Sonntagsevangelium (120)

2. Fastensonntag (A): Mt 17,1-9

Die Grundstruktur und einige Details der Verklärungsgeschichte hat Matthäus von Markus übernommen, dabei allerdings auch Änderungen eingebracht, die für sein Werk kennzeichnend sind. Zum übernommenen Gut gehört die Zeitbestimmung »nach sechs Tagen«. Sie ist auffällig, denn derart konkrete Angaben begegnen, abgesehen vom Jerusalem-Aufenthalt Jesu, in den synoptischen Evangelien sonst nicht. Auf der Erzählebene ist sie auf die Szene des Messiasbekenntnisses bei Caesarea Philippi bezogen (16,13-28), aber das primäre Interesse liegt wohl nicht in der erzählerischen Verknüpfung, sondern in einem inhaltlichen Signal: In Anspielung auf Ex 24,16f  könnte die Zeitangabe vor allem darauf vorbereiten, dass von einer Gottesbegegnung erzählt wird. Verbindungen zur Sinai-Erzählung ergeben sich auch durch das Motiv der Wolke und das Erscheinen des Mose in der Verklärungsgeschichte (Mt 17,3.5).

Der Ort der Handlung wird nur unbestimmt angegeben: »ein hoher Berg«. Wichtiger als eine genaue Lokalisierung – die Verbindung mit dem Tabor findet sich im Neuen Testament nicht – ist der symbolische Sinn des Berges. Er ist der irdische Bereich, der der himmlischen Welt am nächsten und in der alttestamentlichen Tradition mit der Erscheinung Gottes verknüpft ist – gerade im Zusammenhang mit den Personen, die in der Verklärungsgeschichte auftreten: Mose und Elija (s. z.B. Ex 19-24; 1Kön 19).

Die Verwandlung, die an Jesus geschieht, bezieht Matthäus anders als Markus nicht nur auf die Kleider, sondern auch auf die Person Jesu: »Sein Gesicht leuchtete wie die Sonne« (17,2). Dass Jesus damit der himmlischen Welt zugeordnet wird, bestätigt die Rede vom Erscheinen von Mose und Elija. Diese Formulierung (gr.: ὤφθη) greift auf alttestamentliche Sprachmuster zurück. Von Gott oder einem göttlichen Boten heißt es, dass er erscheint, wenn er in der irdischen Welt sichtbar und/oder redend auftritt (z.B. Gen 12,7; 18,1; Ex 3,2). In Mose und Elija treten also zwei Figuren auf, die der Welt Gottes zugeordnet sind. Dass Jesus sich mit den beiden unterhält, unterstreicht erzählerisch seine Zugehörigkeit zur himmlischen Welt.

Für die Charakterisierung von Mose und Elija gab es Anhaltspunkte in der alttestamentlich-jüdischen Tradition. Elija ist neben Henoch (Gen 5,24) die zweite Gestalt, zu der das Alte Testament die Entrückung überliefert. Ohne zu sterben, werden sie zu Gott entrückt und gelten somit als himmlische Gestalten. In der frühjüdischen Überlieferung wurde der Kreis der Entrückten erweitert und darin (trotz der Tradition von Tod und Begräbnis: Dtn 34,5f) bisweilen Mose eingeschlossen. Matthäus denkt vielleicht auch an die beiden als Repräsentanten von Gesetz und Propheten, denn er wandelt die Formulierung »Elija mit Mose« (Mk 9,4) ab zu »Mose und Elija«. 

Die Reaktion des Petrus – der Vorschlag drei Hütten zu bauen – wird vom Erzähler nicht als unverständig gekennzeichnet (so Mk 9,6). Dies passt in die Tendenz des Matthäus-Evangeliums, die Jünger Jesu positiver darzustellen, als es Markus tut. Indirekt erscheint das Ansinnen des Petrus dennoch als unpassend. Ehe seine Rede beendet ist, tritt ein Ereignis ein, das die Aufmerksamkeit von der Erscheinung weglenkt und ins Zentrum der Geschichte führt: die Stimme aus der Wolke. Anders als die Verwandlung Jesu und das Erscheinen der himmlischen Gestalten führt sie auf Seiten der Jünger zu Niederfallen und großer Furcht (17,6). Nun ist es Jesus, der die Jünger anredet. Seine Berührung und sein Zuspruch richten die Jünger wieder auf (eine Besonderheit der matthäischen Version). Da Mose und Elija wieder aus der Szene verschwunden sind, ist wohl auch die Verwandlung Jesu als beendet zu denken: Der »gewöhnliche« Jesus, nicht der verklärte in seiner Herrlichkeit, hilft den Jüngern auf (17,7f).

