29. November 2011

Jesus, Schabbat und »Tatort«

Der »Tatort« vom vergangenen Sonntag spielte in der orthodoxen jüdischen Gemeinde Münchens. Der Reiz der Geschichte liegt nicht zuletzt darin, dass die beiden Kommissare auf eine ihnen fremde religiöse Welt treffen. Diese Welt wird durchaus einfühlsam dargestellt, auch mit Blick auf innerjüdische Differenzen.

Aus neutestamentlicher Sicht besonders bemerkenswert ist eine Passage, in der über Schabbat-Regelungen gesprochen wird. Während der Tatverdächtige seine Flucht nach der am Schabbat erlaubten Strecke (2000 Ellen) abbricht, legt seine Frau eine längeren Weg zurück, um ihm koscheres Essen in die Polizeistation zu bringen. Auf die Frage, wie sie das mit dem Schabbatgebot in Einklang bringt, antwortet sie mit einem Spruch aus einem speziellen Zweig der jüdischen Überlieferung:

»Der Schabbat ist für den Menschen gemacht, nicht der Mensch für den Schabbat.«
Dass sich das Jesuswort aus Mk 2,27 bruchlos in die Erörterung der jüdischen Schabbat-Diskussion einfügt, passt in das Bild, das die historische Forschung vom Wirken Jesu zeichnet: Es ist das Wirken eines Juden unter Juden und nur in diesem Rahmen historisch zu verstehen. Man mag darüber streiten, inwiefern der Weg der Kirche über die Grenzen Israels hinaus Anhaltspunkte beim historischen Jesus hat (wir hatten hier schon einmal eine längere Diskussion in den Kommentaren). Dass das Wirken Jesu in den jüdischen Kontext seiner Zeit einzuordnen ist, lässt sich aber nicht bestreiten.

Das heißt nicht, dass die Position Jesu zum Schabbat konsensfähig gewesen wäre. Dies kommt auch im Film zum Tragen, wenn die Frau, die gerade Mk 2,27 zur Rechtfertigung ihres Verhaltens herangezogen hat, hinzufügt: »Verraten Sie’s nicht meinem Mann.«

An einer späteren Stelle des Tatorts wird allerdings im Blick auf die Einbindung Jesu ins Judentum ein gewisser Kontrapunkt gesetzt, wenn der jüdische Rabbiner zum Verhältnis von Juden und Christen sagt: »Der Ewige eint uns, Jesus trennt uns.« Dies erinnert ein wenig an einen Satz Schalom Ben Chorins, der aber etwas anders und genauer formuliert hatte:

»Der Glaube Jesu einigt uns, aber der Glaube an Jesus trennt uns.«
Dennoch: Wer diese Tatort-Folge nicht gesehen hat, vergeudet nicht seine Zeit, wenn er dies unter Nutzung der Mediathek der ARD nachholt (noch bis zum 3.12.).

26. November 2011

Sonntagsevangelium (1)

Mit dem neuen Kirchenjahr beginne ich eine neue Reihe mit knappen exegetischen Hinweisen zum Sonntagsevangelium. Ausführliche Auslegungen verschiedener Autoren gibt es auf perikopen.de.

Erster Adventssonntag (B): Mk 13,33-37 (oder 13,24-37)

Das Gleichnis, mit dem Markus am Schluss der Endzeitrede zur Wachsamkeit mahnt, ist nicht aus einem Guss (13,33-37). Geschildert wird der Fall eines Haus­herrn, der auf Reisen geht, also für längere Zeit abwesend ist. Dieser Situation entspricht, dass den Knechten die verschiede­nen Aufgaben im Haus übertragen werden. Überraschend ist dann aber die herausgehobene Funktion des Türhüters, denn sie setzt eine nur kurze Abwesenheit des Hausherrn voraus. Zur Erwartung der Rückkehr noch in derselben Nacht passt auch die Nennung der vier Nachtwa­chen in 13,35. 

Diese Unebenheit spricht dafür, dass Markus ein vor­gegebenes Gleichnis erweitert hat. Pointe dieses Gleich­nisses war die notwendige Wachsamkeit des Türhüters – notwendig, weil der genaue Zeitpunkt der Rück­kehr des Hausherrn ungewiss ist (vgl. auch Lk 12,36-38). Jesus könnte mit einer solchen Geschichte dazu aufgerufen haben, sich bereit zu halten für die bald erwartete Voll­endung der Gottesherr­schaft, deren Kommen sich aber nicht berech­nen lässt.
 
