Böse, böse Kirchensteuer?

Der katholische Abenteurer Matthias Matussek hat ein Buch geschrieben. Seine bisherigen Beiträge haben mich nicht dazu verführen können, es zu kaufen. Aber der Spiegel tut was für seine Leute und veröffentlicht einen Auszug aus dem gerade erschienenen Werk (hier auf Spiegel-Online). Dass Matussek nicht behutsam mit abweichenden Meinungen umspringt, ist bekannt. Und da er seinem Buch »Das katholische Abenteuer« den Untertitel »Eine Provokation« gegeben hat, macht man sich auf einiges gefasst – und ist dann doch überrascht, wie sehr sich die Wucht der Formulierung von der Tiefe des Gedankens unterscheidet. Vielleicht ist ja beim Rest des Buches alles ganz anders. Was im Spiegel vorgelegt wird, ist gedanklich jedenfalls erstaunlich schlicht.
In erster Linie scheint es gegen das Kirchensteuersystem zu gehen, aber das ist, wie sich zeigen wird, gar nicht das eigentliche Thema. Was wird dem Einzug der Kirchensteuer durch den Staat vorgeworfen? Dieses System, meint Matussek, führe zu einem »erkaltete[n] Christentum«, denn er hat in Rio de Janeiro und New York Gemeinden erlebt, die eine fröhlichere Frömmigkeit an den Tag gelegt haben als bei uns. Und dies liegt »womöglich« (!) daran, dass »sie ihre Kirche mit freiwilligen Spenden und tätiger Hilfe stützen, ja stützen müssen« – vielleicht aber auch an der Mentalität, vielleicht am Klima, vielleicht an der zufälligen Auswahl. Und selbst wenn es einen Zusammenhang gäbe zwischen der Art der Finanzierung und der vitalen Frömmigkeit, so wäre nur gezeigt, dass Gläubige, die ihre Gemeinde unter großem Einsatz finanziell stützen, mit hoher Wahrscheinlichkeit sich besonders in dieser Gemeinde engagieren. Der Umkehrschluss, den Matussek nahelegt, wäre nicht gedeckt: dass geringerer finanzieller Einsatz die Frömmigkeit erkalten lässt.

Das Kirchensteuersystem ist aber auch in sich verwerflich: 
»Dass bei uns nur derjenige die Sakramente erhält, der die Zwangsabgabe zahlt, ist eine moderne Form von Ablasshandel. Es ist ein theologischer Skandal, den erstaunlicherweise auch die Protestanten mittragen«. 
Nun könnte die Haltung der evangelischen Kirche in dieser Frage die Vermutung nähren, dass sich die Kirchensteuer doch nicht so ohne Weiteres mit dem Ablasshandel vergleichen lässt. Matussek unternimmt keine Anstrengung, um die behauptete Analogie zu erläutern. Anscheinend setzt er auf die Assoziation: Hier wird auf unsaubere Weise mit Geld gearbeitet, werden religiöse Belange mit finanziellen Interessen verquickt. Dass dies im Einzug der Kirchensteuer durch den Staat geschieht, wäre aber doch einer näheren Begründung wert. Es ist innerkirchlich wohl unbestritten, dass die Kirche von den Gläubigen zur Erfüllung ihrer Aufgaben finanzielle Unterstützung erwarten kann und muss. Dass diese Leistung auf eine bestimmte Art eingefordert wird – in Deutschland also durch die staatlichen Finanzämter –, ändert an diesem Grundsatz nichts. Dadurch wird jene Unterstützung nicht zur »Zwangsabgabe«.

Dieser Begriff ist aufschlussreich für Matusseks Kritik am Kirchensteuersystem. Zur Zwangsabgabe wird die Kirchensteuer nämlich dadurch, dass er den Einsatz der Gelder nicht bestimmen kann und es in seinen Augen für falsche Zwecke verwendet wird. Diese Kirchenmittel 
»fließen wohl (!) in erster Linie in die Finanzierung von Katholikentagen und Thesenpapieren, auf denen der Papst als rückständig und autoritär beschimpft wird und die Aufhebung des Zölibats gefordert wird«. 
Die Steuern werden dafür verwendet, »Glaubens-Bastionen und Traditionen einzureißen«. Ich halte die Forderung nicht für übertrieben, dass das Zahlenmaterial zu sichten und etwas genauer zu analysieren ist, für welche Zwecke Kirchensteuermittel ausgegeben werden, ehe man solche Urteile äußert. Aber dann wäre es natürlich schwierig, die pauschale Behauptung in die Welt zu setzen, die Kirchensteuer würde zu antikirchlichen Zwecken eingesetzt (möglicherweise ergäbe sich, dass auch in den Papstbesuch gewisse Summen fließen).

