Sonntagsevangelium (57)

4. Adventssonntag (C): Lk 1,39-45

Der Besuch Marias bei Elisabet verbindet die Vorgeschichte des Täufers mit derjenigen Jesu, in einer kleinen Szene, in deren Zentrum die Worte der beiden Frauen stehen (das Magnificat Marias gehört eigentlich zur Szene dazu: 1,46-55). Die Notizen des Erzählers stellen den Rahmen bereit, bieten aber keine szenischen Details: Das Motiv für die Reise wird nicht erwähnt, die ausführlich erzählte Begegnung zwischen Maria und Elisabeth geht nicht über das anfängliche Zusammentreffen bei der Ankunft Marias hinaus. Danach folgt nur noch die Notiz, Maria sei drei Monate bei Elisabet geblieben (1,56).


Die aktive Rolle hat zu Beginn Elisabet inne: Als Prophetin, erfüllt mit heiligem Geist und mit lauter Stimme rufend, deutet sie, was beim Gruß Marias geschehen ist. Das Hüpfen des Kindes in ihrem Leib zeigt ihr, wer sie besucht: »die Mutter meines Herrn« (1,43). Die Formulierung weist auf eine Verschiebung in der üblichen Statuszuschreibung. Eigentlich ist Maria nach Alter und sozialem Rang Elisabet untergeordnet. Elisabet aber dreht mit dem zitierten Wort diese Verhältnisbestimmung um und erkennt so zugleich eine Durchbrechung des üblichen Verhaltens, da die Höhergestellte zu ihr kommt. Dass hinter dieser Umkehrung das Handeln Gottes steht, lässt sich daraus ableiten, dass Elisabet als Geisterfüllte spricht; im Magnificat wird dieser Gedanke nachfolgend aber ausdrücklich gemacht (1,48.52; vgl. Michael Wolter, Das Lukasevangelium, HNT 5, Tübingen 2008, 98). Das Hüpfen des Kindes im Leib Elisabets schlägt zugleich einen Bogen zur Geschichte von der Geburtsankündigung: So bewahrheitet sich das Wort des Engels über Johannes, dass er schon im Mutterleib von heiligem Geist erfüllt sein werde (1,15). 
Ob an dieser Stelle auch auf seine Rolle des Vorläufers, der auf Jesus hinweist, angespielt wird, hängt davon ab, ob Maria in der Szene als schwanger vorgestellt wird. Meist wird diese Frage bejaht, es werden aber auch Bedenken vorgetragen (vgl. Michael Wolter, Wann wurde Maria schwanger? Eine vernachlässigte Frage und ihre Bedeutung für das Verständnis der lukanischen Vorgeschichte (Lk 1-2), in: Von Jesus zum Christus. FS Paul Hoffmann (BZNW 93), Berlin / New York 1998, 405-422). Sie können daran ansetzen, dass nichts in der Szene ausdrücklich auf eine bereits bestehende Schwangerschaft Marias deutet. Wenn Elisabet davon spricht, dass »die Frucht deines Leibes« gesegnet ist, so ist die zugrunde liegende griechische Wendung nicht mit der deutschen »Leibesfrucht« identisch: Sie kann sich auch auf bereits geborene Kinder beziehen und auch im Blick auf Väter gebraucht werden. 

Dazu kommt ein Zweites: Die Zeitangabe am Beginn der Weihnachtsgeschichte (2,1: 
»in jenen Tagen«) beendet das vorher prägende Monatsschema (1,24.26.36.56) und lässt sich auf den unmittelbar davor stehenden Satz beziehen, der vom Heranwachsen des Johannes in der Wüste erzählt (1,80). Stellt man dementsprechend für die Geburt Jesu keine Verbindung zu den »Tagen des Herodes« (1,5) her, in denen die Geburt des Johannes angekündigt wurde, entfällt auch die Schwierigkeit, dass die Statthalterschaft des Quirinius (2,2) nicht mit den Regierungsdaten des Herodes harmoniert (allerdings würde sich ein Widerspruch zu Mt 2,1 ergeben). 

Geht Lukas also von einem wesentlich größeren Altersabstand zwischen Johannes und Jesus aus als den traditionellen sechs Monaten? So reizvoll es ist, vertraute Texte gegen den Strich zu lesen - es bleibt  doch ein Problem für die dargestellte Position: Maria ist in der Verkündigungsgeschichte verlobt (1,26), und sie ist es im Rahmen der Geburtserzählung immer noch (2,5). Eine über mehrere Jahre sich erstreckende Verlobungszeit wäre doch höchst ungewöhnlich. Ein zwingendes Argument für eine erst später erfolgte Schwangerschaft Marias scheint es nicht zu geben. Man kann die Zeitangabe aus der Geburtsgeschichte (2,1: »in diesen Tagen«) mit der von 1,5 (»in den Tagen des Königs Herodes«) in Beziehung setzen; und in der Szene vom Besuch Marias bei Elisabet gibt es kein Indiz gegen eine bereits bestehende Schwangerschaft Marias. 

