29. März 2014

Sonntagsevangelium (122)

4. Fastensonntag (A): Joh 9,1-41 (oder 9,1.6-9.13-17.34-38)

Die Wundergeschichten des Johannes-Evangeliums sind als Zeichen gestaltet: Die Wundertat verweist auf den Wundertäter, auf seine Bedeutung für das Heil der Menschen. Dieser Zeichencharakter kann durch eine nachfolgende Rede entfaltet werden, wie etwa in der Brotrede (Joh 6), die das Wunder der Brotvermehrung auf die Person Jesu als Brot des Lebens hin deutet. Im Fall der Heilung des Blindgeborenen (Joh 9,1-7) sind solche Verweise in die Erzählung der Wundertat selbst eingebaut.

Schon vorab wird geklärt, was sich in der Heilung vollzieht: In Jesus handelt Gott (9,3f). Das anschließende »Ich-bin-Wort« nimmt dann den symbolischen Gehalt des Wunders unmittelbar auf: Indem Jesus dem Blindgeborenen das Augenlicht schenkt, erweist er sich selbst als »Licht der Welt« (9,5). Am auffälligsten ist aber, dass und wie Johannes den Namen des Teiches übersetzt, in dem sich der Blinde waschen soll (9,7). Zwar bedeutet das Wort, von dem »Schiloach« abgeleitet ist, tatsächlich »senden«; aber den Sinn von »Gesandter« hat wohl erst Johannes der Form »Schiloach« gegeben. Er greift damit ein Grundmotiv seiner Jesusdarstellung auf: Jesus ist der vom Vater in die Welt gesandte Sohn. Im Rahmen der Wundertat wird mit dem Hinweis auf den Gesandten geklärt, dass nicht eine natürliche Kraft des Teiches das Wunder wirkt, sondern Jesus.

25. März 2014

Warum gibt es im Neuen Testament einen Stürmer-, aber keinen Verteidigerspruch?

Auf diese Frage kommt man nicht, wenn man das Neue Testament durchliest. Man muss schon zu exegetischer Literatur greifen, in der tatsächlich die Rede ist von einem »Stürmerspruch«. Gemeint ist Mt 11,12 – eine Aussage, die schon in der Übersetzung Schwierigkeiten bereitet. Meist wird sie in dem Sinn verstanden, wie er in der Einheitsübersetzung begegnet:
»Seit den Tagen Johannes' des Täufers wird dem Himmelreich Gewalt angetan; die Gewalttätigen reißen es an sich.«
Auch die Lutherübersetzung oder die Zürcher und die Elberfelder Bibel geben das Wort in diesem Sinn wieder, in dem auch die Kommentare zum Matthäus-Evangelium heute meist auslegen. Der Satz lässt sich aber auch anders übersetzen:
»Seit den Tagen Johannes' des Täufers bricht sich das Himmelreich mit Macht Bahn, und Gewalttäter ergreifen es.«
Von diesem Verständnis (es findet sich z.B. in den Übersetzungen von Hermann Menge und Fridolin Stier) rührt auch der Name »Stürmerspruch«: In diesem Fall werden die »Gewalttäter« nicht negativ verstanden als solche, die Gewalt ausüben, sondern als zu allem entschlossene Menschen, die für das Gottesreich alles einsetzen – die es erstürmen.

Gegen diese von einer Minderheit vertretene Auslegung wird eingewandt, sie tue den verwendeten Wörtern Gewalt an, wenn sie von dem Gedanken der Gewaltanwendung absehe und diese nur in einem übertragenen, abgeschwächten Sinn verstehe. Dieses sprachliche Argument kann man bezweifeln: Keines der in Mt 11,12 verwendeten Wörter muss zwingend im Zusammenhang negativ gewerteter Gewaltanwendung gedeutet werden.

21. März 2014

Sonntagsevangelium (121)

3. Fastensonntag (A): Joh 4,5-42 (oder 4,5-15.19b-26.39a.40-42)

Die Erzählung von der Begegnung Jesu mit der samaritanischen Frau am Jakobsbrunnen enthält einen ausgearbeiteten Dialog, wie er für das Johannes-Evangelium typisch ist. Matthäus, Markus und Lukas bieten solche Szenen nicht. Das Gespräch beginnt mit einer Aufforderung Jesu (»Gib mir zu trinken!«), auf die die Frau mit einer Abgrenzung reagiert: Was will ein Jude von ihr, einer samaritanischen Frau? Hier dürften beide Kennzeichnungen eine Rolle spielen: der (ausdrücklich erwähnte) Gegensatz zwischen Juden und Samaritanern sowie das Ungewöhnliche, dass ein Mann eine Frau anspricht.