Die innerkirchliche Kritik am Kirchensteuersystem ist also ein Instrument in der Debatte um die rechte Gestaltung des kirchlichen Lebens. Deshalb fehlt jede grundsätzliche Argumentation gegen die Kirchensteuer in Matusseks Beitrag. Und wegen dieses Fehlens ist die Annahme berechtigt, dass die Kritik sofort verstummen würde, wenn die Bischöfe dem Kurs folgten, den Matussek vertritt.

Weil es im Kern gar nicht um die Kirchensteuer geht, wird ein Großteil des Artikels, der in der Überschrift die Aufhebung der Kirchensteuer fordert, von der Polemik gegen »Reform-Katholiken« gebildet. Selbst das Schuhwerk dient der abwertenden Charakterisierung (»die dauerprotestierenden Sandalenträger der 'Kirche von unten'«). Da wird die »Axt angelegt«, vor allem von Heiner Geißler und Hans Küng, den »offenbar gelangweilten über 80-jährigen«. Das in den letzten Wochen bis zum Überdruss bemühte Klischee, die Vorschläge zur Kirchenreform seien eine Sache der alten Generation und deshalb ohne Zukunft, wird weiter gepflegt. Die Politiker, die öffentlich für die Abschaffung des Zölibats eintraten, sind »angejahrte CDU-Honoratioren«, natürlich gegen den Papst eingestellt, denn sie machen »rechtzeitig vor dessen Deutschland-Besuch mobil«. Sie wollen »verheiratete Senioren auf die Kanzel lassen«, und das aus eigennützigen Motiven (»Am liebsten wohl sich selbst«). Der fromme Katholik aber orientiert sich am Papst, nicht an Geißler, denn: 
»Ist die Enzyklika 'Deus est caritas' nicht weit gehaltvoller und auf ihre Art bescheidener als der selbstherrlich verkündete Stuttgart-21-Kompromiss? Und der Petersdom nicht doch eine Ecke schöner als der Stuttgarter Landtag?«
Man könnte mit gleichem Recht fragen: Schmecken Äpfel nicht anders als Birnen? Ist Amerika nicht größer als Australien? Klingt italienisch nicht schöner als sächsisch? Das ist ja alles richtig – aber es hat mit den diskutierten Fragen nichts zu tun. Wenn man allerdings schon den Petersdom erwähnt, hätte man darauf hinweisen können, dass er auch durch den Ablasshandel finanziert wurde.

So einseitig das Bild der Reformdiskussion, so schlicht die Analyse der gegenwärtigen Situation der Kirche und was ihr jetzt fehlt. Der Rückgang im Gottesdienstbesuch hängt mit der Liturgiereform zusammen: »In dem Maße, in dem sich die Kirchen entzauberten, leerten sie sich.« Die Krise infolge der Missbrauchsfälle werde von kirchenfeindlichen Journalisten aufgebläht, mit »Schützenhilfe von Reform-Katholiken«. Die Kirche müsse sich darauf besinnen, Gegenwelt zu sein. Das ist in einem bestimmten Sinn sicher richtig, aber nicht alles, was als »Gegenwelt« erscheint, ist deshalb schon gut. 

Und nicht alles, was in einer bestimmten Hinsicht als »Gegenwelt« erscheint, muss es deshalb in jeder Hinsicht sein. Wer von der »Gestalt des antibürgerlichen Priesters« spricht, kann sich dabei auf den Verzicht auf Familie berufen. Nimmt man Gehalt, Wohnsituation oder allgemein den Lebensstandard eines deutschen Pfarrers in den Blick, fällt es schon schwerer, das Prädikat »antibürgerlich« zu vergeben. Zu diesem Aspekt der Kirchensteuer, die Versorgung der Kleriker, äußert sich Matussek übrigens nicht. In seiner grandiosen Einseitigkeit setzt er den Entschluss zum zölibatären Leben mit dem Ignorieren von »Karrieren und Wohlstand« gleich. Durch empirische Beobachtung scheint mir das nicht durchweg abgesichert.

