Offener Brief, nicht offener Dialog (2)

Kommt jetzt jeden Montag ein Schreiben des Kölner Erzbischofs zur Lage der Kirche angesichts des Theologen-Memorandums? Kardinal Joachim Meisner hat sich eine Woche, nachdem er das Memorandum erschrocken und betrübt zurückgewiesen hat, erneut öffentlich geäußert, dieses Mal mit einem komparatistischen Ansatz: das Memorandum wird mit der »Petition pro Ecclesia« verglichen, denn es sind oft »die Kontraste, die das Wesen einer Sache deutlicher zum Vorschein bringen«. Das mag sein. Es besteht allerdings bei solcher Absicht auch die Gefahr, dass man die Kontrasteinstellung künstlich verstärkt, um nicht nur das Wesen der einen, sondern vor allem das Unwesen der anderen Sache zu unterstreichen. 

Was haben die Memorandisten falsch gemacht? Offenbar alles. Sie haben 
»Forderungen unterbreitet, die im Großen und Ganzen auf eine Demokratisierung und Säkularisierung der Kirche hinauslaufen«. 
Damit sind zwei Stichworte gefallen, die das Memorandum als völlig inakzeptabel stigmatisieren sollen. Inwiefern diese Begriffe angebracht sind, wird nicht erörtert. Es genügt zu benennen, was sich als Ergebnis »im Großen und Ganzen« einstellen wird, wenn man denn dem Memorandum folgt.

Auf dieser Basis kann sich der Blick nun auf die Personen richten. Wer hat da unterschrieben? 
»Ein Großteil der Initiatoren und Unterzeichner besteht aus Theologen, die an den Hochschulen just zu jener Zeit Lehrverantwortung trugen, als die von ihnen beklagte Krise Gestalt annahm und sich verschärfte.«
Dieser Satz wirkt allein durch seine Unschärfe. Wann hat denn die Krise Gestalt angenommen und sich verschärft? Welche Generation theologischer Lehrer und Lehrerinnen ist hier gemeint? Wir erfahren es nicht. Auch die Rede vom »Großteil« erspart sich begriffliche Schärfe. Es kommt hier nicht auf sachliche Präzision an, sondern auf rhetorische Duftmarken. Nahegelegt wird: Diejenigen, die jetzt eine Krise beklagen, tragen selbst Mitverantwortung, denn es gibt einen zeitlichen Zusammenfall zwischen ihrer Lehrtätigtkeit und dem Beginn der Krise. Ausgeblendet bleibt, dass selbst für den Fall, dass der zeitliche Zusammenhang zuträfe, der sachliche damit noch keineswegs erwiesen wäre. 

Der nächste Satz bringt eine gewisse zeitliche Orientierung, wenn die Inhalte des Memorandums gekennzeichnet werden: 
»Mit teilweise erschreckend oberflächlichen Rezepten und Forderungen, die samt und sonders aus den 60er, 70er und 80er Jahren bekannt sind, wollen sie heute das erreichen, was zu ihrer Zeit so gründlich misslungen ist: die geistliche Erneuerung der Kirche in Deutschland.«
Die Zeitangaben beziehen sich also auf die vorgelegten »Rezepte und Forderungen«. Die Formulierung sagt es zwar nicht ausdrücklich, legt aber nahe, dass die Vorstellungen veraltet, längst erprobt und in ihrer Unfruchtbarkeit erwiesen sind. Es entsteht der Eindruck: »Wir kennen das doch alles, und es hat damals schon nicht funktioniert.« Mir ist allerdings nicht bekannt, dass die im Memorandum angesprochenen Punkte eine nennenswerte Testphase in den vergangenen Jahrzehnten hinter sich hätten.

Es folgt eine Kritik der Vorgehensweise des Memorandums: 
»Auch fordert das Papier zwar den Dialog, fördert ihn aber nicht gerade, wenn es statt Anfragen kategorische Postulate vorträgt und dabei auf den Druck der Öffentlichkeit setzt, statt das Schreiben ohne Umwege an die Bischöfe zu richten.« 
Dass das Memorandum, das zum offenen Dialog einladen will, an manchen Stellen zu fordernd formuliert ist, entspricht auch meiner Empfindung. Das hat mich aber nicht von der Unterzeichnung abgehalten, da ich die Sache für entscheidend gehalten habe. Ich habe mich auch gefragt, ob der Weg über die Öffentlichkeit richtig ist. Wenn ich jetzt aber sehe, wie harsch Kardinal Meisner das Memorandum be- und verurteilt, ist meine Hoffnung sehr gering, dass aus der Sache irgendetwas geworden wäre, wenn »das Schreiben ohne Umwege an die Bischöfe« gerichtet worden wäre. Der Widerstand gegen eine befürchtete »Säkularisierung« der Kirche wäre sicher nicht geringer gewesen.

