Sonntagsevangelium (49)

30. Sonntag im Jahreskreis (B): Mk 10,46-52

Die Geschichte von der Heilung des blinden Bartimäus hat einige auffallende Merkmale, die sie von anderen Wundererzählungenen unterscheidet. Jesus fragt, was der Blinde von ihm will (10,51) – ein einmaliger Erzählzug in den Wundergeschichten der Evangelien. Es findet sich auch kein eigentliches Heilwort im Mund Jesu, sondern nur der Zuspruch: »Dein Glaube hat dich gerettet« (10,52). Dass eine Bitte um Heilung erscheint, entspricht dem typischen Muster von Heilungswundergeschichten; nicht aber, dass sie sich fast über die ganze Geschichte hinzieht (10,47-51).


Diese Besonderheiten dienen alle dazu, das Motiv des Glaubens zu betonen. Die Bitte um Heilung ist erzählerisch stark entfaltet, weil sich Bartimäus nur gegen den Widerstand der Menge zu Jesus durcharbeiten kann. Dass er trotzdem nicht nachgibt, zeigt seinen Glauben, sein Vertrauen darauf, dass Jesus ihn heilen kann. Die Frage Jesu an Bartimäus, was er von ihm wolle, führt dazu, dass der Blinde sein Vertrauen vor Jesus äußert. Und so spricht ihm Jesus die Heilung aufgrund des Glaubens zu.

Dass Bartimäus Jesus auf dem Weg folgt, demonstriert nicht nur die Heilung. Markus verwendet hier das Wort nachfolgen: Der glaubende Geheilte ist in die Nachfolge Jesu getreten, auf einem Weg, der nach Jerusalem führt (11,1) – und damit in die Passion.

Dieser Zusammenhang bestärkt den Eindruck, dass den beiden Blindenheilungsgeschichten (s.a. 8,22-26) im Markus-Evangelium metaphorische Qualität zukommt. Sie finden sich an kompositionell wichtigen Punkten der Erzählung: zum einen vor dem Großabschnitt, der besonders der Jüngerbelehrung gewidmet ist (8,27-10,52), zum andern an dessen Ende. Vor der ersten Blindenheilung wird sehr stark das Unverständnis der Jünger betont (8,15-21) – ein Motiv, das auch den genannten Großabschnitt bestimmt, wie manche Evangelienlesungen der letzten Sonntage gezeigt haben (s. hierhier und hier).

So verweist die Blindheit in jenen Erzählungen auf das Nichtverstehen der Jünger. Die Heilung dieser Blindheit bedeutet, wie die Figur des Bartimäus anzeigt, Einsicht in den Weg Jesu ans Kreuz. Petrus hatte diese Einsicht noch nicht erreicht (8,32); auch die Frage, die die Jünger beim Abstieg vom Berg der Verklärung beschäftigt, ist in diesem Sinn zu verstehen: Wer mit der Rede von der Auferstehung des Menschensohns nichts anfangen kann (9,9f), dem bleibt auch die Passion ein Rätsel. Für die Jünger löst es sich nicht vor Ostern auf; den Lesern des Evangeliums aber wird in der Bartimäus-Geschichte (vor allem durch die Einfügung unmittelbar vor dem Einzug in Jerusalem) ein Hinweis gegeben, dass zum rechten Verständnis der Person Jesu der Blick auf das Kreuz gehört und auf seiten der Glaubenden die Bereitschaft zur Kreuzesnachfolge (s.a. 8,34). 

Kommentare

Gerhard Mentzel hat gesagt…
Sehr geehrter Herr Prof. Häfner,

es ist sehr interessant, wie Sie hier die Blindenheilung mit dem Verständnis der Jünger in Verbindung bringen und dann auch noch auf die Uneinsicht des Petrus über die Heilsbedeutung (die Person) Jesus Bezug nehmen.
Denn auch bei den Jünger-Gestalten, in denen die Probleme des anfänglichen Verständnisses zum Ausdruck gebracht wurden, wird m.E. das Problem unseres heutigen Jesus-Verständnisses deutlich: Selbst den Synoptikern (die ja der eigentliche Lieferant für das buchstäbliche Verständnis rein menschlicher Gestalten sind) wird unterstellt, sie würden nicht von historischen Personen sprechen, sondern einem theologische Geschehen Gestalt geben.

In "Bibel und Kirche" lese ich gerade über "Die Gewänder des Petrus" bzw. die verschiedenen Rollen, die er für die frühen Verfasser, ob von ihm oder in seinem Namen schreibenden theologischen Denker hatte. Jeder Ihrer Kollegen beschreibt, wie in Petrus verschiedene Sinnbilder für das Problem in der Nachfolge Jesus, den Sprecher dieser Jünger... zum Ausdruck gebracht wurde. Jeder Ihrer Kollegen macht deutlich, wie in Petrus ein theologisches Programm dargelegt wurde. Auch wenn nach den verschiedenen Bezeichnungen Petrus und ihrer Entwicklung gefragt wird. Dann wird nicht nach den zufälligem Namen eines Fischer gesucht, der mit einem Wandercharismatiker Namens Jesus befreundet war, sondern dem Programm, das damit in einer Symbolfigur für das menschliche Unverständnis und gleichzeitig das Sprachrohr der Nachfolge, den Felsgrund der Kirche zum Ausdruck gebracht wurde. Bultmann, der in Petrus eine Personifikation der kath. Kirche sah, mag der Vergangenheit angehören. Wissen wir doch, dass die Kirche erst später erwuchs, am Anfang vielfältige hochintellektuelle Bewegungen in heftiger Diskussion waren. (In denen übrigens der mit seiner Frau ziehende Fischerfreund eines hingerichteten Religionsrebellen nicht die geringste Mission eines nun universalen Monotheismus bewirkt hätte bzw. damit nicht in Verbindung zu bringen ist.) Aber auch wenn Petrus nicht allein Sinnbild für die Kirche ist. Dass es den verschiedenen im Namen Petrus sprechenden oder ihn beschreibenden Verfassern nicht um den geht, der trotzdem als der historische gehalten wird, sondern hier die in der Kirche mündende Nachfolge mit ihren Problemen personifiziert bzw. theologische Inhalte zum Ausdruck gebracht wurden, spricht aus all ihren Kollegen, die in der Publikation des kath. Bibelwerkes schreiben.
Verstehen wird daher den Felsgrund der Kirche und seinen von Blindheit heilenden Meister wirklich, wenn wir nur nach einem historischen Fischer fragen, um den es keinem der Verfasser und an keiner Stelle der theologischen Texte ging? Wie können wir alle Texte als eine hohe Theologie auswerten, dabei selbst die bisher das banale (buchstäbliche) Bild liefernde Berichte von Markus & Co. als Pseudographien, nicht vom historischen Petrus handelnd abtun wollen , nur um weiter in buchstäblicher Weise an zweieinige historische Gestalten zu glauben?

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