Ein Antwortversuch: Hinweise zu Mt 7,1-5

In den Kommentarspalten ist neulich im Zusammenhang der Debatte um verschiedene Lager in der Kirche die Frage nach der Auslegung von Mt 7,1-5 gestellt worden. Der Leser Stefan Kraft hat dazu geschrieben:
»Einerseits wird verboten zu urteilen - andererseits sagt Jesus in den Evangelien oft genug lautstark seine Meinung (meist aus gutem Grund, wie ich finde). Hält er sich nicht an seine eigene Lehre? Was ist der heutige exegetische Befund?«
Die Passage lautet in der Einheitsübersetzung so:
(1) Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! (2) Denn wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet werden, und nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird euch zugeteilt werden. (3) Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? (4) Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen! - und dabei steckt in deinem Auge ein Balken? (5) Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du versuchen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen. (Parallele in Lk 6,37f.41f)
Ausgangsfrage: zum Verständnis von  Mt 7,1-5
Ein erstes Problem besteht in der angemessenen Übersetzung des griechischen Verbs krinein, das die Aussage von Mt 7,1 trägt. Es hat ein weites Bedeutungsspektrum:
1. »unterscheiden, auswählen« / 2. »urteilen, halten für« / 3. »sich entscheiden für, beschließen« / 4. »Recht verschaffen« / 5. »richten, verurteilen« (im Blick auf ein menschliches oder das göttliche Gericht) / 6. »Urteil fällen, aburteilen, verdammen« (im zwischenmenschlichen Verhalten) (Angaben nach Bauer-Aland, Wörterbuch zum Neuen Testament, Berlin, 6. Aufl. 1988).
Für Mt 7,1 kommen nur die letzten beiden Bedeutungen in Frage. Der Finalsatz »... damit ihr nicht gerichtet werdet« weist auf das göttliche Gericht. Es begegnet hier die typisch biblische Sprachform des so genannten theologischen Passivs: Gott wird als Urheber einer Handlung nicht ausdrücklich genannt, die grammatische Form des Passivs dient der zurückhaltenden Beschreibung einer Gott zugewiesenen Aktion (so auch in den Seligpreisungen, z.B.: Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden – gemeint ist: Gott wird sie trösten). Schließen wir auch 7,2 in die Betrachtung ein, bestätigt sich dieses Verständnis. Denn hier ist von einem künftigen Gerichtetwerden die Rede. Dabei kann nur das göttliche Gericht gemeint sein. Da in beiden Vershälften von 7,1 dasselbe Verb verwendet wird, ist es angemessen, von einer sachlichen Entsprechung auszugehen. Ist der zweite Halbvers auf das (göttliche) Gericht ausgerichtet, kann es im Vordersatz nicht um ein Urteilen im Sinne von Meinungsbildung oder Entscheidung gehen. Abgewiesen wird nicht das Beurteilen, sondern das Verurteilen des anderen. 

Der folgende Vers will kaum etwas zurücknehmen von dieser Warnung vor dem Verurteilen. »Mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird euch zugemessen werden.« Man könnte vielleicht geneigt sein, dies im Sinne der Abschwächung zu verstehen: Man müsste nur darauf achten, an andere keine strengeren Maßstäbe anzulegen als an sich selbst. Die Stoßrichtung des Spruches ist aber eine andere. Er will nicht zur Perfektion ermuntern (etwa: seid nur vollkommen, dann könnt ihr andere gefahrlos verurteilen), sondern  in erster Linie darauf hinweisen, dass unser Verhältnis zum Nächsten von Bedeutung ist für das endgerichtliche Urteil Gottes über uns. Das Bildwort vom Balken und Splitter bestärkt diese Interpretation. Es formuliert den Gedanken, dass wir für die kleinen Schwächen der anderen viel sensibler sind als für die eigenen groben Fehler – mit der Folgerung, dass man sich zuerst um seine eigenen Fehler kümmern sollte, ehe man sich mit den Schwächen der anderen befasst. In diesem Zusammenhang kann man auch die zitierte Aussage aus 7,2 nur als Warnung interpretieren. Es mag befremden, dass die Ablehnung des Verurteilens nicht aus dem Liebesgebot begründet wird, sondern aus der Warnung vor dem Gericht Gottes. Aus dem Text ist dieser Gedanke aber nicht herauszuhalten (vgl. auch Ulrich Luz,  Matthäus I [5. Aufl. 2002] 492).