Zum Ende des Spiegel-Beitrags kommt Matussek auch auf die Frage des Frauenpriestertums zu sprechen. Seine ablehnende Haltung gründet in nichts anderem als der »ehrwürdigen Tradition, in deren Urgrund das Bild von Jesus und seinen Jüngern liegt« (was der Relativsatz genau besagt, erschließt sich nicht auf Anhieb). Und diese Tradition sei »sicher offenbarungsnäher ... als die Kirchensteuer und bürokratische Zwangseintreibung durch den Staat«. Damit ist noch einmal recht gewaltsam auf das Ausgangsthema zurückgelenkt. Dass das Kirchensteuersystem Offenbarungsqualität beanspruchte, hat meines Wissens noch niemand behauptet. Aber dass es abgelehnt werden müsse, weil es sich nicht biblisch rechtfertigen lasse, ist kaum geringerer Unsinn. Matussek fragt wegen dieser fehlenden biblischen Basis der staatlich eingezogenen Kirchensteuer: »Wäre nicht hier, verehrte Lehrstuhlinhaber und Postenschieber, ein Reformsturm nötig?« 

Wenn es eine echte Frage wäre, würde ich einfach antworten: nein. Aber es ist ja keine Frage, sondern eine Unterstellung. Sie lautet im Klartext: Ihr, Lehrstuhlinhaber und Postenschieber, Profiteure dieses Kirchensteuersystems, verschweigt dessen Problematik aus eigennützigen Motiven. Der abschließende Ausruf »Wird Zeit, dass der Papst nach Deutschland kommt!« klingt da fast wie eine Drohung. Aber Gott sei Dank ist ja nicht Matussek der Papst.

Kommentare

antonius hat gesagt…
Oh mann, wie öde. Das Buch nicht gelesen, aber eine Rezension, in der Länge einer Kinderbibel. Öde. Habe nach wenigen Zeilen abgebrochen.
Gerd Häfner hat gesagt…
@ antonius
Kleiner Hinweis: Ich habe an keiner Stelle behauptet, eine Rezension des Buches vorzulegen. Es handelt sich hier um eine Besprechung des Spiegel-Artikels. Und das hätte man sogar merken können, wenn man nach wenigen Zeilen abbricht. Im Übrigen müssen Sie eine sehr kompakte Kinderbibel besitzen.
Volker Schnitzler hat gesagt…
Bravo! Ich kann Ihren Äußerungen nur vollkommen zustimmen. Was sich da in einem bestimmten katholischen Millieu zusammenbraut, hat schon eher mit Verschwöhrungstheorie und Verfolgungswahn zu tun. Die Zusammenhänge, die da hergestellt werden, sind oft mehr als kühn. Und alles, was gegen den Zeitgeist ist, ist gleichzeitig richtig, katholisch und zu unterstützen. Und dass die so gescholtenen Religionslehrer und Theologen nicht von der Kirchensteuer finanziert werden, interessiert auch keinen. Lieber sudelt man sich genüsslich in seinen Vorurteilen.
Regina hat gesagt…
Sehr richtig, Herr Schnitzler, danke! Die vatikanische Rückkehr zu einer Theologie vor das 2.Vatikanum ( ist m.M. nach auch sehr gefährlich, denn so werden Wegmarken gesetzt : alle Tradition der 2000 jährigen Geschichte der RKK zu bewahren und starrsinnig einzufrieren mit dem legitimierenden Hintergedanken der Berufung auf die Hl.Schrift und apostolische Zeugnisse bis zum Exzess... aber das eigene Denken ausschalten und dafür an anderer, vermeintlich kompetenterer Stelle " denken zu lassen" ist ja so viel einfacher ! Mündige Christen tun gut daran, so einen Kurs zu boykottieren und dem Treiben Einhalt zu gebieten. Der Kirche laufen die Gläubigen weg (180.000 in 2010 in Deutschland allein ), und die RKK tut so, als seien das peanuts. Man betrauert die faulen Früchte am Baum und merkt nicht, dass es der Baum selbst ist, der diese verdorbenen Früchte selbst produziert ...

