29. Oktober 2011

Der »Weltbild-Skandal«

Fromme Katholiken, die seit Jahren dem »Weltbild-Skandal« auf der Spur sind, erzielten in den vergangenen zwei Wochen erstmals eine öffentliche Wirkung für ihr Anliegen. Zum Sortiment des Verlags Weltbild, das sich im Besitz deutscher Diözesen befindet, gehören auch erotische Titel (pornographische eher nicht, der Verlag wehrt sich jedenfalls in einer Pressemitteilung gegen diesen Vorwurf). Der Verlag Droemer-Knaur, an dem Weltbild 50 % hält, produziert gar solche Literatur. Nachdem auf buchreport.de ein entsprechender Hinweis erschien, hat sich kath.net der Sache angenommen. Allerdings springen sonstige Medien nicht so recht auf das Thema an, weshalb man selbst dafür sorgen muss, dass der Skandal nicht versandet. Zu diesem Zweck sind die Seiten von Weltbild und Droemer-Knaur ständig mit unanständigen Suchbegriffen zu durchforsten, damit gezeigt werden kann, dass zugesagte Filter nicht funktionieren und das Angebot nach wie vor Treffer liefert, die man eigentlich nicht sehen will (s. hier oder hier, jeweils am Artikelende). Diese besondere Form der Selbstkasteiung hat den Nachteil, dass sie sich leicht einem Verdacht aussetzt.

25. Oktober 2011

Welche Note hätte Paulus in »Schönschrift« bekommen?

Obwohl sich die Forschung durchaus darum bemüht hat, die Bildung des Paulus genauer zu bestimmen, sind bislang keine Schulzeugnisse aus Tarsus aufgetaucht. Wir müssen die Frage also auf indirektem Weg beantworten. Einen Ansatzpunkt bietet Gal 6,11, wenn man sich nicht an die Einheitsübersetzung hält, die den Vers folgendermaßen wiedergibt:
»Seht, ich schreibe euch jetzt mit eigener Hand; das ist meine Schrift.« 
Dies ist eine sehr freie Übersetzung des griechishen Textes. Die Elberfelder Bibel ist näher am ursprünglichen Wortlaut, wenn sie übersetzt:
»Seht, mit was für großen Buchstaben ich euch mit eigener Hand geschrieben habe!«
Die Verwendung der Vergangenheitsform (»geschrieben habe«) deutet nicht darauf hin, dass Paulus den ganzen Brief eigenhändig geschrieben hätte. Zwei Beobachtungen sprechen gegen eine solche Folgerung. (1) Die Aufforderung »Seht!« deutet auf etwas hin, was für diese Stelle gelten muss, und nicht für den ganzen Brief. Die Vergangenheitsform erklärt sich aus den Besonderheiten des Briefstils: der Verfasser denkt von den Lesern aus; wenn sie den Brief lesen, ist der Schreibvorgang bereits Vergangenheit. (2) Wir wissen aus anderen Stellen, dass Paulus seine Briefe nicht selbst aufgeschrieben, sondern diktiert hat. In Röm 16,22 grüßt Tertius, der Schreiber des Briefes die Adressaten in Rom. Am Ende des 1. Korintherbriefs setzt Paulus einen eigenhändigen Gruß hinzu (1Kor 16,21). Im Philemonbrief bekräftigt er seine Aussage, für eventuelle Schädigungen des Philemon durch den Sklaven Onesimus aufzukommen, durch einen eigenhändigen Vermerk (Phlm 19).
 

