31. Mai 2013

Sonntagsevangelium (79)

9. Sonntag im Jahreskreis (C): Lk 7,1-10

Die Geschichte vom Hauptmann von Kapharnaum ist eines der wenigen Erzählstücke, die Matthäus und Lukas nicht dem Markus-Evangelium, sondern wahrscheinlich ihrer zweiten Quelle, der nicht erhaltenen Spruchquelle Q, entnommen haben. Die Grundstruktur ist in beiden Fassungen (Mt 8,5-13; Lk 7,1-10) gleich, jedoch finden sich auch einige nicht nebensächliche Unterschiede.

Die Erzählung weist Züge einer Heilungswundergeschichte auf, es kommt ja schließlich auch zur Heilung des todkranken Dieners des Hauptmanns; sie bietet aber auch entfaltete dialogische Elemente, so dass die Heilungstat nicht im Zentrum steht. Mittlerfiguren spielen eine so starke Rolle, dass es bei Lukas in der ganzen Erzählung nicht zu einem direkten Kontakt zwischen Jesus und dem Hauptmann kommt.


Zunächst tritt eine Delegation von jüdischen Ältesten auf. Sie erscheinen nicht nur in freundschaftlichem Verhältnis zu dem Hauptmann, der sie zu Jesus als Mittelsmänner sendet, sondern sind auch Jesus gegenüber ganz offen: Wenn sie dafür werben, dass Jesus der Bitte des Hauptmanns entspreche, trauen sie ihm offensichtlich die erbetene Heilung zu (7,3f). Die Formulierung »Älteste der Juden« weist auf die heidnische Außenperspektive, die wohl die Perspektive des Hauptmanns spiegeln soll. Er wird als Sympathisant des Judentums präsentiert und erscheint so als Vertreter der »Gottesfürchtigen«, also jener Heiden, die besonderes Interesse am Judentum bekunden, aber den Übertritt mit der daraus folgenden Verpflichtung auf die Mose-Tora nicht vollziehen. Innerhalb des lukanischen Doppelwerks erscheint mit dem Hauptmann Kornelius eine parallele Figur zum Hauptmann von Kapharnaum (s. Apg 10,1-48). Kornelius ist der erste getaufte Heide und kann als literarischer Niederschlag der Tatsache gelten, dass die Gottesfürchtigen für die urchristliche Mission ideale Ansprechpartner waren. Der Hauptmann von Kapharnaum erscheint gewissermaßen der Vorläufer des Kornelius in der Jesustradition.

Seine Sympathie für das jüdische Gottesbekenntnis und Glaubensleben hat er sich etwas kosten lassen, denn er wird als Stifter der Synagoge vorgestellt (7,5). Diese Aussage bestätigt das Urteil, dass die Synagogengemeinden nicht mit den »Ortsgemeinden«, den politischen Verwaltungseinheiten, identisch sein mussten, sondern eher dem Vereinswesen nahestanden und von privaten Initiativen und Spenden abhingen. Außerdem begegnet hier ein Beleg, in dem das griechische Wort für Synagoge eindeutig im Sinne eines Baus, eines Versammlungshauses, und nicht nur einer Versammlung gemeint ist: »Er hat uns die Synagoge gebaut

Erstaunlicherweise sendet der Hauptmann noch eine zweite Delegation (»Freunde«), die Jesus auf dem Weg zum Haus des Hauptmanns aufhalten. Die Erzählung kommt dadurch ins Stocken, die erwartete Heilung (7,6: »Jesus ging mit ihnen«) verzögert sich. In den Vordergrund tritt das Vertrauen des Hauptmanns in die Vollmacht Jesu: Ein Wort Jesu aus der Ferne genügt (7,6-8). Gewöhnlich ist mit der Vorstellung des charismatischen Heilers der Gedanke verbunden, dass der Wundertäter Träger einer Macht ist, die er durch Berührung heilend auf andere übertragen kann. Je geringer der Aufwand zur Übertragung, umso größer die Macht des Wundertäters. Ist er in der Lage, allein durch ein Wort zu heilen, kommt ihm in noch gesteigertem Maß Vollmacht zu. Dass der Hauptmann Jesus als Vollmachtsträger anspricht, zeigt sich in den Beispielen, in denen er seine eigene Machtstellung in seinem Lebensumfeld darstellt (7,8: dass er selbst anderen untergeordnet ist, wird mit üblichen Begriff für »Vollmacht« formuliert: ἐξουσία).

Diese Haltung des Vertrauens in die Jesus gegebene Macht zur Heilung bezeichnet Jesus in seiner Antwort als Glaube. Die Formulierung, dass er einen solchen Glauben nicht einmal in Israel gefunden habe (7.9), zeigt nun die innerjüdische Perspektive: Der Jude Jesus spricht vom eigenen Volk als Israel, und eigentlich gilt sein Wirken Israel; dort wäre jener Glaube eher zu erhoffen gewesen. Zugleich deutet sich an, dass die Grenze zwischen Heiden und Juden durchlässig werden wird. Dies geschieht hier aber, anders als in der Parallele bei Matthäus (s. Mt 8,11f) ohne erkennbare kritische Spitze gegen Israel. Dass sich das Thema des Glaubens eines Heiden gegenüber der Heilungsgeschichte in den Vordergrund schiebt, kann man auch an einer erzählerischen Fehlanzeige erkennen: Das Wort, das nach der Rede des Hauptmanns zur Heilung genügt, wird nicht mitgeteilt (anders Mt 8,13). Dennoch können die Hörer der Geschichte aus der Notiz über die geschehene Heilung (Lk 7,10) schließen, dass ein Heilwort Jesu vorausgesetzt ist.