Entweltlichung der Kirche

In seiner Freiburger Rede vor engagierten Laien hat Papst Benedikt die Notwendigkeit betont, dass sich die Kirche »ent-weltlicht«.
»Durch die Ansprüche und Sachzwänge der Welt wird ... immer wieder das Zeugnis verdunkelt, werden die Beziehungen entfremdet und wird die Botschaft relativiert.«
Säkularisierungsvorgänge könnten dazu beitragen, dass die Kirche wieder zu ihrem eigentlichen Auftrag zurückfindet:
»Die Säkularisierungen – sei es die Enteignung von Kirchengütern, sei es die Streichung von Privilegien oder ähnliches – bedeuteten nämlich jedesmal eine tiefgreifende Entweltlichung der Kirche, die sich ja dabei gleichsam ihres weltlichen Reichtums entblößt und wieder ganz ihre weltliche Armut annimmt.«

Kontext Reformdebatte 

Weil der Papst zu Beginn recht deutlich auf die Reformdebatte angespielt hat, besteht ein Kontext dieser Mahnung zur Entweltlichung und zur Armut der Kirche in den Punkten, die in dieser Debatte eine Rolle spielen. Also: keine Änderung kirchlicher Strukturen und Regelungen aus Rücksicht auf geänderte gesellschaftliche Bedingungen, Absage an das Kirchensteuersystem, das den Reichtum der deutschen Kirche begründet. Zu diesem Kontext passt, dass der Papst es ablehnt, »eine neue Taktik zu finden, um der Kirche wieder Geltung zu verschaffen. Vielmehr gilt es, jede bloße Taktik abzulegen und nach der totalen Redlichkeit zu suchen«. Kritisch bemerkt er, die Kirche gebe »nicht selten Organisation und Institutionalisierung größeres Gewicht als ihrer Berufung zur Offenheit auf Gott«.


Diese Aussagen bieten Gegnern von Reformdebatte und Dialogprozess Anlass zu Triumphgeheul. Vor lauter Freude kann da offensichtlich die Fähigkeit zur Bildung einer sinnvollen Überschrift abhanden kommen (Als das Mantrawort DIALOG während der ganzen Rede nie fiel). Armin Schwibach, der als Rom-Korrespondent sicher den besten Einblick in die Situation der Kirche in Deutschland hat, schwingt die Keule vom de-facto-Schisma, wenn denn die deutsche Kirche den Worten des Papstes nicht folge. Und vor lauter Begeisterung ist ihm der Metaphern-Gaul durchgegangen. Was der Papst gesagt und getan hat, sei
»wie ein glühender Stein, der in einen trüben Tümpel geworfen wurde, der so nicht umhin kam, sich zu erhitzen, zu brodeln, aufgewühlt zu werden. Der Stein ist so glühend, dass er auch unter dem morastigen Wasser weiterleuchtet. Es geht darum, den schlammigen Tümpel zu reinigen, um das Licht der altneuen Glut des Glaubens, den der Papst verkündet, zum Mittelpunkt des Seins und der notwendigen Erneuerung zu machen.«
Da muss jetzt aber ein tüchtiges katholisches Wasserwirtschaftsamt tätig werden, damit aus dieser trüben Tümpel-Kirche hierzulande wieder etwas wird. Metaphorische Abrüstung wäre aber auch kein schlechter Weg.


Kontext Vatikan

Nun sprach der Papst aber nicht nur zu Vertretern des deutschen Katholizismus, sondern auch als Oberhaupt der katholischen Kirche. Und er sprach sehr grundsätzlich von der Sendung der Kirche und den Chancen, die Säkularisierungen für die Kirche darstellen. Er wurde ja nicht so konkret, dass er Reformdebatte und Dialogprozess direkt auf- und angegriffen hätte. Es wäre also eine unzulässige Verkürzung, wollte man die Bedeutung seiner Aussagen auf die Situation in Deutschland begrenzen. Seine Rede eröffnet viel weitere Perspektiven beim Thema »Entweltlichung der Kirche«.
 