Warum erwähnt Paulus, dass er mit großen Buchstaben schreibt? Recht häufig wird in der exegetischen Literatur die Ansicht vertreten, der Apostel wolle durch die Großschrift darauf hinweisen, dass jetzt besonders Wichtiges folge. Da aber die Aufmerksamkeit schon durch den ausdrücklich vermerkten Schriftwechsel genügend geweckt wird (Paulus schreibt jetzt »mit eigener Hand«), scheint mir diese Erklärung nicht die nächstliegende zu sein - auch wenn man zugeben muss, dass eine sichere Deutung kaum möglich ist. Aber warum einen Hintersinn in der Bemerkung des Paulus suchen? Man kann, wie das in der Exegese auch vorgeschlagen wird, einfach an den banalen Sachverhalt denken, dass ein ungeübter Schreiber zur Produktion von großen Buchstaben neigt. Ein bisschen Selbstironie kann man Paulus durchaus zutrauen, wie das bereits Hans Lietzmann in seiner Auslegung getan hat: Paulus »schreibt mit großen Zügen und lächelt hier über seine ungelenke Schrift«. In dieses Bild fügt sich auch die Tatsache gut ein, dass Paulus seine Briefe diktiert hat.

Es ist also nicht damit zu rechnen, dass Paulus in »Schönschrift« eine gute Note erhalten hätte. Dass man ihm aber überhaupt eine Note in diesem Fach hätte geben können, dürfte ihn unter den Aposteln besonders auszeichnen.

17. Oktober 2011

Who's who (8) - Lösung

Biblische Personen in ungewohnter Beschreibung. Heute eine männliche Gestalt aus dem Neuen Testament.

Der Gesuchte gehört einer Berufsgruppe an, die sich nie besonderer Beliebtheit erfreute, heute allerdings nicht mehr so willkürlich agieren kann wie zur Zeit Jesu ... der ganze Text im unten stehenden Post; zur Lösung geht's hier weiter.

15. Oktober 2011

Who's who? (8) - Rätsel

Biblische Personen in ungewohnter Beschreibung. Heute eine männliche Gestalt aus dem Neuen Testament.

Der Gesuchte gehört einer Berufsgruppe an, die sich nie besonderer Beliebtheit erfreute, heute allerdings nicht mehr so willkürlich agieren kann wie zur Zeit Jesu. Die gebräuchliche Wiedergabe des Berufs in deutschen Bibelübersetzungen ist etwas irreführend, was sich aber insofern verschmerzen lässt, als der Beruf im Bereich des nach einem Luxemburger Winzerdorf benannten Abkommens aus der Alltagserfahrung weithin verschwunden ist. Der Gesuchte hat seinen angestammten Beruf aufgrund eines überraschend ergangenen Stellenangebots aufgegeben, obwohl ihm dieses Angebot keinerlei wirtschaftliche Vorteile bieten konnte. Offensichtlich hatte der Headhunter eine bezwingende Überzeugungskraft. Welchen Namen die gesuchte Person trug, ist nicht eindeutig überliefert. Manchmal wird einfach behauptet, er habe zwei Namen gehabt – eine Verlegenheitsauskunft, die nicht nur den Standards heutiger Einwohnermeldeämter nicht genügt. Obwohl er selbst es nicht behauptet hat, wird der Gesuchte auch als Schriftsteller bezeichnet. Nach heutiger Forschungslage trifft das aber nicht zu. Allzu viel ist im Neuen Testament über ihn nicht überliefert, jedoch ist er in dieser Hinsicht im Kreis seiner neuen, in der Zahl überschaubaren Kollegen keine Ausnahme. Wichtiger als das Profil der Einzelpersonen ist dem Neuen Testament die Funktion der Gruppe, zu der der Gesuchte nach seinem Berufswechsel gehört hat.

Ausführliche Lösung in Kürze.

11. Oktober 2011

Die Gutmenschen und der Bußprediger Jesus

In einer Artikelserie schildert Christian Sieberer, wie es einem »ganz normalen Pfarrer«, für den der Pfarrer von Ars »Vorbild und Norm« ist, »in einer ganz normalen Pfarre« ergeht. Möglicherweise hängen die Schwierigkeiten, die ein solcher Pfarrer erlebt (s. dazu den 6. Teil der Serie), auch mit einer gewissen Ungleichzeitigkeit zusammen: Kann man die Pastoral am Beginn des 21. Jahrhunderts an einem Vorbild aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausrichten? Aber das ist hier nicht das Thema.

