Sonntagsevangelium (50)

31. Sonntag im Jahreskreis (B): Mk 12,28b-34

Das Gespräch über das wichtigste Gebot ist eine Perle des Markus-Evangeliums. Ein Schriftgelehrter unterhält sich mit Jesus; er äußert keinen Vorwurf, wie auch umgekehrt Jesus ihm gegenüber keinerlei Polemik erkennen lässt. Dies ist bemerkenswert, denn gewöhnlich entstehen Konflikte, wenn Jesus in den Evangelien auf Schriftgelehrte trifft.

Das Gespräch in Mk 12,28-34 fällt schon dadurch aus dem Rahmen, dass ein einzelner Schriftgelehrter, nicht eine Gruppe, mit Jesus spricht. Er stellt zudem seine Frage in guter Absicht, denn er knüpft gerade daran an, dass Jesus in der Frage nach der Totenauferstehung den Sadduzäern gut geantwortet hat (12,28; s. 12,18-27). Das heißt: Er möchte mit diesem »Lehrer« (12,32) eine wichtige Frage besprechen, weil er ihn für kompetent hält, nicht weil er ihm eine Falle stellen will (12,28; anders Mt 22,34f).

Der Schriftgelehrte wird keiner bestimmten Gruppe zugeordnet. Da er wie Jesus, und anders als die Sadduzäer, den Glauben an die Totenauferstehung teilt, könnte er den Pharisäern zuzuordnen sein. Sicher ist dieser Schluss nicht, denn das Spektrum damaliger Schriftgelehrter war sicher größer als jenes, das durch die uns bekannten Gruppen abgedeckt wird.

Zwischen dem Schriftgelehrten und Jesus entwickelt sich ein wirkliches Gespräch, in dem sich die einzelnen Redebeiträge gegenseitig weiterführen. Die Eingangsfrage richtet sich auf das erste Gebot, und sie erhält auch zunächst eine entsprechende Antwort. Als erstes Gebot zitiert Jesus Dtn 6,4f, mit einer Erweiterung und Abwandlung gegenüber dem alttestamentlichen Text. Heißt es dort: »Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft«, so findet sich in Mk 12,30 einer Viererreihe:
»Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben aus deinem ganzem Herzen, aus deiner ganzen Seele, aus deinem ganzen Denken  und aus deiner ganzen Kraft.«
Das griechische Wort, das hier mit Denken übersetzt ist (διάνοια/dianoia), wird in den Übersetzungen unterschiedlich wiedergegeben (Luther: Gemüt, Einheitsübersetzung: Gedanken, Menge: Überzeugung). Es ist am besten auf die »Verstandeskraft« zu beziehen (so Joachim Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 2. Teilband, Zürich-Neukirchen-Vluyn 1978, 165; in diesem Sinn übersetzt auch die Elberfelder Bibel). Der Sinn der Aussage ist klar: Es geht um den Einsatz aller dem Menschen zur Verfügung stehenden Fähigkeiten und Kräfte.

Dass dem Gebot der Gottesliebe die Erinnerung an die Einzigkeit Gottes vorausgeht (»Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist ein Herr«), lässt sich in zweifacher Hinsicht auswerten. Zum einen inhaltlich: Dem Gebot der Gottesliebe ist die Erwählung Israels durch Gott vorgeordnet, die Gottesliebe ist Antwort auf die Liebe, die Gott seinem Volk erwiesen hat. Zum andern kann ein Hinweis auf das Traditionsmilieu gewonnen werden. Denn die Einzigkeit Gottes wurde besonders im hellenistischen Diasporajudentum betont; und hier finden sich auch am ehesten Parallelen für die Zusammenstellung von Gottesverehrung und Nächstenliebe. So könnte die Erzählung in der überlieferten Gestalt aus dem hellenistisch-judenchristlichen Teil des Urchristentums stammen. Dass das Doppelgebot im Kern auf Jesus zurückgeht, ist dadurch aber nicht ausgeschlossen.

Hatte der Schriftgelehrte nach dem ersten Gebot gefragt und dazu eine Antwort erhalten, so führt die Antwort die Frage aber insofern weiter, als ein zweites Gebot ins Spiel kommt. Das Gebot der Nächstenliebe nach Lev 19,18 wird dem Gebot der Gottesliebe zwar nicht ausdrücklich gleichgestellt, aber eng mit ihm zusammengeschlossen. Wenn es heißt, kein anderes Gebot sei größer als diese beiden (12,31), erscheinen sie gemeinsam im Gegenüber zu den übrigen Geboten.