Möglicherweise steht das Ende des Vatikanstaates bevor. Die Kirche entweltlicht sich, indem sie in ihrer Leitung nicht mehr als ein Staat neben anderen steht. Sie entweltlicht sich dadurch, dass sie die vatikanischen Kirchengüter verkauft und sich nicht mehr in die wirtschaftlichen Zusammenhänge der Tourismusbranche einbinden lässt. Sie entweltlicht sich in finanztechnischer Hinsicht und will sich nicht mehr als Trägerin der Bank IOR dem Verdacht weltlicher bzw. geradezu unterweltlicher Bankgeschäfte aussetzen. Dann könnte ja auch gelten: 
»Die von materiellen und politischen Lasten befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein. Sie kann ihre Berufung zum Dienst der Anbetung Gottes und zum Dienst des Nächsten wieder unbefangener leben. Die missionarische Pflicht, die über der christlichen Anbetung liegt und die ihre Struktur bestimmen sollte, wird deutlicher sichtbar.«

Kontext Besuchsevent

Denkbar ist auch, dass der Papst auf bestimmte Erfahrungen bei seinem Deutschlandbesuch zielt, die er als Verweltlichung empfunden hat. Vielleicht möchte er nicht mehr als oder wie ein Staatsgast von der weltlichen, politischen Prominenz empfangen werden. Vielleicht will er nicht mehr in langen Limousinenreihen durch die Städte fahren. Vielleicht stößt ihm auf, dass er wie ein Popstar bejubelt wird, dass man Fähnchen schwenkt wie bei einer königlichen Hochzeit und Transparente zeigt und Sprechchöre brüllt wie bei einem Fußballspiel.
 

Die Entweltlichung der Kirche könnte viele Facetten haben und so zahlreiche Möglichkeiten bieten, 
»nach der totalen Redlichkeit zu suchen, die nichts von der Wahrheit unseres Heute ausklammert oder verdrängt, sondern ganz im Heute den Glauben vollzieht, eben dadurch dass sie ihn ganz in der Nüchternheit des Heute lebt, ihn ganz zu sich selbst bringt, indem sie das von ihm abstreift, was nur scheinbar Glaube, in Wahrheit aber Konvention und Gewohnheiten sind«.
Darüber, was das konkret bedeutet, wird man weiterhin streiten.

Kommentare

Volker Schnitzler hat gesagt…
Ihren Ausführungen, Her Häfner, stimme ich vollkommen zu. Die Reden des Papstes waren in ihrer abstrakten Ausrichtung alle auf einem Kurs der Einheit. Im Vordergrund stand aus meiner Sicht immer das Einende. Man mag manches vermissen, gerade Konkretes. Aber die Art und Weise, wie ein bestimmter Katholizismus am rechten Rand der Kirche den Papst für sich einnimmt und sich bestätigt fühlt, ist erschreckend. Schön, dass Sie dem etwas entgegen halten.
Volker Schnitzler hat gesagt…
PS