Ecclesia semper reformanda - Die Kirche muss sich immer wieder ändern, bewegen.
Es kann einfach nicht sein, dass die Kirche sich berechtigt fühlt, einzelne Traditionen als ewige Wahrheit festzuschreiben.
Da gehört für mich der ganze Bereich der Dogmatik rein.
Da gehören für mich aber auch Dinge rein wie die Liturgie, in der sich ja seit dem Vaticanum II viel geändert hat, oder wie der Zwangszölibat für Priester, der - mit brutalster Gewalt durchgestzt - NIE unumstritten war,die Frage der Fauenordination,
oder eben auch theologische Fragen wie der Umgang mit Geschieden-Wiederverheirateten oder Homosexualität.
DIE KIRCHE MUSS SICH G'TT UNTERORDNEN - nicht umgekehrt!

Mir scheint bisweilen, die Kirchenoberen fühlten sich wieder wie in der Zeit der Reformation.
Ein scharfer Wind bläst ihnen entgegen.
Aber statt die Nase mutig in den Wind zu strecken, klappen sie wie vor 500 Jahren die Fensterläden zu.
Ich glaube, dass ein großer Teil unserer Kirchenkrise heute auch damit zu tun hat, dass die obersten Alt-Hirten sich an überholten Prinzipien festkrallen und dabei das Bodenpersonal und das Fußvolk im Stich lassen.
Nur - diese Krise kann man nicht aussitzen.
Dann verläuft sich inzwischen die Herde in alle Himmelsrichtungen.
Fakt ist sehr wohl, dass das Tridentinum in einem Akt der Verteidigung gegen die Reformation alles, was fürderhin als "katholisch" Bestand haben sollte, so dermaßen eingeschränkt hat, dass auf Jahrhunderte eine freie Theologie nicht mehr möglich war.
Auch die Freiheit der Liturgie wurde auf einen einzigen Ritus begrenzt - inklusive der Tatsache, dass man in Abgrenzung gegen die Protestanten Latein als einzig erlaubte liturgische Sprache festlegte.
Zurück in eine Zeit, in der nicht festgelegt war, was genau nur und ausschließlich "katholisch" (konfessionell) ist, sondern in der geprüft wurde, was nun wirklich beim besten Willen nicht mehr mit dem katholischen (= allumfassenden) Glauben vereinbar ist.
Oder wie es Nikolaus von Cues (1401-1464) gesagt hat: "Alle Menschen beten letztlich denselben Gott an - una religio in varietate ritui - eine Religion in verschiedenen Riten."
Er bezog das keineswegs nur auf die verschiedenen vorreformatorischen Christen!

N.v.C war übrigens die letzten 6 Jahre seines Lebens "Generalvikar des Bischof von Rom", also Stellvertreter des Papstes (Pius II), zweiter Mann im Vatikan.
Hundert Jahre später, nach dem Tridentinum wäre er für solche Aussagen vermutlich als Ketzer auf dem Scheiterhaufen geendet.

Kurzum: wenn diese Kirchenleitung und alle, die einer rückwärtsgewandten Theologie anhäöngen, meinen, dass diese die allein wahre Religion zum ewigen Heil sein soll, dann muss man sich wehren- oder den Weg mit G'TT aber ohne diese Kirche gehen.
Ich erinnere an Ephraim Kishon: "Ich habe große Hochachtung vor jedem, der nach der Wahrheit sucht - und große Angst vor jedem, der sie gefunden hat."
Volker Schnitzler hat gesagt…
@Regina

Sie haben es auf den Punkt gebracht! Auch Ihren Ausführungen möchte ich zustimmen!
Christian hat gesagt…
Danke, Herr Häfner, für diesen sehr unterhaltsamen Kommentar zu den Auszügen aus Matusseks Buch. Das Argument, die Reformvorschläge kämen von der Generation 60+ kann ich wirklich nicht mehr hören. Ich bin 28, Theologe und angehender Jugendseelsorger und würde behaupten, dass vielleicht einer von 100 Katholiken unter 30 die Meinungen von Herrn Matussek zur Gestalt der Kirche teilt...und wenn ich drüber nachdenke scheint mir das noch hoch gegriffen...
Benni hat gesagt…
Sehr geehrter Herr Häfner,

offenbar haben sind Sie in Sachen Kirchensteuerdiskussion nicht auf dem neuesten Stand. Herr Matussek hat sehr recht, wenn er die augenblickliche Handhabung der Kirchensteuer und vor allem des Kirchenaustritts in Deutschland kritisiert. Die Deutschen Bischöfe behandeln nämlich jeden, der - aus welchen Motiven auch immer - aus der Kirche austritt, als Exkommuniziert und schließen ihn von jedem Sakramentenempfang aus.

