2. Juni 2013

Der Exegesefälscher

Klaus Berger, »emeritierter Professor für Neutestamentliche Theologie, übt scharfe Grundsatzkritik an der historisch-kritischen Methode der Bibelauslegung« – so wird ein Interview angekündigt, mit dem anscheinend das neueste Buch aus Bergers Feder beworben werden soll: Die Bibelfälscher. Wie wir um die Wahrheit betrogen werden, München 2013 (s. hier). Auch wenn man Werbemaßnahmen eine gewisse Einseitigkeit und plakative Sprache zugesteht, wundert man sich doch, welche Register in diesem Interview gezogen werden. Wie kann ein so gelehrter Mann wie Klaus Berger eine derart plumpe Polemik vom Stapel lassen? Man könnte seine Einlassungen geradezu für eine Satire auf die Kritik an der Bibelkritik halten. Sie scheinen aber tatsächlich ernst gemeint zu sein.


Der Intuitivtatistiker und Ursachenfühler

Berger weiß, dass »viele Theologiestudenten« ihr Studium abbrechen, »weil sie während des Studiums ihren Glauben verlieren«. Hauptsächlicher Grund ist die an den Universitäten betriebene Bibelauslegung. Jede Fakultät, die froh wäre, etwas über Gründe von Studienabbrüchen zu erfahren, kann sich in Zukunft an die Klaus Berger TheoConsult wenden. Dort verfügt man offensichtlich über gefühltes Datenmaterial, das zu weitreichenden Schlussfolgerungen Anlass gibt. Mit genaueren Mengenangaben hapert es zwar ein wenig (wie viele sind denn »viele Theologiestudenten«?), aber davon lässt sich ein großer Geist nicht stören. Immerhin wird er in einer anderen Frage noch etwas präziser:
»Die meisten Professoren leben ohne jeden Bezug zur Gemeinde und nur die wenigsten sind zuvor selbst Pfarrer gewesen.« 
Woher weiß er das? Den zweiten Teil der Aussage wahrscheinlich aus der eigenen Biographie. Offensichtlich steht Berger in intensivem Austausch mit den so harsch kritisierten Kollegen, weiß er doch gar um ihre Motivation für die akademische Laufbahn:
»Ich kenne viele Theologen, die aus Angst vor dem Pfarrerberuf Professor geworden sind. Als Pfarrer erfährt man die Korrektur der Gemeinde, als Professor genießt man weitgehend Narrenfreiheit.« 
Herauszufinden, wie viele »viele« sind, bleibt uns erneut ebenso überlassen wie die Lösung des Rätsels, wie die Angst vor einem Beruf zu Promotion und Habilitation befähigt.

Wahrscheinlich hat diese seltsame Spezies der Exegeten anthropologische Parameter, die vom Rest der Menschheit abweichen. Sie kommen nämlich nicht über das Stadium des Zweitsemesters hinaus,
»der zu Weihnachten nach Hause kommt und seiner Verwandtschaft erklärt, was in der Bibel alles erfunden ist«. 
Wie mächtig aber diese spätpubertären Aufklärer sind! »Besonders eindrücklich« ist »das Wirken des holländischen Theologen Gustaaf Adolf van den Bergh van Eysinga (1874–1957)«. Dem ist es durch seine Lehrtätigkeit an der Universität Leiden gelungen, einen »Großteil der herrlichen mittelalterlichen Kirchen des Landes … zu Museen« zu machen. Andere Gründe für Glaubens- und Kirchenkrise kommen nicht in Frage, das hat alles die liberale Theologie eines Theologen angerichtet. Werner Tiki Küstenmacher könnte seine Produktlinie erweitern und Berger als verantwortlichen Leiter für die Marke »simplify your Vorurteil« anwerben.

Der Karikaturist

Die Kritik an der »liberalen Exegese« läuft nach dem Prinzip: Stelle ein Zerrbild her und verkaufe das als Fotografie. Im Klartext: Nimm das schwächste Argument, das du finden kannst, und präsentiere es als Basis der Theorie, die du lächerlich machen willst. Dass die Pastoralbriefe (1./2. Timotheusbiref, Titusbrief) nicht von Paulus stammen, werde, so Berger,
»zum Teil damit begründet, dass diese Briefe die Rechtfertigungslehre des Paulus nicht vollständig wiedergeben«. 
Nun gibt es für die Bestreitung der Authentizität dieser Briefe ganz andere Argumente als diesen in der Tat nicht überzeugenden Gedanken: grundlegende Differenzen in der Gemeindeordnung, in der Sprache, in der Theologie, die sich nicht einfach auf die Fehlanzeigen wie die nicht entfaltete Rechtfertigungslehre beziehen.

Eine ähnliche Verzerrung begegnet in der Darstellung des Zweifels an der Historizität von Vorgängen, die in der Bibel erzählt werden. Dass viele dieser Ereignisse nie stattgefunden hätten, werde damit begründet, dass es für sie keine außerbiblischen Zeugnisse gebe. Tatsächlich spielt dieser Gedanke (mit Recht) eine Rolle bei der Beurteilung der Geschichte vom Kindermord in Bethlehem, ist aber keineswegs ein Standardargument in Fragen der Historizität von biblischen Überlieferungen.

Dass die Orientierung an einer Weltsicht, die nur das naturgesetzlich Erklärbare für wirklich halte, für die Beurteilung der Wunder Jesu entscheidend sei, kann man wohl mit einem Bultmann-Zitat belegen (das allerdings, wenn ich recht sehe, in erster Linie hermeneutisch ausgerichtet ist). Historische Jesusforschung argumentiert anders, z.B.:
– mit der Überlieferungslage: in Jesusworten kommt sein Wunderwirken fast ausschließlich in Bezug auf Heilungen und Dämonenaustreibungen vor; dieselbe Fokussierung zeigt sich in der Jüngeraussendung Mk 6,7-13parr und in Sammelberichten;
– mit der inneren Kohärenz zur Verkündigung Jesu: Passt sich die Wunderüberlieferung in die Botschaft vom Reich Gottes ein?;
– mit der konkreten Gestalt von Wundergeschichten:  Wird in ihnen besonders das inszeniert, was das österliche Christusbekenntnis ausmacht? 

Die Einhaltung oder Durchbrechung von Naturgesetzen hat keine kriterielle Funktion in der historischen Beurteilung der Wunderüberlieferung. Ist dies dennoch das heimliche, uneingestandene Kriterium hinter Entscheidungen zur Historizität der Wunder Jesu? Wer solches behauptet, kommt nur dann über eine freie Spekulation hinaus, wenn er zeigen könnte, dass damit eine Unstimmigkeit der üblichen historischen Argumentation erklärbar würde. Durch das Interview habe ich nicht den Eindruck gewonnen, dass sich Berger in seinem Furor gegen die »liberale Exegese« von einer solchen Aufgabe aufhalten ließe.