So rückt die Himmelsstimme in den Mittelpunkt. Sie verweist, wie schon nach der Taufe (3,17, s. dazu hier [am Ende des Beitrags]), auf Jesus als den Sohn Gottes, nun jedoch mit dem Zusatz: »(auf) ihn sollt ihr hören« (17,5). Damit ist schon der Abstieg vom Berg der Verklärung vorbereitet, der weitere Weg der Jünger mit Jesus und seiner Verkündigung, bis in die Passion (betont durch 17,12 im Gespräch beim Abstieg vom Berg).

Dieser Weg führt die Jünger zuletzt wieder auf einen Berg, wo sie dem Auferstandenen begegnen. Und dort gewinnt das Hören auf Jesu Wort Bedeutung für alle Zukunft: Die Jünger sollen die Völker lehren, alles zu halten, was Jesus geboten hat (28,20). 

Kommentare

Gerhard Mentzel hat gesagt…
Sehr geehrter Herr Prof. Häfner,

auch mit der heutigen Lesung machen Sie wieder deutlich, dass es im chr. Glauben anfänglich nicht um den hochgesptapelten Heilspediger ging, wie er heute als historisch gilt.

Hier wurde dem alten, sich ewig wandelnden Monotheismus/Gesetz bzw. der bildlosen, auf das Wort gründende Prophetentradition der neue Verstand des lebendigen Wortes (hebr. Vernunft allen Werdens) in antiker Aufklärung gegenübergestellt, für was in Person(Kultrolle, Aufgabe) Josua stand: Jesus.

Der, der heute als historisch gelehrt wird, der kommt weder bei Johannes, aber auch nicht in der Verklärungs- und sonstigen Geschichten von Markus, Matthäus & Co. vor. Gerade der heutige Text macht wieder deutlich: Das lebendige Wort, das kein Wanderprediger gewesen sein kann, der so hingestellt wurde, ist nicht nur bei Johannes das Thema, sondern auch dort, wo der heute geltende Heilsprediger hergeleitet wird.

Kein normal denkender Mensch kann heute davonausgehen, dass hier ein banalhistorisches Geschehen beschrieben wird, bei dem die Augen eines Heilspredigers zur Sonne wurden und ihm und seinen Freunden dann leibhaftige Figuren begegneten, die für die monoth. Glaubenstradition stehen. Weder die Verfasser des Textes, noch den Kirchenvätern, die diese für den Kultlesetext des Kanons auswählten, kann jedoch unterstellt werden, dass sie hier nur einen jungen Juden in den Himmel gehoben hätten. Das würde nicht nur dem chr. Glauben den Grund nehmen, sondern ist auch geschichtlich nicht machbar.

Den Verfassern kann es nach allem was wir über die Zeit und das damalige Denken wissen nur um das gegangen sein, was die Philosophie der Zeitenwende als Vernunft bezeichnete und im hebr. Sinne als Wort verstanden auch Gegenstand des Kultes, Offenbarung des gemeinsamen unsagbaren Grundes allen Werdens war.

Ob bereits damals Moses für den in kosmischer Ordnung begründeten, aus Ägypten kommenden Monotheismus stand und Elia für die in Persien weitergedeachte Prophetentradition (Zarthustra oder Dareios lassen grüßen) kann man nicht mit Sicherheit sagen. Aber Sie wissen, dass das allegorische Verständnis des Alten nicht nur in Alexandrien auf der Tagesordnung stand. Und so wird ja auch in ihrer Auslegung deutlich, dass hier eine neuer Glaubensgrund (der mit Blick auf das Vorverständnis kein junger Guru gewesen sein kann) den für die Tradition stehenden Gestalten gegenübergestellt wurde.

Um in der gegenwärtigen Welterklärung das zu verstehen, was in der Tradition als schöpferisches Wort/Bestimmung galt, war es damals wie heute Voraussetzung, die Tradition in allegorischer Weise zu betrachten.

In diesem Sinne bitte ich Sie erneut:

"Um Himmel willen Herr Prof. Häfner, halten Sie nicht nur an einem jungen Heilsprediger fest, dem eine Verherrlichungsstory unterschoben wurde. Lassen Sie ihre Studenten über die damals wissenschaftlich erklärte Vernunft nachdenken, die den Verfassern der Texte als Wort galt: geschichtlich Jesus war."




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