Folgefrage: Inkonsequenz Jesu?  

Dass Jesus »lautstark seine Meinung« sagt, muss also nicht als Widerspruch zu dieser Weisung aufgefasst werden. Aber tut er nicht selten doch mehr und verurteilt andere: Pharisäer und Schriftgelehrte (Mt 15,12-14; 22,18; Kapitel 23), Sadduzäer und Pharisäer (Mt 16,1-4), die Hörer seiner Gleichnisse (13,10-15), Hohepriester und  Pharisäer (21,43)? Hält sich Jesus nicht an seine eigenen Worte? Verlangt er von anderen mehr als von sich selbst? Zur Beantwortung dieser Fragen ist der unterschiedliche Sachzusammenhang zu bedenken, in dem die jeweiligen Aussagen stehen. Die harten Worte Jesu ergehen im Rahmen der Auseinandersetzung um die rechte Auslegung des Gotteswillens. Auch wenn dabei das Mittel der Polemik eingesetzt wird, so soll damit nicht die Person getroffen werden, sondern die Position, die von ihr vertreten wird. So ist das Gegenüber Jesu in diesen Fällen immer eine Mehrzahl, er verurteilt nicht einzelne Personen, sondern eine Gruppe und den von ihr erhobenen Anspruch. 

Man kann sich den Unterschied vielleicht noch deutlicher klar machen, wenn man auf die Ebene der Evangelisten wechselt (dabei setze ich die heute übliche Sicht voraus, dass die Evangelien nicht von Augenzeugen geschrieben sind und aus der Zeit nach 70 stammen). Bleiben wir bei Matthäus: Wenn er vom Streit zwischen Jesus und den Pharisäern erzählt, dann hat er dabei auch die Auseinandersetzungen im Blick, in denen er und seine Gemeinde stehen. Die im Evangelium auftretenden Pharisäer sind  nicht als Individuen interessant (sie haben ja auch kein individuelles Profil), sondern als Konkurrenzgruppe. Wenn sich Jesus mit ihnen auseinandersetzt, dann spiegelt das zum einen sicher Konflikte im Auftreten des geschichtlichen Jesus; zum andern gibt es aber auch ein aktuelles Interesse des Evangelisten. Der Streit mit den Pharisäern ist im Matthäus-Evangelium gerade deshalb so ausgeprägt, weil Matthäus selbst mit den Pharisäern seiner Zeit im Streit liegt. Wenn er nun erzählt, dass Jesus mit den Pharisäern scharf ins Gericht ging, dann ist ihm dabei die Kritik an den pharisäischen Positionen, an der Schriftauslegung der Pharisäer wichtig. Ein Verurteilen auf persönlicher Ebene hat in diesem Zusammenhang keinen Ort; Jesus konnte ja nicht mit den Pharisäern zur Zeit des Evangelisten streiten.

Kein ethisches System

Trotz dieser Klärung kann man fragen: Sollten diese unterschiedlichen Kontexte nicht in der Überlieferung vom Wirken Jesu selbst ausdrücklich gemacht werden, damit keine Missverständnisse aufkommen können? Angesichts der Gestalt der Jesusüberlieferung wäre dies eindeutig zu viel verlangt: Die Weisungen Jesu bilden kein ethisches System, in dem alle Aussagen in ein spannungsfreies Ganzes integriert würden. Einzelne Weisungen können auf einen bestimmten Gedanken zugespitzt sein und erheben dabei nicht den Anspruch, das ganze angeschnittene Themenfeld umfassend und ausgewogen zu behandeln. Bleiben wir bei Beispielen aus der Jesusgeschichte des Matthäus: Die Aufforderung, das Gebet nur im stillen Kämmerlein zu verrichten (Mt 6,5f), richtet sich gegen eine Zurschaustellung von Frömmigkeit, bedenkt aber nicht die Frage eines gemeinschaftlichen Gottesdienstes. Jesus kann in starken Bildern zum  Vertrauen auf die Fürsorge Gottes aufrufen (Mt 6,25-34; 10,29-31), ohne dass negative Erfahrungen bis hin zum Martyrium deshalb ausgeblendet würden (z.B. 10,17-22). Wie beides zusammengeht, wird nicht zum Thema. In Mt 23,16-22 kritisiert Jesus die pharisäischen Einzelbestimmungen zum Schwören; dabei spielt keine Rolle, dass in 5,33-37 der Schwur ganz grundsätzlich abgelehnt wurde. 

