Sonntagsevangelium (15)

2. Fastensonntag (B): Mk 9,2-10


Mit dem »Berg« verbindet sich allgemein religionsgeschichtlich die Vorstellung der besonderen Nähe zur göttlichen Welt. Der Berg, auf dem die Szene der Verklärung Jesu spielt, dürfte aber auf einen bestimmten, heilsgeschichtlich bedeutsamen Berg anspielen: den Sinai als Ort der Gottesoffenbarung. Darauf weist vor allem die Zeitangabe »nach sechs Tagen« (9,2). Solche Angaben sind in den Evangelien ganz ungewöhnlich. Markus verbindet die verschiedenen Abschnitte seines Werkes häufig nur durch ein einfaches »und«; genauere zeitliche Verknüpfungen beschränken sich im Wesentlichen auf die Erzählung vom Jerusalem-Aufenthalt Jesu und besonders auf die Passionsgeschichte. Ansonsten begegnen höchstens Hinweise auf Tageszeiten (am Morgen: 1,35; am Abend: 1,32; 4,35; 6,35) oder den Sabbat (1,21; 2,23; 6,2). Deshalb fällt die genannte Zeitangabe auf und berechtigt dazu, eine Verbindung zu Ex 24,16 herzustellen: Wie Gott auf dem Sinai nach sechs Ta­gen aus der Wolke zu Mose sprach, so spricht er nun aus der Wolke über Jesus.



Die Offenbarung gilt nicht nur der Person Jesu (»mein geliebter Sohn«), sie fordert auch auf zum Hören seiner Worte (9,7). Darin geht die Gestaltung der Himmelsstimme über die parallele Szene am Beginn des Markus-Evangeliums hinaus (1,10f). Da in der Offenbarung nach der Taufe eine Vision Jesu geschildert wird und deshalb ausschließlich Jesus Adressat der Worte aus dem Himmel ist, findet sich dort keine Aufforderung zum Hören der Botschaft Jesu. Dieser Zusatz in der Verklärungsgeschichte ist nicht nur geschickte Weiterführung der früheren Offenbarungsszene; er passt sich auch gut ein in die genannte Anspielung auf die Sinai-Offenbarung: Wie das von Mose gebrachte Gesetz geht auch Jesu Lehre zurück auf den Willen Gottes. 

Dass Mose und Elija erschei­nen, unterstreicht diesen Zug. Beide galten in der jüdi­schen Tradition als himmlische Gestalten, zu Gott ent­rückt, ohne gestorben zu sein. Zu Elija ist das im Alten Testament überliefert (2Kön 2,11); auf Mose wurde diese Vorstellung (wegen Dtn 34) nur selten angewandt (z.B. von Flavius Josephus, Antiquitates Judaicae IV 326 [engl.]). Wenn sie mit Jesus sprechen (Mk 9,4), so zeigt dies - wie auch die leuchtenden Kleider - seine Zugehörigkeit zur himmlischen Welt. Insofern kann man von einer vorweggenommenen Ostergeschichte sprechen. 

Dass es aber bei einem kurzen Aufleuchten von Ostern bleibt und keineswegs das Kreuz umgangen werden soll, macht Markus durch das Schweigegebot beim Abstieg vom Berg deutlich. Die Herrlichkeit Jesu darf erst nach der Auferstehung bekannt werden (9,9). Dieser Satz liefert den Schlüssel zum Verständnis der zahlreichen Schweigegebote im Markus-Evangelium. Ein rechtes Verständnis der Herrlichkeit Jesu muss den ganzen Weg Jesu in den Blick nehmen (s. dazu bereits hier und hier). Ostern ist nicht auf halbem Weg zu haben. 

Dies wird auch durch die Reaktion der Jünger angedeutet. Sie verstehen das Wort Jesu nicht und überlegen, was Totenauferstehung überhaupt bedeute (9,10). Dieses Unverständnis zeigt sich an vielen Stellen des Markus-Evangeliums, in der Verklärungsgeschichte auch in der Reaktion des Petrus auf die himmlische Erscheinung: Die Absicht, drei Hütten zu bauen und damit der Gemeinschaft mit den himmlischen Gestalten Dauer zu verleihen, wird vom Erzähler als Unsinn gekennzeichnet (9,6). Mit dem Erzählmotiv vom Jüngerunverständnis unterstreicht Markus, dass Jesus nur erfasst werden kann, wenn man den Weg Jesu bis zum Ende betrachtet hat. Die Jünger konnten Jesus noch nicht richtig verstehen, weil sie noch mit ihm unterwegs waren. Dagegen steht den Lesern des Evangeliums die richtige Perspektive zur Verfügung. 

