Warum kein Malachias-Bingo?

Beobachtungen zum ganz normalen Sedisvakanz-Wahnsinn, ein unterschätztes Problem und ein spielerischer Lösungsvorschlag


Es ist mal wieder soweit, dass ein Hinweis auf mögliche 
Nebenwirkungen gegeben werden muss. 

Der leere Bischofsstuhl in Rom stellt die katholische Kirche vor besondere Herausforderungen. Nicht allein die Sedisvakanz gilt es zu verkraften, sondern mehr noch die verschiedenen Versuche, die Zeit bis zur Papstwahl zu überbrücken, und sich dabei in die dialektische Dimension gläubiger Existenz einzuüben. Wir hören, das Konklave sei keine Präsidentenwahl und »entwickele unter Leitung des Heiliges Geistes seine eigene Dynamik« (s. hier), es gebe keine Personaldebatte, wohl aber Gespräche im Hintergrund (s. hier). Diese sind gewiss viel geistlicher, verhindern aber nicht, dass die Wahl und die Vorbereitungen dazu dennoch zum Medien-Event wird. 

Dass mir bislang ganz unklar war, wie eigentlich die Wahlurnen im Konklave aussehen, lernte ich in der gestrigen Tagesschau, die uns mit entsprechenden Bildern von der Pressekonferenz des Vatikan-Sprechers Lombardi versorgt hat. Weiterführend auch die Informationen, die über »den vergoldeten, von rotem Veloursstoff überzogenen Stab« des Kardinalkämmerers zu erhalten waren (und zwar hier). Dieser Stab ist selbst ein hochdialektisches Requisit, denn derjenige, der ihn mit feierlicher Formel erhält, muss ihn gleich wieder abgeben – bis der Papst stirbt oder zurücktritt. Was Sie schon immer über die
Zeit der Sedisvakanz wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten, klärt ein entsprechendes ABC, das nach zwei Folgen bei »Konstitution, Apostolische« angekommen ist. Noch ist Hoffnung, dass die Reihe vor der Wahl des Papstes zu »Zingulum« o.ä. vorstößt. Wer will, kann übrigens den Weißer-Rauch-Newsletter bestellen, dann wird die Nachricht aus der Sixtinischen Kapelle nicht von den kirchenfeindlichen Medien übermittelt

Adoptierte Kardinäle

Die Sedisvakanz bringt die katholische Welt anscheinend ziemlich durcheinander und treibt seltsame Blüten. Da werden gar nicht so stark verwaiste Kardinäle adoptiert, so dass in einem weltweiten Gebetssturm laut der Initiatorin »eine hochexplosive Mischung für den Hl. Geist« entsteht (s. hier). Hoffen wir, dass die Sixtinische Kapelle das aushält und aufsteigender Rauch am Ende nicht falsch interpretiert wird.

Man darf diese Aktion nicht unterschätzen, denn jene Initiatorin ist in der Lage, mit Gott »Vereinbarungen« zu treffen. Wie genau die Verhandlungen abgelaufen sind, ob etwa nach dem Vorbild von Gen 18,22-33, wird nicht mitgeteilt, aber offenbar hält sich der Herr an die Abmachung. Die ganze Sache hat ja auch ungeheures Gewicht. »Die Kardinäle sind in diesen Tagen einer ganz besonderen Last und Angriffen ausgesetzt.« Die Angriffe hat man jetzt nicht so genau mitbekommen; sie laufen wohl auf jener metaphysischen Ebene ab, auf der auch ein »schwefelgelbes Rauchfass am Band« vergeben wird (s. hier). In jedem Fall sind die Angriffe und das weltweite Gebet für die Kardinäle nach biblischem Vorbild zu denken: »wie beim Gebet des Mose auf dem Berg, als Josua im Kampf gegen Amalek war.« Dann ist der Erfolg ja verbürgt.