Ich fasse zusammen: In Mt 7,1-5 bezieht Jesus Stellung gegen das gegenseitige Verurteilen, nicht dagegen, sein Urteil in einer bestimmten Sache (auch entschieden) zu vertreten. Dass die Grenze zwischen beidem in der Jesusüberlieferung nicht zum Thema wird, muss nicht überraschen, sondern entspricht deren Charakter: sie bietet einzelne, situative Weisungen, kein durchreflektiertes ethisches System. Dies wird im Übrigen auch an der Frage deutlich, die in der Auslegungsgeschichte von Mt 7,1 bestimmend war: die Frage nach der Reichweite des Verbotes zu richten. Ist damit jegliches Richten, auch das im Rahmen der Rechtsprechung, ausgeschlossen?  Das ist ein Fragehorizont, den das Jesuswort offensichtlich gar nicht im Blick hat (zu den verschiedenen Antworten vgl. Ulrich Luz, ebd. 489f).

Und heute?

Die Frage im Leser-Kommentar war von den Debatten ausgegangen, die das Theologen-Memorandum ausgelöst hat. Findet hier gegenseitiges Verurteilen statt? Die matthäische Fassung der Weisung Jesu ist so gestaltet, dass wir diese Frage immer nur an uns selber richten können. Das Wort in Mt 7,1 eignet sich nicht zur Waffe gegen andere, denen man vorhalten könnte: »Du musst das Verbot des Verurteilens bedenken!« Die Fortsetzung im Wort vom Splitter im Auge des andern und vom Balken im eigenen Auge kehrt die Richtung um: »Ich muss das Verbot des Verurteilens bedenken!«. In der Diskussion um den rechten Weg der Kirche in die Zukunft kann unsere Stelle also nicht zum Argument werden. 


Kommentare zum Matthäus-Evangelium

Für ein größeres Lesepublikum gedacht: 

Hubert, Frankemölle, Das Matthäusevangelium. Neu übersetzt und kommentiert, Stuttgart 2010.
Peter Fiedler, Das Matthäusevangelium, Stuttgart 2006.
Ulrich Luck, Das Evangelium nach Matthäus, Zürich 1993.
Rudolf Schnackenburg, Matthäusevangelium, 2 Bde., Würzburg 1985/87.
Joachim Gnilka, Das Matthäusevangelium, 2 Bde., Freiburg 1986/88. 



Kommentare

Anonym hat gesagt…
Kann man wirklich keine Ethik aus Jesu Verhalten ableiten? Er macht doch immer wieder daruaf aufmerksam, erst einmal bei sich selbst anzufangen (der erste Stein). Er macht immer wieder darauf aufmerksam, dass wir alle unvollkommen sind und zur Sünde tendieren, vor diesem Hintergund keine Motivation haben sollten, uns über andere zu erheben(Bergpredigt).
Gerd Häfner hat gesagt…
@Anonym 12:29

Mir ging es um den Hinweis, dass sich aus der Jesusüberlieferung kein ethisches System ableiten lässt, in dem die verschiedenen Aussagen alle aufeinander abgestimmt oder aus einem Prinzip entwickelt wären. Auch fehlt die theoretische Besinnung, die für eine Ethik (im Unterschied zum Ethos) kennzeichnend ist.

