26. Januar 2012

Sonntagsevangelium (10)

4. Sonntag im Jahreskreis (B): Mk 1,21-28

Das Wirken böser Geister gehörte zum Weltbild der Antike. Die Menschen gingen davon aus, dass ihr Leben durch solche personal gedachten Mächte beeinflusst und bedroht war. Von »Besessenheit« sprachen sie, wenn ein Mensch ganz in der Gewalt eines Dämons war, nicht mehr Herr seiner selbst. Die Zeugnisse für dieses Phänomen sind so zahlreich, dass es offensichtlich weithin zur antiken Welterfahrung gehörte. Die Welt wurde anders erlebt als heute: nicht bestimmt von einer konstanten Naturgesetzlichkeit, sondern vom Wirken guter und böser Mächte. Dann ist historisch auch wahrscheinlich, dass es zu Phänomenen von Krankheit und Heilung gekommen ist, die für unsere Welterfahrung nicht typisch sind.

In diesen Rahmen lässt sich auch das Wunderwirken Jesu einordnen. Dass Jesus Dämonen ausgetrieben hat, ist historisch anzunehmen. Denn seine Gegner gehen von der Wirklichkeit der Exorzismen aus, bestreiten nur ihre Verbindung mit der Macht Gottes (Mk 3,22-26); und Jesus bezieht sie auf die Botschaft vom Reich Gottes: Wenn Menschen aus der Gewalt des Bösen befreit werden, zeigt sich darin, dass Gott jetzt das Heil der Menschen will (Lk 11,20). Dennoch sind die Exorzismus-Geschichten in den Evangelien keine Berichte von konkreten Ereignissen. Sie sind gestaltet vom Glauben an Jesus Christus aus – und als Einladung zu diesem Glauben.

Der zuletzt genannte Aspekt zeigt sich in Mk 1,21-28 vor allem in der Reaktion auf das Geschehen in der Synagoge von Kapharnaum, in der die Geschichte spielt. Typisch für neutestamentliche Wundergeschichten ist das Staunen der Zeugen (der so genannte »Chorschluss«, 1,27f). Auffälligerweise richtet es sich zunächst auf die Lehre Jesu. Damit schlägt der Evangelist einen Bogen zur einleitenden Szene, die Jesus als vollmächtigen Lehrer vorstellt (1,21f). Auch wenn Markus verglichen mit Matthäus und Lukas wesentlich weniger Jesusworte überliefert, ist ihm das Bild vom lehrenden Jesus doch wichtig (s. z.B. 2,2; 2,13; 6,34). Jesus nur als vollmächtigen Wundertäter zu sehen wäre zu wenig.

Das bedeutet aber nicht, dass Markus an der Fähigkeit Jesu zu Wundertaten Abstriche machten würde. Gerade die Exorzismus-Geschichten zeichnen ein hoheitliches Christusbild. Jesus tritt auf als Träger einer Macht (s. 1,10), die der Dämon als für ihn bedrohlich erkennt. Deshalb versucht er zunächst eine Grenze zu ziehen und setzt dazu auch eine Art Namenszauber ein, um den Exorzisten abzuwehren (»ich weiß, wer du bist«; 1,24). Auf das Wort Jesu (1,25) hin muss er aber sofort aufgeben.

Dass er den Besessenen vor dem Ausfahren noch hin und her zerrt (1,26), unterstreicht die Motive des Kampfes, die für solche Exorzismus-Erzählungen typisch sind. Nicht heilende Kraftübertragung bestimmt hier das Bild, sondern das Aufeinanderprallen zweier Mächte. Inszeniert wird die Niederlage des Bösen, wenn es auf Jesus trifft.