Wunder und »Kinderglaube«

In den Kommentaren wurde neulich angeregt, hier auf einen Gastbeitrag von Eduard Habsburg auf kath.net einzugehen, der vor allem die Haltung zur Historizität von Wundererzählungen im Neuen Testament behandelt. Aufhänger ist das Erlebnis eines Theologiestudenten: Er wurde auf seine Frage, ob die Geschichte von der Brotvermehrung nicht doch in der Form historisch sein könne, wie sie im Neuen Testament erzählt werde, von einem Professor mit den Worten abgekanzelt, er solle endlich seinen lächerlichen Kinderglauben ablegen. Der Autor fragt daraufhin:
»Ist es 'lächerlicher' 'Kinderglaube', darauf zu vertrauen, dass die Ereignisse des Lebens Jesu sich in etwa so abgespielt haben, wie das Neue Testament sie berichtet?«
Und er lehnt eine solche Konsequenz aus drei Gründen ab.
(1) Aus der Inspiration der Texte folgert er, deren Sinn könne nicht erst nach knapp 1900 Jahren gefunden werden, und dies in einer Weise, »dass in vielen Fällen eigentlich das Gegenteil vom Wortlaut wahr ist. Und dass Gott zugelassen hätte, dass viele viele Generationen ahnungslos den Texten vertraut haben (diese Narren).« (2) Das II. Vatikanum hat die geschichtliche Zuverlässigkeit der vier Evangelien bekräftigt, wenn es heißt, dass »die vier genannten Evangelien, deren Geschichtlichkeit sie (=die Kirche) ohne Bedenken bejaht, zuverlässig überliefern, was Jesus, der Sohn Gottes, in seinem Leben unter den Menschen zu deren ewigem Heil wirklich getan und gelehrt hat bis zu dem Tag, da er aufgenommen wurde (vgl. Apg 1,1-2).« (Dei verbum 19). (3) Auch die »neuere Forschung« bestätigt, »dass wir den Evangelien wirklich trauen können, auch bei so 'mythischen' Ereignissen wie den Wundern oder der Auferstehung Jesu«.

Ich würde es auch nicht als »lächerlichen Kinderglauben« bezeichnen, wenn jemand kein Problem damit hat, alle Erzählungen der Evangelien als historisch zutreffend anzunehmen. Von einem Theologiestudenten muss man allerdings erwarten, dass er sich den Einwänden gegen eine solche Sicht stellt. Es ist Aufgabe der Theologie, den Glauben rational zu verantworten - und dazu gehört, nach dessen Aufkommen, auch die Auseinandersetzung mit dem historischen Denken. Theologen werden gewöhnlich mit Anfragen zur historischen Zuverlässigkeit der Evangelien konfrontiert. Und dann sollten sie mehr sagen können, als die drei Gründe, die der Autor des besprochenen Beitrags anführt, um das Vertrauen in die Historizität der Evangelien von einem »lächerlichen Kinderglauben« abzusetzen. 


»Das haben wir schon immer so gemacht!« 

Das erste Argument verbindet eine inspirationstheologisch verbrämte Fassung des Gedankens »des hammer scho immer so gmacht« mit einer Verzerrung der Haltung früheren Generationen gegenüber. Die Schriften des Alten und Neuen Testaments zu verstehen ist eine Aufgabe, der sich jede Generation in der Kirche stellen muss. Ändern sich die Rahmenbedingungen des Verstehens, wie das in unseren Breiten mit der Relativierung überkommener Traditionen und Autoritäten seit der Zeit der Aufklärung der Fall war, lässt das die Lektüre der heiligen Schriften nicht unberührt - es sei denn, man taucht in eine Sonderwelt ab (indirekt gibt dies Eduard Habsburg auch zu, wenn er im Blick auf die Wunder Jesu sagt, es sei »im Jahr 2012 schwer geworden, an all das zu glauben«). Dass frühere Zeiten die Evangelien fraglos als historisch zutreffend verstanden haben, ist also kein Argument dafür, dass es auch heute so sein müsse. Ein historisch-kritischer Zugang bedeutet ja auch nicht, die vorhergehenden Generationen zu Narren zu erklären, weil sie einen anderen Horizont hatten. Gerade historisches Denken wird die Rahmenbedingungen achten, unter denen frühere Zeiten die biblischen Schriften gedeutet haben. Und es wird auch die Vorläufigkeit der eigenen Position erkennen: Spätere Zeiten werden unter neuen Bedingungen zu anderen Ansätzen kommen. Anders gesagt: Es geht nicht darum, dass jetzt die Wahrheit gefunden wäre, während früher alle Verstehensversuche in die Irre gingen. Aber auch wenn diese für ihre Zeit richtig waren, können wir sie heute doch nicht einfach wiederholen.