Der Skandal ist nicht, dass die berechtigte Unterstützungsleistung für die Kirche vom Staat eingezogen wird - sondern, dass auf die Verweigerung die Exkommunikation steht. Zumindest sehen unsere Bischöfe das so. Rom sieht das anders und hat schon 2006 darauf hingewiesen, dass Mitgliedschaft in der Körperschaft Öffentlichen Rechts und Teilhabe am Mystischen Leib Christi zwei verschiedene Paar Schuhe sind, die nicht so einfach gleichgesetzt werden dürfen. Die Kirche nicht zu unterstützen ist ein schwerer Verstoß gegen die Gemeinschaft, rechtfertigt aber nicht die (vor allem pauschale!!) Exkommunikation, die nur im geprüften Einzelfall verhängt werden darf.

Herr Matussek hat also mit seiner Polemik Recht und diese Kritik ist auch berechtigt: Unsere Bischöfe betreiben lieber Ablasshandel als zu riskieren, dass nicht-Zahler trotzdem Sakramente empfangen.
Und auch sonst schätze ich, dass er bei aller Undifferenziertheit in einigen unbequemen Punkten sehr recht hat: Dass nämlich viele besondere Erscheinungen bei uns Dekadenzerscheinungen sind, die durch unsern Sonderweg wenn nicht bedingt, so doch ermöglicht werden. Ich wäre neugierig auf die Dynamik einer kirchensteuerlosen Kirche, und ich als angehender Priester kann mich mit dem Ideal des antibürgerlichen Priesters sehr gut identifizieren - egal ob es der Mainstream ist oder nicht.

Ich kann nur sagen: Danke, Herr Matussek, machen sie ruhig weiter.
Gerd Häfner hat gesagt…
@Benni
Wo nimmt Matthias Matussek im Spiegel-Artikel Stellung gegen die Verbindung von Kirchenaustritt und Exkommunikation? Er schreibt zwar: »Dass bei uns nur derjenige die Sakramente erhält, der die Zwangsabgabe zahlt, ist eine moderne Form von Ablasshandel.« Warum das Ablasshandel sein soll, wird aber nicht näher ausgeführt, die Rede von einer Zwangsabgabe nicht erörtert. Wenn Sie schreiben »Die Kirche nicht zu unterstützen ist ein schwerer Verstoß gegen die Gemeinschaft, rechtfertigt aber nicht die (vor allem pauschale!!) Exkommunikation, die nur im geprüften Einzelfall verhängt werden darf«, so ist das ein Gedanke, den ich im Artikel von Matussek nicht finden kann. Er polemisiert gegen die in seinen Augen falsche Verwendung der Kirchensteuer-Mittel. Sie meinen, Rom habe »schon 2006 darauf hingewiesen, dass Mitgliedschaft in der Körperschaft Öffentlichen Rechts und Teilhabe am Mystischen Leib Christi zwei verschiedene Paar Schuhe sind«. Das »schon« ist ein wenig seltsam: offensichtlich hatte Rom jahrzehntelang an dem Kichensteuersystem nichts auszusetzen. Und wenn man sieht, aus welcher Richtung es jetzt angegriffen wird, kommt man um den Gedanken nicht umhin, dass die Kritik an ihm als Vehikel in einem kirchenpolitischen Richtungsstreit eingesetzt wird. Matusseks Artikel im Spiegel zeigt das m.E. sehr deutlich.
Anonym hat gesagt…
Haben Sie das neue Wording von Herrn Matussek in der gestrigen F.A.S. gelesen? Insbesondere Formulierungen wie "Ich sehe Jesus und seine Jünger, und das war nun mal eine Runde von Männern" wirken (auf mich) eher wie vermeintliche historische Totschlagargumente, die mit untendenziöser Sachlichkeit kaum in Verbindung zu bringen sind.
Was halten Sie von dem Gespräch mit Herrn Matussek?
http://www.faz.net/artikel/C30351/matthias-matussek-im-f-a-s-gespraech-wir-haben-den-besseren-weihrauch-30438001.html

