Wäre eine »Einführung ins wissenschaftliche Arbeiten für Evangelisten« sinnvoll gewesen?

Professor: Ihre Arbeit, Herr Matthäus, ist zwar inhaltlich nicht schlecht gelungen, in formaler Hinsicht zeigen sich aber erhebliche Mängel. Sie dokumentieren Ihre Quellen nicht richtig. Hier z.B., bei diesem Abschnitt (deutet auf Mt 8,28-34) hätten Sie unbedingt eine Fußnote »Vgl. Mk 5,1-20« einfügen müssen.

Matthäus: Entschuldigung, ich kenne kein »Mk 5,1-20«.

Professor: Aber Sie stützen sich doch hier wesentlich auf das Markus-Evangelium. Streiten Sie das etwa ab?

Matthäus: Ich hatte schon eine Vorlage, aber Markus-Evangelium hieß die bei uns nicht.

Professor: Ich vermute, dass Sie außerdem noch eine zweite Hauptquelle hatten.

Matthäus: Ja, aber woher wissen Sie das? Ich habe das nirgends erwähnt.

Professor (lauter): Das ist ja das Problem! (mahnend) Sie sollten sich nicht auf die Spuren des Ethnarchen Agathooros [s.u.] begeben! Sie sehen ja, wir kommen den Quellen schon auf die Spur (lacht)!

Matthäus (lacht nicht): Wie bitte, Agathooros? Von dem habe ich noch nie etwas gehört. 

Professor (nachdenklich): Ich überlege, ob es nicht sinnvoll wäre, eine »Einführung ins wissenschaftliche Arbeiten für Evangelisten« anzubieten.

Matthäus: Davon habe ich auch noch nie etwas gehört. 

Professor: Das glaube ich gerne. Denn selbst dort, wo Sie Ihre Quellen nennen, ist das alles zu ungenau. Ich habe versucht herauszubekommen, welchem Werk Sie den Satz »Er wird Nazoräer genannt werden« (2,23) entnommen haben. Ich habe nichts gefunden, das richtig passt. 

Matthäus: Ich war mir da auch nicht mehr so sicher, ich habe aus dem Gedächtnis zitiert.

Professor: Ja, aber Sie müssen Ihre Zitate doch verifizieren! Hier (deutet auf Mt 12,17-21), das geht ja noch einigermaßen in Ordnung, obwohl die Angabe mit »Jesaja« zu pauschal ist. Aber schauen Sie sich einmal das Tohuwabohu hier (deutet auf 27,9f) an. Da sind Ihnen die Quellen ganz schön durcheinander gekommen. Lesen Sie doch nach, wenn Sie Jeremia angeben und zitieren Sie korrekt! 

Matthäus: Ich konnte das nicht nachlesen, unsere Gemeinde hat sich nur eine Jesaja-Rolle leisten können. Jeremia und Zwölfprophetenrolle besitzen wir nicht. Deshalb ist das Zitat nicht genau.

Professor: Ja, in welcher Zeit leben Sie denn? Da ist man ja selbst mit unserer Universitätsbibliothek besser dran. 

Anmerkung der Redaktion: agathos (gr.): gut / oros (gr.): Berg / ethnarch (gr.): Volksherrscher, Volksfürst

Kommentare

Volker Schnitzler hat gesagt…
Lustiger Dialog, wenn auch etwas konstruiert ;-) Mir würde es aber schon reichen, wenn die Theologen sauber arbeiten und dieses Gespräch untereinander austragen. Dass die Evangelisten keine wissenschaftlichen Traktate geschrieben haben, liegt auf der Hand.

Ich hätte Matthäus noch ganz andere Fragen gestellt :-) Schade, dass dies eben nur über den Umweg der Theologie möglich ist :-)

Stand Matthäus eigentlich die Septuaginta zur Verfügung?

Wie bewerten denn Sie persönlich den "Schweine-Exorzismus"?
serdargunes hat gesagt…
Übrigens ein toller Blog, ich wünschte es gäbe mehr solcher Blogs.
Gerd Häfner hat gesagt…
@Volker Schnitzler

Natürlich will ich die Evangelisten nicht ernsthaft an den Kriterien wissenschaftlicher Arbeit messen. Die Absurdität des Dialogs sollte in erster Linie auf die (verglichen mit heute ganz anderen) Bedingungen hinweisen, die für das Abfassen eines literarischen Werkes in einer urchristlichen Gemeinde gegeben waren.

Mt folgt zwar häufig, aber nicht immer der Septuaginta. In den so genannten Erfüllungszitaten bietet er oft abweichenden Wortlaut. Deshalb wird vorgeschlagen, für diese Zitate eine eigene Quelle anzunehmen, denn eine unterschiedliche Behandlung des Wortlauts alttestamentlicher Stellen scheint wenig plausibel. Auf der anderen Seite sind aber die Erfüllungszitate stark an den Kontext im Matthäus-Evangelium gebunden, so dass sie schon vor der Abfassung des Evangeliums in einem Erzählzusammenhang überliefert worden sein müssten.

Auf die „Schweine-Episode“ Mk 5,1-20 gehe ich bei Gelegenheit ein.
Volker Schnitzler hat gesagt…
Jetzt würde mich natürlich Ihr Literaturbegriff interessieren ;-) Aber sicherlich haben Sie nicht gemeint, das der Inhalt der Evangelien mehr fiktional als historisch ist. Teile sind sicherlich auch fiktional bzw. beruhen auf antiken Vorbildern. Ich freue mich auf Ihre Exegese von Mk 5,1-20!
Gerd Häfner hat gesagt…
Mir ging es nicht um die Differenzierung zwischen fiktional und historisch (die Evangelien sind weder fiktionale Literatur noch historische Berichte), sondern in erster Linie um die damaligen äußeren Bedingungen der Produktion eines literarischen Werkes: Wir können nicht voraussetzen, dass den Evangelisten alle alttestamentlichen Schriften zur Verfügung standen, sie also immer nachlesen konnten, was sie zitierten. Bei Mt jedenfalls kann man feststellen, dass er im Fall von Jesaja
genauer zitiert als in anderen Fällen.

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