Who's who (6) - Lösung

Biblische Personen in ungewohnter Beschreibung. Heute zwei weibliche Gestalten aus dem Neuen Testament. 

Unsere Gesuchten treten nur im Doppelpack auf, bisweilen ergänzt durch eine dritte ihnen verwandtschaftlich nahestehende Person (der ganze Text noch einmal hier).


Gesucht wurden Maria und Martha


Unsere Gesuchten treten nur im Doppelpack auf, bisweilen ergänzt durch eine dritte ihnen verwandtschaftlich nahestehende Person. 
Im Johannes-Evangelium wird neben Maria und Martha auch deren Bruder Lazarus erwähnt (Joh 11,1[-45]; 12,1-8). Das Lukas-Evangelium kennt nur die beiden Schwestern (Lk 10,38-42). In den anderen Evangelien kommt keine der drei Personen vor. Jedenfalls ist nicht erkennbar, dass Maria mit einer anderen Maria aus der Evangelien-Tradition gleichzusetzen wäre. Martha ist nur in den genannten Szenen aus dem Johannes- und Lukas-Evangelium genannt. Lazarus kommt nur bei Johannes vor (in Lk 16,19-31 erscheint der Name in ganz anderem Zusammenhang: im Rahmen einer von Jesus erzählten Beispielgeschichte). 
Nach einem schrecklichen Ereignis reagieren die beiden Frauen unterschiedlich auf das Kommen Jesu: Die eine bleibt im Haus sitzen, die andere ist bewegungsfreudiger und auch gesprächiger. Von der ersten ist jedenfalls nur ein Satz überliefert ‑ und der ist wenig originell, denn diesen Satz hat zuvor bereits die andere gesagt. 
Der Bruder Lazarus stirbt, Jesus kommt (absichtsvoll: Joh 11,6.15) zu spät. Als die Nachricht von seinem Erscheinen laut wird, geht ihm Martha entgegen, während Maria im Haus bleibt (Joh 11,20; der Dialog zwischen Martha und Jesus in 11,21-27 mit dem berühmten Ich-bin-Wort: »Ich bin die Auferstehung und das Leben«). Als Maria auf die Initiative ihrer Schwester hin mit Jesus zusammentrifft, sagt sie: »Herr, wenn du hier gewesen wärest, wäre mein Bruder nicht gestorben« (11,32; fast wörtlich gleich in 11,21)
Sie, die Zurückhaltendere, ist keine Mundwerkerin, sondern hat ihre Stärken eher im Zuhören. Die andere, die Aktivere, sieht darin allerdings weniger ein Talent als vielmehr kritikwürdiges Phlegma oder gar Faulheit, dem durch erzieherisches Wort Abhilfe geschaffen werden müsse. Ein entsprechender Antrag wird allerdings abschlägig beschieden. 
In Lk 10,38-42 ist die Szene überliefert, in der Jesus im Haus der beiden Schwestern einkehrt. Martha ist mit der Versorgung der Gäste beschäftigt, Maria hört Jesus zu und provoziert so den Einspruch ihrer Schwester, auch als Kritik an Jesus formuliert, der sich die ungleiche Rollenverteilung gefallen lasse: »Sag ihr, dass sie mir zur Hand geht!« (10,40). Jesus weist dies zurück: Maria hat den guten Teil gewählt, der ihr nicht genommen werden soll (10,42).
Ganz passiv ist die Schweigerin aber nicht. Man könnte sie (mit einem gewiss hinkenden Vergleich) als »Performance-Künstlerin« bezeichnen, die durch eine ungewöhnliche Aktion ein Zeichen setzt. 
Im Johannes-Evangelium (und nur dort) wird die salbende Frau mit Maria gleichgesetzt (in Mk 14,3-9; Mt 26,6-13 bleibt sie namenlos; ebenso in der ganz anders verlaufenden Geschichte in Lk 7,36-50). 
Auch in der Geschichte von der Auferweckung des Lazarus wirkt Maria im Übrigen durch ihr Handeln. Sie sagt nicht allein den Satz, den bereits ihre Schwester Jesus gegenüber geäußert hat (s.o.). Durch ihr Weinen treibt sie die Handlung voran (Joh 11,33), denn es führt dazu, dass Jesus innerlich erschüttert sich zum Grab des Lazarus führen lässt (11,34f).
Und wie es manchem Performance-Künstler geht, so erntet auch ihre Aktion Widerspruch in der Frage: »Was soll das denn?« Das Unverständnis kommt allerdings in diesem Fall nicht von der anderen gesuchten Person. 
In Mk 14,4 sind es einige (der Mahlteilnehmer), die die Aktion der Frau kritisieren; Mt 26,8 nennt die Jünger als Sprecher des Protests. Nach Joh 12,4 ist es Judas, der einen nur vorgeschobenen Einspruch formuliert: die Erzählung wird zu einem Baustein in dem extrem negativen Judasbild des vierten Evangeliums. Judas habe, so der Kommentar des Evangelisten, den Einwand nur formuliert, weil er das verschwendete Geld gern für sich selbst abgezweigt hätte (12,5). 
Sie, die in der zuvor genannten Szene fast als Urbild einer schwäbischen Hausfrau erscheint, bleibt bei dieser Aktion ganz zurückhaltend. Und das zeigt deutlich, dass sie keine schwäbische Hausfrau sein kann, denn die Aktion hat eine erhebliche Menge Geld vernichtet, und das hätte eine echte Schwäbin nicht kommentarlos hingenommen.
Mk 14,5 und Joh 12,5 nennen übereinstimmend einen Wert von dreihundert Denaren. Mt 26,9 spricht pauschal von einem hohen Erlös, den man für das Öl hätte erzielen können.
In der Geschichte bei Lukas spielt der Wert des Öls keine Rolle, weil hier eine andere Frage ins Zentrum rückt: das Verhalten Jesu Sündern gegenüber.

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