30. November 2013

Sonntagsevangelium (105)

Erster Adventssonntag (A): Mt 24,37-44 (oder 24,29-44)

Heute aus Zeitgründen ein etwas kürzerer Text. 

Niemand kennt den Zeitpunkt des Endes, der Wiederkunft des Herrn – unter diesem Leitgedanken steht der Abschnitt aus der Endzeitrede Mt 24,36-41. Deshalb ist beim Vergleich mit der Generation Noahs nicht deren Sündhaftigkeit betont. Die Menschen damals werden nicht als böse, oberflächlich oder gottvergessen geschildert, sondern als ahnungslos (24,37-39).

Da auch ihr Untergang zur Sprache kommt, erhält der Text eine bedrohliche Dimension, die noch verstärkt wird durch die Gegenüberstellung von Rettung und Verderben: Von zweien wird nur einer »mitgenommen«, d.h. gerettet werden (24,40f). Dies ist nicht im Sinn einer Vorhersage zu verstehen, so dass die Hälfte der Menschen in jedem Fall vom Heil ausgeschlossen wäre. Es handelt sich vielmehr um einen Weckruf. Er macht darauf aufmerksam, dass es mit der Wiederkunft Christi um Heil und Gericht geht. Um dieser Wirkung willen lassen die beiden Sprüche auch offen, warum der eine mitgenommen, der andere aber zurückgelassen wird. Damit soll die Entscheidung über Heil und Unheil nicht als willkürlich erscheinen. Matthäus klärt das durch die Folgerung: »seid also wachsam« (24,42).

Was dies bedeutet, klären die folgenden Gleichnisse und der Abschluss der Endzeitrede: gerüstet sein für ein baldiges Ende (24,45-51), aber auch für ein späteres (25,1-13); Einsatz im Dienst des Herrn (25,14-30) und vor allem tätige Liebe zu den Geringsten (25,31-46).

22. November 2013

Sonntagsevangelium (104)

34. Sonntag im Jahreskreis (C) - Christkönigssonntag: Lk 23,35-43

An den Passionsgeschichten lässt sich besonders klar erkennen, dass die Evangelien die Geschichte Jesu nicht berichten, sondern deuten. Sie beziehen sich alle auf ein und dasselbe Geschehen, tun dies aber in sehr unterschiedlicher Weise. Dies zeigt auch der Abschnitt, in dem von der Verspottung des Gekreuzigten erzählt wird. Während Johannes diese Szene ganz übergeht, ist sie in den synoptischen Evangelien mit jeweils eigenen Akzenten versehen, die nicht Niederschlag geschichtlicher Vorgänge sind, sondern die Intention der Evangelisten bezeugen.

Besonders deutlich wird dies im Fall des Lukas-Evangeliums. Dreimal wird der gekreuzigte Jesus verspottet: von den jüdischen Autoritäten, von den römischen Soldaten und von einem der Mitgekreuzigten. Mit dieser Darstellung weicht Lukas stark von seiner Vorlage, dem Markus-Evangelium, ab. So hat das Volk nichts mit der Verspottung Jesu zu tun. Es steht schauend dabei (23,35) und wird angesichts des Todes Jesu Reue empfinden (23,48). Nach Mk 15,29 haben dagegen »die Vorübergehenden« Jesus geschmäht. Eine Verspottung durch die Soldaten (Lk 23,36) bietet Markus allein im Anschluss an die Verurteilung Jesu, nicht in der Kreuzigungsszene (Mk 15,16-20a). Am bedeutendsten ist allerdings die Änderung, die aus einem der Mitgekreuzigten eine positive Figur werden lässt, indem er die Verspottung Jesu zurückweist (nach Mk 15,32 wird Jesus von beiden geschmäht).