Lieber wird der Gegenseite eine bestimmte Gedankenfigur unterstellt, um ihr die Ernsthaftigkeit der Befassung mit dem Bibeltext zu bestreiten. Warum lehnt Ulrich Luz die Geschichtlichkeit der Jungfrauengeburt ab? Nicht weil ihn die Texte zu diesem Urteil führen, sondern weil er »den modernen Menschen«, der mit dieser Glaubenssaussage seine Schwierigkeiten hat, »damit … nicht belasten will«. Dieser Vorwurf bedient ein Stereotyp gegenwärtiger Kritik an Reformdebatten: die Anpassung des Glaubens an den Zeitgeist. Er wird bei einem Publikum, das seine Synapsen mit Denkvorgängen wie »Differenzierung« und »Abwägung« nicht belästigt, seine Wirkung nicht verfehlen. Vielleicht ist die zitierte Plumpheit vor allem ein Verkaufsargument.

Der Problemverschweiger

Dass die Texte zur geistgewirkten Empfängnis Jesu sachgerecht ausgelegt sein könnten, wenn man sie nicht als historische Berichte fasst, erfahren die Leser des Interviews nicht. Die Möglichkeit, dass es einem Text wie der Verkündigungsszene in Lk 1,26-38 darum geht, die Bedeutung des verheißenen Kindes auszudrücken, und er als Bericht gerade nicht gut erklärlich ist (s. dazu hier), kommt ebenso wenig in den Blick wie die Tatsache, dass der neutestamentliche Gesamtbefund zu berücksichtigen ist: Warum spielt die geistgewirkte Zeugung außer in Mt 1 und Lk 1 (und dem Reflex in Lk 3,23) im ganzen Neuen Testament keine Rolle? Warum kommen die drei großen Entwürfe von Markus, Johannes und Paulus ohne diese Aussage aus? Warum ist die Geburt Jesu in Bethlehem ebenfalls so schmal bezeugt, wenn sie denn als historisches Faktum so gut in die Christusverkündigung gepasst hätte? Warum sprechen Überlieferungsstücke in Lk 2 von Josef und Maria als »sein Vater und seine Mutter« (Lk 2,33) bzw. »seinen Eltern« (Lk 2,41.43)? Wie erklären sich die Unterschiede (z.B. keine Weisen aus dem Osten, kein Kindermord, keine Flucht nach Ägypten bei Lukas) und Widersprüche (Maria und Josef wohnten nach Matthäus ursprünglich in Bethlehem) zwischen den Kindheitsgeschichten des Matthäus und Lukas? Warum ist, wenn sie denn über den göttlichen Ursprung Jesu aus erster Hand informiert war, die Familie Jesu nach dem Zeugnis der synoptischen Evangelien am Wirken Jesu ganz unbeteiligt? Wie fügt sich das Jesuswort Mk 6,4 oder die Szene Mk 3,21.31-35 in das Bild der um die geistgewirkte Zeugung Jesu wissenden Familie?

Wer sich angesichts solcher Fragen mit der Antwort zufrieden gibt »Es steht aber in der Bibel«, mag für sich selber damit sein Glück finden; dagegen ist nichts einzuwenden. Aber dies berechtigt nicht dazu, den Zweifel an der Historizität neutestamentlicher Überlieferungen einer porzellanzerschlagenden Exegetenhorde anzulasten, die sich in ihrer Lust an der Scherbenproduktion wie Gäste auf einem Polterabend verhalten und auch noch die »letzte Blumenvase« zertrümmern.

Der Argumentenaufpuster

Die Energie, die Berger bei der Würdigung abgelehnter Positionen einspart, steht zur Verfügung, um platte Aussagen zu Scheinargumenten aufzupumpen. Der Zweifel an der historischen Zuverlässigkeit mancher Überlieferungen im Neuen Testament wird mit dem Hinweis auf die Märtyrer zerstreut: Es gab Zeugen,
»die für ihre Überzeugungen mit ihrem Leben eingestanden sind. Kein Mensch würde aber für eine erfundene Geschichte sterben!« 
Gibt es Menschen, die für eine historisch zutreffende Geschichte sterben? Die Märtyrer setzten ihr Leben für die Wahrheit ihres Glaubens ein, nicht für die Historizität von Jesus-Erzählungen. Was aus dem einen für das andere folgen soll, bleibt dunkel.

Die Frage, was für den (historischen) Wahrheitsgehalt der Wunder Jesu spreche, beantwortet Berger mit dem Verweis auf die Menge der Erzählungen:
»Es gibt neben Jesus keinen zweiten Menschen, von dem so viele und vielgestaltige Wunder berichtet werden. Allein die Fülle dieser Geschichten ist beeindruckend!« 
Selbst dem Interviewpartner, der nicht als Anwalt der historisch-kritischen Exegese auftritt, erscheint die Antwort etwas dürftig, und er fragt zurück: »Ist das als Begründung ausreichend?« Berger hätte darauf antworten können: »Nein, aber ich habe kein besseres Argument.« Stattdessen versteckt er diese Antwort in dem Hinweis, für das Begreifen der Wunder Jesu sei eine Weitung des Verstandes notwendig, gehe es doch bei diesen Wundern um
»eine mystische, also geheimnisvolle, Wirklichkeit, die über das hinausgeht, was die Naturwissenschaften aussagen können.« 
Der Glaube an diese Dimension der Wirklichkeit entscheidet die auf einzelne Überlieferungen gerichtete historische Frage aber nicht – oder nur dann, wenn man sich wegen dieses Glaubens die historische Frage grundsätzlich verbittet, also gar nicht mehr argumentieren will. 

Die Geschichtlichkeit der Erzählungen von der geistgewirkten Empfängnis wird mit folgendem Hinweis verteidigt:
»Matthäus und Lukas berichten darüber – und zwar einschließlich der damit verbundenen Komplikationen. Als Josef von der Schwangerschaft Marias erfuhr, wollte er seine Verlobte zunächst entlassen. So eine Begebenheit erfindet man doch nicht!« 
Nicht mitgeteilt wird, dass Lukas von der genannten Komplikation nichts erzählt. Und die Behauptung, eine bestimmte Begebenheit sei unerfindlich, läuft auf dem Gedanken hinaus, eine Geschichte sei so unwahrscheinlich, dass sie wahr sein müsse. Das ist eine historische Begründung, über die hinaus eine schwächere kaum gedacht werden kann. Als zweites Argument für die Historizität der Jungfrauengeburt nennt Berger, es zeige sich dieselbe Handschrift Gottes wie bei der Auferstehung Jesu, das Wirken des Heiligen Geistes; dies sei der Glaube des Urchristentums. Unterschlagen wird, dass geistgewirkte Empfängnis und Auferstehung Jesu sich in der Bedeutung für den Glauben des Urchristentums keineswegs parallelisieren lassen. Während die Auferstehung für diesen Glauben zentral ist, bleibt die Bedeutung der geistgewirkten Empfängnis auf wenige Textabschnitte beschränkt (s.o.). 

