassen? Auch auf diese Fragen gibt der Text keine Antwort. Er kümmert sich nicht um die Vernünftigkeit des Verhaltens im Blick auf ein angezieltes Ergebnis.

19. Februar 2014

Zeitgeisterstunde

Ein Gespenst geht um in der Kirche – das Gespenst des Zeitgeistes. Nun ist das Problem mit Geistwesen, dass sie keine klar erkennbare Gestalt haben. Der Zeitgeist macht da keine Ausnahme. Der Begriff selbst legt nahe, dass er sich auf das zu einer bestimmten Zeit vorherrschende Denken bezieht, auf akzeptierte Wertvorstellungen und verbreitete Lebenspraxis. Das trifft die Sache aber nicht ganz. Eine genauere Beschreibung wäre:
»Zeitgeist ist das, was eine Mehrheit oder wenigstens die Öffentlichkeit befürwortet, ich selbst aber für falsch halte.« 
Stimme ich mit der Mehrheit überein, nenne ich das nicht zeitgeistig, sondern »richtig« oder »wahr«. Im Begriff »Zeitgeist« steckt also die jeweils eigene Position zu bestimmten, austauschbaren Inhalten. Diese Semantik muss nicht für den allgemeinen Sprachgebrauch zutreffen; die gegenwärtigen kirchlichen Debatten sind aber von ihr geprägt. Im Blick auf jene Epochen, in denen das Christentum kulturprägend war, wird gewöhnlich die Gefahr der Anpassung an den Zeitgeist nicht gesehen. Dass zwischen Kirche und Welt eine Distanz bleiben müsse, gilt für jene Epochen (»die Zeit des Glaubens!«) anders als für die heutige Zeit nicht.

13. Februar 2014

Sonntagsevangelium (116)

6. Sonntag im Jahreskreis (A): Mt 5,17-37 (oder: 5,20-22a.27-28.33-34a.37)

Die sogenannten »Antithesen« (Mt 5,21-48) zählen zu den umstrittensten Texten des Matthäus-Evangeliums. Unter anderem wird diskutiert, ob diese Abschnitte im Kern auf Jesus zurückgeführt werden können. Diese Frage betrifft weniger die Inhalte, die in den meisten Fällen Jesus zuzuschreiben sind. Problematisch aber ist die Form der Gegensatzsprüche: Hat schon Jesus seine Weisung dem gegenübergestellt, was »den Alten gesagt wurde«? Oder stammt diese Gestaltung von Matthäus, der sie als einziger Evangelist bietet? Auch wenn eine sichere Antwort kaum möglich ist, gehören die Antithesen vom Töten (5,21f) und vom Ehebruch (5,27f) ursprünglich wohl auch in dieser Form in die Verkündigung Jesu.

Jesus verbindet damit keine grundsätzliche Kritik am Gesetz, der Tora des Mose – als Jude hat er es anerkannt, wie auch die Evangelien bezeugen (Mk 7,10-12; 10,19; 12,29-31). Doch fällt vom Anbruch der Gottesherrschaft ein besonderes Licht auf das Gesetz: Nicht erst die vollbrachte Tat betrifft das Verhältnis des Menschen zu Gott, sondern schon der Ansatz zur bösen Tat in den Gedanken, die von den in den beiden ersten Antithesen zitierten Dekaloggeboten nicht zu erreichen sind. Das bedeutet für die erste Antithese: Man kann sich nicht auf das Gesetz berufen, um vor Gott Freiraum zu gewinnen für aggressive Affekte gegen den Nächsten im Zorn. Wenn es um diesen Handlungsimpuls geht – weit mehr ist verlangt als die Vermeidung der Tötung –, ist das Ziel der Aussage nicht, jede zornige Aufwallung mit der Gerichtsdrohung zu versehen.