16. November 2013

Sonntagsevangelium (103)

33. Sonntag im Jahreskreis (C): Lk 21,5-19

Die Rede Jesu über die Endzeit hat Lukas aus dem Markus-Evangelium übernommen und stark bearbeitet. Der geschichtliche Standort des Evangelisten hat auf diese Bearbeitung entscheidend eingewirkt. Er schreibt gegen Ende des 1. Jahrhunderts, zu einer Zeit also, in der man nicht mehr mit der baldigen Wiederkunft Christi rechnet. Deshalb gestaltet Lukas die Endzeitrede so, dass die Nähe des Weltendes darin keine Rolle spielt, ja bisweilen sogar zurückgewiesen wird. Die Verführer, vor denen Jesus warnt, treten nicht nur fälschlich in seinem Namen auf (so Mk 13,6); sie behaupten auch, das Ende sei nahe (Lk 21,8).

Es finden sich zwar auch in der lukanischen Fassung der Endzeitrede apokalyptische Motive. Dies ist angesichts der Tatsache, dass die markinische Endzeitrede verarbeitet wurde, auch nicht anders möglich. Kriege, Erdbeben, Hungersnöte, Seuchen (21,9-11) - dies sind Ereignisse, die fest zum Repertoire der endzeitlichen Katastrophen gehören (zum Verständnis s. hier). Sie werden aber deutlicher als bei Markus vom Ende abgesetzt (21,9: »das Ende kommt noch nicht sofort«).

14. November 2013

Lügengeschichten

Im »Haus am Dom« in Frankfurt hat eine Diskussionsveranstaltung stattgefunden, deren Besetzung zuvor nicht mit kath.net abgestimmt wurde. Der Moderator des Abends und Leiter des Hauses am Dom, Joachim Valentin, wird nicht nur angegriffen, weil das Podium einseitig mit Kritikern des Bischofs Tebartz-van Elst bestückt war; er wird auch und sogar in erster Linie als Lügner dargestellt (s. hier). Dieser Vorwurf bezieht sich nicht auf den Abend selbst, sondern auf Aussagen, die Valentin bei Nachfragen durch kath.net getroffen hat. Was davon in dem Beitrag mitgeteilt wird, begründet die Beschuldigung, Valentin nehme es »mit der Wahrheit nicht so genau«, allerdings nur dann, wenn man »Behauptung« und »Beleg« für deckungsgleiche Begriffe hält. Das dümmliche Symbolbild (Pinocchio mit der langen Nase) könnte einen stärker selbstreferentiellen Bezug annehmen als von der Redaktion beabsichtigt.

8. November 2013

Sonntagsevangelium (102)

32. Sonntag im Jahreskreis (C): Lk 20,27-38 (oder 20,27.34-38)

Zur Erwartung der Totenauferstehung gab es im Judentum zur Zeit Jesu unterschiedliche Auffassungen: Neues Testament (s. Apg 23,8) und der jüdische Schriftsteller Flavius Josephus bezeugen, dass die Pharisäer, anders als die Sadduzäer, sich zu dieser Zukunftshoffnung bekannt haben. Jesus tritt im Streitgespräch mit den Sadduzäern also für eine Auffassung ein, die er mit den Pharisäern teilt. Entsprechend erwähnt Lukas am Ende, dass einige Schriftgelehrte die Antwort Jesu an die Sadduzäer loben (20,39 - nicht mehr im Lesungsabschnitt).

Auch wenn die Position der Sadduzäer aus heutiger Sicht »modern« klingen mag, ist diese Gruppe doch als religiös konservativ zu bezeichnen: Sie hat sich den Neuerungen, die mit dem Durchbruch apokalyptischen Denkens im 2. Jahrhundert v. Chr. verbunden waren, verschlossen und beruft sich auf die althergebrachte Ordnung: Die fünf Bücher Mose, von den Sadduzäern wohl als einzige verbindliche Überlieferung anerkannt, bezeugen die Vorstellung einer Totenauferstehung nicht.

