30. Mai 2011

Der Zölibat ‑ eine apostolische Tradition? (4)

Im vierten und letzten Teil (hier Teil 1, Teil 2 und Teil 3) werden die Aussagen   besprochen, die sich in den Pastoralbriefen (besonders im 1. Timotheusbrief) für die Frage einer Zölibatspflicht für Amtsträger finden. Gesprächspartner ist wieder Stefan Heid, Zölibat in der frühen Kirche (Paderborn 1997, 3. Auflage 2003).


Die Pastoralbriefe enthalten Bestimmungen, in denen Anforderungen für Amtsträger festgehalten sind: in 1Tim 3,1-7 für Episkopen (Bischöfe), in 1Tim 3,8-13 für Diakone, in Tit 1,6-9 gehen die Amtsbezeichnungen von Presbyter und Bischof ineinander über. In allen drei Abschnitten heißt es, der Amtsträger müsse »Mann einer Frau« sein. Dies wird gewöhnlich so verstanden, dass die Pastoralbriefe vom verheirateten Amtsträger ausgehen und von ihm eine einwandfreie, vorbildliche Eheführung erwarten. 

»Mann einer Frau«
 

Stefan Heid lehnt diese Deutung ab: Eine solche Anforderung wäre trivial, und aus den analogen Bestimmungen zum Anforderungsprofil an eine Gemeinde-Witwe in 1Tim 5,9 (sie muss »Frau eines Mannes« gewesen sein) ergebe sich, dass wir es mit einer klaren Rechtsnorm zu tun hätten, nicht mit vagen Bestimmungen zu vorbildlicher Lebensführung. Und diese Rechtsnorm habe auf die Einzigehe gezielt, also: keine Wiederheirat im Fall des Todes der Ehefrau (vgl. Stefan Heid, Zölibat 38f).

27. Mai 2011

Dialog und II. Vatikanum

Man kann in den Debatten um den Weg der Kirche in die Zukunft bisweilen sehr abfällige Kommentare über das Wort »Dialog« hören - bis hin zur Verballhornung »Diabolog«. Da tut es gut, den Beitrag zu lesen, den Eberhard Schockenhoff für die Zeitschrift »Christ in der Gegenwart« geschrieben hat (Nr. 22/2011, S.233f). Er zeigt die Bedeutung des Dialog-Begriffs für wichtige Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils auf. Dieser Begriff ist »keineswegs nur ein Lieblingswort fortschrittlicher Kirchenträumer«, er »enthält vielmehr eine Grundaussage über die Kirche, die in mehrfacher Hinsicht entfaltet wird«.

Der Beitrag ist hier auch online veröffentlicht. Lesenswert!

24. Mai 2011

Bischofs-Bashing

Nun also ein Bischof. Nachdem in den Debatten um Glaubens-, Gottes- oder Kirchenkrise die »Memorandums-Theologen«, Klaus Müller und Alois Glück heftig attackiert wurden, ist jetzt Gebhard Fürst an der Reihe, der Bischof von Rottenburg-Stuttgart. Er hatte ein Gespräch mit der Redaktion der Ludwigsburger Kreiszeitung geführt, das nicht als Interview veröffentlicht, sondern in einem Bericht zusammengefasst wurde (hier). Aufgrund dieses Artikels ist der Bischof nicht nur ins Visier von kath.net geraten, sondern auch von Alexander Kissler. Der Kulturjournalist hat im Online-Tagebuch seiner Homepage einen Eintrag veröffentlicht unter dem Titel »Bischof Fürst schreitet fort« (verfügbar auch auf kath.net). Wer der Vorstellung anhängt, Streit und Diskussion müssten fair geführt werden, wird bei der Lektüre auf eine harte Probe gestellt.

20. Mai 2011

Wäre eine »Einführung ins wissenschaftliche Arbeiten für Evangelisten« sinnvoll gewesen?

