Sonntagsevangelium (151)

Allerseelen: Joh 11,17-27

Die Wundergeschichten des Johannes-Evangeliums werden in drei Fällen durch »Ich-bin-Worte« in ihrem metaphorischen Gehalt erläutert (Brotvermehrung: 6,35; Blindenheilung: 9,5; Auferweckung des Lazarus: 11,25f). Dadurch tritt der Grundzug dieser Erzählungen deutlich hervor: Sie sind Zeichen, die auf die Bedeutung des Wundertäters verweisen. In der Erzählung von der Auferweckung des Lazarus ist das Ich-bin-Wort eingebettet in den Dialog Jesu mit Martha, der deshalb als Kernstück der Wundergeschichte bezeichnet werden kann.

Martha eröffnet das Gespräch mit einem Bekenntnis zur Wundermacht Jesu: Er hätte den Tod ihres Bruders verhindern können. Traut sie Jesus auch zu, die Grenze des Todes zu überwinden? Der Text bleibt in der Schwebe. »Aber auch jetzt weiß ich, dass Gott dir geben wird, was immer du erbittest.« Da die Auferweckung des Lazarus mit dem Gebet Jesu zum Vater verbunden wird (11,41f), kann man einerseits in den Worten Marthas die Hoffnung ausgedrückt sehen, dass der Tod ihres Bruders angesichts der Gegenwart Jesu nicht endgültig ist. Andererseits zeigt der Dialog mit Jesus, dass Martha die Bedeutung Jesu an dieser Stelle noch nicht voll erkennt.

Jesus antwortet zunächst mehrdeutig: »Dein Bruder wird auferstehen.« Die Doppelbödigkeit der Aussage wird noch nicht gleich sichtbar. Martha bezieht das Wort Jesu auf die Erwartung der (allgemeinen) Totenauferstehung am Ende der Zeit. Sie »weiß«, dass ihr Bruder »auferstehen wird am letzten Tag«, Jesus hat ihr also nichts Neues gesagt – so scheint es. Und tatsächlich hat sich die Erwartung der endzeitlichen Totenauferstehung in der  Glaubensgeschichte Israels zwar erst ab dem 2. Jahrhundert v.Chr. durchgesetzt, in neutestamentlicher Zeit ist sie aber fest verankert (wenn auch nicht von allen Juden geteilt). Davon kann man »wissen«, Martha vertritt die traditionelle Zukunftshoffnung.

Jesus eröffnet aber eine neue Perspektive auf die traditionelle Erwartung. Zum einen wird die Rede von Auferstehung auf seine Person bezogen: »Ich bin die Auferstehung und das Leben« Zum andern wird die Auferstehung auf diese Weise gegenwärtig: »Ich bin die Auferstehung und das Leben.« In der Person Jesu begegnet man dem, was von der endzeitlichen Zukunft erwartet wurde. Wer im Glauben Gemeinschaft mit Jesus gewinnt, hat dadurch Anteil an Auferstehung und Leben. Damit ist der Tod zwar nicht negiert, auch die Glaubenden werden sterben; aber ihr Tod bedeutet nicht Abbruch des Lebens: »Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt« (11,25b).

Der zweite Teil des Nachsatzes zum Ich-bin-Wort scheint zunächst einen Widerspruch zu bieten: Wer an Jesus glaubt »stirbt nicht in Ewigkeit« (11,26). Gerade war noch das Sterben als die zu erwartende Zukunftsaussicht der Glaubenden gekennzeichnet (»auch wenn er stirbt«). Man kann den scheinbaren Widerspruch aber auflösen, wenn man das Sterben auf zwei verschiedenen Ebenen deutet: zum einen der physische Tod (11,25b), der niemandem erspart bleibt; er bedeutet zum andern aber kein wirkliches Sterben, sondern den Übergang ins ewige Leben, und insofern sterben die Glaubenden »gewiss nicht in Ewigkeit«.