Der Vergleich mit der Petition

das Kardinal Meisner unter einem Vergleich versteht, wird deutlich, wenn er sich der Petition zuwendet. Während die Inhalte des Memorandums nicht einmal ansatzweise zur Sprache kommen, werden die einzelnen Punkte der Petition ausführlich referiert. Die eine Seite erscheint nur unter dem Verdikt negativer Stichworte, kritikwürdiger Vertreter und unangemessener Sprache. Die andere Seite wird gelobt und zitiert. Ob und inwiefern die Petition auf die Anliegen des Memorandums sachlich angemessen eingeht, interessiert nicht (einige Gedanken dazu finden sich hier). Die Rollen von gut und böse sind eindeutig verteilt, ein Abwägen und Ausgleichen überflüssig, ja sogar schädlich, wenn denn die einen die Säkularisierung anstreben, die anderen dagegen die Bischöfe um Hilfe anrufen.

Eine offensichtlich bewährte Metapher soll die gegebenen Verhältnisse weiter klären: 
»Wiederholt habe ich in der Vergangenheit die Kirche in Deutschland mit einem Auto verglichen, dessen Karosserie zu groß und dessen Motor zu klein ist. Wir müssen folglich vor allem den Motor (die geistliche Kraft) stärken und vergrößern, bevor wir die Karosserie (die Strukturen und Verfahrenswege) umlackieren, umgestalten - oder gar verbeulen.« 
Zwar lassen sich solche Bilder beinahe beliebig anwenden, die Bildlogik gibt aber gewisse Grenzen vor. Wie man die Karosserie eines Autos auf »Strukturen und Verfahrenswege« beziehen kann, erschließt sich mir nicht. Die müssten wir doch eher in der Elektronik des Autos suchen, ohne die heute bekanntlich nichts mehr läuft. Die Karosserie ist natürlich nicht zufällig gewählt, da sie erlaubt, von einer rein äußerlichen Veränderung zu sprechen (»umlackieren«), die das Funktionieren des Gefährts nicht berührt. Das Memorandum stößt also, so die Botschaft des Bildes, nicht zum Wesentlichen vor, hält sich mit Äußerlichkeiten auf. Und wenn man dann noch ungeübte Lehrlinge sich gestalterisch am Auto austoben lässt, muss man fürchten, dass das gute Stück dabei verbeult wird! Wenn ich recht sehe, ist das nicht die größte Gefahr, die beim Lackieren droht. Vielleicht ist die Auto-Metapher doch nicht ganz geeignet, die gegenwärtige Situation der Kirche zu erhellen. 

Der Petition, der »das Spektakuläre des Memorandums« fehle, bescheinigt Kardinal Meisner, was er beim Memorandum schmerzlich vermisst: »geistlichen Tiefgang und Gespür für die Kirche«. Das kann man auch anders sehen. Ich finde weder im Memorandum Spektakuläres noch in der Petition geistlichen Tiefgang, und Gespür für die Kirche muss man keiner Seite absprechen. 

Ein biblischer Impuls zum Schluss 

Am Ende des Textes bringt Kardinal Meisner Mt 7,7 ins Spiel (»Bittet, und es wird euch gegeben werden«). Und er merkt dazu an: 
»Ich jedenfalls werde mich nach Kräften dafür einsetzen, dass diese Bitten nicht ungehört verhallen.«
Ich hatte diesen Vers im Kontext von Mt 7,7-11 so verstanden, dass es um eine Bitte an Gott geht, der Erhörung durch Gott zugesagt wird. Nun kann sich Gott dabei gewiss auch der Mitwirkung von Menschen bedienen. Dann läge es allerdings auch nahe, dass man die weniger freundlich Bittenden, die Zudringlichen und die Unverschämten nicht einfach abweist. Denn dafür ließen sich ebenfalls biblische Vorbilder finden im Gleichnis vom in der Nacht bittenden Freund (Lk 11,5-8; übrigens direkt vor der Parallele zu Mt 7,7) und im Gleichnis vom Richter und der Witwe (Lk 18,1-8).

Vielleicht ist die Hoffnung auf einen Dialog doch nicht vergebens.

Kommentare

Anonym hat gesagt…
Was ist denn nun mit der geistlichen Erneuerung der Kirche, Herr Meisner. Ist die nun notwendig oder nicht. Wie ist die Situation in der kath. Kirche seit den 60er Jahren? Statt Vorurteile und billige Polemik hätte ich gerne ein paar Antworten. Warum gehen die Leute laufen? Und wer ist dafür innerhalb der Kirche verantwortlich?
Anonym hat gesagt…
Ich halte die Sprache der Petition für aggressiv und ausgrenzend (und damit nicht dem Geist des Christentums entsprechend), da einzig eine Ansicht für richtig gehalten wird, die bitteschön von den Bischöfen verteidigt werden solle, gegen das "unredliche Verhalten" (Zitat Petition) derer, die eine andere Meinung vertreten! Außerdem "fördert [die Petition den Dialog auch] nicht gerade, wenn [sie] statt Anfragen kategorische Postulate vorträgt" - wenn ich hier einmal ein Zitat Meisners verfälschen darf! Schließlich werden die Bischöfe ja dringendst aufgefordert, das zu unterstützen, was die unterzeichner der Petition "verlangen" (Zitat Petition).

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