Professor: Ihre Arbeit, Herr Matthäus, ist zwar inhaltlich nicht schlecht gelungen, in formaler Hinsicht zeigen sich aber erhebliche Mängel. Sie dokumentieren Ihre Quellen nicht richtig. Hier z.B., bei diesem Abschnitt (deutet auf Mt 8,28-34) hätten Sie unbedingt eine Fußnote »Vgl. Mk 5,1-20« einfügen müssen.

Matthäus: Entschuldigung, ich kenne kein »Mk 5,1-20«.

Professor: Aber Sie stützen sich doch hier wesentlich auf das Markus-Evangelium. Streiten Sie das etwa ab?

Matthäus: Ich hatte schon eine Vorlage, aber Markus-Evangelium hieß die bei uns nicht.

Professor: Ich vermute, dass Sie außerdem noch eine zweite Hauptquelle hatten.

Matthäus: Ja, aber woher wissen Sie das? Ich habe das nirgends erwähnt.

Professor (lauter): Das ist ja das Problem! (mahnend) Sie sollten sich nicht auf die Spuren des Ethnarchen Agathooros [s.u.] begeben! Sie sehen ja, wir kommen den Quellen schon auf die Spur (lacht)!

Matthäus (lacht nicht): Wie bitte, Agathooros? Von dem habe ich noch nie etwas gehört. 

Professor (nachdenklich): Ich überlege, ob es nicht sinnvoll wäre, eine »Einführung ins wissenschaftliche Arbeiten für Evangelisten« anzubieten.

Matthäus: Davon habe ich auch noch nie etwas gehört. 

Professor: Das glaube ich gerne. Denn selbst dort, wo Sie Ihre Quellen nennen, ist das alles zu ungenau. Ich habe versucht herauszubekommen, welchem Werk Sie den Satz »Er wird Nazoräer genannt werden« (2,23) entnommen haben. Ich habe nichts gefunden, das richtig passt. 

Matthäus: Ich war mir da auch nicht mehr so sicher, ich habe aus dem Gedächtnis zitiert.

Professor: Ja, aber Sie müssen Ihre Zitate doch verifizieren! Hier (deutet auf Mt 12,17-21), das geht ja noch einigermaßen in Ordnung, obwohl die Angabe mit »Jesaja« zu pauschal ist. Aber schauen Sie sich einmal das Tohuwabohu hier (deutet auf 27,9f) an. Da sind Ihnen die Quellen ganz schön durcheinander gekommen. Lesen Sie doch nach, wenn Sie Jeremia angeben und zitieren Sie korrekt! 

Matthäus: Ich konnte das nicht nachlesen, unsere Gemeinde hat sich nur eine Jesaja-Rolle leisten können. Jeremia und Zwölfprophetenrolle besitzen wir nicht. Deshalb ist das Zitat nicht genau.

Professor: Ja, in welcher Zeit leben Sie denn? Da ist man ja selbst mit unserer Universitätsbibliothek besser dran. 

Anmerkung der Redaktion: agathos (gr.): gut / oros (gr.): Berg / ethnarch (gr.): Volksherrscher, Volksfürst

17. Mai 2011

Who's who? (5) - Lösung

Biblische Personen in ungewohnter Beschreibung. Heute eine männliche Gestalt aus dem Alten Testament.

Als Handwerker verfolgte der Gesuchte ein größeres Projekt, das seiner Mitwelt außerhalb seiner Familie vollkommen unverständlich bleiben musste. Zwar erhielt er einige Hinweise, wie das Werkstück herzustellen war (der ganze Text noch einmal hier).

13. Mai 2011

Böse, böse Kirchensteuer?