8. Februar 2014

Sonntagsevangelium (115)

5. Sonntag im Jahreskreis (C): Mt 5,13-16

Die Bildworte vom »Salz der Erde« und vom »Licht der Welt« schließen direkt an die Seligpreisungen an. In deren Verlauf findet Wechsel statt, der für das Verständnis der ganzen Bergpredigt bedeutsam ist: Sind die Seligpreisungen zunächst in der 3. Person gehalten (»Selig die Armen im Geist, die Trauernden ...«), so wechselt die letzte in die Anredeform (»Selig seid ihr, wenn sie euch schmähen ...«: 5,11f). Man kann diese Gestaltung in Zusammenhang mit dem doppelten Publikum der Bergpredigt sehen. Ausgelöst wird die Rede dadurch, dass Jesus die ihm nachfolgenden Scharen sieht; zugleich heißt es aber, dass die Jünger zu ihm traten (5,1). Der Abschluss der Bergpredigt macht deutlich, dass die Scharen Hörer der Rede sind (7,28f), also nicht an eine interne Belehrung des Jüngerkreises gedacht ist. Dennoch enthält die Bergpredigt im Wesentlichen Inhalte, die sich an die Jünger wenden - für Matthäus Typen der Glaubenden. Der Wechsel in die Anredeform markiert den Wechsel der primären Adressatenschaft. Denn wer um Jesu willen geschmäht oder verfolgt wird (5,11), kann nur einer sein, der sich zu Jesus bekennt.

6. Februar 2014

Wie man Geschichte nicht schreiben soll (2)

Michael Hesemann hat auf die Kritik, die ich kürzlich an seiner Art der Geschichtsschreibung geäußert habe, reagiert und eine Erwiderung geschrieben, die er auf seiner Homepage und auf kath.net veröffentlicht hat. Diese Erwiderung bestätigt nicht nur voll und ganz die Schwäche seiner historischen Argumentation, sondern zeigt auch, dass sich Hesemann auf historische Argumente nicht verlassen will. Er sieht nämlich meine Ausführungen als Hinweis darauf, dass man mich an die Lehre der Kirche erinnern müsse. Dafür ist ihm zu danken, denn ich wüsste nicht, was das Urteil, Hesemann denke nicht historisch, besser bekräftigen könnte. Er will auch nicht allein das Argument treffen, sondern den, der es vorgetragen hat. Zwar schießt er in beiden Fällen daneben, lässt als Illusionskünstler sein kath.net-Publikum aber glauben, er sei ein vorzüglicher Schütze.

»Bei dem hier wissen wir, woher er ist« (Joh 7,27) 

Damit das Ganze funktioniert, wird den Lesern zunächst klar gemacht, mit wem sie es bei mir zu tun haben, und zwar über meinen wissenschaftlichen »Stammbaum«. Dass ohne Zeugungsaussage meine Herkunft aufgezählt wird (Häfner, Oberlinner, Vögtle, Bultmann), ist kein intertextuelles Spiel mit dem Thema der Diskussion (Stammbaum Jesu bei Lukas). Vielmehr wird gleich zu Beginn durch den Namen »Bultmann« eine Duftmarke gesetzt, die als Stinkmorchel wirken soll: Was ist bei solch üblem Stallgeruch noch Gutes zu erwarten? Auch wenn die Funktion dieses Einstiegs ärgerlich und der Blick auf den Weg der katholischen Exegese in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beängstigend schlicht ist, muss ich doch sagen, dass ich die Ahnenreihe als Auszeichnung empfinde und gar nicht weiß, ob ich mich ihrer rühmen darf.

1. Februar 2014

In eigener Sache

Zur Zeit bin ich so sehr eingespannt, dass meine Antwort auf die Erwiderung Michael Hesemanns zum Beitrag »Wie man Geschichte nicht schreiben soll« noch ein wenig dauert. Hier nur soviel: Hesemanns Ausführungen bestätigen eindrücklich die Kritik, die ich gegen seine Art der Geschichtsschreibung vorgetragen habe. Sie enthalten außerdem absurde Unterstellungen und Verzerrungen, die ausführlich kommentiert werden sollen.

Anbei nur ein kleiner Einblick in die Gesprächskultur der Lesermeinungen von kath.net, wo ohne irgendeine Nachprüfung alles geglaubt wird, was irgendwie ins eigene Vorurteil passt. Ich könnte mir vorstellen, dass einige Kommentatoren ganz erstaunt wären, wenn sie den Beitrag einmal läsen, auf den Hesemann reagiert hat.


Dismas
Ganz einfach:diesem Häretiker Lehrerlaubnis entziehen und exkommunizeren.
vielen Dank an Herrn Hesemann für
diese umfassende Analyse. Wie nebenbei sieht man daran auch, wie wissenschaftlich und vernüftig der Glaube ist und wie erbärmlich der von Ideologie getriebene Unglaube. Glaube und Vernuft war ja auch ein wichtiges Anliegen und Thema unseres geliebten Hl.Vaters em.Benedikt XVI..