Evangelien als Geschichtsberichte?

Das zweite Argument basiert auf einer groben Vereinfachung. Der zitierte Satz aus Dei verbum 19 bedeutet nicht, dass wir die Evangelien als Geschichtsberichte lesen könnten oder sollten. Die (nicht mehr zitierte) Fortsetzung macht das deutlich: 

Die Apostel haben nach der Auffahrt des Herrn das, was er selbst gesagt und getan hatte, ihren Hörern mit jenem volleren Verständnis überliefert, das ihnen aus der Erfahrung der Verherrlichung Christi und aus dem Licht des Geistes der Wahrheit zufloß. Die biblischen Verfasser aber haben die vier Evangelien redigiert, indem sie einiges aus dem vielen auswählten, das mündlich oder auch schon schriftlich überliefert war, indem sie anderes zu Überblicken zusammenzogen oder im Hinblick auf die Lage in den Kirchen verdeutlichten, indem sie schließlich die Form der Verkündigung beibehielten, doch immer so, daß ihre Mitteilungen über Jesus wahr und ehrlich waren. Denn ob sie nun aus eigenem Gedächtnis und Erinnern schrieben oder auf Grund des Zeugnisses jener, 'die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes waren', es ging ihnen immer darum, daß wir die 'Wahrheit' der Worte erkennen sollten, von denen wir Kunde erhalten haben (vgl. Lk 1,2-4).
Es wird also nicht nur berichtet, sondern im Licht des Osterglaubens gedeutet (»mit jenem volleren Verständnis überliefert, das ihnen aus der Erfahrung der Verherrlichung Christi und aus dem Licht des Geistes der Wahrheit zufloß«). Entsprechend ist »Wahrheit« auch keine rein geschichtlich-faktische im Blick auf das Wirken Jesu, sondern betrifft den Inhalt der Christusverkündigung. 

Einfach pauschal die historische Zuverlässigkeit der Evangelien zu behaupten kann angesichts der erheblichen Differenzen zwischen den vier Werken nicht überzeugen. Neben vielem anderem wäre zu klären, warum die öffentliche Verkündigung Jesu im Johannes-Evangelium einen ganz anderen Inhalt hat als bei den übrigen drei Evangelien. Dass die historische Rückfrage das Augenmerk auf Differenzen legt und nicht von der historischen Harmonisierbarkeit aller Überlieferungen ausgeht, kann auch zu einem vertieften Verständnis etwa des Johannes-Evangeliums führen: die Frage, wer Jesus für die Glaubenden ist (nicht: wie er war), zeigt sich als der entscheidende Angelpunkt dieses Werks.

Neue Trends in der Jesusforschung?

Das dritte Argument kann nur auf einer sehr ausschnitthaften Wahrnehmung dessen beruhen, was »neuere Forschung« ist. Man wird immer Autoren finden, die die Sicht stützen, man könne den Evangelien auch in den »mythischen Ereignissen« historisch trauen (einer von ihnen, Michael Hesemann, hat sich auch in den Kommentaren zu dem besprochenen Beitrag gemeldet). Aber als pauschale Behauptung über einen Forschungstrend ist die Aussage sicher falsch.

Differenzierungen in der historischen Rückfrage

Wenn es um die historische Beurteilung der überlieferten Wunder Jesu geht, kann man sich also nicht einfach auf die Zuverlässigkeit der Evangelien berufen. Gewöhnlich wird in der historischen Jesusforschung differenziert zwischen den Krankenheilungen und Dämonenaustreibungen einerseits und jenen Wundern, die man mit einem nicht ganz passenden Begriff als »Naturwunder« bezeichnet hat. Während man an der heilenden Tätigkeit Jesu gewöhnlich nicht zweifelt, wird die zweite Gruppe in historischer Hinsicht meist skeptisch beurteilt. Dies liegt aber nicht einfach daran, dass solch skeptische Forscher sich ein Wunder wie den Seewandel, die Stillung des Sturms oder die Brotvermehrung einfach nicht vorstellen könnten. Vielmehr gibt (1) die Überlieferungslage und (2) die konkrete Gestaltung solcher Geschichten Anlass zu der Annahme, dass ihre Wahrheit auf einer anderen als der historischen Ebene angesiedelt ist. 