Das Hüpfen des Kindes kann also doch der Vorläuferrolle des Johannes zugeordnet werden. Es zeigt aber nicht nur, dass der Messias kommt. Mit ihm kommt die Zeit der Erlösung; denn Elisabet deutet die Reaktion ihres Kindes als »Hüpfen in Jubel« (1,44): die endzeitliche Befreiung beginnt. Das anschließende Magnificat nimmt diesen Jubel auf, und auch die Weihnachtsgeschichte ist von ihm bestimmt: Der Engel verkündet den Hirten »eine große Freude« (2,10).

Kommentare

Gerhard Mentzel hat gesagt…
Danke Herr Prof. Häfner,

dass Sie auch mit diesem Beitrag deutlich machen, dass es den Verfassern der Evangelien nicht um die Frucht junger Frauen ging, die im Bauch hüpften. Wie dies doch sein müsste, wenn es im NT um die Ankündigung der Geburt des heute als historisch geltenden Heilspredigers und seines Täufers ginge.

Sowenig es bei den Engeln um versehentlich so gesehene gefederte Wesen handelt, kann auch dieses Geschehen auf banale Weise buchstälich gelesen, sondern muss als Theologiegeschichte gedeutet werden, die vom lebendigen Wort in menschlicher-kulturgerechter Person (Rolle/Aufgabe) handelt.

Hier kann auch nicht nur in die Tasche der Verherrlichung gegriffen worden sein, um bereits dem Täufer eines heute als historisch geltenden Charismatikers einen Heiligenschein aufzusetzen, ihn als neuen Elia... erscheinen zu lassen.

Die historisch Kritik, die ausradiert, was nicht ins banale Bild passt greift zu kurz, würde der gesaamten Geschichte nicht nur den Bedeutungsinhalt nehmen.

Doch wer diese auch nur halbwegs ernst nimmt, wie kann der dann weiter als einzige Hypothese in Jesus nur einen jungen Heilsprediger annehmen wollen, der dann in Sonntagspredigten von kath. Pfarrern mehr und von protestantischen als weniger göttlich hingestellt wird?

Wie deutlicher als in den gesamten Geburtsgeschichten, die auch von Benedikt XVI. in Bezug auf das AT, dessen Erfüllung ausgelegt werden, können die Evangelien noch machen, dass es ihnen nicht um den ging, der heute als historisch gilt und dem dann nur durch altbekannte Mythen eine jungfräuliche Geburt oder die Zeugung einer mit einem gutherzigen Zimmermann verlobten durch den HG untergeschoben worden sein soll?

Übermorgen ist Weihnachten. Wie lange soll Maria noch in den Wehen liegen bleiben? Wird es nicht Zeit, in aufgekärter Weise zu auszudrücken, wie die in damaliger Kultur verschieden definierte Vernunft allen Werdens als ewiges Wort in menschlicher Gestalt zur Welt gebracht wurde, so echtes Licht war und messiansiche Wirklicheit, wie im AT verheißen?
Stefan Wehmeier hat gesagt…
Über die Bäume des Paradieses

"Und der Baum des ewigen Lebens, wie er in Erscheinung getreten ist durch den Willen Gottes, befindet sich im Norden des Paradieses, sodass er die Seelen der Reinen unsterblich mache, die hervorkommen werden aus den Gebilden der Armut zum Zeitpunkt der Vollendung des Äons. Die Farbe des Baumes des Lebens aber gleicht der Sonne. Und seine Zweige sind schön. Seine Blätter gleichen denen der Zypresse. Seine Frucht gleicht einem Bund von Weintrauben, wobei sie weiß ist. Seine Höhe geht hinauf bis in den Himmel.
Und neben ihm befindet sich der Baum der Erkenntnis, wobei er die Kraft Gottes hat. Seine Herrlichkeit gleicht dem Mond, wenn er sehr leuchtet. Und seine Zweige sind schön. Seine Blätter gleichen Feigenblättern. Seine Frucht gleicht guten, appetitanregenden Datteln. Dieser nun befindet sich im Norden des Paradieses, sodass er die Seelen aus dem Schlaf der Dämonen erwecke, damit sie zum Baum des Lebens kommen und von seiner Frucht essen und so die Mächte und ihre Engel verurteilen."