Kommentare

Gerhard Mentzel hat gesagt…
Sehr geehrter Herr Prof. Häfner,

auch hier hat weder der jungen Rebell gesprochen, wie er in den Jesusfilmen zu sehen ist. Noch ist es die Story von dem, dessen soziales Umfeld an den Hochschulen wissenschaftlich untersucht wird, wie er mit seinen Freunden Bergsteigen war.

Auch scheint es für die Verfasser nicht einfach ein persönlicher oder in Papieren vorgesetzter Gott gewesen zu sein, wie Jesus heute für viele Fromme gilt. Vielmehr ein Wesen, in dem die Offenbarung geschah: Sich Schöpfung zeitgemäß vergegenwärtigte. Nicht nur ein altaufgewärmter oder neuer Mythos war, dem eine weitere Hütte zu bauen wäre.

In den Gipfelbücher schreibe ich immer, dass Berge neue Perspektiven bieten, die den zurückliegenden und den weiteren Weg verstehen lassen, von oben Zusammenhänge erkennbar sind und eine Ordnung, die sich dem Alltag unten oft verschließt... (Ich könnte auch von einem erhaben Gefühl schreiben oder dass ich mich dem Himmel näher fühle.)

Auch dieser, von den vom Logos in Menschengestalt (Jesus) schwärmenden Herausgebern des Kanon einem "Markus" zugeordnete Text, verweist nicht auf ein kirchliches Märchen oder eine Verherrlichungslegende, bei der ein junger Jude durch eine himmlische Stimme und weiße Kleider zu mehr als Moses oder Elia erhoben wurde.

Was spricht dagegen, hier nicht nur einen verherrlichten Heilsprediger wissenschaftlich auszuwerten, sondern das, was damals für die Denker als Logos bzw. lebendiges Wort galt, von Griechen als logischer Lebensfluss erklärt und in der Stoa phil./panth. selbst vergottet wurde?

Liegt es nicht auf der Hand, dass damals so Offenbarung war und hier kein junger Zimmermann mit seinen Anhängern auf einem Berg war? U.a. auch das Verhältnis des damals als Jesus (verjüngten Josua, jüd. Weisheit in kulturgerechter Person...) wahrgenommenen Wortes zu den so wieder lebendigen alten Glaubensgestalten geschildert wird? (Bei denen es wie wir heute wissen, ebensowenig wie bei Jesus nur um besonders schlaue Zweibeiner mit geheimnisvoll-göttlichen Eingebungen ging.)
Gerhard Mentzel hat gesagt…
Weder in diesem Berg-Text, noch der Schilderung der Wüste kann es um geographische Angaben aus dem Leben dessen gehen, der heute an den Hochschulen als historisch gilt und von der Kritik dann nicht nur hinsichtlich seiner Hoheitlichkeit als Kirchenkonstukt ausgeschlachtet wird.

Wie kann die Wissenschaft, die jede Textzeile theologisch deuten und so deutlich machen, dass es um Theologie- bzw. Glaubensgeschichte in Geschichtsform ging, die Welt im Glauben lassen, da wäre ein jüdischer Wanderprediger nach samstäglicher Bergtour mit seinen Fischerfreunden zu mehr als Moses und Elia gemacht oder als solches gesehen worden?

Wie können theologische Wissenschaftler, denen es in wildesten Träumen nicht in den Sinn kommen würde, die letzgültige Offenbarung bzw. Vergegenwärtigung von Schöpfung in einem egal wie gearteten Wandergesellen zu sehen, so etwas Ähnliches den damaligen Denkern, deren Texte sie hochtheologisch auswerten, unterstellen?

Was bringt es, wenn durch solche Geschichten nur noch den alten Frauen oder wenigen Männern, die Sonntags aus guter Glaubenstradition weiter die Kirche besuchen, herzerwärmende Märchen theologisch ausgelegt werden?

