Sonntagsevangelium (11)

5. Sonntag im Jahreskreis (B): Mk 1,29-39 

Die Geschichte von der Heilung der Schwiegermutter Simons (1,29-31) geht wahrscheinlich auf eine bestimmte Tat Jesu zurück. Für dieses historische Urteil sprechen ungewöhnliche Detailangaben: die geheilte Person ist genau benannt, ebenso der Ort der Heilung. Außerdem ist die Geschichte schlicht erzählt, ohne die Größe des Wunders oder Wundertäters besonders herauszuheben.

Trotzdem haben wir es nicht mit unmittelbarer Erinnerung zu tun, die uns genau an das herankommen ließe, was im Haus des Simon geschah. Der Text ist nach den Erzählgesetzen einer Heilungswundergeschichte gestaltet. Dazu gehören:

  • die Begegnung zwischen Wundertäter und Kranker (1,29-30a), 
  • die Bitte um Heilung (»und sogleich sagten sie ihm von ihr«), 
  • die Heilung (»da trat er zu ihr, fasste sie bei der Hand und richtete sie auf«), 
  • die Feststellung der Heilung (»da wich das Fieber von ihr«) und 
  • die Demonstration der Heilung (»und sie bediente sie«).
Die Erzählung ist also kein Erlebnisbericht; in ihr ist vergangenes Geschehen in eine Form gebracht, in der es weiter überliefert werden konnte. So erklärt sich auch, dass Jesus in der ganzen Geschichte nicht ein Wort spricht. Die Erzählgattung wirft auch Licht auf das »Dienen« im Abschlusssatz. Es bezeichnet hier nicht die Nachfolge (vgl. 9,35; 15,41), sondern bestätigt einfach die Heilung: die vorher bettlägrige Frau kann nun ihre Gäste bewirten. Entsprechend erfahren wir auch nichts davon, dass die Schwiegermutter des Petrus in die Nachfolge Jesu getreten wäre.

Der folgende Sammelbericht (1,32-34) weitet das heilende Wirken Jesu aus. Noch an zwei weiteren Stellen seines Evangeliums bedient sich Markus dieses Mittels, um den Eindruck eines breiten Erfolgs des Wirkens Jesu zu erwecken (3,7-12; 6,53-56). Zugleich setzt der Evangelist aber auch ein Signal, das die Wahrnehmnung der Person Jesu durch den Leser lenken soll: die Dämonen erhalten Redeverbot, »weil sie ihn (Jesus) kannten« (1,34). Damit greift Markus ein Element der Exorzismus-Geschichten auf, den Schweigebefehl an den Dämon (z.B. 1,25), und wendet es ins Grundsätzliche.

Erstaunlich für die Leser des Werkes ist dieses Schweigegebot insofern, als die Dämonen nicht vorgeworfen wird, etwas Falsches zu sagen. Sie müssen vielmehr schweigen, weil sie Bescheid wissen über die Würde Jesu als Sohn Gottes (s.a. die Anmerkungen zu Mk 1,11 hier). Im Hintergrund steht die Vorstellung, dass die Dämonen als Angehörige der Geisterwelt überlegenes Wissen besitzen. So erkennen sie die wahre Identität Jesu, die den Menschen noch verschlossen ist und nach der Jesus-Erzählung des Markus erst bekannt werden darf, wenn der ganze Weg Jesu in den Blick genommen werden kann.

(zur Vorstellung von Dämonen und Besessenheit s. die Bemerkungen zum letzten Sonntagsevangelium hier).