Zunächst zur Überlieferungslage: Während Heilungen und Exorzismen auch in Jesusworten eine Rolle spielen (Lk 11,20; Mt 11,5), in Sammelberichten als Schwerpunkt des Wirkens Jesu erscheinen (z.B. Mk 3,1ßf), im Zusammenhang der Aussendung der Jünger genannt werden (Mk 6,7.13) und sich grundsätzlich gut einpassen in die Botschaft Jesu vom angebrochenen Reich Gottes, sind die »Naturwunder« bis auf eine Ausnahme auf die einzelnen Erzählungen beschränkt: Jesus äußert sich nicht über sie und auch sonst wird in den Evangelien das Bild Jesu nicht in diese Richtung verstärkt (wie das bei Heilungen und Exorzismen der Fall ist). Die eine Ausnahme ist Mk 8,17-21, wo im Gespräch zwischen Jesus und den Jüngern auf die beiden Brotvermehrungen Bezug genommen wird. Im Mittelpunkt des Interesses steht allerdings die Tatsache, dass die Jünger Jesus nicht verstehen. Und dies ist ein so markant markinisches Thema, dass jener Abschnitt meist auf den Evangelisten zurückgeführt wird.

Die Art, wie in den »Naturwundern« das Bild Jesu gestaltet wird, bestärkt den Eindruck, dass es diesen Erzählungen nicht um einen Bericht geht, sondern darum, das Christusbekenntnis narrativ zu entfalten. Es lässt sich z.B. zeigen, dass die Geschichte von der Stillung des Seesturms vor dem Hintergrund von Jon 1 erzählt ist und Motive aufgreift, die im Alten Testament mit der Macht Gottes verbunden sind. So wird erzählt, was der Osterglaube bekennt: Jesus ist durch die Auferweckung in göttliche Macht eingesetzt (Röm 1,3f), er 
ist mehr als Jona (Mt 12,41). Man könnte auch sagen: In der Geschichte von der Stillung des Sturmes werden Glaubenserfahrungen erzählerisch umgesetzt; nicht Erlebnisse, die die Jünger mit Jesus gemacht haben, sondern Erfahrungen, die die Glaubenden mit dem erhöhten Christus machen. Diese Geschichten sind also auch nicht einfach erfunden. So gelesen, ist es im Übrigen auch viel einfacher, solche Wundererzählungen zu »aktualisieren«. Wenn es in ihnen schon immer darum ging, Glaubenserfahrungen auszudrücken, ist die Frage, wo man selber in diesen Geschichten vorkommt, keine sachfremde Frage; sie liegt vielmehr ganz auf der Linie dieser narrativen Christologie. 

Narrative Christologie

Diese kann man auf zwei Arten verfehlen. Zum einen durch das, was man »rationalistische Wunderauslegung« genannt hat: das Wunder wird auf einen Vorgang reduziert, den man sich vorstellen kann, und ihm so alles Wunderhafte genommen. Jesus ging am Ufer, die Jünger meinten nur, dass er auf dem Wasser gehe; der Sturm beruhigte sich gerade zu der Zeit, als Jesus aufstand; die Brotvermehrung beruht auf dem Wunder, dass die Leute ihre Vorräte geteilt haben. Solche Auslegungen haben mit den Erzählungen nicht mehr viel zu tun. Zum andern läuft auch das Beharren auf der Historizität dieser Geschichten Gefahr, ihre Botschaft zu verpassen. Dann müssen nämlich die unterschiedlichen Gestaltungen ein und derselben Geschichte in den Evangelien auf ein Geschehen hin eingeebnet werden, der Reichtum biblischer Erzählungen geht verloren. Außerdem dominiert die Frage nach dem Ereignis so sehr, dass die christologischen Motive leicht übersehen werden. Vor allem besteht die Gefahr, jene Lesarten abzuwerten, die auf die Annahme eines historischen Kerns solcher Wundergeschichten verzichten und auf deren christologische Botschaft abheben.