R. Mathieu
Gerd Häfner hat gesagt…
@R. Mathieu
Vielen Dank für den Hiwneis auf das Interview. Mein Eindruck: Wenn das Gespräch auf den Gedanken kommt, dass Tradition in der Kirchengeschichte nicht gleichförmig geblieben, sondern immer schon umgestaltet worden ist, weicht Matussek aus und geht auf den Gedanken nicht ein.

Das Argument, die Apostel seien ausschließlich Männer gewesen, ist so alt wie angreifbar. Dass daraus strukturelle Konsequenzen im Blick auf das kirchliche Amt zu ziehen seien, ist jedenfalls aus dem historischen Befund nicht abzuleiten. Dass Ämter seit der Zeit der Alten Kirche im Wesentlichen Männern vorbehalten blieben (Ausnahmen: Diakoninnen; Witwen), ist ja nicht unabhängig vom damaligen "Zeitgeist" zu verstehen.
Regina hat gesagt…
Narzisstischer Ego-Trip


Zum Pfingstfest hingegen war nun in der FAZ ein Gespräch zwischen dem Feullitonchef Claudius Seidl und Matthias Matussek zu lesen. "Endlich sagt einer, was Katholizismus wirklich ist: in die Messe und zur Beichte gehen, die Zehn Gebote, das Ritual." Matussek, ein Freund von "heftigen Bekenntnissen", daraus erwuchs das Bedürfnis, ein provokantes Buch zu schreiben: "Ich bin mit Leib und Seele katholisch, ich denke, ich fühle, ich träume katholisch - und ich will nicht in Sack und Asche herumlaufen und mich geißeln dafür. Wenn in den Feuilletons vom Katholizismus die Rede ist, dann geht es in neunzig Prozent der Artikel um Missbrauch, um Skandale, all diese Sachen. Mein Buch war der Versuch, alldem eine Liebeserklärung an meine Kirche entgegenzusetzen."


Das Unangenehme und, ja, Ärgerliche an Matthias Matussek ist, dass er "seine Kirche" als einen einzigen narzistischen Ego-Trip vorstellt: Die Messe, die Zehn Gebote, der Ritus - und ich. Mein Priester in New York. Als sein Gesprächspartner Seidel die "scharze Seite" der katholischen Erziehung anspricht, wischt Matussek die Tafel sofort sauber: "Ich war im Internat. Ich habe jeden Morgen ministriert, ich habe nie Angst gehabt, dass ich in die Hölle kommen könnte." Und: "Ich bin immer gern zur Beichte gegangen, und danach habe ich mich entlastet gefühlt. Dass einem vergeben wird, das ist ein wunderbares Sakrament. Die Psychoanalyse in Kurzform. Das erspart zehn Jahre auf der Couch." Das ist nicht nur inhaltlicher Unsinn. Es zeigt vor allem, dass in Matusseks Vorstellung der katholischen Kirche andere Menschen mit anderen Gedanken oder gar Problemen keinen Platz haben. Kirche ist, wo ich bin. Und das ist auch gut so. Als Seidel von seiner Mutter berichtet, die sich in ihrer Kirchengemeinde engagiert und dem "Regime der alten Männer" vorwirft, von der Praxis keine Ahnung zu haben, fährt Matussek ihm über den Mund: "Ihre Mutter in allen Ehren, aber ich bekomme sehr viel Post von älteren Menschen, die sagen: Endlich spricht einer über die Kirche, wie sie sein sollte." Das Problem haben die anderen. Nein: Probleme machen die anderen.


"Es ist das Merkmal einer erwachsenen Kirche, wenn sie sich von der narzisstischen Selbstbesorgung gelöst hat", hat Steffensky auf dem Kirchentag gesagt. In der Tat. Und manchmal tut es gut zu sehen, dass es da noch andere Vorstellungen von Kirche gibt als die von einem tyrannischen Club von Egoisten.

Quelle: http://theosalon.blogspot.com/2011/06/narzistischer-ego-trip.html

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