Unverschämte Frohbotschaft

Wie sich Häme und Desinformation glücklich miteinander verbinden lassen, kann man an der neuesten Behandlung ablesen, die die Redaktion von kath.net ihrem Lieblingsfeind Abt Martin Werlen zukommen lässt. Die Überschrift lautet »Good News! Abt Werlen tritt zurück!« Dass man gute Nachrichten mitzuteilen habe, ist nicht ganz so unverschämt, wie es auf den ersten Blick aussieht, denn man zitiert damit aus dem Twitter-Tweet des Abtes, in dem er mit diesen Worten auf die Mitteilung zum Ende seiner Amtszeit verlinkt. Unverschämt ist das Verfahren dennoch, denn die Überschrift soll nicht als Zitat funktionieren, sondern als Wertung: Den Lesern wird der Rücktritt des Abtes tatsächlich als Evangelium verkündet. 

Zwei Merkmale bestimmen diese Frohbotschaft: Es wird der Eindruck erweckt, es handle sich um einen jetzt beschlossenen Rücktritt, und es wird ausgebreitet, wie umstritten dieser Noch-Abt ist. Dreimal erscheint in dem kurzen Text dieses Adjektiv. Dass man auf demselben Portal die Vergabe dieses Prädikates als demagogischen Akt verurteilen kann, wenn sie denn den Falschen trifft, sei nur kurz in Erinnerung gerufen. Kampagnenjournalismus hat gewöhnlich ein kurzes Gedächtnis (s. dazu hier, am Ende des Beitrags).

Die Umstrittenheit des Abtes wird nicht nur genannt; man bemüht sich auch, sie inhaltlich darzustellen. Dabei wird sogar indirekt zugegeben, dass man selber nach Kräften an diesem Bild arbeitet. Der Artikel erinnert daran, dass der Abt eine kath.net gegebene Interview-Zusage zurückgezogen hat. Dazu wird das Faktum erfunden, der Abt weiche kritischen Fragen aus. Das hätte er aber nur tun können, wenn denn wirklich 
Fragen gestellt worden wären (s. hier).

Als weiterer Fall, der die Umstrittenheit des Abtes dokumentieren soll, wird seine Wortmeldung in der Debatte um die Liberalisierung von Verkaufsmodalitäten an Schweizer Tankstellen angeführt. Wenn man dem Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung zu diesem Thema glauben darf, geht es darum, ob die Tankstellen zwischen 1 und 5 Uhr nachts ihr gesamtes Sortiment anbieten dürfen oder die Waren des täglichen Gebrauchs zu diesen Zeiten ausgeschlossen bleiben sollen. Auch darüber hatte kath.net bereits »berichtet«, und zwar so, dass man die Position von Abt Werlen nicht erkennen konnte. Nach dem genannten Beitrag aus der NZZ fürchten die Gegner jener Änderungen nicht ohne Grund, diese könnten als Einfallstor für weitere Liberalisierungen dienen, die letztlich den Sonntag als arbeitsfreien Tag aushöhlen würden. 

Dass jemand, der sich zu solchen Fragen öffentlich äußert, Widerspruch erfährt, ist ebenso überraschend und bemerkenswert wie die Tatsache, dass es im Winter früher dunkel wird als im Sommer. Wer daraus das Bild eines umstrittenen Abtes ableitet, könnte genauso gut jede demokratisch gewählte Regierung für umstritten erklären, weil ihr die Opposition widerspricht. Analog zu solchen Konstellationen kann man auch die Tatsache werten, dass Martin Grichting, der umstrittene Generalvikar des Bistums Chur, anderer Meinung ist als Abt Werlen (Grichting ist auf kath.net natürlich nie »umstritten«). 

Aber da sind ja noch die »Schweizer Kirchenkreise«, von denen zu erfahren ist, dass »einige Mitbrüder … schon seit geraumer Zeit mit dem Medienauftreten des Abtes nicht zufrieden« waren. Das mag stimmen oder auch nicht, mit Berufung auf irgendwelche Kreise lässt sich jedenfalls alles behaupten. 


Ziel des Artikels ist ja auch nicht die Information, sondern die Stimmungsmache. Die Kombination von angekündigtem Rücktritt und der angeführten Kritik lässt den Eindruck entstehen, der Abt ziehe sich angesichts der Widerstände zurück. So ist es auch bei Leser proelio angekommen, der meint, der Abt »könnte ein Vorbild für so viele Bischöfe sein, die sich mit dem katholischen Glauben einfach nicht mehr identifizieren können«. Sollte man bei kath.net meinen, man habe Martin Werlen mit der Kampagne in die Knie gezwungen, so bietet Leser Michael048 dafür einen Anhaltspunkt. Er hofft, dass ein neuer Abt das Kloster »wieder aus den Negativschlagzeilen« holt. Es handelt sich hier offensichtlich um einen regelmäßigen kath.net-Leser.

Und damit der nicht auf die Idee kommt, sich anderweitig zu informieren, wird kein Link gelegt auf die Seite des Klosters Einsiedeln, der klären könnte, dass der Abgang des Abtes zum Ende des Jahres 2013 seit seiner Wahl feststand, weil die Gemeinschaft am 9. November 2001 beschloss, die Amtszeit des Abtes auf 12 Jahre zu begrenzen.

Kommentare

Apokatastasis hat gesagt…
Sehr geehrter Herr Häfner,

dieser Kommentar trifft den Nagel auf dne Kopf.

Kath.net übertrifft sich selbst täglich und merkt bei aller überschäumenden Fundi-Begeisterung nicht, wie sehr es der Kirche schadet statt nutzt.

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