In der Erwiderung deutet Jesus seine besondere Würde an (4,10), was von der Frau nicht abgeblockt wird. Vielmehr zeigt sich im Erstaunen eine Offenheit, wenn sie Jesus in die eigenen religiösen Traditionen einordnet: »Bist du größer als unser Vater Jakob ...?« (4,11f) Dabei bleibt sie noch auf einer vordergründigen Verstehensebene: Die Rede vom lebendigen Wasser, das Jesus gibt, bezieht sie auf das Brunnenwasser: Sie vermisst bei Jesus ein Schöpfgefäß und spricht von Jakob als demjenigen, der den Brunnen gegeben und selbst aus ihm getrunken hat, wie auch seine Söhne und sein Vieh. Gerade die letzte Bemerkung unterstreicht, dass es um real verstandenes Wasser geht. Die Aussage Jesu, auf die die Frau reagiert, bot dafür auch einen Anhaltspunkt, denn die Wendung »lebendiges Wasser« bezeichnet fließendes Wasser im Gegensatz zu dem aus der Zisterne.

14. März 2014

Sonntagsevangelium (120)

2. Fastensonntag (A): Mt 17,1-9

Die Grundstruktur und einige Details der Verklärungsgeschichte hat Matthäus von Markus übernommen, dabei allerdings auch Änderungen eingebracht, die für sein Werk kennzeichnend sind. Zum übernommenen Gut gehört die Zeitbestimmung »nach sechs Tagen«. Sie ist auffällig, denn derart konkrete Angaben begegnen, abgesehen vom Jerusalem-Aufenthalt Jesu, in den synoptischen Evangelien sonst nicht. Auf der Erzählebene ist sie auf die Szene des Messiasbekenntnisses bei Caesarea Philippi bezogen (16,13-28), aber das primäre Interesse liegt wohl nicht in der erzählerischen Verknüpfung, sondern in einem inhaltlichen Signal: In Anspielung auf Ex 24,16f  könnte die Zeitangabe vor allem darauf vorbereiten, dass von einer Gottesbegegnung erzählt wird. Verbindungen zur Sinai-Erzählung ergeben sich auch durch das Motiv der Wolke und das Erscheinen des Mose in der Verklärungsgeschichte (Mt 17,3.5).

Der Ort der Handlung wird nur unbestimmt angegeben: »ein hoher Berg«. Wichtiger als eine genaue Lokalisierung – die Verbindung mit dem Tabor findet sich im Neuen Testament nicht – ist der symbolische Sinn des Berges. Er ist der irdische Bereich, der der himmlischen Welt am nächsten und in der alttestamentlichen Tradition mit der Erscheinung Gottes verknüpft ist – gerade im Zusammenhang mit den Personen, die in der Verklärungsgeschichte auftreten: Mose und Elija (s. z.B. Ex 19-24; 1Kön 19).

7. März 2014

Sonntagsevangelium (119)

1. Fastensonntag (A): Mt 4,1-11

Die Versuchungsgeschichte knüpft unmittelbar an die zuvor geschilderte Offenbarungsszene an: Der auf Jesus herabgekommene Geist (3,17) führt ihn in die Wüste. Matthäus bietet eine Fassung dieser Erzählung, die in vielem parallel läuft zu Lk 4,1-13. Der markanteste Unterschied liegt in der Abfolge der zweiten und dritten Versuchung. Wahrscheinlich hat Lukas wegen seines Interesses an Jerusalem und dem Tempel die Reihe der Versuchungen dort enden lassen. Auch passt besser in die Dramaturgik sich steigernder Versuchungen, dass der Versucher wie bei Matthäus erst am Schluss zu seiner Verehrung auffordert. 

Die einzelnen Versuchungen sind nach demselben Schema aufgebaut: (1) Der Teufel, wie eine gewöhnliche Erzählfigur eingebracht, handelt: Er tritt heran, nimmt Jesus mit nach Jerusalem oder auf einen Berg. (2) Er fordert Jesus zu einer Handlung auf: Steine zu Brot werden zu lassen, sich vom Tempel hinabzustürzen, den Teufel zu verehren. (3) Jesus weist dies jeweils mittels eines Zitats aus dem Buch Deuteronomium ab.

Bei seinem ersten Auftreten in 4,3 wird der Teufel über seine Tätigkeit in den folgenden Szenen eingeführt: als Versucher, als derjenige, der Jesus auf die Probe stellt. Um wen es sich handelt, ist den Lesern der Geschichte klar (s. 4,1 »... um vom Teufel auf die Probe gestellt zu werden«), nicht aber der Erzählfigur Jesus, die erst in der dritten Szene den Versucher identifiziert.