Wir stoßen an dieser Stelle auf eine Besonderheit der johanneischen Zukunftshoffnung, die in der Exegese unter dem Stichwort »präsentische Eschatologie« verhandelt wird (und im Verständnis umstritten ist). Was traditionell von der endzeitlichen Zukunft erwartet wurde, ereignet sich nach Johannes nicht am Ende der Tage, sondern im individuellen Tod. Der Tod bedeutet nicht Vergehen, wenn man durch die Verbindung mit Jesus Christus das Leben gewonnen hat. Sicher bleibt eine zukünftige Dimension – in der je eigenen Lebensspanne. Die entscheidende Umdeutung durch das Johannes-Evanglium liegt also nicht in der zeitlichen Dimension allein; dazu kommt: Die Zukunftshoffnung ist nicht mehr kollektiv, sondern individuell ausgerichtet. Die Gegenwart spielt aber nach Johannes insofern eine grundlegende Rolle, als es darauf ankommt, in ihr durch den Glauben das Leben zu gewinnen, das nicht mehr vergehen kann.

Die traditionelle Zukunftserwartung (»Auferstehung am letzten Tag«), die Martha geäußert hatte, wird also weitergeführt. Die Reaktion Marthas auf das Wort Jesu (11,27) ist eine Antwort des Glaubens vor dem Zeichen der Auferweckung des Lazarus, das den Glauben an Jesus als Auferstehung und Leben also nicht begründet, sondern illustriert. Zwar wiederholt Martha nicht wörtlich, was Jesus gesagt hat; aber sie bejaht ausdrücklich die Frage Jesu (»glaubst du das?« – »Ja, Herr, ich glaube, dass ...«). Dass sie den Inhalt des Glaubens anders umschreibt, dürfte bewusste Variation des Evangelisten sein. Er zeigt damit: Im Bekenntnis zu Jesus als Messias und Sohn Gottes ist das Bekenntnis zu ihm als die Auferstehung und das Leben enthalten – und damit auch die Zusage des Lebensgewinns über den Tod hinaus.

Dass das von Martha gesprochene Bekenntnis im Johannes-Evangelium grundsätzliche Bedeutung hat, kann man auch an der Verbindung zum ursprünglichen Buchschluss in 20,31 erkennen, wo Auskunft über das Ziel des ganzen Werks gegeben wird. Dieses Ziel besteht im Glauben der Leser, und zwar im Glauben, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes. Die von Martha verwendeten Titel erscheinen also in derselben Zusammenstellung. Auch der Zusammenhang von Glaube und Lebensgewinn kommt in 20,31 wieder zur Sprache: »… und damit ihr durch den Glauben Leben habt in seinem Namen.«

Kommentare

Gerhard Mentzel hat gesagt…
Nur damit keiner mehr auf den dummen Gedanken kommt, Johannes hätte von einem Wanderguru berichtet, wie er heute als historisch gilt. Und der hätte dann mit einer Frau Namens Marha über den Tod und die Auferstehung ihres Bruders gesprochen.

Nicht nur die Bibelleser wissen, dass Johannes vom Logos, der Vernunft in menschlicher Person (Rolle/Aufgabe) handelt (die nicht einfach die Rolle/Aufgabe des Unsagbaren Grundes allens Seins war) und davon ausgehend auch diese Geschichte handelt. Die im Namen Johannes Schreibenden haben die Hoheit des christlichen Wesens bzw. dass es ihnen nicht um den jungen mehr oder weniger göttlichen Heilsprediger geht, der heute an den Hochschulen entsprechend der Lebenslehre bzw. dem Glaube der Lehrer den jungen Studenten vermittelt wird, ja in fast jedem Satz betont.

Und da die Bibelleser auch in der Antike gebildet sind, wissen sie, was ja auch das Thema von Cicero oder Seneca war, auf die die Kirchenväter Bezug nahmen und die noch heidnisch bzw. auf alte Art die Vernunft auf Erden verwirklichen wollten. Und die entsprechend antikem Kulturhandwerk hierzu Tragödien, Gedichte und Götter-Geschichte entwarfen, die den christlichen Kultlesetexten kaum was nachstehen.

