Alter-Sack-Hüpfen mit Deniz Yücel

Ein Kommentar in der taz sorgt derzeit für Aufregung unter Katholiken. Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Alois Glück, hat in einem Brief an die Chefredaktion der Zeitung protestiert. Die geschätzte Zeitschrift »Christ in der Gegenwart« sieht den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt (hier  auch im Netz verfügbar) und fordert gerichtliche Schritte. Die Wirkung des Artikels zeigt sich auch in der Tatsache, dass es die Online-Version auf ungewöhnliche 471 Leserreaktionen gebracht hat. 

Sicher habe ich mich auch über den bewusst provokativen Ton geärgert. Da ich aber zuvor schon andere Beiträge von Deniz Yücel gelesen hatte, war ich zumindest nicht besonders überrascht: So schreibt er, nicht nur, wenn es um die katholische Kirche geht. Das Autorenfoto ist so inszeniert, dass man sich erst gar nicht auf allzu feingeistige Ergüsse einstellen soll. Als Signal wird (selbstironisch?) ausgesendet: Hier kommentiert der Links-Proll. Und der findet für den Papst keinen anderen Ehrentitel als »alter Sack«. Und weil unter den Soutanen »der Muff von 2000 Jahren« ungelüftet geblieben ist, muss man den alten Sack auch als »reaktionär« bezeichnen. Ja, die jüngere Papstgeschichte ist als eine Abfolge von solch alten Säcken zu beschreiben: 

»Alter Sack I. folgte Alter Sack II., Alter Sack II. aber folgte Alter Sack III., in einem fort, jahrein, jahraus.« 
Vor den Katholiken müssen sich hier, gleich welcher Konfession oder Weltanschauung, die Grammatiker empören, muss es doch heißen »Altem Sack I. folgte Alter Sack II. usw.« (ich übernehme gerade die Rolle des römischen Soldaten in »Das Leben des Brian«, der darauf besteht, dass die antirömischen Parolen an den Hauswänden grammatisch korrekt formuliert sind). Außerdem wird den Historikern viel zugemutet, denn »jahrein, jahraus« fanden solche Sackwechsel in letzter Zeit nicht statt. 


Der anstößige Ton

Müssen sich aber auch die Katholiken, unabhängig von einer eventuellen Existenz als Grammatiker oder Historiker, empören? Die Benennung der Päpste als »reaktionäre alte Säcke«, der katholischen Dogmatik als »esoterische[r] Klimbim«, die Rede von »schrulligen Rituale[n] und lustigen Kostüme[n]« der Kirche und von all ihrem »Heiapopeia« ist bewusst auf Krawall gebürstet: Man ist spontan verärgert, wenn die eigene Tradition derart abschätzig behandelt wird. Es fehlt jeder Respekt vor der Position des anderen. Damit meine ich keinen Anspruch auf besonderen Respekt, den sakrale Institutionen einfordern würden; vielmehr geht es um jenen Respekt, der das Verstehenwollen des anderen nicht von vornherein ausschließt. Eine solche Haltung scheint dem Autor der Kirche gegenüber fremd zu sein. 

Gang vors Gericht?

Spontane Empörung ist also nicht unbegründet (in gewissem Sinn wohl auch angezielt), ist sie aber eine ratsame Reaktion? Soll man lautstark protestieren oder gar vor die Gerichte ziehen, etwa weil der Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt sei? Ich halte das aus drei Gründen für keine empfehlenswerte Option. 

(1) Grundsätzlich verschafft man, wie bereits der Fall der urinierten Papst-Soutane auf dem Titanic-Titelblatt gezeigt hat, der Sache eine Aufmerksamkeit, die sie eigentlich nicht verdient (s. dazu hier). Der Ausgang einer Klage vor Gericht ist durchaus offen. Es könnte auch damit enden, dass Yücels Schmähungen als legitime Äußerung der Meinungsfreiheit beurteilt werden. Aber auch wenn das nicht der Fall sein sollte, könnte die Kirche vor Gericht kaum mehr als einen Pyrrhus-Sieg erringen. Das führt uns zum zweiten Punkt. 

(2) Zwar ist die Kirche den Medien gegenüber in einer schwachen Position, und dies nicht erst seit den Missbrauchs-Skandalen; sie wird aber in der Öffentlichkeit als gesellschaftlich vielfach vernetzte Institution mit starken materiellen und personellen Ressourcen wahrgenommen. Wenn sie, wie jetzt gerade in Rom, eine gute Smoke-Show abliefert, kann sie mit wohlwollender Boulevard-Aufmerksamkeit rechnen, aber nicht mit einem Verständnis oder Interesse, das über die Inszenierung hinausginge (s. dazu auch hier). Die Rollen wären im Falle einer gerichtlichen Auseinandersetzung klar verteilt: Aus einem pöbelnden Kommentator würde ein David, gegen den sich Goliath, die mächtige Institution Kirche, erhebt. Wenigstens in der medialen Behandlung wird dieser Kampf nach biblischem Muster ausgehen: David wird ihn gewinnen. 