Gewiss lassen sich aus der Jesusüberlieferung Handlungsmaximen ableiten, und wir finden gerade im Matthäus-Evangelium den Versuch, den Anspruch an das Handeln in prägnanten Sätzen zu bündeln (7,12: goldene Regel; 22,37-40 (par Mk 12,28-31): Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe). Es ist allerdings nicht zu erkennen, dass die konkreten Weisungen Jesu aus solchen Grundsätzen entwickelt und aufeinander abgestimmt würden. Das heißt freilich nicht, dass die Weisungen nicht ernst gemeint seien. Sie zielen natürlich auf Verwirklichung im Handeln derer, die Jesus nachfolgen - wiederum besonders im MtEv betont: der Abschluss der Bergpredigt schärft genau dies ein (7,13-27).
Volker Schnitzler hat gesagt…
Ja, das Matthäusevangelium. Manche Judenchristen scheinen so ihre Probleme mit der Freiheitsbotschaft Jesu zu haben, was z.B. auch im Galaterbrief deutlich wird, wo sich Paulus mit Judenchristen aus Jerusalem auseinandersetzen muss, weil sie die Beschneidung und das Einhalten der Tora fordern. Dagegen spricht sich Paulus vehement aus, er tadelt in diesem Zusammenhang sogar den Petrus (vgl. Gal 2,11-21). Die uneinheitlichen Aussagen Jesu scheinen eher auf die Theologie der Evangelisten als auf den historischen Jesus selbst zurückzuführen zu sein.
Gerd Häfner hat gesagt…
@Volker Schnitzler

Das Phänomen des Judenchristentums ist äußerst vielgestaltig. Zunächst muss man bedenken, dass das Judenchristentum am Ursprung des Christentums steht. Es waren Judenchristen, die in der Verkündigung des Evangeliums den Schritt über Israel hinaus taten. Es waren Judenchristen, die dagegen Einspruch erhoben (Gal 2,4); es waren Judenchristen, die der Heidenmission zustimmten, aber keine Abstriche in der Toratreue seitens der Judenchristen duldeten (wie der Herrenbruder Jakobus: Gal 2,6-9.11-13). Das Problem mancher Judenchristen mit dem paulinischen Evangelium ist durchaus verständlich: Es ging dabei um die Frage, durch welche Handlungen und Einstellungen die Verbindung zur eigenen religiösen Tradition zerbricht. Sie wurde unterschiedlich beantwortet (wie wir das auch in unseren gegenwärtigen Debatten erleben). Und die Position des Paulus konnte sich nicht einfach auf das Beispiel Jesu berufen. Dass Petrus und Barnabas im antiochenischen Konflikt (Gal 2,11-14) ihr Verhalten geändert haben, zeigt: die Leute des Jakobus hatten keine schlechten Argumente.

Es ist gewiss so, dass manche Uneinheitlichkeit in der Jesustradition durch unterschiedliche Positionen der Evangelisten bedingt ist. Ich habe die Beispiele bewusst aus einem einzigen Evangelium entnommen, um zu zeigen, dass die Weisungen Jesu nicht in ein ethisches System eingepasst wurden. Natürlich kann man darüber diskutieren, was von den Beispielen auf den historischen Jesus zurückzuführen ist. Ich wollte auch nicht auf Widersprüche in den ethischen Weisungen Jesu abheben. In erster Linie ging es mir um den Hinweis: Man darf von der Jesusüberlieferung nicht erwarten, dass unterschiedliche Nuancierungen, Zielrichtungen und sachliche Zusammenhänge direkt zum Thema werden.
Volker Schnitzler hat gesagt…
Sie schreiben in Ihren Ausführungen, dass die aktuelle Situation des Matthäus mit in das Evangelium einfließt, er sich aufgrund von aktuellen Auseinandersetzungen mit Pharisäern auch im Evangelium stellvertetend mit diesen sehr kritisch auseinander setzt.