Nur frage ich mich, wie man das alles weiß, dem Seneca bei Herkules nie unterstellen würde, er hätte von einem "Halbstarken" geschrieben und dann dem von der gleichen Vernunft allen natürlichen Werdens handelnden Johannesverfasser letztlich dies doch weiter unterstellt. Zumindest wenn man die Welt im Glauben lässt, hier ging es es um einen besonders charismatisch-göttlichen Heilsprediger, der im Laufe der Geschichte hellenisiert, zum Logos wurde. Hat nicht auch Johannes am Anfang klar gemacht, was Thema seiner Geschichte ist, wir auch aus der Realgeschichte wissen?

Wie aber kann man Christen, die es bis in den Tod ablehnten menschliche Göttergestalten anzubeten, ihnen und damit auch dem Kaiser auf traditionelle Weise zu opfern, ihren Kult und ihre Hoffnung auf die kreative Vernunft bauten, die damals Kulturthema war, Johannes auch in der heutigen Geschichte beschreibt,
weiter unterstellen wollen, sie hätten einen jungen christlichen Herkules angebetet???

Gerhard Mentzel hat gesagt…
Die Lese von Johannes sollte man einfach sein lassen. Denn hier besteht immer die Gefahr, wie mehr als deutich wird, dass das lebendige Wort (kein Text von einem göttlichen Junghandwerker, sondern der Vernunft allen natürlichen Werdens, heute wissenschaftlich beschriebene Kreativität des Ganzen) das Thema war. Evtl. könnte an diesen Sonntagen ja ganz andere kirchliche Streitthemen oder moderne Romane aufgegriffen werden.

Aber da inzwischen klar ist, wie nicht nur die im Namen Paulus verfassten antiken Kunstbriefe eines neuen nun universal gütligen bildlosen monotheistischen Paradigmas, sondern auch die Synoptiker vom Christus des Johnnes (zumindest von dessen hoheitlichen Wesen, dem Auferstandenen Wort) handeln, gibt es ein Problem.

Doch jetzt auf außerkanonische Texte oder sonstige frühchrisliche Literatur, gar die sog. Apologeten und Kirchenväter zurückgreifen zu wollen, davor sei im höchsten Maße gewarnt. Denn die machen allesamt mehr als deutlich, wie der junge Heilsprediger, der angeblich historisch handelt und irgendwie hellenistiert worden sein soll, ein Hirngespinst der Halbaufklärung ist.



Gerhard Mentzel hat gesagt…
Prof. Häfner ist sicher zuzustimmen, wenn er mit Blick auf den heutigen Text auf den ursprünglichen Buchschluss verweist.

Die Bedeutung des im Prolog als Thema vorstellenten Logos als das lebendige Wort, was im jüdisch-biblosen Sinne Josua, lat. Jesus verkörperte, daher wahrer Christus bzw. Gottessohn war, an die Stelle der Göttersöhne trat, ist letzlich auch Thema dieses Textes. Es geht um den als Jesus erkannten Logos als Christus und Gottessohn.

Und warum das in der heutigen Geschichte mit der Martha so menschlich abgebildet ist, dazu berauchen wir keine moderne Kommunikationswissenschaft studiert zu haben. Das wissen wir auch aus der gesamten antiken Art und Weise, auf die hochzivilierte Denker, die aus dem natürlichen Werden (der heute wissenschaftlich beschriebenen Kreativität des Ganzen) abgeleitete Vernunft in Göttergestalten zur Welt brachten.

Jetzt den Evangelisten zu unterstellen, sie hätten einen jungen Heilsprediger als Gottessohn geglaubt oder glauben wollen, das ist ein schlechter Witz. Auch die nicht nur bei den Kritikern des Glaubens geltende Denkweise, da wäre ein junger Religionsrebell mit Namen Jesus, der seinen Anhängern als göttlich galt, mit antiken Vorstellungen ein heidnischer oder hebräischer Heiligenschein aufgesetzt bzw. der wäre hellenisiert worden, ist ein Kurz-schluss.