Im siebten Teil der Serie befasst sich der Autor mit dem Vorwurf, ein derartig normaler Pfarrer sei ein Spalter. Er versucht diesem Vorwurf satirisch zu begegnen, indem er das Auftreten Jesu und die ganze Kirchengeschichte als ein Geschehen beschreibt, dem man Spaltung vorgehalten habe. Wer ist Urheber der Beschwerde? Es sind die Gutmenschen, die sich bereits am »politisch völlig inkorrekten Sendungsbewusstsein« Jesu gestoßen hätten und es nun auch Papst Benedikt XVI. gegenüber tun, »der die unbeschwerte Welt der Relativisten durch seine Diktatur der Vernunft entzweite«. 

Wie in den Nebenwirkungen auf diesem Blog ausgeführt, setzt das Heilmittel der Satire ein bestimmtes Leiden voraus. Da ich offensichtlich nicht an denselben Dingen leide wie Pfarrer Sieberer, kann mir sein Beitrag nicht helfen. Er ist für andere Leute geschrieben. Deshalb will ich nur auf zwei Aspekte eingehen, die mit meinem Fach zusammenhängen. Der erste betrifft den Umgang mit biblischen Texten, der zweite das Bild der Verkündigung Jesu.

6. Oktober 2011

Stimmung machen

Ein kleiner Nachschlag zum Thema »Medien und Papst« aus gegebenem Anlass: Armin Schwibach hat die Papstberichterstattung aufs Korn genommen. Der Text ist dankenswerterweise als Satire gekennzeichnet (anders als ein anderer Beitrag zum Papstbesuch auf kath.net, zu dem ich - offenbar irrtümlich - meinte, der Redaktion sei eine Satire untergeschoben worden). Präsentiert wird eine Anweisung an Journalisten, wie über den Papst zu berichten sei, um Stimmung gegen ihn zu machen. Der Versuch ist etwas breit geraten, da insgesamt 70 Regeln genannt werden: ein »Dekalog mit Unterpunkten«, wie es zu Beginn heißt.

4. Oktober 2011

»Hosianna« oder »Kreuzige ihn«?

Gegensätzliche Wahrnehmungen zum Verhältnis von Medien und Papst 

Dass die Welt sehr unterschiedlich erlebt werden kann, legt sich uns Menschen nicht nur durch die Anziehungskraft nahe, die Stinkmorcheln auf Mistkäfer ausüben. Wir wissen darum, dass die Geschmäcker verschieden sind und man darüber nicht streiten kann. Da aber nicht alles Geschmacksfrage ist, können unterschiedliche oder gar gegensätzliche Wahrnehmungen auch verstörend wirken. Betrachtet man, wie das Verhältnis der Medien zum Papst und seinem Deutschlandbesuch bestimmt wird, so gehen die Urteile extrem auseinander – wie wenn eine Stinkmorchel einmal mit den Rezeptoren des Mistkäfers, das andere Mal mit der menschlichen Nase gerochen würde.

2. Oktober 2011

Christus und die Zeitrechnung

In Zeiten, in denen sich angeblich ein Land oder gleich das ganze Abendland selbst abschafft, reagiert man übersensibel auf Nachrichten, denen zufolge vertraute Symbole verschwinden sollen. Die Abneigung gegen eine political correctness wittert schnell Unterwerfung unter ein Neutralitätsdiktat, das der Preisgabe der eigenen kulturellen Identität gleichkomme. Nun können manche Formen der political correctness tatsächlich etwas lästig sein. Dies berechtigt aber nicht dazu, Sprechverbote zu beklagen, die gar nicht bestehen. Dies ist in einem Artikel des Berliner Tagesspiegels geschehen, der, aus trüben Quellen gespeist, kritisiert, die BBC habe »Christus« aus der Zeitrechnung gestrichen. Dass dies nicht zutrifft, ist anderer Stelle dokumentiert (bildblog.de). Mir geht es hier um etwas anderes, zugegebenermaßen etwas Oberlehrerhaftes (aber wenn es um die Rettung des Abendlandes geht, muss das hinnehmbar sein).