Das Problem, das ich an dieser Stelle sehe, ist, dass Matthäus in Perikopen wie z.B. Mt 5, 17-19 die Pharisäer in ihrer Gesetzestreue ja noch zu überbieten scheint. Das zweimalige "Reich Gottes" in V19 verweist auf die Situation in den christlichen Gemeinden zur Zeit des Matthäus, hier drängt sich die Frage nach dem rechten Verhältnis zum Gesetz der Tora auf. Und hier stellt Matthäus Gestzestreue eindeutig über einen "flexibleren" Umgang mit dem Gesetz. Das ist voll auf Linie der Pharisäer und meiner Meinung nach diametral zu Paulus, wenn man an Jesu Kritik am Ehescheidungsgestz, der Relativierung des Sabbatgebots und der Reinheitsvorschriften denkt, auch gegen dessen Standpunkt.
Gerd Häfner hat gesagt…
Ich will nicht bestreiten, dass Matthäus sich von der Position des Paulus unterscheidet. Es scheint mir aber fraglich, dass sich seine Sicht des Gesetzes allein aus 5,17-19 gewinnen lässt. Dieser Abschnitt steht als Überschrift über den Antithesen (5,21-48). Matthäus will klar machen, dass die Aussagen Jesu nicht gegen die Tora gerichtet, sondern als deren Erfüllung zu verstehen sind. Er bemüht sich auch, den Anspruch der Tora, in einem Satz zusammenzufassen (7,12; 22,40). Wenn Jesus das Gesetz so auslegt, ist das Erfüllung der Tora, und nicht deren Auflösung. Matthäus will also durchaus den Tora-Gehorsam der Pharisäer überbieten – in der Auslegung Jesu, wie sie im MtEv geboten wird. Und die ist durchaus auch »flexibel«: Dazu gehört neben den Antithesen die liberale Sabbat-Auslegung (12,1-14), die Zurückweisung der Ehescheidung (5,32; 19,3-9), ein von den Pharisäern abweichendes Verständnis der Reinheitsvorschriften (15,1-20). In diesen Punkten hat die ältere Jesusforschung häufig ein distanzierteres Verhältnis Jesu zur Tora gesehen als es heute meist geschieht. Nur ein Beispiel: Dass aus Mk 7,15 (nicht das von außen in den Menschen Kommende macht ihn unrein, sondern das, was aus seinem Inneren kommt) ein grundsätzlicher Bruch mit der Reinheitsvorstellung gegeben sei, wird heute meist nicht mehr vertreten. Dies hängt auch mit der noch deutlicher vertretenen Einordnung Jesu in das Judentum zusammen (die allerdings auch die ältere Forschung nicht geleugnet hat). Vielleicht ist der Judenchrist Mathäus doch nicht so weit vom Juden Jesus entfernt, wie Sie annehmen?
Volker Schnitzler hat gesagt…
Oder ist es so, dass es sich um die zitierten Stellen um Sprüche Jesu handelt (hab ich jetzt nicht überprüft, vielleicht aus Q?) über die Mt nicht hinweg kommt, in 5,17ff sowie der Bergpredigt um matthäische Theologie?
Gerd Häfner hat gesagt…
Eine Auslegung, die Jesusworte als nur "mitgeschleppt" auffasst, kann immer nur die letzte Möglichkeit sein - wenn die Integration in das Gesamtwerk nicht gelingt. Das scheint mir bei den verhandelten Fragen nicht der Fall zu sein. Zu Mt 5,18 gibt es im Übrigen eine Parallele in Lk 16,17; die Aussage stammt also wahrscheinlich aus Q.
Volker Schnitzler hat gesagt…
Ich möchte das Matthäusevangelium auch wirklich nicht abwerten, einige Stelle finde ich einfach "ungewöhnlich". Bei Lukas kommt die Aussage, dass das Gesetz voll gilt, auch anders daher. Im vorhergehenden Vers ist vom beginnenden Reich Gottes durch Johannes die Rede, das zum Gesetz und den Propheten hinzugefügt wird. Im folgenden Vers argumentiert Jesus dann gleich gegen das mosaische Gesetz (Lk 16,18), das die Ehescheidung für den Mann erlaubt (Mt 18,7).

