Sonntagsevangelium (137)

16. Sonntag im Jahreskreis (A): Mt 13,24-43 (oder 13,24-30)

Das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen (Mt 13,24-30) erinnert in einigen Punkten an das Gleichnis vom Sämann, das am vergangenen Sonntag gelesen wurde: Das Bildfeld ist der Landwirtschaft entnommen; eine ausführliche Deutung ist angefügt (13,36-43), in beiden Fällen wohl nachträglich. Im Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen wird eine außergewöhnliche Landwirtschaft vorgestellt. Vor allem überrascht, dass das Unkraut nicht gejätet wird (13,29). Diese Unstimmigkeit im Bild erklärt sich von der angezielten Sachaussage her. Wenn im Gleichnis das Nebeneinander von Unkraut und Weizen bis zur Ernte betont ist, dann deshalb, weil hier Metaphern verwendet werden, die für etwas anderes stehen. Matthäus zielt wohl auf das Phänomen des Bösen in der Gemeinde (nicht auf das Verhältnis der Gemeinde zu Israel, sofern es die Christusverkündigung ablehnt). Es ist Sache Gottes, nicht der Menschen, im Gericht eine endgültige Scheidung herbeizuführen.

Die Deutung des Gleichnisses (13,36-43) verliert diesen Grundgedanken aus dem Blick. Sie gliedert sich in zwei Teile: Zunächst werden einzelne Elemente des Bildfeldes aufgelöst nach dem Muster »x=y« (Sämann = Menschensohn, Acker = Welt, guter Same = Söhne des Reichs, Unkraut = Söhne des Bösen usw.: 13,37-39). Danach wird erklärt, was es mit dem Sammeln und Verbrennen des Unkrauts auf sich hat (13,40-42), ehe das Geschick der Gerechten besprochen wird (13,43, bezogen auf 13,30 im Gleichnis). Das Nebeneinander von Weizen und Unkraut bis zur Zeit der Ernte, Grundgedanke des Gleichnisses, spielt überhaupt keine Rolle in der Auslegung. Nach der auswahlweisen Auflösung einzelner Begriffe aus dem Gleichnis wird nur das Tun der Erntearbeiter erklärt. Streng genommen wird also nicht das gan­ze Gleichnis ausgelegt, sondern nur der zweite Teil des Schlussver­ses (13,30). Die Glaubenden werden gemahnt, »guter Samen« zu sein – entscheidend dafür ist das Handeln (13,41). Dieser Gedanke ist so kennzeichnend für den Evangelisten Matthäus, dass die Deutung des Gleichnisses von ihm stammen könnte.


Zwischen das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen und seine Deutung sind zwei weitere Gleichnisse und ein theologischer Kommentar des Evangelisten gestellt. Das Gleichnis vom Senfkorn (13,31f) und das vom Sauerteig (13,33) haben eine ähnliche Sinnspitze wie das Gleichnis vom Sämann (13,1-9; s. Evangelium vom letzten Sonntag). Der scharf betonte Kontrast zwischen unscheinbarem Anfang und großartigem Ende kann auf Jesu Verkündigung der Gottesherrschaft bezogen werden. Wie das kleine Senfkorn zu einem großen Gewächs wird, wenn es einmal ausgesät ist, so ist es auch mit der Gottesherrschaft: Trotz des nur zeichenhaft erkennbaren Anfangs ist in diesem Anfang, in ihrem Anbruch, den Jesus verkündet, das großartige Ende verbürgt.

Im Gleichnis vom Sauerteig kommt der Aspekt des verborgenes Wirkens hinzu, weil auffälligerweise gesagt wird, die Frau verberge den Sauerteig unter dem Mehl (nicht: sie vermischte ihn mit dem Mehl o.ä.). Nach dem Verbergen des Sauerteigs geht der Blick gleich auf das Ende des Vorgangs der Durchsäuerung: »... bis es ganz durchsäuert war.« Da­mit ist zwar eine Entwicklung beschrieben; an dieser Entwicklung interessiert aber allein das Ende, so dass auch hier der genannte Kontrast das Gleichnis prägt.

Nach dem Gleichnis vom Sauerteig wird die Gleichnisrede unterbrochen, zum zweiten Mal (nach 13,10-17) – nun allerdings durch einen Kommentar des Erzählers, der die Verkündigung in Gleichnissen theologisch einordnet (13,34f). Nicht das Verstehen der Hörer ist jetzt das Thema, sondern die Tatsache, dass Jesus in Gleichnissen spricht. So ist das alttestamentliche Zitat ganz bestimmt von der Perspektive des Verkünders: »Ich werde öffnen in Gleichnissen meinen Mund ... Ich werde verkünden, was verborgen war von Anbeginn an«. Auch die Gestaltung des zitierten Schriftwortes als Erfüllungszitat spricht für diese Konzentration auf das Handeln Jesu. In den Erfüllungszitaten wird ein Ereignis aus dem Leben Jesu gedeutet als Erfüllung prophetischer Verheißung. Gezeigt werden soll, dass Jesus der verheißene Messias Israels ist. Es geht also um die Frage nach der Identität Jesu – und so ist auch 13,34f zu verstehen. Ein wesentliches Merkmal des Auftretens Jesu, die Verkündigung in Gleichnissen, erscheint so als Erfüllung der Verheißung , wie zuvor schon das heilende Wirken (8,17).