(3) In erster Linie zielt Yücels Pamphlet nicht gegen die katholische Kirche, sondern gegen die Inkonsequenz jener Linken, denen die Kirche »eigentlich herzlich egal oder reichlich suspekt ist« und die dennoch in den neuen Papst irgendwelche Hoffnungen auf Neuerungen gesetzt haben. Die wird der »neue alte Sack« aber nicht umsetzen, und »er muss es auch nicht«. Die katholische Kirche darf ruhig sein, was sie ist: ein »Verein ..., der, nun ja, seine Macken hat«, solange er das niemandem mit Gewalt aufzwingt. Und immerhin wird der Kirche bescheinigt, diese Zurückhaltung gelernt zu haben, und den Katholiken in lobender Absicht eine 2000-jährige Erfahrung darin zugestanden, sich Dogmen und Päpsten zum Trotz »den Freuden des Lebens zuzuwenden«. Am Ende stehen die konsequenten Protestanten als Tugendbolde schlechter da als die Katholiken. Mit der antikatholischen Volksverhetzung scheint das nicht so recht zu klappen. 

Yücel gegen die Protestantisierung der katholischen Kirche 

In der Druckausgabe, gegenüber der zwei Tage älteren Online-Version etwas redigiert, könnten ironischerweise gerade traditionalistische Kreise Yücel als ihren Anwalt sehen. Er weiß nämlich, dass Reformen (in seiner Sprache: sich von den genannten Macken zu lösen) die Selbstaufgabe der Kirche bedeuten würden, und er reiht hier sogar den Zölibat ein. Bereits in der Online-Fassung stand zu lesen, dass es doch genügend Angebote auf dem religiösen Markt für diejenigen gebe, die den Leib Christi unbedingt aus der Hand einer Frau empfangen wollten. Das kann man zwar ohne Schwierigkeit bereits heute in der katholischen Kirche haben, aber wahrscheinlich soll hier der Ruf nach Frauen im kirchlichen Amt aufs Korn genommen werden. Wer eine Protestantisierung der katholischen Kirche fürchtet, findet in Yücel einen externen Verbündeten. 

Ärgerliches und Erstaunliches

Selbstverständlich kann man sich ärgern über die mit dem Holzhammer bearbeitete sprachliche Gestalt, die es möglicherweise auch verhindert hat, dass der Text auf der Satire-Seite der taz erschienen ist, weil Satire feinere Instrumente einsetzen muss. Man kann sich wundern über die groteske Fehleinschätzung, es sei egal, ob sich das Oberhaupt von 1,2 Milliarden Katholiken in erster Linie Fragen der Soziallehre oder der Dogmatik widmen wird. Man kann interessiert das Phänomen beobachten, wie grobschlächtige Artikel bei den Lesern die niedrigsten Stammtisch-Instinkte wecken können. Dabei meine ich in erster Linie nicht den erwartbaren Protest der angegriffenen Seite, für den das auch gilt (»gegen den Islam traut er sich das nicht«, »rausschmeißen«, »pfui, pfui, pfui«), sondern die Reaktionen derjenigen, die dem Artikel in der Kommentarspalte zustimmen. Wir kennen das Phänomen aus den Lesermeinungen von kath.net, man lässt sich gern seine Vorurteile bestätigen. 

Oder kennt »Nathalie Verena« den neuen Papst näher? Sie attestiert Deniz Yücel, er sei »bis dato der einzige in den Medien …, der weiß, wovon er redet. Denn der Papst ist ein alter reaktionärer Sack«. Basta. Kommentator »Stephan Mirwalt« bescheinigt sich selbst, aufgeklärt zu sein und empfindet »gegenüber Religioten nichts als Verachtung«. Er kennt also den Schenkelklopfer der Atheisten (hahaha: Religioten  15.400 Treffer bei der Google-Suche) und teilt uns mit, dass er für diese Spezies, also für die Mehrheit der Menschen auf diesem Globus, nur Verachtung übrig hat. Ich sage jetzt nicht, was ich gegenüber einer solchen Arroganz empfinde und stelle nur fest: Yücels Artikel entnehme ich diese Haltung nicht. Der aufgeklärte Leser Mirwalt nutzt ihn, um seine Aversionen abzuladen. 

Trotzdem: Dampf ablassen

Trotz solcher Ärgernisse ist mein Erregungswille irgendwie zu schwach ausgebildet. Wenn jemand meint, mit der Bezeichnung der Päpste als »reaktionäre alte Säcke« und ähnlichen Pöbeleien einen Kommentar schreiben zu können, sollen sich doch – neben den bereits genannten Grammatikern und Historikern – die Journalisten ereifern, weil gegen eine seriöse journalistische Form verstoßen wird. Für die Kirche scheint es am besten, nicht aufgeregter zu reagieren als die Eiche, an der sich ein Schwein kratzt. Wenn es sich zuvor in einem alten Sack mit Juckpulver verheddert hat, kann das der Eiche egal sein. 