Papabile Überraschungen 

Von Refidim (s. Ex 17,8-16) zurück nach Rom. Auch von dort gibt es durchaus Bemerkenswertes zu vermelden. Paul Badde macht sich Gedanken über mögliche Nachfolger Papst Benedikts. Der erste Kandidat ist Kardinal Timothy Dolan (s. hier), der sich während der Bischofssynode zur Neuevangelisierung durch seine knappe Äußerung hervorgetan hat: Zur Verlebendigung der Kirche genüge es, »wenn die Bischöfe hier zuerst das Sakrament der Buße und Beichte wieder neu entdecken und auferstehen lassen würden«. Offenbar neigt Dolan nicht nur zu kurzen Ansprachen, sondern auch zu einfachen Antworten.

Seine Vorstellung durch Badde führt aber auch zu überraschenden sprachgeschichtlichen Erkenntnissen. Dolan habe als Regens am Päpstlichen Nordamerika-Kolleg sein Italienisch vervollkommnet, und zwar »als die Sprache, die immer noch unerlässlich ist in der Zentrale der römisch-katholischen Universalkirche, seit die Apostelfürsten Petrus und Paulus von Jerusalem nach Rom aufbrachen.« Den Brief, mit dem Paulus seinen Rombesuch vorbereiten wollte, hat er auf Griechisch geschrieben. Und da sich das Italienische aus dem Lateinischen entwickelt hat, stehen die Chancen schlecht, es mit der Zeit der Apostelfürsten in Verbindung zu bringen. Was die Besetzung des Bischofsstuhls von Rom betrifft, hat sich seit der Zeit von Petrus und Paulus allerdings nicht nur die Sprache verändert.

Auch zum zweiten Kandidaten, Kardinal Peter Erdö aus Ungarn, wartet Badde mit Überraschungen auf (s. hier). Er bezeichnet ihn als »alten Habsburger« und als solchem sei ihm »die Liebe zu einer würdigen Liturgie … quasi in die DNA eingeschrieben«. Die Entdeckung des Liturgie-Gens könnte Badde zum heißen Anwärter für den »Nobelpreis für Theologie« machen (die Biologen werden sich wahrscheinlich sperren). Sein Papst-Kandidat, für den sich das Konklave dann doch »überraschend« entscheiden könnte, taucht nicht weniger überraschend »am Horizont der Geschichte« auf. Die Geschichte liegt hinter, der Horizont, an dem ein Papst Peter Erdö erscheinen könnte, aber vor uns. Verschmelzen hier die zeitlichen Dimensionen, da einer am Horizont auftaucht, der einmal geschichtlich von Bedeutung sein wird? Oder gar ans Ende der Geschichte gehört?

Unser Autor nutzt nämlich den Vornamen des Kardinals, um einen Bezug zur »Jahrhunderte alte[n] Weissagung des Malachias« herzustellen (s. dazu hier), nach der der letzte Papst den Titel »Petrus Romanus« erhält. Und wenn er dann Bischof von Rom sein sollte, wäre er natürlich auch ein »Romanus« – wie jeder Papst. Wer aus dieser Liste eine ernsthafte Information ziehen will, könnte genauso gut das Orakel von Delphi befragen, Karten legen, Blei gießen, Vogelschau betreiben, in Eingeweiden, Kaffeesatz oder Horoskopen lesen oder was die nicht ganz so exakten Wissenschaften sonst noch bereit halten. Die Devisen, die den Päpsten zugeteilt werden, sind so nichtssagend, dass sich immer irgendein Bezug herstellen lässt, wenn man ihn denn herstellen will. 