Letztlich möchte ich mich dafür bedanken, dass Sie sich auf diese Auseiandandersetzung einlassen!
Gerd Häfner hat gesagt…
Man kann die Sequenz in Lk 16,16-18 auch so lesen, dass die Ablehnung der Ehescheidung in 16,18 nicht als Stellungnahme gegen das Gesetz zu verstehen ist (16,17 also als Verstehensschlüsel für 16,18 dient). Mit dieser Ablehnung, so die Aussage, fällt nicht ein Häkchen von der Tora des Mose, auch wenn sie sich von deren Wortlaut unterscheidet. Auf dieser Linie sehe ich auch die Position des Matthäus. Was uns als Widerspruch erscheint, muss im damaligen Judentum nicht unbedingt so empfunden worden sein. Was verbindliche Tora ist, ist nicht durch den Wortlaut der fünf Bücher Mose ein für alle Mal festgelegt. Auch in Qumran hat man, anders als im geschriebenen Gesetz, die Vielehe abgelehnt, dies aber nicht als torawidrig eingestuft.

Im Übrigen ist es schön, sich über das Verständnis biblischer Aussagen auszutauschen und im besten Sinne zu streiten.
Volker Schnitzler hat gesagt…
Ich bin mir nicht ganz sicher, was die Motivation der neueren Auslegung ist. Fakt ist doch, dass Jesus mit seiner Botschaft aneckt und das ganz ordentlich. Wenn er eines nicht war, dann doch ein "normaler" gesetzestreuer Jude. Er tritt mit unglaublicher Autorität auf, relativiert Gesetze und provoziert damit Widerspruch. Das bringt in letztendlich ans Kreuz.

Und damit möchte ich ihn nicht aus dem Judentum herausnehmen. Ich denke auch, dass er den jüdischen Glauben zurück auf den Kern bringt, die Zielsetzung des gesamten Gesetzes betont. Natürlich ist Jesus Jude und er richtet seine Botschaft an das gesamte Volk Israels (die Zwölf).

Ich sehe in einer derart "harmonisierten" Auslegung nur die Gefahr, das etwas von seiner radikalen Liebesbotschaft verloren geht. Und das aus aktuellem Anlass. Wenn ich die Diskussion um das Theologen-Memorandum beobachte, dann fällt doch auf, dass wir im Grunde einen ähnlichen Streit wie im Galaterbrief führen. Die eine Seite betont die Freiheitsbotschaft, alle sind einer in Christus, die anderen betonen das "Gesetz" Gotttes, den Gehorsam, die Hierarchie (Meisner, Müller etc.).

Ohne Paulus und seine Theologie wäre das Christentum sicherlich eine jüdische Sekte geblieben, wären wir heute hier in Europa keine Christen. Er bringt das Neue der christlichen Botschaft nochmals auf den Punkt. Wenn Kirche heute in einer Krise steckt, dann sehe ich einen Grund dafür in einem Zurückfallen hinter die Freiheitsbotschaft des Evangeliums. "Konservative" Christen sprechen ohne Bedenken von Gesetz und Willen Gottes, wenn sie Homosexualität verurteilen. Gott verbietet dann ausdrücklich die Frauenordination. Er gibt eindeutig vor, dass ein Priester zölibatär zu leben hat. Nur: Wo in der Bibel steht das so explizit? Ich sehe in den paulinischen Gemeinden eher das Gegenteil. Hier haben wir Frauen in Funktionsstellen, ebenso wie Sklaven und Heiden.

Ich kann sehr gut verstehen, wenn Paulus im Galaterbrief so radikal reagiert, wenn er mit der Forderung nach Beschneidung und Gesetzestreue konfrontiert wird. Hier ist das Evangelium in Gefahr!

