Johannes wie?

Manchmal kann Wissen hinderlich sein, jedenfalls wenn es mit Nichtwissen kollidiert und der Nichtwissende die Definitionsmacht hat. Was wie der Beginn einer kritischen Gesellschaftsanalyse klingt, gehört in einen etwas banaleren Zusammenhang: den des Kreuzworträtsels. Es gab hier schon einmal Anlass, die Tücken der Fragestellung bei dieser Rätselform aufs Korn zu nehmen. Ein als klärender Zusatz gedachtes Symbol kam über den Informationswert des Hinweises, ein bestimmter Kreis sei rund, nicht hinaus (s. hier).

Im nun zu besprechenden Fall wurde nach dem Beinamen des Apostels Johannes gefragt (Süddeutsche Zeitung vom 5.7.2014, Printausgabe). Man denkt, das sei für ein Kreuzworträtsel recht speziell, bis man sieht, dass unter »8 waagrecht« in die vorgesehenen Kästchen weder »Boanerges« noch »Donnersöhne« oder »Donnersohn« passt – der Beiname der Söhne des Zebedäus, Jakobus und Johannes, nach Mk 3,17. Damit fällt auch schon auf den ersten Blick eine zweite Lösung aus, der zufolge der Autor des Rätsels an den »Lieblingsjünger« gedacht hat. Dieser Jünger, der eigentlich besser »geliebter Jünger« hieße, bleibt im Johannes-Evangelium zwar namenlos, wird aber traditionell mit Johannes identifiziert. Aber auch für ihn ist kein Platz in nur sieben Buchstabenfeldern.


Nun ist der Begriff des Apostels im Neuen Testament nicht auf den Kreis der Zwölf beschränkt. Dies ist nicht nur an Paulus zu sehen, der sich selbst als Apostel bezeichnet und sehr empfindlich reagiert, wenn ihm das bestritten wird. Als Apostel gelten ihm auch Andronikus und Junia (Röm 16,7); in 1Kor 15,7 spricht er in einer Aufzählung am Ende von »allen Aposteln« – nachdem der Zwölferkreis zuvor bereits genannt ist (1Kor 15,5). Die Zahl der Apostel ist also größer als 12, ein Johannes ist außerhalb des Zwölferkreises als Apostel aber nicht überliefert.

Oder sollte das Rätsel so raffiniert sein, dass ein Beiname erfragt wird, der nicht exklusiv für den Apostel Johannes belegt ist, aber auch  für ihn verwendet wird? Paulus bezeichnet in Gal 2,9 Petrus, Jakobus und Johannes als »Säulen«. Dann wäre der Beiname des Apostels Johannes also »Säule«. Zwar ist man damit schon mit vier Buchstaben (kreuzworträtseltechnisch gerechnet) an die richtige Lösung herangerückt, aber das Wort ist zu kurz. Außerdem kann dieser Beiname, auf einen Einzelnen angewendet, zumindest im Schwäbischen falsche Assoziationen wecken. So sind es gleich mehrere Gründe, die diese Lösung ausschließen.

Fragt man sich beim Lösungsversuch verzweifelt, ob nicht doch irgendwo ein übersehener Beiname des Apostels Johannes überliefert ist, wird man durch »2 senkrecht« auf die rechte Spur gebracht. Die Lösung dort lautet »Stablampe« und wer durch dieses Wort an Joh 5,35 erinnert wird (Johannes als brennende Lampe), hat damit nicht so unrecht, wie es auf den ersten Blick scheint. Es geht hier zwar nicht um den Apostel Johannes, sondern um Johannes den Täufer – aber genau das ist die überraschende Lösung: Der Beiname ist »TAEUFER«. Der zweite Buchstabe in »Stablampe« ist der erste Buchstabe des gesuchten Beinamens. Und wenn man den kennt, dann dämmert es langsam, dass gar nicht nach dem Apostel  Johannes gefragt wird.

Unwissen kann ganz schön gemein sein, und Wissen hinderlich. Wer eh nur einen Johannes kennt, kommt wahrscheinlich schneller auf die Lösung.

Kommentare

Abaelard hat gesagt…
"Dieser Jünger, der eigentlich besser 'geliebter Jünger' hieße ..."

Aber bitte, ist denn "geliebter Jünger" im Unterschied zu "Lieblingsjünger" nicht eine unelegante Tautologie? Freilich verschuldet durch die Bibel selbst.

Denn ein ungeliebter Jünger ist bei Jesus kaum denkbar.

Vorgetragen im Ton und Gestus äußerster Gedankentiefe von Abaelard
Gerhard Mentzel hat gesagt…
"Unwissen kann ganz schön gemein sein, und Wissen hinderlich. Wer eh nur einen Johannes kennt, kommt wahrscheinlich schneller auf die Lösung."

Wie wahr, denn was hat der Lieblingsjünger seinem Text nicht nur vorangestellt, sondern so deutlich gemacht, um was es dort geht, wo die das heutige Wissen von einem Wanderprediger schwärmt?

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