Mar­kus fügt die längere Abwesenheit des Herrn und die Aufgabenverteilung an die Knechte ein und bedenkt so die Situa­tion der Gemeinde zu seiner Zeit: Die Wieder­kunft Christi hat sich verzögert; jetzt gilt es, stets für sie gerü­stet sein. Was das heißt, deutet Markus nur an: das Tun der vom Herrn übertragenen Aufgabe (13,34). »Wachsam sein« ist ein sehr offenes Bild, das auf verschiedene Weise inhaltlich gefüllt werden kann. 

Zum Verständnis der apokalyptischen Aussagen in  Mk 13,24-27 s. hier.

Anschnallpflicht im Papamobil

Gestern ging eine Meldung durch die Medien, die man am ehesten einem Satire-Magazin zuordnen würde. Weil der Papst bei Fahrten im Papamobil anlässlich seines Deutschland-Besuchs nicht angeschnallt gewesen war, wurde er nun als Verkehrssünder angezeigt (s. z.B. hier).
Hat der Anblick des unangeschnallt einherfahrenden Papstes  so erschütternd gewirkt, dass spontan empfundene Empörung über die laxe Verkehrsmoral des Kirchenoberhaupts die Anzeige provoziert hat? Da der Deutschland-Besuch jetzt zwei Monate her ist, scheidet diese Erklärungsmöglichkeit recht sicher aus. 

Möglicherweise ist die Sorge um die Verkehrssicherheit dennoch echt. Vielleicht befürchtet der Kläger, alle Besitzer eines Papamobils könnten aufgrund des schlechten Beispiels dazu verleitet werden, künftig auf unseren Straßen den Gurt nicht mehr anzulegen. Damit sie sich nicht auf einen Präzedenzfall berufen können, muss nun hart durchgegriffen werden. Wehret den Anfängen, sonst machen das jetzt alle Päpste so!

Denkbar ist allerdings noch eine andere Erklärung. Vielleicht hat der Mandant des anzeigenden Rechtsanwalts diesen satirirschen Beitrag ernst genommen und daraus die Notwendigkeit abgeleitet, gegen ausuferndes Verkehrsrowdytum vorzugehen. Er könnte - gerade beim Papst - im Aufstand gegen die Anschnallpflicht die gefährliche Haltung erkannt haben, sich allen überlieferten Regeln zu widersetzen.

Gänzlich ausgeschlossen und aufs Schärfste zurückzuweisen ist dagegen die böswillige Interpretation, dass hier nur jemand mit einer möglichst absurden Aktion in die Medien gelangen wollte. 

Nachtrag 29.11.:  Der erste Satz dieses Beitrags wird durch den Autor der Satire-Seite, auf die ich oben verlinkt habe, bestätigt. Er bedauert, dass ihm durch die Anzeige gegen den Papst eine Story vor der Nase weggeschnappt wurde (s. hier).

22. November 2011

Ein publizistisches Kabinettstückchen ...

... hat heute Morgen kath.net abgeliefert. Nachdem die Vollversammlung des Verbandes der Diözesen Deutschlands eine Stellungnahme »zur aktuellen Debatte über die Verlagsgruppe Weltbild GmbH« abgegeben hat, ließ die Reaktion des Nachrichtenportals nicht lange auf sich warten. Man veröffentlichte den Text der Stellungnahme, in der immerhin der Verkauf von Weltbild angekündigt wurde - also das, was man auf kath.net nicht ohne eine gewisse Hartnäckigkeit seit Wochen verlangt.