Das zeigt sich allein mit Blick auf apokrypen Evangelien, z.B. von der Kindheit, Herkunft, Auferstehung...aber auch den Apostelgeschichten. Wenn dort ein Wesen auf ganz unglaubliche Weise handelt und seine göttlich Herkunft oder Wiederkunft in ausführlichen Geschichten diskutiert wird, dann wird nicht nur deutlich, dass es nicht um den Heilsprediger geht, den z.B. der Neutestamentler Wilhelm Michels (Herausgeber und Kommentator, der nicht müde wird, den Vorragang des Kanons zu betonen, weil er dort den kindlichen Jesus bestätigt sieht) seinen Studenten mit auf den Weg gab.

Vielmehr wird nicht nur in der gesamten antiken Denkweise und Diskussion, sondern auch den ausführlichen Darstellungen der urchr. Texten (auch heute bei Johannes) klar: Hier ist es nicht nur um die Vergötterung (Hellenisierung) eines jungen Gurus gegangen, der seinen Anhängern als Gottessohn, Christus... galt. Wie der Kurz-schluss gegen alles Wissen um antikes Denken, Diskutieren und das Wesen aller christlichen Texte weiter unterstellt. (Denn ich warte immer noch auf den einen ersten Text, der vom Heilsprediger handelt, wie er heute als historische Hinterlassenschaft der Lebenswerke der Lehrer durch die Hochschulen geistert.)

Gerhard Mentzel hat gesagt…
Wobei die ursprüngliche Lehre selbst dann noch vom hoheitlichen Logos-Wesen ausging, als im Mittelalter die logische Welterklärung wieder vom Mythos verdrängt war.

Der heute als historisch an den Anfang aller wissenschaftlichen Untersuchungen bzw. christologischen Überlegungen und Lehren gestellte Heilsprediger scheint ein Produkt der Neuzeit zu sein.

Ob den katholischen Denkern des Mittelalters oder noch den neuzeitlichen Reformatoren muss klar gewesen sein, dass es in den Texten nicht um einen mehr oder weniger göttlichen Zweibeiner ging, wie er heute gilt. An vielen Fakten lässt sich festmachen, dass es weder bei mittelalterlichen Mönchen, noch Melanchthon nur fromme Gutgläubigkeit an die Gottheit eines Gutmenschen, sondern diesen Denkern noch bewusst war, um was es ging.

Die Aufgabe der heutigen Theologie wäre es daher auf aufgeklärte Weise deutlich zu machen, warum das Leben Jesus nicht einfach von Geburt bis zu Tod und Auferstehung den Göttergestalten nachgestellt wurde. Wie hier nicht nur ein (unhistorischer) Heilsprediger wie Zarathustra, Buddha... als jungfräulich geboren hingestellt wurde. Vielmehr warum auch z.B. hinter Zarathustra eine monotheistische Lehre steht, die im Grunde nicht menschlichen Ursprungs war, sondern von natürlicher Schöpfung ausging. Wie auch den antiken Philosophen die Götter als Bilder einer Wirklichkeit galten, die eine schöpferische war bzw. mit Zeus denkerisch auf einen gemeinsamen Grund/Ursprung zurückgeführt wurde.

Was aber zur Zeitenwende bzw. dem Kulturwandel der Achsenzeit der Mehrwert der christlichen Lehre war. Wie hier echte Auferstehung war, der bilblose Monotheismus auf neue Beine gestellt wurde und so die Götter und kaiserlich menschliche Gottheiten im Kult ablösten musste.

So wäre nicht nur das Ergebnis der Marthageschichte auf neue Weise zu bestätigen. Vielmehr wäre der Grund des christlichen Glaubens dort deutlich zu machen, wo z.B. heute in universal gültiger Vernunft das natürliche Werden erklärt und auf Weltkonferenzen vergeblich gepredigt wird, was danach vernünftig wäre.

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