Zweifeln an der Echtheit von Paulusbriefen begegnet Berger mit folgendem Hinweis:
»Mein Argument für die Echtheit der Paulusbriefe: Offenbar war Paulus geistlich viel gereifter und hatte ein größeres Spektrum als deutsche Theologieprofessoren, die sich oft auf nur einen einzelnen Brief spezialisieren.« 
Das ist ein seltsames Argument: Die Paulusbriefe sind echt, weil Paulus reifer war als deutsche Theologieprofessoren. Das kann Berger im Ernst nicht meinen; nehmen wir also an, dass es sich hier um eine verkürzte Formulierung handelt und eigentlich gemeint ist: Die deutschen Theologieprofessoren wenden (Un-)Echtheitskriterien an, die für ihren kleingeistigen Rahmen passen mögen, aber nicht für Paulus, der eben »geistlich viel gereifter« war und »ein größeres Spektrum« hatte. Auch das ist aber kein historisches Sachargument, sondern nur die Behauptung, dass für Paulus bestimmte Maßstäbe nicht gelten. Verräterisch ist auch das »offenbar«. Es zeigt an, dass Berger über die Echtheit gar nicht diskutieren will. Dass Paulusbriefe, wenn sie in geschichtlicher Situation, Sprache und Theologie in starkem Maß auseinandergehen, die Weite des Paulus belegen, muss nicht begründet werden, sondern ist »offenbar«. Häufig verdeckt der Gebrauch von Adverbien wie »offensichtlich«, dass etwas gerade nicht offensichtlich ist.

Der Exegeseverzerrer

Wer meint, von Klaus Berger in diesem Interview ein realistisches Bild der gegenwärtigen Exegese zu erhalten, ist wie einer, der sich die Höhlenmalereien des Cro-Magnon-Menschen als Rembrandt verkaufen lässt. Es ist keine abseitige Vermutung, wenn man biographische Gründe hinter den Ausfällen gegen die neutestamentliche Exegese annimmt. Berger selbst kommt auf seine Studienerfahrung zu sprechen:
»In meinem Theologiestudium habe ich gelernt, dass eigentlich nur das Markus-Evangelium und der Galater-Brief die Echtheitskriterien erfüllen können – eine wahnsinnige Position, die zu einer ungeheuren intellektuellen wie emotionalen Verarmung führt.« 
Die zitierte Position habe ich weder in meinem Studium gelernt noch weiß ich von Kolleginnen oder Kollegen, die sie einnehmen würden. Auch fällt es einigermaßen schwer zu glauben, dass man das in den 1960er Jahren in der zitierten zugespitzten Form im Theologiestudium gelernt hat. Möglicherweise arbeitet Klaus Berger in seiner Polemik gegen die Exegese Erfahrungen auf, die hinter dem ausdrücklich Gesagten liegen. Das zu beurteilen ist nicht meine Sache.

Mir liegt vor allem an der Einschätzung, dass Berger den Zustand gegenwärtiger Exegese nicht beschreibt, sondern erfindet. Und diese Einschätzung gründet nicht darin, dass der getroffene Hund bellen würde. In diesem Fall kläfft der, der treffen will, aber ob seines Gebells nicht zum Beißen kommt. 

32 Kommentare:

Kunigunde Kreuzerin hat gesagt…

Schade, als Laiin finde ich vor allem die weit ausholende Kollegenschelte traurig. Als Außenstehende hab ich den - freilich vielleicht falschen - Eindruck, dass die Diskussion um die "großen Fragen" derzeit eher im Ausland, vor allem im englischsprachigen Raum, geführt wird und die Aufmerksamkeit sich auch dorthin richtet, während die inländische Wissenschaft in der Öffentlichkeit viel von ihrem früheren weltweiten Renommee eingebüßt hat. Wenn man sich aber die Mühe macht und mal etwas nachliest, findet man im deutschsprachigen Raum viele wirklich hervorragende Arbeiten, die auch für Laien noch gut verständlich sind. Man würde sich wünschen, wenn unsere "emeritierten Professoren" sich auch ein wenig für die hiesige Wissenschaft und den hiesigen Nachwuchs stark machen und diese nicht in Grund und Boden verdammen.

Anonym hat gesagt…

Agnostischer Hinweis. Exegeten sind mit der Vernunft nicht gerade reich gesegnet. Vorrangig sind sie einem Denken des 18. und 19. Jahrhundert verhaftet. Da hat der emeritierte Professor aus Heidelberg wohl mehr recht als vielen lieb sein kann. Exegeten an Unis kosten viel Geld. Das ist einzusparen. Das ist der eigentliche Grund, warum Exegeten unruhig werden. Es geht um die Pfründe.

Gerd Häfner hat gesagt…

@ Anonym

Das ist nun wirklich ein recht a-gnostischer Hinweis: frei von Erkenntnis. Dafür wird eine Unruhe unter den Exegeten gefühlt, die mir bislang verborgen geblieben ist, und auch gleich noch das Motiv der Unruhe geraten. Wenn Ihre Charakterisierung des Verhältnisses der Exegeten zur Vernunft zuträfe, könnte man Sie glatt für einen Exegeten halten.

Ronald Ruck hat gesagt…

Ich kann mich Frau Kreuzerin nur anschließen. Herr Berger hat m.E. seine Zunft durchschaut. Ihrem Beitrag, Herr Häfner, entsieht man: Getroffene Hunde jaulen...

Gerd Häfner hat gesagt…

@Ronald Ruck

Das habe ich befürchtet, dass die Kritik an der Kollegenschelte (die Schelte betreibt Klaus Berger, nicht ich!) auf das billige Muster des getroffenen Hundes zurückgeführt wird (s. das Ende des Beitrags). Da sich dieses Muster, wie im voranstehenden Kommentar, argumentationsfrei anwenden lässt, kann man sich dagegen nicht wehren. Jeder Versuch würde ja nur das Muster bestätigen. Gegen Herrn Ruck zu jaulen ist also zwecklos.