Der Schriftgelehrte stimmt der Antwort Jesu zu und bringt seinerseits einen neuen Gedanken ein: die Überordnung der beiden Gebote über den Tempelkult (12,32f). Nun bestätigt Jesus die Antwort und bezieht sie auf das Reich Gottes, das dem Schriftgelehrten verhalten zugesprochen wird (12,34). Die Geschichte will also vor allem zeigen, dass die Grundlagen des jüdischen Glaubensbekenntnisses vereinbar sind mit dem Anschluss an Person und Botschaft Jesu. 

Kommentare

Gerhard Mentzel hat gesagt…
Danke Herr Prof. Häfner,

dass Sie hier zum Ausdruck bringen, wie das damalige "Denken", das wir vom hellenistischen Judentum der Zeit Jesus kennen, der Lieferant für die Gebote war, die Sie als Perle des Markusevangeliums bezeichnen.

Denn genau so hat Jesus: die als hervorbringendes Wort(hebr. Vernunft) bzw. von Schöpfung ausgehende Weisheit in der Person Josua/gr. Jesus, die Gebote gegeben. Gebote, die über denen der Tradition bzw. des Tempelkultes standen, wo alten Vorstellungen geopfert wurde.

Auch der Vorstellung, dass im Markustext nur der Jünger eines später verherrlichten rebellischen Besserwissers dessen Gespräch mit einem Schriftgelehrten mitgeschnitten hat, es sich bei den Geboten daher nur um nächtlich-göttliche Eingebungen an einen Reformprediger handeln würde, brauchen wir sicher nicht weiter zu opfern.

Aus dem gesamten "Denken", der gesamten Kraft haben anfänglich sehr verschiedene jüdisch-griechische Denk-Bewegungen, die vom bildlosen Monotheismus begeistert waren, die (noch recht metaphysisch klingende) rationale phil. Welterkärung als das verstanden, was für die Juden Wort war und auf den unsagbaren Einen (ungenannten personalen schöpferischen Urgrund) verwies, der war und sein wird. (Nicht dessen Rolle/Person eingenommen, sondern diese offenbar gemacht.)

Beim Text ist mir auch aufgefallen, dass es hier nicht um den Glauben an "ein" vorgesetzes Gottesbild geht, das jetzt von allen zu lieben und zu ehren ist, sondern denkendes "Hören" des ewigen Wortes am Anfang steht. Ein Wort, das m.E. (und dem der Verfasser, auf die sich berufen) Jesus war und ist: Ja er lebt wirklich, er ist auferstanden bzw. aufgeklärt zu verstehen.
Gerhard Mentzel hat gesagt…
Was Grund aller (auch der im heutigen Text zwischen Jesus und der Schriftgelehrtheit besprochenen) Gebote und damit auch der menschlichen Gesetzgebung sein muss, hat der Papst im Vorjahr vor dem Bundestag zu bedenken gegeben.

Er hat nach dem Wort, der Weisheit gefragt, die bereits bei Saolomo war und diese "schöpferische" bzw. von "natürlicher" Schöpfung ausgehende Vernunft/Vernünftigkeit (die er oft auch als mit Verstand einsehbares Wesen des chr. Glaubens bezeichnet), in heutiger Welterkärung nachdenken lassen.

Doch wie sollen aufgekärte Menschen bedenken, dass es dabei nicht nur ein Aufwärmen kath. Naturrechtglaubens geht oder eine Apologetik, die die ökologische Bewegungung vereinnahmen will? Wie sollen sich die Menschen von Morgen für einen im Westen meist Gott genannten gemeinsamen schöpferischen Urgrund begeistern, wie es Markus beschreibt, aus dem alles geworden ist, was wir seit dem Sternenstaub wissenschaftlich beschreiben? Wie sollen sie sich so an die ökologisch-schöpferische Gebote halten, die allein mit politisch-zweckmäßigen Parolen (gleichwohl einsehbar ist, dass sie vernünftig sind, sonst keine Zukunft ist) nur modern-säkulares Pharisäertum bleibt?

Solange die Elite der kath. Wissenschaft nur alten Bildern/Vorstellungen opfert, statt in Auswertung des gegebenen Wissens über den Auf(v)erstandenen Jesus als im natürlichen Werden lebendiges Wort nachzudenken, werden wir weiter weinend in Babylon sitzen.
Anonym hat gesagt…
Herr Häfner,
Sie schreiben oben: "Dem Gebot der Gottesliebe ist die Erwählung Israels durch Gott vorgeordnet, die Gottesliebe ist Antwort auf die Liebe, die Gott seinem Volk erwiesen hat."
Ich lese bzw. höre das nicht zum ersten mal. Dennoch: Das klingt mir sehr formelhaft! Was bedeutet das praktisch und vor allem existentiell?
Gerd Häfner hat gesagt…
@Anonym
Eine solche Aussage hat Bedeutung für das Gottesbild. Gott ist dann nicht einer, der an den Menschen zuerst mit einer mehr oder weniger langen Liste von Geboten herantritt, auf dass sich der Mensch durch seinen Gehorsam sein Heil verdiene. Gott handelt vielmehr zunächst für den Menschen. Der Mensch kann sich darauf verlassen, dass Gott es gut mit ihm meint; er muss Gott nicht durch das Achten auf Gebote und Verbote auf seine Seite ziehen.