Solange solche Abwertung nicht geschieht, ist auch nichts einzuwenden gegen ein historisches Verständnis der »Naturwunder«. Wer damit keine Schwierigkeiten hat, dem müssen sie nicht beigebracht werden. Nur wenn sich ein historisches Verständnis zum Maß aller Auslegung aufschwingt, kann und muss man aus exegetischer Sicht widersprechen.

Kommentare

gouv hat gesagt…
Wer damit keine Schwierigkeiten hat, dem müssen sie beigebracht werden.
Da fehlt mE ein "nicht".
Gerd Häfner hat gesagt…
Sie haben ganz recht, vielen Dank! Der Fehler ist jetzt korrigiert.
Gerhard Mentzel hat gesagt…
Danke Herr Prof. Häfner. Denn auch dieser Beitrag macht wieder deutlich, dass es Zeit wird, auf neue Weise über das historisch-hoheitliche Wesen Jesus nachzudenken. Ohne das bisherige Verständnis zu verurteilen, das bis zur Aufklärung getragen, so einen aufgekärten Verstand erst ermöglicht hat.

"Es ist Aufgabe der Theologie, den Glauben rational zu verantworten - und dazu gehört, nach dessen Aufkommen, auch die Auseinandersetzung mit dem historischen Denken."

Doch wer war für die damaligen Denker, denen wir das NT, wie die Christologie verdanken und die die griechischen Philosophen (ob Heraklit, Sokrates oder Platon) als eine Art frühe Christen sahen (auch wenn sie gegen die rein philosophische Sicht der schöpferischen Vernunft polemisierten)Jesus bzw. das Brot des Lebens, von dem nach damaliger Sicht auch das AT handelte?

Können wir den Vätern der Kirche in ihrer Bezugnahme auf die griechischen Denker, die sie bereits als eine Art Christen sahen oder auch die Propheten bzw. jüdische Weisheitslehrer, auf die sie sich beriefen, weiter unterstellen, sie alle wären die Anhänger von dem gewesen, der heute als der einzig historische Jesus gilt?

War gar ein junger Heilsprediger, wie er heute an den Hochschulen als einzig historisch gesehen wird, die Grundlage der griechischen oder jüdischen Denker, auf die sich die anfänglichen christlichen Verfasser in ihrer Christologie bzw. der Rede von Jesus beriefen?

Oder war die damals definierte Vernunft in ihrem menschlichen und schöpferischen Wesen das geschichtliche Thema, das weitergeführt wurde und die Welt im Westen durch die klare Gestalt in Kanon und Kirche, als das Fleisch Jesus, so weitergebracht hat?

Wenn aber der christliche Glaube, wie er bisher galt, der Welt keine Bestimmung mehr gibt, die Christologie zu einer Sonderlehre geworden ist, an die die Prediger oft selbst nicht mehr glauben bzw. als ein vom historischen Wesen Jesus unabhängige Glaubenstheorie betrachten.
Wie können Sie es theologischer Wissenschaftler, der den Glauben im Licht der Geschichte betrachten und nach ihren Worten rational verantworten soll, weiter als einzige Hypothese gelten lassen, die damaligen Denker hätten einen jungen Heilsprediger als himmlisches Brot oder hoheitlichen universalen Offenbarer, einzigen Weg und Wahrheit oder lebendiges Wort geglaubt?

Warum kann die Brotvermehrung keine wahre Geschichte sein, wenn sie von der schöpferischen Vernunft aus gelesen wird, die in geschichtlicher Realität am Anfang der Gegenstand der Diskussion/ unterschiedlicher Definitionen war, in Bezug auf den jüdischen Glauben als "Jesus" galt?

Warum sollen die Evangelien nur eine Sonntagsliteratur zur Erbauung gutgläubiger Menschen sein, die an alten Mythen von einem Gottmenschen bzw. einen charismatischen jungen Juden als Offenbarer glauben und die historisch-kritische Sicht beiseite lassen, wenn wir wissen, dass am geschichtlichen Anfang die Vernunft war und als Jesus definiert bzw. gesehen wurde: historisch war und echt messianisch wirkte?




Meistgelesen

Das Bier im Kühlschrank und die Theologie

Zu Mk 5,1-20: Der Besessene von Gerasa

Die eingebildete »Entgöttlichung Christi«