Und irgendwie findet man die Verse, die man Pauluis entgegenhalten kann, und das passiert in der aktuellen Diskussion immer wieder, eben im Matthäusevangelium.
Gerd Häfner hat gesagt…
Die Motivation der neueren Jesusforschung ist es, das Wirken Jesu historisch zu verstehen. Es geht nicht darum, das Konflikthafte im Wirken Jesu zu eliminieren. Dass Jesu Tora-Auslegung anstößig war, lässt sich kaum bestreiten. Man ist heute allerdings reserviert gegenüber Aussagen, denen zufolge sich Jesus »souverän über die Tora gestellt hat«. Diese Tendenzen der Jesusforschung haben nichts zu tun mit einer »harmonisierten Auslegung«, die die Liebesbotschaft Jesu relativieren würde.

Was die gegenwärtigen Debatten betrifft, so wäre ich vorsichtig mit einer einfachen Zuweisung der Positionen an verschiedene biblische Autoren. Weder lässt sich Matthäus für eine »gesetzliche« Haltung (die doch wohl eher ein Festhalten an einer bestimmten Gestalt der kirchlichen Tradition ist) vereinnahmen, noch können sich diejenigen, die auf die Freiheitsbotschaft des Evangeliums abheben, sich einfach auf Paulus berufen, um für ihre Sicht Recht zu bekommen. Wenn Paulus von der Freiheit vom Gesetz spricht, dann hat er konkret die jüdische Tora vor Augen, deren Befolgung nicht zur Bedingung der Erlösung gemacht werden darf. Es geht nicht um »Gesetzlichkeit« in einem grundsätzlichen Sinn.

Ich meine: Welche Konsequenzen heute aus der Freiheitsbotschaft des Evangeliums zu ziehen sind, muss sich aus unserer heutigen Situation ergeben. Darüber kann man streiten. Wir haben dafür keine biblischen Kronzeugen, die der einen oder anderen Seite eindeutig Recht geben. Allerdings können wir aus den biblischen Zeugnissen Impulse für die Diskussion gewinnen, etwa was die Vielgestaltigkeit von Gemeindevorstellungen betrifft.
Volker Schnitzler hat gesagt…
Ich sehe da schon eine innere Schnittmenge. Müssen wir uns nicht immer wieder an das Evangelium rückbinden, wenn es um die Reform von Kirche geht? Vieles von dem, was das 2. Vatikanum zum Ausdruck brachte, hatte doch mit neueren Erkenntnissen der biblischen Theologie zu tun. Und die Kräfte, die einiges davon wieder auf einen vorkonziliaren Stand zurückführen möchten, leugnen doch oft das revolutionäre und radikale der christlichen Botschaft, was z.B. in der Taufformel Gal 3,28 zum Ausdruck gebracht wird. Es wird auf die Stellung des Menschen vor Gott verwiesen und behauptete, dass dies keine Auswirkungen für das Leben der Kirche auf Erden habe. Hier gilt weiter Hierarchie, Gesetz und Unterordnung. Wenn es in den heidenchristlichen Gemeinden wirklich weibliche Apostel und Diakone gegeben hat, wovon nach dem biblischen Zeugnis auszugehen ist, dann hat dies wohl mit der Freiheitsbotschaft des Evangeliums zu tun, dann ist dieser Konflikt des ersten Jahrhunderts offensichtlich auch heute noch nicht beendet. Und ich finde hier kann man bestimmte Positionen durchaus einander zuordnen.
Volker Schnitzler hat gesagt…
PS: Hab mir gerade noch einmal die Perikopen zum Konflikt mit dem Sabbatgebot angeschaut, auf das sie ja auch bei Matthäus verwiesen haben. Dabei ist mir aufgefallen, dass der anstößigen Satz: "Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat." nur im ältesten Evangelium nach Markus vorhanden ist. Lukas und Matthäus war dies wohl zu brisant. Ich sehe an dieser Stelle eine deutliche Linie von Jesus zu Paulus, zumal das Sabbatgebot ja nicht einfach mal so ein nebensächliches Gebot darstellte.
Volker Schnitzler hat gesagt…
PPS: Das eindeutige Verbot Jesu, die Ehe zu scheiden geht offensichtlich über das mosaische Gesetz hinaus. Wieder ist es Matthäus, der dies wieder zu relativieren versucht (Mt 5,32; 19,9).
Gerd Häfner hat gesagt…
Ich will ja keineswegs bestreiten, dass aus der biblischen Botschaft Impulse für die Reformdebatte erwachsen können. Der Blick auf die Ursprungszeit der Kirche kann zeigen, dass manches Argument für die Unmöglichkeit von Reformen nicht tragfähig ist. Das sehe ich z.B. in der Frage des Zölibats, wenn behauptet wird, dieser sei eine apostolische Tradition. Auch in der Frage des Zugangs von Frauen zum kirchlichen Amt zwingt der historische Befund keineswegs zu der Unveränderlichkeit, die vielfach mit diesem Befund begründet wird. Und sicher kann man sich fragen, welche Konsequenzen aus Gal 3,28 zu ziehen sind, wenn man den Text theologisch ernst nimmt. Aber das sind Fragen, die nicht einfach durch Übertragung des biblischen Befundes in die heutige Situation entschieden werden können, nach dem Motto: Wenn wir uns nur an Paulus halten, müssen wir zu diesen oder jenen Reformen kommen. So eindeutig ist die Sache nicht. Wir können die andere Situation, in der Paulus seine Briefe schreibt, nicht direkt ins Heute übertragen. Darum ging es mir, nicht darum, die Relevanz des biblischen Zeugnisses für die aktuellen Debatten zu bestreiten.