Anonym hat gesagt…

Lieber Herr Häfner,

Also ich muss sagen, dass ich Ihre Kritik mehr als treffend finde. Früher hatte Herr Berger ja noch sehr interessante Bücher geschrieben, dann wurde er zum Vielschreiber, dann kam das tamtam um seine angebliche Konversion, die dann doch nie stattgefunden hatte und jetzt ist er auch noch ordentlich nachgedunkelt. Also ich kann Ihre Punkte die Sie an Herrn Bergers "Position" bemängeln, mehr als nachvollziehen.

Mit besten Grüßen

Andreas Metge hat gesagt…

Der hiesige Blog bezieht sich ja konkret auf das Interview bei kath.net. Ich habe das ganze Interview gelesen und muss sagen: Es strotzt m.E. sehr vor Platitüden. Mich lockt das jedenfalls nicht, das Buch zu kaufen.
Und die rhetorischen Mechanismen aufzuzeigen, die in Bergers Argumentation liegen, finde ich gut und hilfreich! Danke, Gerd!

Kunigunde Kreuzerin hat gesagt…

Also mit der Kollegenschelte meinte ich schon Herrn Prof. Berger ;-) Sorry, für den missverständlichen Kommentar.

Gerd Häfner hat gesagt…

@ Kunigunde Kreuzerin

Ich habe das auch so verstanden, weil sich die Aussage nur so in Ihren Kommentar im Ganzen einfügt. Aber danke für die ausdrückliche Klarstellung.

Karl F. Sterler hat gesagt…

Bezeichnend für den auf weiten Strecken polemischen Textes ist die Tatsache, dass sich der Autor nicht auf das Buch Prof. Bergers bezieht, sondern ein Interview zur Grundlage seiner Ausführungen macht. Ein Interview, das, wohlgemerkt, der Bewerbung des neuen Werks von K. Berger dient. Es kann Häffner also nicht um eine wissenschaftliche Auseinandersetzung gehen. Stattdessen müssen wir andere Gründe suchen, um den polemischen, selbst alles andere als akademischen Stil seiner obigen Ausführungen zu verstehen.

Nun müssen wir, um der von Häffner vorgegebenen Disursebene gerecht zu werden, drei Fragen stellen, die zu den Hintergründen des obigen Textes führen:

1.) Welcher Exeget hat im deutschen Sprachraum zur Zeit die größte mediale Präsenz?

2.)Welcher Exeget wird in innerkirchlichen Diskussionen im deutschen Sprachraum zur Zeit am häufigsten zitiert und gibt damit für die ganze Zunft sozusagen die Benchmark ab?

3.) Welche Emotionen werden wach, wenn ein Vertreter der Minderheitenmeinung medial als Repräsentant der gesamten Zunft wahrgenommen wird?

Die Antworten auf diese Fragen, werden helfen, die eher affektiven Hintergründe der obigen Invektiven besser zu verstehen.

Volker Schnitzler hat gesagt…

@ Karl F. Sterler

Ich würde ganz andere Fragen stellen! Denn mediale Präsenz, unüberprüfbare Zitationsstatistiken und seltsame Zuschreibungen zu ominösen Mehr- oder Minderheitenmeinungen haben keinerlei Bedeutung oder Aussagekraft bezüglich exegetischer Arbeit. Nach Ihren Kriterien wäre Matthias Matussek wahrscheinlich der König der Exegese (ok, das war jetzt Spaß)

Hier also meine Fragen:

Welcher Exeget setzt sich und seine Arbeit wirklich auf's Spiel und steht unabhängig von finanziellen Interessen einer breiten Leserschaft Rede und Antwort?

Welcher Exeget begründet seine Ausführungen, anstatt billige Plattitüden von sich zu geben?

Und welcher Exeget ist kaum daran interessiert, mit reißerischen Parolen als Repräsentant einer ganzen "Zunft" wahrgenommen zu werden?

Meine Antwort wäre nicht Herr Häffner, meine Antwort wäre Herr Häfner.

Gerd Häfner hat gesagt…

@ Karl F. Sterler

Ich mache in dem Beitrag das Interview nicht zur Grundlage meiner Ausführungen, sondern das Interview ist Gegenstand der Besprechung. Zu dem Buch äußere ich mich nicht, sondern nur dazu, wie es in dem Interview beworben wird (dass ich nach solcher Bewerbung wenig Lust verspüre, das Buch zu lesen, steht auf einem anderen Blatt). Für die Polemik gegen Berger gibt es keinen anderen Grund als seine Ausführungen in dem Interview, die, falls Ihnen das entgangen sein sollte, selbst äußerst polemisch sind. Und ich gebe durchaus Sachgründe dafür an, warum ich die Charakterisierung der »liberalen Exegese« durch Berger für falsch halte. Das scheint Ihnen entgangen zu sein, jedenfalls gehen Sie mit keinem Wort darauf ein.

Stattdessen spekulieren Sie über »vorgegebene Diskursebene« und »affektive Hintergründe«, mit denen Sie angeblich verborgene Motive aufdecken wollen. Ich habe mich aber über nichts anderes geärgert, als über das, was ich in dem Beitrag angreife. Herr Berger mag medial so präsent sein, wie er will, und so oft zitiert werden, wie er eben zitiert wird – das sei ihm alles gegönnt. Nur soll er dabei nicht die Exegese falsch darstellen. Wie sehr Sie mit Ihrer Spekulation daneben liegen, können Sie an einem einfachen Sachverhalt erkennen: der Fehlerhaftigkeit ihres dritten Punktes. Klaus Berger tut doch alles dafür, dass er nicht als Repräsentant der ganzen Zunft wahrgenommen wird, sondern als deren Kritiker. Emotionen auf Seiten der Exegeten werden also höchstens wach, wenn diese Kritik bodenlos wird, und das ist in dem Interview der Fall.

Unterstellen Sie keine Neidkomplexe, sondern befassen Sie sich besser mit den Sachargumenten.

Karl F. Sterler hat gesagt…

@ Gerd Häffner

Gerne befasse ich mich mit Sachargumenten. Doch wie soll das gelingen, wenn Sie, da haben Sie in der Formulierung recht, allein ein bewusst plattidüdenhaft gehaltenes Interview zum "Gegenstand Ihrer Besprechung" machen?
Sie selber scheinen, verzeihen Sie meine Direktheit, der Sachebene auszuweichen, indem sie "gar keine Lust" verspüren, Bergers Buch zu lesen; viel einfacher ist es da, sich auf ein "Verkaufs"-gespräch des Buches zu kaprizieren und von hier aus Bergers Ansatz in die Lächerlichkeit zu ziehen. Das ist nicht redlich, denn auch Sie werden Ihr Schaffen nicht auf die oft holzschnittartigen "Lectio-Brevior"-Besprechungen redzuiert sehen wollen.