Der katholische Abenteurer Matthias Matussek hat ein Buch geschrieben. Seine bisherigen Beiträge haben mich nicht dazu verführen können, es zu kaufen. Aber der Spiegel tut was für seine Leute und veröffentlicht einen Auszug aus dem gerade erschienenen Werk (hier auf Spiegel-Online). Dass Matussek nicht behutsam mit abweichenden Meinungen umspringt, ist bekannt. Und da er seinem Buch »Das katholische Abenteuer« den Untertitel »Eine Provokation« gegeben hat, macht man sich auf einiges gefasst – und ist dann doch überrascht, wie sehr sich die Wucht der Formulierung von der Tiefe des Gedankens unterscheidet. Vielleicht ist ja beim Rest des Buches alles ganz anders. Was im Spiegel vorgelegt wird, ist gedanklich jedenfalls erstaunlich schlicht.

10. Mai 2011

Who's who (5) - Rätsel

Biblische Personen in ungewohnter Beschreibung. Heute eine männliche Gestalt aus dem Alten Testament.

Als Handwerker verfolgte der Gesuchte ein größeres Projekt, das seiner Mitwelt außerhalb seiner Familie vollkommen unverständlich bleiben musste. Zwar erhielt er einige Hinweise, wie das Werkstück herzustellen war; diese blieben aber recht vage und ließen dem Bastler kreative Freiheiten. Dabei musste er allerdings höchst sorgfältig arbeiten, denn eine Nachbesserung war praktisch ausgeschlossen. Schlampige Arbeit hätte angesichts des extremen Klimas tödliche Folgen gehabt. Die gesuchte Person war, wie sich gezeigt hat, nicht nur geschickter Verarbeiter von Zypressenholz, sondern auch innovativ: Er ließ die ersten Testflüge der Geschichte durchführen; außerdem verbindet sich mit ihm das Ende der konsequent vegetarischen Ernährung. Auch im Weinbau betätigte er sich, wusste aber die Folgen des Weingenusses noch nicht so recht abzuschätzen. Dies führte zu einer offensichtlich unkontrollierten Entblößungsaktion, der ein wahrscheinlich nur mäßig erholsamer Schlaf folgte. Von seinen Söhnen hat einer die in diesem Fall gebotene Behutsamkeit vermissen lassen. Der Fluch, den sich der Flegel zugezogen hat, spiegelt das gespannte Verhältnis Israels zu Kanaan. Erwähnenswert ist schließlich das extrem hohe Alter, das der Gesuchte erreicht hat. Wäre es heute das Durchschnittsalter, bräche die Rentenversicherung vollkommen zusammen, ganz gleich ob umlagefinanziert oder kapitalgedeckt. Hätte es damals schon ein Rentensystem gegeben, wäre die umlagefinanzierte Version allerdings zu favorisieren gewesen, denn die nachwachsenden Generationen waren in jener Zeit stark an Zahl. Das alles sind aber rein theoretische Spiele, denn der Gesuchte war auch noch in hohem Alter so rüstig, dass selbst die Rente mit 67 für ihn ein lächerlich niedriges Eintrittsalter in den Ruhestand gewesen wäre. 

Ausführliche Lösung in Kürze.

6. Mai 2011

Ist der »ungläubige Thomas« wirklich ungläubig?

Der »ungläubige Thomas« ist sprichwörtlich geworden. Thomas ist zwar nicht ausdrücklich zum Schutzpatron der Zweifler erhoben, inoffiziell aber könnte er durchaus diese Funktion wahrnehmen. Nun wäre ein solcher Heiliger gewiss nicht ohne Reiz; fraglich aber ist, ob sich diese Figur auf den Thomas des Johannes-Evangelium zurückführen ließe. Dessen Geschichte lässt sich auch anders lesen als unter dem Stichwort des Zweifels und »Unglaubens«.