Diese Grundstruktur lässt sich in der biblischen Tradition entdecken. Den Zehn Geboten ist die Erinnerung an die Befreiung aus Ägypten vorangestellt (Ex 20,1). Jesus verkündet die Herrschaft Gottes so, dass Gott die Sünder annimmt und aus dieser Zusage die Anforderung der Umkehr erst erwächst. Die urchristliche Tradition versteht das Handeln Gottes in Tod und Auferstehung Christi so, dass es den Menschen geschenkweise zugute kommt (Röm 3,24-26), dass Gott von sich aus den Graben zwischen den Menschen und ihm überwunden hat, indem er Versöhnung gestiftet hat (nicht: indem er versöhnt wurde: 2Kor 5,18-20). Oder mit den Worten von 1Joh 4,10: »Nicht darin besteht die Liebe, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn gesandt hat als Sühne für unsere Sünden.«

An einen solchen Gott zu glauben macht das Handeln nicht irrelevant (auch das ergibt sich aus der biblischen Tradition), aber es entlastet den Menschen doch erheblich, wenn er sein Gottesverhältnis als Antwort auf die Güte Gottes versteht.
Gerhard Mentzel hat gesagt…
@Anonym,

als Laie, der alles natürliche Werden als das bedenken will, wo Israel das Wort verstand, erlaube mir Prof. Häfner zu bestätigen.

Es geht nicht um den Glauben an vorgesetzte Gottesbilder. Der zu Ehrende ist nach Jesus nicht einer, der... Der Gehorsam liegt nicht im Verdienst des Heils durch menschliche Opfer. Gott ist auch nicht einer, von dem man sich ein Bild zurechtbasteln kann, damit er nicht belastet.

Das "Hören" bzw. denkende Verstehen des lebendigen Wortes,ist dem Menschen aus schöpferischer Liebe gegeben. Nicht das schriftgelehrte Lesen des Vorgesetzten.

Das in Jesus (dem antiken Verständnis einer aller Schöpfung zugrunde liegenden und diese kulturell weiterdenkenden Vernunft/Wort) nun nicht einem Volk, sondern universal gegebene Hören macht das neue Israel aus.

Das Hören des Wortes ist nach dem von Markus geschilderten Gespräch zwischen Jesus (dem lebendigen Wort) und dem Schriftgelehrten nicht nur Grundlage des jüdischen Glaubens, sondern auch der Gebote bzw. Schrift.
Anonym hat gesagt…
Vielen Dank, Herr Häfner, für Ihre Antwort! Ich finde aber: Es kommt doch darauf an, dass ich glauben kann: Gott liebt mich! Das müsste man natürlich auch nochmal buchstabieren, denn es ist ja auch nur eine Formel. Ob er das "zuerst" tut ... naja. Mir erscheint das nicht so wichtig...
Gerhard Mentzel hat gesagt…
Ein Aspekt des Markus-Textes scheint mir bisher zu kurz zu kommen:

Der Schriftgelehrte verurteilt Jesus (den in ihm als in antiker Aufklärung definierten ewigen Logos, so damals lebendige Wort bzw, die Vernunft allen von Schöpfung ausgehenden Werdens) nicht, sondern setzt sich mitihm auseinander.

Nur so können die Gesprächspartner zu dem Schluss kommen, dass das als Jesus definierte lebendige Wort nicht gegen die Tradition steht, sondern den alten Glaubensvorschriften zugrunde liegt. Nur so kommen die Beiden Denkweisen auf einen Nenner, der im Hören des lebendigen Wortes liegt, das Tempelkult bzw. der Tora vorausging.

Prof. Häfner hat darauf aufmerksam gemacht, dass nicht von "den" Schriftgelehrten gesprochen wird, sondern von "einem". Doch auf den, einen, der die vom Papst ständig als Wesen des chr. Glaubens im Weiterdenken der gr. Philosophie geschilderte und vor dem Bundestag in heutiger Welterkärung zu bedenken gegebende Vernunft nicht einfach als absurd abtut, sondern sich mit ihr auseinandersetzt, warte ich immer noch.
Anonym hat gesagt…
Herr Mentzel,
ich glaube, von DIESEM Schriftgelehrten ist irgendwo überliefert, dass er "den in ihm [Jesus] als in antiker Aufklärung definierten ewigen Logos, so damals lebendige Wort bzw, die Vernunft allen von Schöpfung ausgehenden Werdens" so nicht kannte, da er diese Stunde in antiker Philosophie versäumt hatte...

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