6. November 2013

Spannende Unterhaltung mit Buchwerbung

Vielleicht ist es doch ein Naturgesetz, und man kann nichts dagegen unternehmen. Jedenfalls fällt auf, dass in bestimmten Zusammenhängen offenbar zwanghaft bestimmte Wörter verwendet werden. Gäbe es den Begriff »Prozess« nicht, wären religionspädagogische Texte wahrscheinlich unmöglich. Die Verkündigung des Evangeliums scheint heutzutage vorauszusetzen, dass etwas »immer wieder neu« geschieht, dem wir dann »gleichsam« irgendetwas mehr oder weniger Bildhaftes abgewinnen können, vor allem wenn dies uns in eine »Tiefe« führt, der wir »je und je«, wenigstens aber »ganz konkret« »nachspüren«.

Wechseln wir die Branche, so lässt sich ein ähnliches Phänomen beobachten. Wer Werbe- oder Klappentexte für Bücher schreibt, unterliegt entweder einem Naturgesetz (s.o.) oder wird offensichtlich unter Androhung schwerster Strafen von Verlagen darauf verpflichtet, das Adjektiv »spannend« zu verwenden. Eine Reise in die Welt der Mathematik wird von den wenigstens gebucht; wenn sie aber lesen, dass sie spannend sei (s. hier), sind sie sicher sofort dabei. Die Denkwege zwischen Phänomenologie und Philosophie des Geistes lassen eine ähnliche literarische Gestaltung wie Krimi oder historischer Roman erwarten, sie sind also spannend (s. hier) Und wer rettet die Hirnforschung aus der Hand tödlicher Langweiler? Jedenfalls ist sie »viel zu spannend, um sie den Neurobiologen zu überlassen« (s. hier). Das Adjektiv hat eine starke soziale Ader, denn häufig tritt es gemeinsam mit anderen Vertretern seiner Art auf. Dies kann in bloßen Reihungen geschehen. Gut verträgt sich unser Wort z.B. mit magisch, bewegend, amüsant, überraschend, wunderbar, anrührend (s. hier, hier, hier, hier und hier). Es mag aber auch die »ebenso … wie«-Konstruktion: ebenso unterhaltsam wie spannendebenso spannend wie aufschlussreich, oder, mit ganz besonders feiner Nuancierung, ebenso dramatisch wie spannend.

1. November 2013

Sonntagsevangelium (101)

31. Sonntag im Jahreskreis (C): Lk 19,1-10

Zum dritten Mal im Verlauf des Lukas-Evangeliums wird Jesus in der Gemeinschaft mit einem Zöllner gezeigt. In allen drei Fällen ist diese Nähe Gegenstand der Kritik: beim Gastmahl im Haus des Levi (5,30), in einer nur summarisch gezeichneten Szene, die die Gleichnisse vom Verlorenen einleitet (15,1f), wie auch in der Geschichte vom Oberzöllner Zachäus (19,7). Jeweils wird die Szene mit Jesusworten abgeschlossen, die auf diese Kritik antworten und sie zurückweisen (5,32; 15,3-32; 19,9f).

Am meisten Aufmerksamkeit ist der Figur des Zöllners in der Zachäus-Erzählung gewidmet. Während wir über Levi, der in die Nachfolge Jesu eintritt, kaum etwas erfahren (5,27-29), wird im Fall des Zachäus, der nicht zum Jünger Jesu wird, die Vorgeschichte zur Begegnung mit Jesus vergleichsweise breit erzählt (19,1-4). Dabei wird einerseits das Interesse an Jesus deutlich, das auch die Schwierigkeit der Kontaktaufnahme durch besonderen Einsatz überwindet (19,4). Andererseits bleibt eine Distanz: Zachäus will Jesus nur sehen (19,3) und wählt deshalb mit der erhöhten Position auf einem Maulbeerfeigenbaum einen Ort, an dem er Jesus nicht zu nahe kommt, sondern zunächst im Hintergrund bleibt.