Diese wundervolle Poesie (Die Schrift ohne Titel / Über die Bäume des Paradieses) ist nicht in der Bibel zu lesen; sie wurde erst 1945 als Bestandteil der "Schriften von Nag Hammadi" (wieder-)gefunden, die im Nachhinein betrachtet als der wertvollste archäologische Fund aller Zeiten anzusehen sind, denn sie beinhalten mit dem Philippusevangelium (NHC II,3) das vergessene Wissen der Urchristen (Gnostiker = Wissende) und mit dem Thomas-Evangelium (NHC II,2) die wahre und ebenso vergessene Erkenntnis des Jesus von Nazareth – und damit den Schlüssel zur Überwindung der Erbsünde und der Verwirklichung des "Himmels auf Erden"! Doch beschäftigen wir uns zunächst mit den "Bäumen des Paradieses", die in der Genesis nicht näher beschrieben sind. "Apfelbäumchen" sind es nicht, aber auch die Zypresse (immergrüner Nadelbaum) und der Feigenbaum (Laubbaum, der seine Blätter im Winter abwirft) sind wiederum nur Symbole für etwas sehr viel Grundlegenderes. Wörtlich übersetzt aus dem Althebräischen heißt der Baum des (ewigen) Lebens "Baum, der Frucht ist und Frucht macht". Es gibt keinen Baum in der Natur, der gleichzeitig "Frucht ist und Frucht macht", aber der Geldkreislauf in einer Volkswirtschaft ist der Gewinn und macht wieder Gewinn! Der Baum der Erkenntnis ist eigentlich der "Baum, der Frucht macht". Das machen zwar viele Bäume in der Natur, aber von der Hypothese, dass es sich bei den "Pflanzen" in der Genesis um natürliche Gewächse handelt, können wir uns jetzt verabschieden. Der Baum der Erkenntnis (von Gut und Böse) ist der Zinsgeldverleih und seine "Frucht" ist der Zins, genauer: der Urzins (Silvio Gesell, 1916) bzw. die Liquiditäts(verzichts)prämie (John Maynard Keynes, 1935)!

Ab jetzt lassen sich alle anderen Bilder und Metaphern der originalen Heiligen Schrift (die Bibel nur bis Genesis 11,9), die nicht zum Zweck des Moralverkaufs gegenständlich-naiv uminterpretiert wurde, stringent und lückenlos erklären:

Das Jüngste Gericht
Gerhard Mentzel hat gesagt…
Also mit dem Geldkreislauf, der für die Gesellschaft Gewinn, gemeinsamen Fortschritt bringen soll, da hab ich aufgrund dessen, was heute (nicht nur bei Landesbanken und Hedgefonds geschieht), meine Probleme.

Vielmehr wurde selbst von den Banken bereits am Beginn der Krise nach "Gemein-Sinn", d.h. einer gemeinsame, kreativen Vernunft (die Griechen sagten Logos, die Juden sprachen vom Wort) gerufen, die selbstbewusste, Wesen m.E. nur mit der Kraft ihrer kulturellen Wurzeln im natürlichen Wachstum verwirklichen. Weil sonst selbst beim Wissen, was für die gemeinsame Zukunft vernüftig wäre, dies durch Egoismus und Kurzsicht verhindert wird.

Dieser Baum der Erkenntnis scheint mir hier als ganz kausaler Prozess beschrieben, der sich mit dem Wachsen und Früchte bringen in aller Natur vergleichen lässt: Doch wenn die kulturelle Evolution/Entwicklung weitergehen, das gegebene Wissen Früche bringen soll, dann scheint es mir notwendig, dass die, die dafür an den kath. Hochschulen verantwortlich sind, die Gaben annehmen.

Auch der Fund des vorgestellen Textes und das Wissen, dass am Anfang verschiedene gnostisch-philosophische Strömungen waren, die als Urchristen galten und in Diskussion standen, gehört dazu.

Doch wer trotz all dieses Wissens weiter den Jesus, auf den sich die verschiedenen, sich teilweise gegenseitig bitter bekämpfenden Geistesbewegungen beriefen, als einen historischen Heilsprediger hinstellt und die Welt im Glauben lässt, Lukas hätte über zwei Frauen geschrieben, die sich geheimnisvoll gelenkt gegenseitig besuchten, die hüpfende Frucht des späteren Messiasbekenners wäre wie Jesus auch nur ein junger Jude gewesen, der dann in Sonntagspredigten hochgelobt wird, verschmäht der nicht die Früche des beschriebenen Baumes?

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