Ich habe die Rede auch noch einmal gelesen. Was trägt der Papst der Kirche auf? Kirche muss in Bewegung sein, sie muss sich der Welt öffnen, vergegenwärtigen, Institutionalisierung überwinden, Offenheit anstreben, Privilegien und Kirchengüter aufgeben, missionarisch handeln, sich von materiellem und politischen Ballast befreien, ihre Struktur auf Mission ausrichten, Konventionen und Gewohnheiten ablegen, alles das bekämpfen, was den Kern des Evangeliums verdunkelt, gerade die Skandale innerhalb. Ich finde, dass man als reformorientierter Katholik mit diesen Aussagen doch wirklich gut leben kann. Schade, dass die Berichterstattung in den Medien den „Rechtskatholen“ so in die Hände spielt.
Andreas Metge hat gesagt…
Mit einem Kaffee und einer blau eingepackten Noisette-Schokolade verfolgte ich die o.g. Rede bequem, aber konzentriert, vor meinem Fernseher. Je länger die Rede dauerte (Gott sei Dank war es ja gar nicht so lange), desto mehr fühlte ich mich an einen meinen Dogmatik-Professoren im Studium erinnert, dessen Vorlesungen im allgemeinen kommentiert wurden mit: "Er verkauft heiße Luft in Dosen!".
In der Tat war diese Rede des Papstes so unkonkret, dass ich mich frage: wem wollte er eigentlich was sagen? Ohne Sofa, Noisette und Kaffee, statt dessen vielleicht extra angereist aus Hildesheim, hätte ich mich sicher maßlos geärgert, zu Mozart und Belanglosigkeiten eingeladen zu werden. Bestenfalls das zauberhafte Freiburg und seine Menschen hätten mich aufheitern können.
Zu dem Bild mit Stein und Tümpel fiel mir ein: Der gute, alte Prophet Ezechiel hat das Bild vom sich verflüssigenden Tümpel - Pardon: Tempel - als Bild für VER-Weltlichung viel besser ausgemalt (Ez 47, besonders in der Übertragung von W.Willms). DA kommt Freude auf, jedenfalls bei mir.
So aber bleibt neben dem zarten Schokoladen-Geschmack in der Erinnerung an diese Rede der schale Geschmack einer Tümpel-Bracke, einer Kirche, die wieder und wieder "Die Welt" als Gegenüber und als Feind sieht. Das ist nicht mein Bild!
Anonym hat gesagt…
[...]...Schade, dass die Berichterstattung in den Medien den „Rechtskatholen“ so in die Hände spielt...[...]
Na das ist ja mal was ganz neues! Die "Linkskatholen" beschweren sich über die angeblich einseitige Berichterstattung der Medien, zu Gunsten der "Rechtskatholen"!
:)))
Es kann sich nur um Realsatire handeln. Gerade die deutschen Medien dreschen doch seit 5 Jahren auf alles ein was der Papst macht/nicht macht oder sagt/nicht sagt! Mit dem Ziel das Ansehen und die Autorität des Papstes zu untergraben und einen Keil zwischen die Kirche und die Gläubigen zu treiben. Bisher wurde diese Vorgehensweise der Medien von den selbst ernannten "Reformern" mit Wohlwollen begleitet, weil es ihnen das Gefühl vermittelt hat sie seien der wahre Kern der deutschen Katholiken und der deutsche Katholizismus der Nabel der Weltkirche!
Ich hoffe dass der Besuch des Heiligen Vaters in DE dazu beiträgt, dass wenigstens ein Teil der deutschen "Reformatoristen" ihren Irrtum erkennt und den Weg zurück in die Gemeinschaft der Gläubigen zurück findet. Dazu wird es aber einer gründlichen Reform der Strukturen in der deutschen Amtskirche bedürfen, damit zukünftig Leute wie Zollitsch, Marx, Thissen, Jaschke etc. nicht mehr an die Machthebel gespült werden. Und die Kirche in DE in die nächste Spaltung lotsen können!

j3s
Andreas Metge hat gesagt…
Und noch eins beschäftigt mich: Da starrt ein ganzes Land (naja, jedenfalls schon eine ziemliche Öffentlichkeit) auf das Orakel aus Rom. Die Orakel-Sprüche entlocken "Ooohs" und "Aaahs", Freudenschreie, stille Ergriffenheit, banges Erschrecken.

Und danach die leise Frage: "Was hat er gerade gemeint?"

Das Orakel ist nun wieder weg. Die Bühnen agebaut. Der Vorhang zu. Doch alle Fragen offen. Vielleicht vertrauen wir doch besser auf die Kräfte der Vielen in unserem Land?
Gerd Häfner hat gesagt…
@Anonym

Wer hat die "Reformatoristen" aus der Gemeinschaft der Gläubigen ausgeschlossen, so dass sie zurückfinden müssten? Waltet hier ein anonymes Lehramt?

