24. Dezember 2011

Sonntagsevangelium (5)

In der Heiligen Nacht: Lk 2,1-14

Am Beginn der Weihnachtsgeschichte des Lukas steht der Kaiser Augustus. Er bringt mit seinem Befehl, den ganzen Erdkreis aufzuschreiben, das Geschehen in Gang. Deutlich ist das theologische Interesse des Evangelisten, denn seine Angaben lassen sich historisch nicht bestätigen. Dass das ganze römische Reich in einer allgemeinen Steuerschätzung erfasst wurde, ist in den Quellen sonst nicht überliefert. Folgt man Flavius Josephus, hat Quirinius erst im Jahr 6 n. Chr. einen Zensus durchgeführt (beschränkt auf Judäa, Samaria und Idumäa); außerdem deckt sich seine bekannte Amtszeit nicht mit der Regierungszeit des Herodes. Die Annahme einer früheren Statthalterschaft in Syrien bleibt spekulativ; ebenso der Versuch, eine Steuerschätzung zur Zeit des Herodes zu rekonstruieren. 

Das Anliegen der Weihnachtserzählung wird verpasst, wenn man es in historischer Korrektheit sucht. Lukas berichtet nicht, sondern verkündigt. Die Figur des Augustus nutzt er, um die Bedeutung des Erzählten herauszustellen. Nicht nur Maria und Josef, die ganze Welt ist in Bewegung (2,3), als Jesus geboren wird. Und diese Bewegung führt dazu, dass der Messias der Verheißung entsprechend in der Stadt Davids geboren wird.

Die Geburt Jesu wird nur in einer knappen Notiz erwähnt (2,7). Nichts Außergewöhnliches erscheint an dem neugeborenen Kind, alles Wunderbare ist konzentriert auf die Botschaft des Engels: Die Herrlichkeit Gottes umstrahlt die Hirten, als der Engel zu ihnen tritt (2,9); und es erscheint ein himmlisches Heer, das die Offenbarung des Engels weiter entfaltet (2,13f). Lukas will mit der Geschichte von der Geburt Jesu also in erster Linie darstellen, welche Bedeutung Jesus zukommt. Dies nämlich wird den Hirten, und damit auch den Lesern des Evangeliums, offenbart. 

Jesus ist der Retter: Wirkliche Befreiung ist also nicht zu erwarten von politischen Herrschern, die sich mit diesem Titel schmückten; auch nicht von Augustus, der mit seinem Erlass zur Volkszählung die Macht Roms demonstriert und doch nur dafür sorgt, dass sich die prophetische Verheißung erfüllt – die Geburt des Messias und Herrn in der Stadt Davids (2,11). Mit Herr wird eine alttestamentliche Gottesbezeichnung aufgegriffen und auf Jesus angewandt. In dieser Übertragung äußert sich der nachösterliche Glaube an die Einsetzung Jesu in gottgleiche Macht. Dieser Glaube ist nicht aus alttestamentlichen Vorgaben hergeleitet, sondern der Ostererfahrung verdankt und übersteigt jene Vorgaben. Die Verheißung wird gewissermaßen übererfüllt: der Messias Jesus ist als Herr mehr als der ideale davidische Herrscher. 

Eine solch österliche Auslegung wird durch eine Beobachtung an der Apostelgeschichte bestärkt. Dort verbindet Lukas die drei Titel (Christus, Herr, Retter) mit der Auferstehung Jesu (Apg 2,36; 5,31), also ist auch die Botschaft des Engels zu lesen mit Blick auf den ganzen Weg Jesu und sein Geschick. Von Jesu Geburt wird erzählt, weil es die Geburt dessen ist, der durch Wirken, Tod und Auferstehung »Anführer des Lebens« geworden ist (Apg 3,15). Dies entspricht einem in der Antike plausiblen Denkmuster: die Besonderheit einer Person zeigt sich in der Besonderheit seines Ursprungs. Von dieser Besonderheit des Ursprungs wird erzählt, weil die Person (Heros, Herrscher, Geistesgröße) den üblichen Rahmen sprengt. Das Herausragende wird im Ursprung verankert und begründet. Die Blickrichtung geht von gegenwärtiger Größe zurück auf den Anfang. So auch in der Weihnachtsgeschichte: der österlich begründete Glaube an Jesus als Christus, Herr und Retter drückt sich in einer Erzählung über die Besonderheit seines Ursprungs aus. 

Die Zeitangabe heute in der Engelsbotschaft (2,11) fügt sich in diese theologische Deutung ein. Sie ist keine beiläufige Bemerkung, sondern verweist auf die endzeitliche Erfüllung der Heilsverheißung in Jesus. So sagt Jesus in der Synagoge von Nazaret, dass sich das von ihm verlesene Prophetenwort »heute erfüllt hat« (Lk 4,21). Zweimal spricht er Sündern die Rettung »heute« zu (19,9; 23,43; siehe auch 5,26). Die Gegenwart des Heils im »Heute« ist nicht abgeschlossen mit der Geburt oder der ganzen Geschichte Jesu, sondern dauert fort in der Zeit der Glaubenden. 

Der Engelchor deutet dies weiter aus, indem er himmlisches und irdisches Geschehen zueinander in Beziehung bringt: Wegen der Geburt des Retters wird Gott in der Höhe verherrlicht, auf der Erde bricht nun der Frieden an. Der Kreis schließt sich, wenn die Menschen in den himmlischen Lobpreis einstimmen, wie es dann die Hirten bei ihrer Rückkehr von der Krippe tun (2,20). 

Nicht die Erinnerung an ein einmaliges vergangenes Geschehen irgendwo vor und in Bethlehem will die Erzählung wachrufen, sondern das jetzt erfolgende Bekenntnis zu Jesus als dem wahren Weltheiland. Die Wahrheit der Geschichte liegt nicht auf der historischen, rückwärtsgewandten Ebene, sie liegt im Bekenntnis zur Stellung, die Jesus gegenwärtig und zukünftig im Heilswillen Gottes für die Menschen zukommt. Die erzählerischen Details der Weihnachtsgeschichte und deren Ausgestaltung in der Frömmigkeitsgeschichte werden durch diese Überlegungen nicht entwertet. Es kommt nur darauf an, dass sie uns zum Kern der Weihnachtsbotschaft führen und den Satz des Engels nicht als einen unter vielen untergehen lassen:
»Heute ist euch der Retter geboren, der ist Christus, Herr, in der Stadt Davids«