Der vorletzte Papst der Reihe trägt den Namen »Gloria Olivae«. Das kann sich natürlich nur auf das Pontifikat Benedikts XVI. beziehen, denn hat er sich nicht besonders um das im Ölbaum symbolisierte Judentum bemüht? Und wurde ihm nicht von Benjamin Netanjahu ein Ölbaum übergeben? Und hat er nicht schon als einfacher Priester dafür gesorgt, dass immer etwas Olivenöl im Haus ist? Gut, das letzte Beispiel war frei erfunden, aber es zeigt an, dass sich mit etwas Phantasie die Malachias-Liste immer bestätigen lässt. Paul VI.: »Blume der Blumen«, angeblich weil seine Amtskleidung von drei Lilien geziert war (notfalls hatte irgendein Verwandter einen Blumenladen, in den der kleine Giovanni Montini gerne ging); Johannes XXIII.: »Hirte und Steuermann«, denn er war geliebter Pastor und Patriarch im wasserreichen Venedig (oder es lässt sich herausfinden, dass er sich zu einer Privataudienz mit dem Verband italienischer Seereisenveranstalter bereit fand); Pius X.: »Brennendes Feuer«, wegen seiner brennenden Leidenschaft für geistliche Erneuerung (oder weil er mit seinem Antimodernismus-Kurs so viele theologische Bücher und Existenzen vernichtet hat).

Nun hält die Malachias-Liste, wie bereits angedeutet, ein besonderes Problem parat: Es ist nur noch eine Devise übrig. Sollte es aber der Vorsehung gefallen, die Geschichte noch etwas weiterlaufen zu lassen, muss die Liste unbedingt verlängert werden. Um den Ernst der Sache zu unterstreichen,  könnte man dies spielerisch unternehmen. Ich schlage das Malachias-Bingo vor, das von folgender, selbstverständlich erweiter- und veränderbarer Tabelle ausgehen könnte.

Das Malachias-Bingo

1 2 3 4
1 Adler Ausdauer eisern Amboss
2 Aufgang Buch gütig Baum
3 Bürge Engel golden Blume
4 Flügel Erde groß Fels
5 Glanz Ernte hell Glocke
6 Kämpfer Feuer klar Leitstern
7 Krone Freude königlich Mitte
8 Löwe Geist kraftvoll Quelle
9 Pfeiler Glaube leidend Sämann
10 Sichel Haupt leuchtend Schwert
11 Sonne Himmel rein Tür
12 Stifter Hoffnung standhaft Zügel

Zu dieser Tabelle werden in einem zweiten Schritt Karten hergestellt, die bestimmte Zahlenfolgen aufweisen: Die rot gefärbte Einerstelle geht von 1-4, die Zehner- und Hunderterstelle ist blau. Zieht man eine Karte mit der Folge 31  62  73, bedeutet dies: »Königlicher Bürge des Feuers« oder »Bürge des königlichen Feuers«. Die Spalten 1 und 2 werden also durch einen Genitiv verbunden, Spalte 3 einem der beiden Substantive als Adjektiv-Attribut zugeordnet. Spalte 4 ist mit einem »UND-Operator« versehen. Eine Karte mit der Folge 91  84 würde also heißen: »Pfeiler und Quelle«. Auch hier könnte Spalte 3 integriert werden. 101  13  104 bedeutet demnach: »Sichel und eisernes Schwert« oder »Eiserne Sichel und Schwert«. 41  72  83  64  wäre »Kraftvoller Flügel der Freude und Leitstern« oder »Flügel der kraftvollen Freude und Leitstern« oder »Flügel der Freude und kraftvoller Leitstern«. 

Damit das Ganze mit amtlicher Vollmacht versehen wird, könnten die im Konklave versammelten Kardinäle das Spiel übernehmen und auf diese Weise die Liste der geweissagten Päpste für die kommenden Jahrhunderte erweitern. So ließen sich die Versammlungen, auf die sich Kardinal Cordes genauso unbändig freut wie auf einen Zahnarztbesuch (s. hier), vielleicht etwas auflockern. Ein zweites Einsatzgebiet könnten Seminare zur Papstgeschichte sein: Nach dem Ziehen einer Karte wird diskutiert, auf welches vergangene Pontifikat der erhobene Spruch am besten passt. 

Gewöhnlich bekommt ein Papst ja nichts mehr mit von all dem Sedisvakanz-Trubel. Hat Papst Benedikt geahnt, was nach seinem Rücktritt ablaufen wird, und in seinem letzten motu proprio gar nicht wegen des bevorstehenden Osterfestes erlaubt, den Beginn des Konklaves vorzuziehen? 

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