Wie sollen mündige Menschen darüber nachdenken können, dass es hier um den aus logischer Welterklärung abgeleiteten Sinn bzw. eine von Schöpfung ausgehende Vernunft (Logos/Wort) ging, die in der Kirche kulturvernünftigerweise mit Namen Jesus zur Sprache gebracht wurde? Wenn die theologische Wissenschaft nur Märchen von einem guten Jungen vorliest, um den es nach ihrer Lehre im NT nicht gegangen sein kann?
Andreas Metge hat gesagt…
Sehr geehrter Herr Mentzel,Sie wenden sich zwar an Herrn Häfner, aber mich bewegt schon auch, was Sie schreiben:
* Zu dem "jüdischen Wanderprediger" hat Herr Häfner ja schonStellung bezogen: Als ntl. Exeget ist es seine Aufgabe, die 2000Jahre alten Texte in ihrem historischen Kontext zu erschließen.
* Bei seiner Exegese fokussieren Sie allerdings m.E. mit einer bestimmten Brille auf das, was er schreibt: Sie suchen stets aufs Neue nach dem vernünftigen Logos (und anderen Metaphern), von denen Herr Häfner klar sagt: das werden Sie so nicht bei mir finden. Die Katze beißt sich in den metaphysischen Schwanz...
* Durch diesen Fokus, so scheint mir, übersehen Sie sehr schnell etwas, was mir stets aufs Neue das Herz wärmt: Bereits diese Orientierung am Kontext beinhaltet für mich Glaubensaussagen, die mir Nahrung sind!
* Ich arbeite u.a. als Seelsorger in der Psychiatrie. Sehr häufig erlebe ich, wie Menschen in existenziell bedrohlicher Lebenssituation mit den antiken Bildern der Bibel beschäftigen, Kraft daraus ziehen und gestärkt werden.

That's life!
Gerhard Mentzel hat gesagt…
Sehr geehrter Herr Metge,

wie oft deutlich gemacht, geht es mir um genau das Lesen der Texte des NT im historischen Kontext.

Und wenn ich die neutestamentliche Wissenschaft dazu bewegen möchte, nicht nur nach einem Wanderprediger Ausschau zu halten, sondern auch das zu bedenken, was in der Antike als Logos/Vernunft galt und für die Glaubensväter Jesus war, dann geht es mir keineswegs um eine Metapher oder unerklärtliche Metaphysik.

Ein junger Jude, der als Logos, Wort/Weisheit oder Gottessohn gelten soll oder das angeblich gewesen wäre, das mag heute eine metapysische Metapher sein. Doch die Vernunft/Logik allen kreativen (schöpferischen) Werdens bzw. der natürlich (m.E. schöpferische) Sinn, der wird heute selbst von Atheisten wissenschaftlich erklärt. Auch wenn die jeden Bezug zur Schöpfung bzw. Bibel oder dem, was dort das Thema ist, angesichts der heutigen Lehre davon, weit von sich weisen.

Doch da die theologische Wissenschaft weiß, dass genau diese im kausalen Werden erklärte Vernunft/Sinn nicht nur in Athen galt, sondern selbst dort, wo ein Wandeguru um den See gejagt wird oder auf Bergwanderung bzw. in der Wüste war. Oder diese von Schöpfung ausgehende Vernunft in Alexandrien von Reformjuden statt Göttersöhne als Sohn des Unsagbaren galt, als Wort verstanden wurde, was als heute gar als "Christologie" gilt, an die die Kirchen anknüpfte. Ist es mir unerklärlich, wie man dieses Thema einfach beiseite schieben kann, wenn man nach dem historischen Kontext fragt.

Nichts gegen die Herzerwärmung und Erbauung, von der Sie sprechen. Doch wenn ich nicht davon überzeugt wäre, dass die Zukunft meiner Kinder davon abhängt, dass die Menschen von Morgen auf mündige bzw. glaubensaufgeklärte Weise (anknüpfend an ihre kulturelle Wurzel, die bei Christen einen Bart hat) wieder das wahrnehmen, was den Alten als Wort/Vernunft galt, würde ich hier nicht schreiben.

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