Zum Sabbatgebot: Auch nach Markus hat Jesus den Sabbat nicht abgeschafft, sondern das am Sabbat Erlaubte von der Not des Menschen her bestimmt. Diese Grundlinie ist auch bei Matthäus zu erkennen.

Zur Ehescheidung: Die so genannte »Unzuchtsklausel« gilt in der Tat als matthäischer Zusatz. Aber versucht der Evangelist das Verbot bzw. die »Tora-Kritik« zu relativieren? Ich habe in einem früheren Kommentar darauf hingewiesen, dass eine von den Vorschriften des geschriebenen Gesetzes abweichende Bestimmung nicht notwendig als torawidrig aufgefasst werden musste. Wahrscheinlich geht Mattthäus (bzw. seine Tradition) davon aus, dass die Ehe durch Ehebruch zerstört ist. Dabei leitet ihn wohl vertraute jüdische Tradition, aber nicht die Intention, die Weisung Jesu zu »re-judaisieren«.
Volker Schnitzler hat gesagt…
Vielleicht sind wir im Grunde nah beieinander. Nicht Paulus und seine Theologie, sondern das Evangelium muss uns immer wieder Richtschnur sein. Das sehen Sie ja sicher auch so. Ich persönlich habe bei Paulus aber immer wieder das Gefühl, in seinen Worten (und ja, ich weiß, dass es auch sehr problematische Aussagen gibt) sehr nahe am Kern des Evangeliums zu sein. Hier haben wir die ältesten Quellen des NT und haben jemanden vor uns, der von seiner Christophanie berichtet, dem ich einfach seinen "Draht" zum Auferstandenen abnehme. Und auch sein radikaler Wandel durch diese Ereignisse zeigen, wie sehr ihn das alles berührt hat. Die Umsetzung des Evangeliums in den Gemeinden, wo Sklaven eben den gleichen "Status" haben wie Freie, ist unglaublich und für mich auch für die heutige Kirche vorbildlich (wir haben zwar keine Sklaven mehr, aber andere Randgruppen und Benachteiligte). Und gleichzeitig werden wir in den Briefen auch Zeugen davon, wieviel Probleme es bereitet, die Botschaft Jesu wirklich im Alltag umzusetzen. Auch das können wir problemlos auf's Heute übertragen.

Und ja, ich denke, dass der matthäische ein leicht harmonisierter Jesus ist, dem ein wenig die Spitzen genommen werden, indem er das Gesetz geradezu überbietet. Das ist was anderes, als es zu kritisieren. Im Sinne von: "Schaut her ihr Pharisäer, mit diesem Jesus könnt ihr gut leben, nehmt ihn als den Messias an." Und ja, das hat sicher auch seine Berechtigung in der historischen Situation des Evangelisten.

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