Chris2
Herr Häfner ist also so etwas wie ein "Jesuaner"
da bekanntlich der Glaube an die (reale) Gottessohnschaft Jesu alle Christen verbindet. In keiner Firma, in keinem Verein würde so etwas geduldet. Wohlgemerkt: Notorisch und ganz offiziell als "katholisch" lehrend...

resistance
Glaube ist doof, sagt Häfner
Eine solche Annahme sei nicht weniger als „ein Sprung hinter das 18. Jahrhundert“. Das heißt: Zurück in die Zeit des Glaubens!
Ein gewisser Prof. Küng hat gesiegt! Seine Truppe hat die Deutungs- und Lufthoheit über die die Lehrsäle.
Wo blieb denn der Episkopus?

Mariatheresia
Diagnose: ungläubiger Theologieprofessor
Vorkommen: endemisch deutschen Sprachraum, aber auch anderswo
Therapie: Berufswechsel (würde auch Ansteckungsgefahr verringern)

Thomas 71
Unfassbar, dass sich so jemand, ohne Konsequenzen zu befürchten, Theologieprofessor nennen darf. Wenn ich mich als Dr. der Atomphysik betätigen würde, hätte ich Gefängnis oder den Aufenthalt in der geschlossenen Irrenanstalt zu befürchten! Wir leben in einer Zeit, in der die Laien den Glauben vor Geistlichen und hochmütigen "Professoren" verteidigen müssen. Was mich immer wieder wundert: Im Tierreich kennt man das Phänomen der Jungfrauengeburt; in Zoos hat man selbst bei höher entwickelten Tieren wie Haien das beobachtet. Und Gott, so man denn an seine Existenz glaubt, kann das bei seiner Krone der Schöpfung, durch die er selbst in seine Welt kommen will, soll das nicht können???


Dank an Kommentator Vincentius für die Stimme der Vernunft, die dort aber einen schweren Stand hat. 

Sonntagsevangelium (114)

Sonntag in der Weihnachtsoktav - Fest der Heiligen Familie (B): Lk 2,22-40  (oder 2,22.39f)
Darstellung des Herrn: Lk 2,22-40 (oder 2,22-32)

Die Geschichte von der »Darstellung Jesu« bietet zu Beginn einige Schwierigkeiten. Der Anlass für die Reise zum Tempel in Jerusalem wird darin gesehen, dass sich die »Tage ihrer Reinigung erfüllten«. Bezugspunkt dieser Aussage sind die Regelungen der Tora zu Wöchnerinnen. Sie gelten nach der Geburt eines Sohnes 40 Tage lang als unrein (Lev 12,2-4) und sollen nach Ablauf dieser Frist im Tempel ein Opfer darbringen (Lev 12,6-8). Darauf scheint Lukas in 2,24 Bezug zu nehmen, bringt dies aber nicht mit dem Reinigungsopfer für die Mutter in Verbindung.

Dass der Evangelist nicht genau über die Vorschriften der Tora informiert ist, zeigt sich auch in der Formulierung »die Tage ihrer Reinigung«. Im Griechischen ist »ihrer« eindeutig ein Plural (αὐτῶν) und kann sich nur auf Mutter und Kind beziehen; die Mose-Tora kennt aber nur das Reinigungsopfer für die Mutter. Entsprechend gibt sich auch der Sinn der »Darstellung« im Tempel vor dem Hintergrund der Weisung des Gesetzes nicht eindeutig zu erkennen. Lukas bündelt mit dem Begriff der »Darstellung« den Sinn der nachfolgend angeführten Gesetzesvorschrift. Diese ist allerdings recht frei aus Ex 13 gewonnen, wo von der Auslösung der (männlichen) Erstgeburt die Rede ist. Eine solche Auslösung durch ein Opfer ist notwendig, weil die Erstgeburt Gott gehört (Ex 13,2). Das Stichwort der Auslösung greift Lukas aber gerade nicht auf, sondern hebt darauf ab, dass alle männliche Erstgeburt »heilig für den Herrn« genannt werde (2,23). Er scheint in erster Linie die Beziehung des Kindes zu Gott in den Vordergrund rücken zu wollen.