Leserlenkung

Die redaktionelle Rahmung lenkte die Aufmerksamkeit aber auf einen anderen Punkt. Die erste Fassung der Überschrift lautete:
»Bischöfe sprechen Langendörfer 'uneingeschränktes' Vertrauen aus!«
Außerdem nahm die Redaktion auf den letzten Satz der Stellungnahme Bezug, in dem »die verzerrende und unangemessene Weise der publizistischen Auseinandersetzung mit den anstehenden Fragen namentlich in Medien, die der Kirche nahestehen«, bedauert wurde. Eingeschoben war die Frage: »Weltbild vor Veräußerung?«

20. November 2011

Diakoninnen

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken hat auf der Herbstvollversammlung einen Entschließungsantrag angenommen, der u.a. die Zulassung von Frauen zum Diakonat gefordert hat. Der Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, P. Hans Langendörfer, hat dies als »erhebliche Belastung für das Gespräch zwischen der Deutschen Bischofskonferenz und dem ZdK« gewertet. Die Forderung nach dem Diakonat der Frau sei »mit den weltkirchlich verbindlichen theologischen Überzeugungen und Festlegungen nicht vereinbar« (s. hier). Ob diese Überzeugungen absolut unabänderlich sind, dürfte auch davon abhängen, wie überzeugend sie sind.

13. November 2011

Klartext durch die Blume?

Die deutschen Bischöfe stehen in der »Weltbild-Affaire« weiter unter Beschuss. Schon ist die Rede vom »Weltbild-Showdown am 21. November«. Wenn der Rat der Deutschen Bischofskonferenz tagt, »schlägt für die katholische Kirche Deutschlands die Stunde der Wahrheit«. Der Sache würde es nicht schaden, wenn in der Wortwahl wenigstens ein Gang zurückgeschaltet würde. Auch wer kein Freund des bischöflichen Engagements bei Weltbild ist, muss nicht jede Form der Aufregung begrüßen, die zur Zeit gepflegt und mit immer neuen Meldungen genährt wird.

Auch der Papst wird in die Kampagne eingespannt - möglicherweise nicht zu Unrecht, aber doch nicht nur eine Spur zu lautstark. Benedikt XVI. hat anlässlich der Überreichung des Beglaubigungsschreibens an den neuen deutschen Botschafter beim Heiligen Stuhl eine kurze Rede gehalten, die unter anderem die Themen Prostitution und Pornographie berührte. Nachdem er die »geschlechtliche Diskriminierung von Frauen« angeprangert hat, führt der Papst weiter aus:

8. November 2011

Who's who? (9) - Lösung

Biblische Personen in ungewohnter Beschreibung. Heute eine männliche Gestalt aus dem Alten Testament. 

Der Gesuchte hat drei Brüder und acht Halbbrüder ... (der ganze Text im unten stehenden Post).

5. November 2011

Who's who? (9) - Rätsel

Biblische Personen in ungewohnter Beschreibung. Heute eine männliche Gestalt aus dem Alten Testament. 

Der Gesuchte hat drei Brüder und acht Halbbrüder. Seine Mutter, unter ungewöhnlichen Voraussetzungen mit seinem Vater verheiratet, verbesserte ihre Position in der Familie, indem sie sich einen 4:0-Vorsprung bzw. 6:0- bzw. 7:0-Vorsprung gegenüber ihrer Schwester erarbeitete. Der Gesuchte war seiner Mutter im Konkurrenzkampf der Großfamilie eine Hilfe und hatte so auch indirekten Anteil an der Geburt eines Bruders.

Papas Liebling war er aber nicht. Allerdings ließ er sich auch etwas zuschulden kommen, das nicht geeignet war, seine Position dem Vater gegenüber zu verbessern. Erstaunlicherweise reagierte der Vater aber erst auf dem Totenbett, etliche Jahre später, auf dieses nicht unerhebliche Vergehen.

Die Rolle des Lieblingssohnes kam einem seiner Brüder zu, der sich dadurch begreiflicherweise in eine gewisse Außenseiterposition manövrierte, zumal er sich auch als Petze betätigte. Das bekam diesem Bruder zunächst nicht gut; jedoch handelt unser Gesuchter in diesem Zusammenhang (wenigstens einem Erzählstrang zufolge) vorbildlich, wenn auch nur zum Teil erfolgreich.

Später tritt er noch einmal auf und setzt seine zwei Söhne als Bürgen dafür ein, dass er seinen jüngsten Bruder von einer längeren Reise in südlicher Richtung wieder wohlbehalten zurückbringt. Sein Vater aber geht darauf nicht ein, wodurch der Reiseplan aber nur aufgeschoben, nicht aufgehoben wird. Die gesuchte Person gehört dann auch zur Reisegesellschaft, spielt aber keine erkennbare eigene Rolle als Handlungsträger, sondern agiert zusammen mit seinen Brüdern.

Ausführliche Lösung in Kürze.