Thomas übernimmt nicht leichtfertig die Botschaft von der Begegnung mit dem gekreuzigten Herrn, sondern sucht Vergewisserung. Nur scheinbar verlangt er mehr als das, was auch den anderen Jüngern zuteil wurde. Seine Forderung nach Berührung von Wundmalen und Seite Jesu (20,25) geht zwar über die erste Erscheinung hinaus, da die Jünger die Wundmale Jesu nur gesehen haben (20,20). Die zweite Erscheinung wird aber nicht so erzählt, dass Thomas seine vorherige Forderung ausführte und daraufhin zum Glauben käme. Als Jesus kommt, ist die Berührung nicht mehr nötig; schon auf die Einladung Jesu hin spricht Thomas das Glaubensbekenntnis: »mein Herr und mein Gott« (20,28).

Jesus entspricht der Forderung des Thomas, ohne ihm einen Vorwurf zu machen. Thomas wird die Vergewisserung angeboten, nach der er verlangt hatte. Erst nach diesem Angebot erfolgt die Aufforderung, nicht ungläubig zu sein, sondern gläubig. Thomas wird also für seine Bedingung (»wenn ich nicht an seinen Händen die Male der Nägel sehe ...«) nicht kritisiert. Diese wird vielmehr ernst genommen als Station auf dem Weg zum Glauben, zu dem der Auferstandene den Jünger führt. So ist es Thomas, der von den Figuren des Johannes-Evangelium das ausdrucksstärkste Bekenntnis spricht: »mein Herr und mein Gott«.

Auch der Spruch »Selig, die nicht sehen und doch glauben« (20,29b) muss nicht als Tadel des Thomas gelesen werden. Als Osterzeuge beruht sein Glaube (wie auch der der anderen Jünger) auf dem Sehen (20,29a); dies ist eine Feststellung, kein Vorwurf. Anders die Situation der späteren Glaubenden: Sie haben keine Ostererscheinung, können aber trotzdem zum Glauben kommen und sind deshalb selig zu preisen. Vor allem um dies zu betonen, wird die Geschichte von Thomas erzählt, nicht um den Glauben zu kritisieren, der auf dem Sehen gründet.

1. Mai 2011

Das SPIEGEL-Bild von Jesus

In seiner Osterausgabe hat der Spiegel (Nr. 17/23.4.2011, S.106-116) Jesus wieder zum »Titelhelden« erhoben und ihn zum »Rebell Gottes« erklärt, der »Rom herausforderte«. Das Bild von Jesus als politischem Aufrührer ist nicht gerade revolutionär, sondern eigentlich ein alter Hut. Nun könnten ja auch alte Hüte vielleicht einfach nur im Schrank vergessen, aber noch ganz wertvoll sein. Wichtiger ist deshalb: Jenes Bild ist historisch nicht wahrscheinlich zu machen.

Ein alter Hut: die Evangelien sind keine Geschichtsberichte 

Der Autor der Titelgeschichte, Matthias Schulz, fragt: »War Christus wirklich so friedfertig, wie die Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes weismachen wollen?« Religionswissenschaftler hätten »sich darangemacht, das Neue Testament anders zu bewerten. Die Lebensgeschichte Jesu, so ihr Verdacht, wurde verklärt und umfrisiert.« (108). Dass die Evangelien keine Geschichtsberichte sind, ist nach über 200 Jahren historischer Jesusforschung sicher keine Einsicht, der man einen besonderen Aha-Effekt zuschreiben könnte. Der SPIEGEL-Jargon (»verklärt und umfrisiert«; »Süßholzraspelei der Evangelien« [116]) will den Eindruck bewusster Verfälschung erwecken. Das überrascht weniger als der Versuch, dies als eine wenigstens ansatzweise neue Erkenntnis zu verkaufen. Sehen wir einmal darüber hinweg, dass die Rede um »Umfrisieren« das nicht erfasst, was in der Jesusüberlieferung von ihren mündlichen Anfängen bis zu ihrer schriftlichen Fixierung geschehen ist, so bleibt doch als entscheidende Frage: Lässt sich bei der Auswertung der zur Verfügung stehenden Quellen zum historischen Jesus das Bild des politischen Aufrührers plausibel machen? Auch das Lesen der Quellen »gegen den Strich« kann interessegeleitet sein.