Der eigentliche Skandal

In einem Punkt ist solche Gelassenheit aber zuviel verlangt, und der betrifft die Überschrift des Artikels in der Druck-Ausgabe. Hier steht nicht, wie in der Online-Version, des Autors Lieblingsmetapher »Alter Sack der Xte«, sondern »Junta-Kumpel löst Hitlerjunge ab«. Benedikt XVI. auf ein biographisches Detail aus der Jugendzeit zu reduzieren, das überhaupt nichts über die Person aussagt – die zwangsweise erfolgte Zugehörigkeit zur Hitlerjugend –, ist ungeheuerlich (man sieht: die Wortwahl wird emotionaler). Nicht nur mit selbem, sondern mit größerem Recht hätte man am 16. Oktober 2012 in den Feuilletons titeln können: »Waffen-SSler feiert 85. Geburtstag« (s. hier). Das ist aber, so weit ich sehen kann, aus gutem Grund nicht geschehen. 

Und beim besten Willen weiß ich nicht, wie es journalistisch zu verantworten ist, Jose Mara Bergoglio beim derzeitigen Stand des Wissens über sein Verhalten zur Zeit der argentinischen Militärdiktatur als »Junta-Kumpel« zu bezeichnen. Die trickreiche soll-Formulierung (Bergoglio »soll ... als Leiter der argentinischen Jesuiten ein enges Verhältnis zur Militärjunta unterhalten und Gegner des Regimes denunziert haben«), liefert keine Grundlage für eine solche Verurteilung in der Überschrift. Auch nicht der Artikel, der sich in derselben Ausgabe vom 15.März mit dem Thema näher befasst und bezeichnenderweise offener überschrieben ist: »Komplize oder Retter«. 

Über den »alten Sack« kann ich mit einem Schulterzucken hinweggehen, sagt es doch mehr über den Metaphern-Schmied als über sein Werkstück (zumal er dafür eine alte Schablone verwendet hat), oder, wenn man so will, mehr über den Säckler als über den Sack. In der Überschrift der Druck-Ausgabe aber äußert sich nicht der Rotzlöffel, sondern der Rufmörder. Diese Entgleisung ist der eigentliche Skandal. 

Kommentare

Andreas Metge hat gesagt…
Was bleibt noch zu sagen nach diesen Worten? Außer: Mir ging es nach der Lektüre des (Online-) Kommentars ganz ähnlich; auch meine eigene eicherne Borke war beständiger als Ärger und - ja, auch: Empörung über den Titel.
Da mir das Schütteln des eigenen Kopfes über soviel Dummheit des Herrn Yücel zu lästig wurde, stellte ich auch das ein und sprang weiter durch unendlichen Weiten des Internet.
Danke, Gerd, für diesen Kommentar!
Wojciech hat gesagt…
Herr Yuecel gibt uns Christen die Gelegenheit, in die Fuss-Stapfen unseres Herrn (der auch bespieen wurde) zu treten. Danke, Deniz, weiter so!

P.S. Ah, vielleicht solltest du dich, Deniz, fragen, wann du denn den Mut aufbringst, ueber den Islam auf solche Weise zu schreiben
Anonym hat gesagt…
Es freut mich so richtig, in dem Artikel erwähnt worden zu sein. Das habe ich nicht erwartet, als ich meinen taz-Kommentar auf die Schnelle abfasste.

Sie wollen Neutestamentler sein? Dann hätten Sie erkennen können, was es mit dem "nichts als Verachtung" auf sich hat. Ein bisschen Googeln nach meinem Namen hätte geholfen. Dann hätten Sie herausfinden können, welche Zitate von mir und welche von Pseudepigraphen kommen.

Ein katholischer Theologe ist im Gegensatz zu einem evangelischen kein Wissenschaftler, da er der katholischen Kirche Treue gelobt hat und ihre absurden Lehren und Dogmen nicht in Frage stellen darf.

Einen schönen Frühling wünscht Stephan Mirwalt - gehen oder radeln Sie lieber auch mal in die Natur, statt vor dem Computer abzuhängen.
Gerd Häfner hat gesagt…
@ Anonym
Ich bin kein professioneller Kommentarleser und google auch nicht grundsätzlich jeden Namen, auf den ich im Netz stoße. Das Phänomen "Stephan Mirwalt" mit seinem ständigen Bezug auf das, für das er "nichts als Verachtung" empfindet, war mir also nicht bekannt - eine tatsächlich unverzeihliche Bildungslücke, zumal man ja weiß, dass gerade für die Auslegung des Neuen Testaments spätestens seit den Zeiten Friedrich Schleiermachers das Googeln als methodisches Handwerkzeug unerlässlich ist. Ich bin also jetzt als Neutestamentler blamiert, weil ich den Kommentar-Clown Stephan Mirwalt ernst genommen habe. Aber das ist ja insofern nicht besonders gravierend, weil ich als katholischer Theologe soundso nicht denken darf, wie Sie so treffend feststellen (falls das ernst gemeint sein sollte - man weiß es ja bei Ihnen nicht, wenn Sie denn wirklich hinter "Stephan Mirwalt" stecken sollten).

Danke auch für den väterlichen Gesundheitstipp, Sie sind ein wahrer Freund. Jetzt müssten Sie mir nur noch den Frühling besorgen.

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