Noch einmal: Markus-Handschrift aus dem 1. Jahrhundert

In den Diskussionen zu einem Beitrag auf kath.net wurde man auf dieses Blog aufmerksam und hat zum Teil etwas heftig reagiert. Die Anwürfe des Kommentators kathole sind unterhaltsam, lohnen aber eine nähere Beschäftigung nicht. Wichtiger ist anderes: Die dortige Debatte ist auch auf den Beitrag auf diesem Blog zur angeblichen Sensation des Fundes einer Markus-Handschrift aus dem 1. Jahrhundert eingegangen. Kommentator Idemar, den ich für seinen Vorwurf, die Exegeten betrieben antirömische Bibelpolitik, kritisiert hatte, greift hier mit Recht eine Formulierung in meinem Beitrag an, schießt mit seinen Folgerungen aber weit übers Ziel hinaus und bestätigt den Anlass meiner Kritik.




In dem Beitrag ist mir ein Fehler unterlaufen: ich habe dem frühesten altkirchlichen Zeugen, Papias von Hierapolis (überliefert bei Eusebius, Hist. Eccl. III 39), versehentlich eine Aussage des Irenäus zugeschrieben. Papias bezieht die Abfassung des Markus-Evangeliums nicht auf die Zeit nach dem Tod des Petrus, bietet also keinen Hinweis auf die Datierung des Werkes. Diese Aussage findet sich bei Irenäus, Adv. Haer. III 1,1


In der Sache ändert das aber nichts. Selbst wenn man in der Notiz des Irenäus über die Abfassungszeit des Markus-Evangeliums die Rede vom ἔξοδος (exodos) nicht auf den Tod des Petrus und Paulus in Rom bezieht, sondern auf deren Weggang aus der Stadt, kommen wir in die 60er Jahre als Angabe über die Abfassungszeit des Markus-Evangeliums (ich beschränke mich im Folgenden auf Paulus, weil zu Petrus' Romaufenthalt[en] einige ungesicherte historische Hypothesen umlaufen). Paulus ist Ende der fünfziger Jahre nach Rom gekommen, nach dem Zeugnis der Apostelgeschichte als Gefangener, dessen leichte Haft zwei Jahre gedauert habe (ich nehme nicht an, dass Idemar diese Angaben historisch in Zweifel zieht). Sollte er noch einmal frei gekommen sein (in der kritischen Forschung wird damit meist nicht gerechnet), wären wir also am Beginn der 60er Jahre. Die Diskussion, wie exodos am besten zu übersetzen ist, will ich hier nicht führen. Dass sich die Wiedergabe mit Tod jedenfalls nicht parteiischen Interessen überkritischer Exegeten verdankt, kann man in der oben verlinkten Bibliothek der Kirchenväter nachlesen, die diese Übersetzung gewählt hat. 

Also: Pardon für die fehlende Unterscheidung zwischen Papias und Irenäus; an dem vorgetragenen Gedanken halte ich aber fest: Die frühe altkirchliche Überlieferung stützt eine Frühdatierung des Markus-Evangeliums nicht und spricht im Fall des Irenäus dagegen. Auch aus den bei Eusebius zitierten Aussagen des Klemens von Alexandrien (Hist. eccl. II, 15) kann man nur in Kombination mit der kontextuellen Einordnung bei Eusebius eine frühe Datierung begründen. Dass die Nachrichten des Papias »nur unter der Voraussetzung der Frühdatierung kombiniert mit Klemens Sinn mac[hten]«, kann ich nicht erkennen. Möglicherweise ist gemeint: Wenn man die Angaben des Papias im Licht der Aussagen von Klemens liest, wie sie Eusebius einordnet, setzen sie die Frühdatierung voraus. Also nur, wenn zwei Voraussetzungen gelten, die sich aus dem Text des Papias nicht ergeben.  


Ehe man meint, »Professors Blamage« (Idemar hier) nachgewiesen zu haben, wäre auch zu bedenken, dass die Grundaussage meines Beitrags nicht einmal dann in Frage gestellt wäre, wenn die altkirchliche Tradition die Frühdatierung des Markus-Evangeliums positiv stützen würde. Eine Markus-Handschrift aus dem 1. Jahrhundert wäre nur dann von Belang für diese Frage, wenn sie deutlich vor 70 datierbar wäre. Dass das mit paläographischen Mitteln möglich ist, kann man aber bezweifeln - und das nicht aus Voreingenommenheit.

Dies führt zum nächsten Punkt: Das grundlegende Problem, das ich mit Idemars Kommentar hatte, wird durch die Replik in den Kommentarspalten auf kath.net noch bestärkt. Er schreibt dort: »Historisch-kritische Spätdatierer wie Prof. Häfner übersetzen, was ins Forschungsraster ihrer Bibelpolitik passt.« Die historisch-kritisch arbeitenden Exegeten betreiben keine Bibelpolitik. Sie versuchen, die Bibeltexte im Kontext der geschichtlichen Situation zu verstehen, in der diese Texte entstanden sind und überliefert wurden (zu diesem Programm s. die Konzilskonstitution Dei verbum 12). Wenn dabei Ergebnisse erreicht werden, die sich von traditionellen Antworten unterscheiden, hat das nichts mit antirömischer Bibelpolitik zu tun. Sofern durchschlagende Argumente für eine frühere Datierung des Markus-Evangeliums auftauchen, werden sie sich nicht unterdrücken lassen - gerade weil historisch-kritisch gearbeitet wird. 


Man macht es sich zu leicht, wenn man den Misserfolg von Außenseitermeinungen damit erklärt, dass sie dem exegetischen Establishment nicht zupass kämen und deshalb unterdrückt würden. Man kann nicht, um Idemars Beispiel aufzugreifen, behaupten, die Identifizierung des Fragments 7Q5 aus den Höhlen von Qumran mit Mk 6,52f sei »von der Konsensclique .... ohne Gegenargumentation abgelehnt« worden - jedenfalls nicht, wenn man bei der Wahrheit bleiben will (vgl. z.B. Stefan Enste, Kein Markustext in Qumran, NTOA 45, Fribourg/Göttingen 2000; Informationen dazu hier). 

Wenn die Diskussion auf den Einsatz von Verschwörungstheorien zu einer »Bibelpolitik« und auf die Unterstellung von Bösartigkeit (»Bereitschaft zum Tricksen«) verzichten könnte, wäre das erfreulich. 

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