Der Begriff »Gleichnis« im Zitat von 13,35 ist nicht mit der Nuance »Rätselrede« zu versehen. Dies stößt sich mit dem zweiten Teil des Zitats, in dem gesprochen wird von der Verkündigung des Verborgenen. Mit diesem Begriff ist bei Matthäus, verglichen mit dem Wortlaut der Bezugsstelle im Alten Testament (Ps 78,2), gerade ein Wort ersetzt, das mit »Rätsel« wiederzugeben wäre (gr.: πρόβλημα/problema). Die Verkündigung des Verborgenen trägt also gerade den Charakter der Offenbarung, nicht der »Verrätselung«.

Im Gesamt des Matthäus-Evangeliums lässt sich das, was von Anbeginn an verborgen war, vielleicht inhaltlich auf das Gottesreich deuten. Es gibt jedenfalls an einer weiteren Stelle die Formulierung »von Anbeginn der Welt an«. Der zum Gericht erscheinende Menschensohn sagt denen zur Rechten: »Erbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt an« (25,34). Dies passt insofern gut zum Gleichniskapitel, als hier gerade drei Gleichnisse zum Gottesreich erzählt wurden (13,24-33) und drei weitere noch folgen (13,44-50). Wenn Jesus also in Gleichnissen vom Gottesreich spricht, handelt er von dem, was von Anbeginn der Welt an verborgen war (vgl. auch Joachim Gnilka, Das Matthäusevangelium, Bd. I, Freiburg u.a. 1986, 497).

Kommentare

Gerhard Mentzel hat gesagt…
Danke Herr Prof. Häfner,

dass sie auch in der heutigen Lesung mehr als deutlich machen, dass es bei beim Text eines intellektuellen Griechen, der sich für den bildlosen jüd. Monoth. begeisterte und später Matthäus genannte wurde, nicht um die wörtliche Rede eines mehr oder weniger göttlichen Wanderpredigers geht.

Wie hier vielmehr das Beispiel aus der natürlichen Kultur, dem Wachstum auf dem Felde aufgegriffen wurde, um einen philosophisch-theologischen Sachverhalt anschaulich zu vermitteln, der auch für den Wandel, das Wachstum in Kultur gilt.

Doch der Gaube, den der monoth. Grieche hier vertritt, zusammen mit dem Unkraut wachsen lässt, das kann unmöglich der Glaube an die Gottheit eines jungen Guru gewesen sein, wie er heute als hist. gilt.

Aber "Gott sei Dank" wissen Sie, um was es damals ging: Den Wandel von mythischer, zu dann mit Verstand in Vernunft gegebener Welterklärung (Logos), in der jetzt der prophetische Monotheismus und seinen Verhaltenslehren neu begründet wurden.

Um Himmels willen, Herr Prof. lassen sie ihre Studenten und sonstige Welt nicht weiter im Aberglaube aufwachsen. Geben Sie die Vernunft (nach heutiger Welterklärung) zu bedenken, die nicht nur im westlich-chr. Glauben mit Namen Jesus den Götzenkult vertrieb, sondern im Islam nur einen anderen Namen hat bzw. in anderer Weise definiert wurde.
Abaelard hat gesagt…
Zu den rein exegetischen Fragen stellen sich mir immer wieder Grundsatzfragen:

Jesus erzählt eine Parabel, z.B. die vom Unkraut unter dem Weizen. Dann deutet er eben dieses Gleichnis und macht unter der Hand aus einer Parabel eine Allegorie, die der Pointe des ursprünglich erzählten Gleichnisses nicht gerecht wird.

Würde ein Schüler in einer Deutscharbeit das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen so auslegen, wie es Jesus tut, würde ihm die Arbeit mit der Note "Nichtgenügend" oder "6" (in Deutschland) zurückgegeben werden. Begründung: Parabel mit Allegorie verwechselt. Der Grundgedanke der Parabel wurde nicht erfasst. Der Kerngedanke wurde nicht erfasst, statt dessen der Fokus auf eine Randnotiz des auszulegenden Gleichnisses gelegt.

a) Wieso sollte man Jesus eine Textauslegung zugestehen (und handle es sich um seinen eigenen Text), wofür jeder Schüler schlechte Zensuren bekäme?

b) Ein Gleichnis ist ein didaktisches Hilfsmittel, um einen unverstandenen Sachverhalt verständlich zu machen. Müsste man einem Lehrer, der Gleichnisse erzählt, die selbst auch wieder durch Gleichnisse erhellt werden müssen, nicht die Lehrbefugnis entziehen?

c) Wenn aber die allegorische Auslegung der Parabel von der mt. Gemeinde bzw. dem Evangelisten stammt, stellt sich allen Ernstes die Frage nach der Berechtigung solcher Interpretation.
Mit welchem Recht darf die Gemeinde Jesus eine Auslegung seines eigenen Gleichnisses in den Mund legen, die die ursprüngliche Kernaussage praktisch gänzlich ignoriert? Woher die Sicherheit, dass Jesus so etwas gutheißen würde?

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