Etwas ganz anderes aber ist die Frage, ob K. Berger etwas dafür tut, als Repräsentant seiner Zunft gesehen zu werden. Ob er seine Zunft repräsentieren will oder nicht, vermag ich nicht zu beurteilen - fest steht aber, dass es wohl keinen Exegeten gibt, der in der kirchlichen und säkularen Wahrnehmung einen so exponierten Platz einnimmt wie Berger (vergleiche Auflagezahlen)! Aber hoffentlich will er gar nicht die heutige "Exegese" repräsentieren, denn wer sich selber als Sprachrohr seiner Zunft versteht, ist bereits versklavt.

Vielleicht haben Sie auch in einem weiteren Punkt ebenfalls recht: Vielleicht ist es gar nicht der von Ihnen selbst aus meinen Anfragen herausanalysierte Neid, um den es hier geht. Vielleicht ist es doch noch etwas anderes: "Marxistischer Historiker und katholischer Exeget - beide lügen", mit diesen Worten hat mir einmal eine große katholische Persönlichkeit die Augen geöffnet. Und kann es nun sein, dass mit Berger die Furcht aufkommt, dass hier einer die Aporien der Exegese mit Mitteln der Exegese aufzeigt, die solchen Zorn der Exegese entfachen?

Gerd Häfner hat gesagt…

@Karl F. Sterler

Ich ziehe nicht »Bergers Ansatz in die Lächerlichkeit«, sondern befasse mich mit der Art und Weise, wie er in einem Interview von der »liberalen Exegese« spricht. Dabei trägt er Sachargumente vor, die m.E. schwach sind, und gibt kein zutreffendes Bild der Exegese – das habe ich u.a. in dem Beitrag besprochen. Tatsächlich verspreche ich mir nicht allzu viel von einem Buch, das mit solchen Methoden beworben wird, aber das tut hier nichts zur Sache. Mein Beitrag ist keine Besprechung des Buches und deshalb auch keine Kritik von Bergers Ansatz. Auch wenn Sie es für unangemessen halten, dass man sich mit dem Interview befasst, sollten Sie eine solche Befassung nicht an Intentionen messen, die sie gar nicht anzielt.

Wenn Ihnen »eine große katholische Persönlichkeit die Augen geöffnet« hat, dass ein katholischer Exeget lügt, erübrigt sich wohl eine weitere Diskussion. Mit einem Lügner zu verhandeln hat ja keinen Sinn. Vielleicht hatte jene große Persönlichkeit, als Sie Ihnen »die Augen geöffnet« hat, gar keinen so lichten Moment? Jetzt bin ich wieder polemisch, weil ich mich gegen eine, verzeihen Sie, dümmliche Pauschalverurteilung wende? Der Kommentar-Kollege von weiter oben könnte wieder sein »der getroffene Hund jault« vorbringen. Da wäre es dann mit dem Argumentieren vorbei.

Und was den »Zorn der Exegese« betrifft, so wäre doch auch der »Zorn des Klaus Berger« eine ähnliche Spekulation wert. Sie können beruhigt sein: Wenn Berger tatsächlich »die Aporien der Exegese mit Mitteln der Exegese aufzeigt«, wird sich seine Position durchsetzen. Und wenn das nicht geschieht, wird das nicht an der Begriffsstutzigkeit der Exegeten liegen, nicht an ihrer Lügenhaftigkeit, nicht an der Verteidigung ihrer Pfründen, sondern daran, dass Berger dann eben nicht »die Aporien der Exegese mit Mitteln der Exegese aufzeigt«.

Karl F. Stelter hat gesagt…

@ Gerd Häffner

Ihre Polemik gegenüber der von mir zitierten katholischen Persönlichkeit ist angemessen, schließlich sind die zitierten Worte dieser katholischen Persönlichkeit ebenfalls provokant. Doch wissen Sie natürlich auch, worin es in dem Zitat geht: Der marxistische Historiker und der (katholische) Exeget mögen sich im Materialobjekt unterscheiden, doch sind sie sich in der Wahl des Formalobjekts recht ähnlich. Und dieses Formalobjekt wird weder der Geschichte noch dem, was die geistliche Beschäftigung mit heiligen Schriften betrifft, gerecht, ja verfälscht es in gewissem Sinne.
Nun könnten Sie entgegenhalten, dass der Exeget nun mal dem biblischen Text zunächst als historischem dokument begegnen muss, um die Aussagen der damaligen Zeit in die heutige Zeit verständlich übertragen zu können, also sei doch die Wahl seines Formalobjektes doch richtig. Da halte ich entschieden entgegen, dass die Bibel im theologischen sinne eben kein rein geschichtliches Dokument ist, für dessen Verständnis eine allein philologische Beschäftigung genügt. Verzichtete man auf das Apriori, dass die Person Christi ein die Geschichte überschreitendes Subjekt sei, würde sich die Beschäftigung mit Vorgängen von vor 2000 Jahren erübrigen. Die Bedeutung dessen, wovon erzählt wird, setzt voraus, dass etwas von "außerhalb" in die Geschichte hereingebroch ist.

Karl F. Sterler hat gesagt…

Wenn nun also die Bibel - zumindest in religiöser Perspektive gesehen - ein geschichtliches Dokument ist, das von übergeschichtlichen Vorgängen berichtet, reicht Historie und Philologie nicht aus, um die Texte so zu erfahren, wie sie aus religiöser Perspektive erfahren werden könnten. Genau darauf macht K. Berger aufmerksam, so verstehe ich seinen gesamten Ansatz, nicht nur sein Interview!
Der (akademisch korrekte) Exeget könnte entgegenhalten, dass man doch gesicherte wissenschaftliche Grundlagen bräuchte, um den Text in einem zweiten Schritt religiös zu erfassen. Doch da frage ich: Wird ein religiöser Text nicht dadurch wertlos, dass er philologisch zerlegt wird? Kann ein Text, der gerade daraus lebt, nicht in der Geschichte ganz aufzugehen, mit den Mitteln des Historikers in seinem originären Anspruch verstanden werden?
Vielleicht ist das der Grund, weshalb Exegese außerhalb der akademischen Welt kaum noch von Interesse ist. Und vielleicht ist das auch der Grund, warum K. Berger einer der wenigen ist, die in einer (immer kleiner werdenden) kirchlichen Öffentlichkeit noch gelesen werden. Eben weil er den Text als religiösen Text versteht und diesen Text aus einer Tradition der Frömmigkeit heraus liest, und allein damit dem gerecht wird, was Menschen suchen, die sich noch mit der Bibel beschäftigen. Damit wären wir wieder haben wir die Frage beantwortet, warum Berger - zumindest in der öffentlichen Breitenwirkung - der deutschsprachige Exeget ist.