Ich wundere mich, mit welcher Respektlosigkeit Sie über von Rom eingesetzte Bischöfe schreiben. Wie steht es hier um die Loyalität zum Heiligen Vater?
Andreas Metge hat gesagt…
Ich finde, lieber Gerd, ein "Lehramt", welches nicht gläubig hoffend auf den Spuren Jesu ist, sondern andere ausschließt, sollte in jeder Form und Autorität ausgedient haben.
Dass jede Institution Grenzen definiert zu ihrer Umwelt, ist ein Charakteristikum von Systemen. Aber so, wie dieses "Lehramt" sich seit Jahrhunderten geriert ... das erscheint mir als reine Angst-Abwehr. Und so - stimme ich Dir zu - argumentiert auch Herr Anonymus. Schade. Schlimm. Und überflüssig wie ein Kropf!
Anonym hat gesagt…
Sehr geehrter Prof. Häfner

Das Schöne an Ihren Texter auf dieser Seite ist, dass man Ihr durch die Textarbeit am NT geschultes Sprachverständnis und Ihre Weise, rhetorische Stilmittel samt ihren Funktionsweisen aufzuzeigen, man möchte fast sagen bloßzustellen, sehen kann.

Bei diesem Text allerdings hätte ein Prof. Häfner auf der Metaebene auch so einige rhetorische Tricks bloßzustellen!

Wir deutschen Katholiken sollten uns nicht auf diese "Grabenkämpfe" einlassen! Dafür ist der strittige Gegenstand viel zu wichtig.

Und wenn ich schon dabei bin, hier einen Kommentar dazulassen: Bei anderen Ihrer Texte hatte ich bisweilen den Eindruck, sie überbewerten die zum Teil tatsächlich unsäglichen Kommentare privater User bei kath.net.

Ich persönlich nehme sie ernst als Stimmungsbild bestimmter Einzelpersonen, nicht aber als Ausdruck des deutschen Katholizismus.

Beste Grüße
Ludgerus hat gesagt…
Lieber Anonym,
"die zum Teil unsäglichen Kommentare privater User auf kath.net" werden alle mit Billigung der Linzer Redaktion veröffentlicht, die bei liberalen Stimmen eine scharfe Zensur übt. Das sollte man doch bitte nicht vergessen. kath.net wird direkt oder indirekt unterstützt durch eine Reihe von Kardinälen wie Kasper, Koch und Schönborn, beliefert durch katholische Nachrichtenagenturen, über "Kirche in Not" m.W. sogar finanziert durch Kirchensteuern. Wer kath.net unterstützt, ist auch mitverantwortlich für die "unsäglichen Kommentare privater User auf kath.net". Somit z.B. auch Kardinal Koch, der kath.net inzwischen exklusiv Texte zur Verfügung stellt. kath.net kann inzwischen also leider gar nicht mehr überbewertet werden. Ich habe zudem schon mehrmals Leute getroffen, die kath.net für ein offizielles Portal der katholischen Kirche hielten. Leider steht da nicht drüber: "Roland Noés privates Nachrichtenportal, das sich für das wahre Lehramt hält".
Volker Schnitzler hat gesagt…
Vielleicht muss ich mich für den Begriff "Rechtskatholen" entschuldigen. Grundsätzlich bin ich auch gegen Grabenkämpfe und derartige Zuordnungen. Mir fiel nur in dem Moment kein besserer Begriff ein für die Leute, die sich da bei kath.net tummeln (Anonym ist ein schönes Beispiel für diese). Ich würde mich auch sofort auf ein Gespräch mit ihnen einlassen, leider verhindert die Zensur auf kath.net dies, so wie Ludgerus richtig bemerkt. Im Übrigen kann ich den Reden des Papstes wirklich etwas Positives abgewinnen, so dass ich die Position von Herrn Metge auch zu "hart" finde. Schaut man sich einmal die Pressekonferenz nach dem Treffen mit der EKD an, so kann ich das, was die Presse aus dem Treffen gemacht hat, in den Reaktionen der Beteiligten nicht erkennen.
Theodor hat gesagt…
In die Diskussion über die Relevanz von kath.net möchte ich mich nicht einmischen (die Unsäglichkeit einer Vielzahl von Lesermeinungen kann aber kaum bestritten werden). Eine kleine Korrektur scheint mir aber angebracht: "Kirche in Not" finanziert sich meines Wissens ausschließlich aus Spendenmitteln und erhält keine Zuwendungen aus der "Kirchensteuerkasse".

Mit besten Grüßen
Theodor

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