Der Aller-Zeiten-Superlativ

Aus aktuellem Anlass betätige ich mich heute wieder als Sprachnörgler. Dabei gehe ich nicht von der Bibel aus, komme aber am Ende bei ihr an.

Über die Fügung »Superlativ + aller Zeiten« bin ich schon häufig gestolpert. Wenn ihn die Werbung verwendet, wird wundersamerweise die Botschaft vermittelt, man sei nun an der Optimierungsgrenze des Produkts angekommen, so dass mit künftigen Verbesserungen nicht mehr gerechnet werden könne: »die gründlichste Braun-Rasur aller Zeiten«. Denn wenn wir die Formulierung ernst nehmen, so bezieht sie sich nicht allein auf die Vergangenheit, sondern erhebt auch Anspruch auf die Zukunft. Wenn im Lateinunterricht »alle Zeiten« eines Verbs durchzukonjugieren waren, ließ sich jedenfalls das Futur nicht ausschließen (laudabo, laudabis etc.).

Gut, das war jetzt arg oberlehrerhaft. Gestehen wir also zu, dass nur die bereits verflossene Zeit als Vergleichsmaßstab herangezogen werden soll. Auch in diesem Rahmen kommt es allerdings zu sehr gezwungenen Aller-Zeiten-Superlativen. Der geplante Börsengang von Facebook bot heute ein eindrucksvolles Beispiel. Das folgende Zitat stammt von Spiegel-online, die hier interessierende Wendung findet sich aber in vielen Publikationen. Sie geht wohl auf eine dpa-Meldung zurück.
»Doch auch wenn es bei den fünf Milliarden Dollar bliebe, wäre Facebook immer noch einer der größten Internet-Börsengänge aller Zeiten.« (Hervorhebung von mir)
Tatsächlich: Weder aus der Antike noch aus dem Mittelalter sind Internet-Börsengänge dieses Ausmaßes überliefert. Auch archäologische Funde aus vorgeschichtlicher Zeit geben keinen Hinweis darauf, dass etwa der Cro-Magnon-Mensch bei einem Internet-Börsengang jemals eine so hohe Summe erzielt hätte.

Was soll die Vergleichsgröße »alle Zeiten«, wenn wir es mit der nicht nur geologisch, sondern auch menschheits- und kulturgeschichtlich recht überschaubaren Zeitspanne von höchstens gut zehn Jahren zu tun haben? Aus Sicht der Eintagsfliege mögen das ungeheure Zeiträume sein; der Mensch schreibt sich gewöhnlich eine andere Perspektive zu - wenn er nicht gerade vom »besten ... aller Zeiten« spricht. Da werden für sehr neuartige Erscheinungen gewaltige geschichtliche Dimensionen suggeriert. Fast könnte man die Art und Weise, in der das geschieht, »die törichste aller Zeiten« nennen:

»Die besten Social Media Kampagnen aller Zeiten: Teil 2« (hier); »Das beste iPhone Angebot aller Zeiten« (hier)
Es gibt auch abgespeckte Versionen dieser Wichtigtuerei. Ich erinnere mich, im Jahr 1999 gelesen zu haben, Mika Hakkinen sei der letzte Formel 1-Weltmeister des Jahrtausends. Wie hieß doch gleich der erste? Die Chroniken zwischen 1000 und 1949 n. Chr. überliefern keine Namen. Eine zuverlässige Bezeugung setzt erst im Jahr 1950 ein (Nino Farina).
Die Bibel kennt den Ausdruck »seit Grundlegung der Welt« (z.B. Lk 11,50; Mt 25,34). Wenn man ihn jedes Mal einsetzt, sobald der Alle-Zeiten-Superlativ erscheint, könnte man diesen Angeber als solchen entlarven:
»Doch auch wenn es bei den fünf Milliarden Dollar bliebe, wäre Facebook immer noch einer der größten Internet-Börsengänge seit Grundlegung der Welt.« 
Das klingt schon ziemlich aufgeblasen. Aber so ist das eben, wenn es statt »bisher« gleich »alle Zeiten« sein müssen.

Kommentare

Anonym hat gesagt…
... die beste Aller-Zeiten-Nörglerei aller Zeiten!

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