Gerd Häfner hat gesagt…

@Karl F. Sterler

Inwiefern das Formalobjekt des Exegeten gerade mit dem des marxistischen Historikers vergleichbar sein soll, ist mir nicht klar. Geht es darum, dass zur Erklärung geschichtlicher Vorgänge methodisch vom Wirken Gottes abgesehen wird? Das ist kein Spezifikum des marxistischen Historikers. Die genannte methodische Beschränkung in der Exegese bedeutet nicht, dass eine transzendente Dimension oder »die Person Christi als ein die Geschichte überschreitendes Subjekt« geleugnet würde. Es heißt nur, dass man diese Dimension nicht zur Erklärung der auszulegenden Schriften einsetzt. Begegnet man etwa triadischen Formeln von Vater, Sohn und Geist (wie z.B. Mt 28,19), so fragt die Exegese, was solche Formeln unter den gegebenen geschichtlichen Bedingungen bedeuten konnten, und setzt sie nicht einfach mit der später (unter anderen geschichtlichen Bedingungen entstandenen) entfalteten Trinitätstheologie gleich. Die Historizität der Evangelien wird nicht einfach als gegeben angenommen, weil es sich um Offenbarungsliteratur handelt.

Versteht man die Bibel, wie Sie formulieren, als »ein geschichtliches Dokument ..., das von übergeschichtlichen Vorgängen berichtet«, so hat die historisch arbeitende Exegese gerade darin ihren Ort, dass sie klärt, wie jene geschichtlichen Dokumente von übergeschichtlichen Vorgängen berichten. Wer das wissen will, dem bleibt nichts anderes übrig, als die geschichtlichen Dokumente aus ihren geschichtlichen Bedingungen zu verstehen. Das versucht die historisch-kritische Exegese. Dazu braucht sie die Mittel der Historie und Philologie. Ein religiöser Text wird nicht dadurch wertlos, dass er philologisch analysiert wird; er hält das aus und gibt vielleicht sogar ungeahnte Dimensionen preis. Das kann auch für Fälle gelten, in denen man zu einem negativen Ergebnis im Blick auf die Historizität kommt. Damit ist ein Text ja nicht wertlos, sondern es ist zu fragen, worauf er dann zielt, wenn er nicht Bericht ist.

Das heißt nicht, dass die Bedeutung eines religiösen Textes in der historischen und philologischen Analyse aufginge. Klaus Berger hat in der ersten Auflage seiner »Hermeneutik des Neuen Testaments« die Unterscheidung von »Exegese« und »Applikation« benannt. Die Predigt hat eine andere Aufgabe als die Exegese, und selbstverständlich muss nicht jeder Bibelleser Exeget sein. Exegese hat Anwältin des Textes zu sein und ihn vor ungerechtfertigter Beanspruchung zu schützen. Die Gefahr, dass religiöse Texte zum Spiegel eigener Vorstellungen werden und diesen dadurch eine unangemessene Autorität verliehen wird, ist nicht von der Hand zu weisen.

Karl F. Sterler hat gesagt…

@ Gerd Häffner

Im Formalobjekt gleichen sich marxistischer Historiker und Exeget darin, dass eine weltimmanente, gewissermaßen materialistische Hermeneutik zum Ausgangspunkt des Fragens wird. Das ist in der Tat kein Spezifikum des Marxisten, aber das ändert nichts an der Frage, ob ein so geschlossenes Welt- und Geschichtsbild einer Geschichte gerecht wird, in deren Mittelpunkt das freie Subjekt steht. Noch prekärer wird dieses Vorverständnis bei der Frage nach der Erforschung biblischer, also "heiliger" Texte.
Sie sagen, ein Text wird nicht wertlos, wenn er philologisch analysiert wird. Das stimmt. aber ein "heiliger" Text verliert seine eigentliche Betimmung, wenn er unter historisch-weltimmanenter Perpektive betrachtet wird. Er wird zu einem Text unter vielen, wo er doch gemäß seiner Selbstdeutung vielmehr Grundlage zum Verstehen aller anderen Texte sein will.

Braucht nun ein religöser Text wirklich Schutz vor Vereinnahmung, indem er unter das Seziermesser der Philologie und Historie fällt? Mein Verständnis von Religion geht von der Phantasie aus. Religion ist der Ort, wo sich Vorstellungskraft entfalten darf. Religion, sich selbstvergewissernd durch Analyse und "methodische Beschränkung", gleicht der Hoffnung, "Liebe" verstehen zu können, indem man biologische Daten über eben jenes Gefühl mit der Sache selber gleichsetzt. Sicher, das öffnet Raum für einen fragwürdigen Umgang mit den "heiligen" Texten, doch diesen Preis zahle ich gerne für eine vitale, freie, sich selbst durch nichts beschränkte religiöse Vorstellungskraft. Für alles zahlen wir ja einen Preis.

Karl F. Sterler hat gesagt…

Natürlich gibt es für religiöse Minderheiten, zu denen Katholiken heute zählen, die Verlockung, sich der kognitiven Mehrheit anzuschließen. Diese kognitive Mehrheit geht eben heute – morgen vielleicht schon nicht mehr -, davon aus, dass die Welt in sich geschlossen ist und mit Mitteln der exakten Wissenschaft verstanden werden kann. Also, so die Verlockung, gleichen wir unsere Religion dem heutigen Denken an, auf Kosten der religiösen Phantasie.

So war es auch ein akademischer Theologe, der die Kapitulationsurkunde der Religion überreichte. Bultmann schrieb:

„Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat nutzen … und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben.“

Was? Man „kann es nicht“? Katholik sein heißt hier: Yes, we can!

Und Exeget sein, müsste heißen, der Vorstellungskraft der religiösen Texte entsprechen zu können. Die Unterscheidung zwischen Applikation und Exegese ist fragwürdig, denn wenn die Bibel der Ort ist, der religiöse Phantasie und Poesie bindet und zugleich freisetzt, dann IST Exegese Predigt. Dann müsste jeder Exeget, müsste jeder Theologe zumindest auch ein guter Romancier sein.
K. Berger, zumindest in seinen aktuellen Schriften, wird diesem Anspruch gerecht. Darum wird er gelesen. Darum ist er – gemäß des gerade dargelegten Verständnisses – ein wahrhafter Exeget.

Gerd Häfner hat gesagt…

@ Karl F. Sterler

Da stellt sich mir die Frage, wie der Fokus auf die Phantasie zusammengeht mit dem Verständnis der Bibel als Offenbarungsurkunde, unter die sich die Kirche als verpflichtenden Maßstab des Glaubens gestellt hat. Aus dieser Wertung ergibt sich, dass mit den Texten abseits persönlicher Bibellektüre nicht beliebig verfahren werden kann. Exegese kann als theologisches Fach der Phantasie nicht freien Lauf lassen. In diesem Rahmen ist der Preis, den Sie zu zahlen bereit sind, zu hoch.

Die Anwendung historischer Methoden bedeutet nicht, sich einer Weltdeutung anzuschließen, nach der »die Welt in sich geschlossen ist und mit Mitteln der exakten Wissenschaft verstanden werden kann«. Es heißt nur, die Tatsache ernst zu nehmen, dass die Texte einer bestimmten geschichtlichen Situation entstammen und ihr Sinn nicht ohne Berücksichtigung dieser Bedingungen erhoben werden kann. Historische Methoden in der Exegese anzuwenden bedeutet demnach nicht, sich einer kognitiven Mehrheit im eingangs des Abschnitts zitierten Sinn anzuschließen. Vielmehr geht es darum, die Bibel zu erschließen angesichts der in der westlichen Kultur geltenden Plausibilitäten, zu denen wesentlich historisches Denken gehört. Wenn sich diese Plausibilitäten ändern, wird sich auch die Exegese ändern. Einen Anspruch auf Dauer oder gar Ewigkeitswert können exegetische Verfahrensweisen nicht erheben.

Karl F. Stelter hat gesagt…

@ Gerd Häffner

Natürlich ist die Bibel, nach katholischem Verständnis, eine Offenbarungsurkunde. Das jedoch, was sich als Offenbarung zeigt, bedarf der religiösen Intuition, also der Phantasie.
Wenn ich von einem materialistischen Standpunkt aus dem Phänomen der Religion begegne, dann erscheint der Gedanke der Menschwerdung ebenso abstrus wie alle - in den Augen des Exegeten zeitbedingten - Erzählungen über Wunder, Heilungen, etc. Wenn ich mich aber der religiösen Phantasie, der geistlichen Intuiton öffne, dann sehe ich zwischen dem Gedanken der Menschwerdung und allen anderen, nach heutigem Verständnis unmöglichen biblischen Phänomenen keinen qualitativen Unterschied. Das innere Mitvollziehen übernatürlicher Erzählmotive setzt diese religiöse Phantasie geradezu voraus.
Was nun den "Sinn" der Erzählungen betrifft: Das Lesen biblischer Texte ist eine geistliche Übung. Spiritualität lebt von Unmittelbarkeit. Will ich, mit historisch-philologischen Mitteln, dieser Unmittelbarkeit eine Richtung vorgeben, zerstöre ich das, worum es in Religion überhaupt geht. Religion ist keine akademische, sondern eine existentielle, und damit archaische Veranstaltung. Domestizieren heißt hier letzten Endes verhindern. Dieser Preis wäre mir wiederum zu hoch.

Zuletzt ein Blick in die Gegenwart: Hat das zeitgemäße Erklären des (vermeintlich)"richtigen", exegetisch legitimen "Sinns" der Erzählung geholfen, die Schriften verständlicher zu machen? Wenn das so wäre, würde die kirchliche Landschaft unserer Tage doch etwas anders aussehen. Sicher, es gibt auch soziologische Gründe für den Niedergang der Religion. Das ist wirklich nicht die Schuld der Exegeten. Aber wenn eine historische Konstellation (z. B. eine Konstellation der historistisch-materialistischen Weltbegegnung) für religiöse Fragen kaum zugänglich ist - ist es dann der richtige Schritt, sich immer mehr den Denkformen der Zeit anzupassen, in der Hoffnung, dass man nur noch einen Schritt weiter gehen müsse, und dann würde man wieder verstanden werden?
Nein, wenn ich verschiedene Texte mit dem gleichen Instrumentarium untersuche, werden diese Texte unvermeidlich in der Wahrnehmung alle "gleich"-wertig, und irgendwann werden sie auch "gleich"-gültig.
Man darf davon ausgehen, dass die kognitive Mehrheit geschmeichelt ist, wenn auch noch die widerständigsten Organisationen ihrem Paradigma folgen. Aber zugleich sollte man nicht meinen, dass eine anscheinend aus der Zeit gefallene Idee mittels Anpassung für die kognitive Mehrheit verständlicher, geschweige denn überzeugender würde!

Gerd Häfner hat gesagt…

@ Karl F. Sterler

Religion ist sicher keine akademische Veranstaltung, Theologie als Reflexion des Glaubens allerdings schon. Es ist gute katholische Tradition, dass der Glaube denkerisch zu verantworten ist, und dies muss immer in Kontakt mit dem Denken der jeweiligen Zeit geschehen, anders ist diese Aufgabe gar nicht zu leisten. Eine solche »Anpassung an Denkformen« ist nicht Verrat an den heiligen Texten, sie muss nicht zur Gleichwertigkeit und Gleichgültigkeit aller Texte führen und hat auch nichts damit zu tun, dass man sich von »einem materialistischen Standpunkt aus« der Bibel annähern würde. Es geht vielmehr darum, dass der Glaube angesichts der Bedingungen der jeweiligen Gegenwart überzeugt und überzeugend gelebt werden kann, ohne dass die Glaubenden in zwei Denkwelten leben müssten. Meine Erfahrung ist, dass es nicht wenige Glaubende gibt, die das nicht als überflüssig ansehen. Wer es als schädlich für die eigene Begegnung mit der Bibel hält, muss den historisch-kritischen Zugang ja nicht übernehmen. Aber ihn grundsätzlich für schädlich zu halten ist nicht gerechtfertigt.

Karl F. Stelter hat gesagt…

@ Gerd Häffner

Sicher gibt es Glaubende, die Exegese nicht für überflüssig halten. Doch bleibt für mich die Frage offen, ob der historisch-kritische Blick dem Phänomen der Religion gerecht wird.
Religion, wie ich sie verstehe, ist die "große Erzählung", aus der heraus unser Leben eine Verortung erfährt. Große Erzählungen leben aber davon, dass sie nicht seziert werden, ja, je mehr sie rational erfasst werden, desto weniger existentielle Bedeutung haben sie.
Wenn wir uns daran erinnern, welch großes Erlebnis es war, als Kinder Märchen gehört zu haben - wäre diese Erfahrung noch diesselbe, wenn uns Vater oder Mutter nach dem Vorlesen des Märchens über die sozialen Hintergründe und die Erzählmotive der Gebrüder Grimm aufgeklärt hätten?

Karl F. Sterler hat gesagt…

Und noch schwerer wiegt für mich Folgendes: Sie selbst sagen, die historisch-kritische Methode hat keinen Ewigkeitswert, sie ist Produkt unserer Zeit. Hier haben wir das alte Problem, wie das Ewig-Absolute mit kontigenten Instrumenten erfasst werden soll. Morgen vielleicht schon übergibt die erschöpfte Moderne ihr Zepter an eine ganz neue Hermeneutik - wer spürte da nicht schon erste Anzeichen? - und alles, was die historische Kritik als essentiell zum Vertändnis der Schrift erläuterte, ist Makulatur. Wäre es da nicht ehrlicher, dem heiligen Text auf die einzige Art zu begegnen, die nicht von kontingenten Deutungsmustern frei ist? Den Texten also mit der Kraft der Phantasie, der religiösen Intuiton, der anarchischen Vorstellungskraft begegnen? Es kann kein Zufall sein, dass in den Weltgegenden, die nicht historisch-kritisch, sondern intuitiv mit der Bibel umgehen, der Glaube, ganz archaisch und ungestüm, einen wesentlich vitaleren eindruck hinterlässt als in den Regionen, die sich einem kontingenten Deutungsmuster unterwerfen.
Nein, der historisch-kritische Zugang ist nicht "schädlich", wie Sie es mir in den Mund legten. Er mag als akadmische Veranstaltung sogar durchaus interessant sein. Und doch verobjektiviert er die "große Erzählung", er passt sie in (kontingente) Verstehensmuster ein, und damit erstickt er die brennende, ungezügelte, Raum und Zeit übersteigende Leidenschaft, die Voraussetzung einer jeden existentiellen religiösen Erfahrung ist.
Ich meine, dass es K. Berger gerade dieses Problem sieht, und "Exegese" in einem neuen Sinne zu etablieren versucht. Vielleicht ist es das, was seinen Ansatz so streitbar, aber auch ungemein anziehend macht.

Gerd Häfner hat gesagt…

@ Karl F. Sterler

Dass es einen Zugang gibt, der »von kontingenten Deutungsmustern frei ist« (ich nehme an, dass das »nicht« in diesem Satz ein Versehen ist), bezweifle ich. Menschliche Existenz, und damit auch das Denken, ist immer von geschichtlichen Bedingungen geprägt, die wir nicht hinter uns lassen können. Wenn Ihnen die historisch-kritische Exegese nichts gibt und Sie sich lieber an die »Kraft der Phantasie«, die »religiöse[ ] Intuition«, die »anarchische[ ] Vorstellungskraft« halten, will Ihnen das niemand nehmen. Als Konzept für die Theologie bzw. die Exegese scheint es mir aus bereits genannten Gründen nicht geeignet.

Im Übrigen habe ich den Eindruck, dass wir unsere Positionen jetzt ausgetauscht haben. Wir sind uns sachlich wohl nicht näher gekommen, aber haben den scharfen Ton hinter uns gelassen. Das ist ja auch nicht wenig.

Karl F. Sterler hat gesagt…

@Gerd Häffner

Einen Konsens werden wir nicht mehr finden. Dazu ist unser Apriori wohl zu unterschiedlich. Aber ein Konsens muss ja nicht immer das Ergebnis eines Dialogs sein. Dass wir - in einem sachlichen Ton - kontrovers diskutieren konnten, ist für das Medium Internet schon an sich ein Gewinn.

Daher zum Schluss noch einen versöhnlichen Gedanken: Religion ist nämlich in erster Linie keine Sache des Intellekts (da sind wir uns ja einig), auch keine Sache des kleinbürgerlichen Spießers und vielleicht auch weder eine Sache des Märchenerzählers noch des Märchendeuters. Religion ist vor allem eine Sache des Humors! Jawohl!
Warum? Stellen wir uns dank unserer religiösen Imaginationskraft einmal vor, dass es den Himmel wirklich gibt und da oben die Engel auf ihren Wolken sitzen. Glauben Sie nicht, dass diese es unglaublich komisch finden müssen, wie ich mich hier an einem elektronischen Medium an Fragen der Theologie abarbeite? Oder dass diese es genau so komisch finden, wenn ein Exeget in seinem Studierzimmer sich bemüht, uralte Texte zu rekonstruiern, und ihren wahren "Sinn" zu definieren versucht? Bei all dem und vielem mehr, was die bunte Welt der Religion betrifft, muss man sich aus einer höheren Perspektive sicher köstlich amüsieren. Ich glaube, die Engel werden durch mich, duch Sie und viele andere in unserer Kirche köstlich amüsiert.

Karl F. Sterler hat gesagt…

Eine alte Anglikanerin, sie muss mittlerweile wohl verstorben sein, sagte einmal: "Es gibt vieles zwischen Himmel und Erde, was Gott in höchstem Maße ernst nimmt, doch eines ist sicher: die Religion gehört nicht dazu!"

In diesem Sinne hoffe ich, dass wir einst einmal, auf einer Wolke sitzend, auch gemeinsam köstlich darüber lachen können, worüber wir uns hier noch den Kopf zerbrechen.

Ich danke Ihnen für das anregende Gespräch, das wir hier führen konnten.

Gerd Häfner hat gesagt…

Das ist ein schönes Schlusswort, dem ich mich einfach anschließe.

Hermann Aichele hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Hermann Aichele hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Hermann Aichele hat gesagt…

Zweimal funktionierte es nicht mit dem Link, deshalb füge ich ihn am Schluss an.
Danke für diese Kritik. Ich fand dazu mal die Buchvorschau und kritisierte aufgrund von dieser mal in Facebook. (Siehe Link unten. Über diesen auch der Link zur Buchvorschau).
Prompt natürlich der Vorwurf, man müsse doch das ganze Buch lesen. Nein, die in der Vorschau sichtbaren Seiten, aus denen ich ausführlich zitierte – die genügen.
Und dazu mein eigenes Hörerlebnis – bei einem Gemeindevortrag Bergers vor etwa 10 Jahren: In apokryphen Kindheitsevangelien wird ja gelegentlich erzählt, das Kind Jesus habe Kritiker seines Handelns mit dem sofortigen Tod bestraft. Ich weiß nicht mehr, auf welche derartige Erzählung (vielleicht aus dem Kindheitsevangelium des Thomas) sich Berger bezog; aber ich weiß, dass er auch solches für historisch plausibel erklärte; und den Zuhörern erklärte, da habe Jesus eben den Umgang mit seiner Vollmacht als Gottessohn noch etwas üben müssen. Nein danke. So nicht.

Der Link zu meinem Kommentar in FB:
www.facebook.com/wortundwissen/posts/374950165959611?comment_id=1982150&offset=0&total_comments=81

Richard M hat gesagt…

Ist eigentlich bekannt, dass Klaus Berger offenbar im Hauststudium eines altrituellen Klosters "Exegese" betreibt?

http://www.orden-online.de/news/2010/01/30/semesterbeginn-abtei-mariawald-hat-wieder-ein-hausstudium/

Richard M.