Kommentare

Volker Schnitzler hat gesagt…
Die Beurteilung der historischen Wurzel einer Wundergeschichte aufgrund der ungewöhnlichen Detailangaben lässt Sie im Falle des Besessenen von Gerasa trotzdem zu einem anderen Urteil kommen. Und ja, diese Dämonenaustreibung ist wirklich weniger schlicht erzählt, immerhin sterben 2000 Schweine. Aber auch sie weist eine typische Struktur antiker Wundererzählungen auf. Aber reicht das aus, ihr einen historischen Kern abzusprechen? Mit Gerd Theißen könnte man auch gegen den Einwand argumentieren, dass Jesus sich grundsätzlich nicht an heidnische Menschen wendet, was viele Exegeten ja mit Mk 7,24ff begründen. Er sieht hier einen sozialen Konflikt zwischen der armen jüdischen Bevölkerung des Umlandes und einer reichen Griechin aus der Stadt im Hintergrund schwelen. "Eine Vertreterin der tonangebenden hellenisierten Schicht kommt hilfesuchend und bettelnd zu einem Wanderprediger und Exorzisten aus dem jüdischen Hinterland. Sie erfleht Hilfe von dem Angehörigen einer Bevölkerung, die sonst immer den kürzeren zog. Schroff wird sie auf das normale Abhängigkeitsverhältnis hingewiesen. Wäre es nicht gerecht, wenigstens die eigenen Gaben nicht den Fremden zukommen
zu lassen! Hinter dem zynischen Wort Jesu steht in realen Verhältnissen begründete Bitternis."
Gerd Häfner hat gesagt…
@ Volker Schnitzler
Das Vorliegen einer typischen Struktur reicht sicher nicht aus, um einer Überlieferung einen historischen Kern abzusprechen; da kann ich nur zustimmen. Auch Mk 1,29-31 ist ja nach dem Muster einer Heilungswundergeschichte gebaut. Die »ungewöhnlichen Detailangaben« sind in dieser Geschichte allerdings anders als in derjenigen vom Besessenen von Gerasa, vor allem was die geheilte Person und die Lokalisierung des Geschehens betrifft. Und dass das Erzählmilieu hinsichtlich des Christusbildes in beiden Geschichten sehr unterschiedlich ist, stellen Sie selbst fest.

Was die zitierte Auslegung von Mk 7,24-30 durch Gerd Theißen betrifft, so bietet sie im Bezug auf soziale Geegnsätze ein zusätzliches Motiv für die schroffe Reaktion Jesu; sie überwindet aber die Grenze zu den Heiden nicht. Dass Jesus die Bitte der Frau erfüllt, führt auch nicht zu einer neuen Orientierung seines Wirkens. Selbst wenn ab Mk 7,31 an ein Auftreten in heidnischem Gebiet gedacht sein sollte, so ist dies nur für das Konzept des Evangelisten auswertbar. Die einzelnen Traditionen weisen nicht auf ein Wirken unter Heiden. In diesem Sinn bleibt Mk 5,1-20 singulär.
Volker Schnitzler hat gesagt…
Ich habe befürchtet, dass Sie dies entgegnen würden ;-) Leider kann man dem auch nicht viel entgegen halten. Danke für die Antwort!
Gerhard Mentzel hat gesagt…
Machen nicht gerade die Geschichten über Wunder oder Dämonenaustreibung deutlich, dass die Verfasser keinen Guru bzw. besonders begabten Wanderprediger vor Augen hatten?

Ich werde immer sicherer, dass hier die Wirkungsweise des lebendigen Wortes (der Weisheit, schöpferischen bzw. Welt-Vernunft) in zeitgemäßen Geschichten beschreiben wird.

Nein, von einem (nach Art von kath. Geistheilern) Dämonen austreibenden Wanderradikalen handelt weder das NT, noch wäre der Gegenstand einer Neubegründung des Monotheismus gewesen, der nun für Juden und Heiden galt. Es kann bei allem was wir über die vielfältigen Anfänge und das Denken der Antike wissen, auch in dieser Erzählung über nur um das gegangen sein, was die Griechen als Logos (Vernunfterklärung der Welt und daraus abgeleitete Vernunft) bezeichneten bzw. in der Stoa selbst vergotteten und die vom bildlosen jüd. Monoth. begeisterten Denker als Wort dessen verstanden, der selbst unsagbar war.

Auch wenn in der Erzählung m.E. ein Vorgang der antiken Zeitgeschichte bebildert wird, so habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, dass auch heute von wissenschaftlicher Erkenntnis, dass am Anfang Vernunft war, wieder Dämonen ausgetrieben werden.
Günther Schmitz hat gesagt…
Auf kath.net kann man heute nachvollziehen, wie diese Dämonenaustreibungen heutzutage aussehen. Auch nicht weniger spektakulär als bei Jesus. Auch die Erzählstruktur entspricht in weiten Teilen biblischen Vorlagen! Warum der Papst sich nur von der Sache distanziert?

http://kath.net/detail.php?id=35059
Gerhard Mentzel hat gesagt…
Wenn ich davon ausgehen müsste, dass da ein antiker Wunderheiler auf spektakuläre Weise Dämonen austrieb, müsste ich den christlichen Glauben an den Nagel hängen.

Doch da das NT m.E. nicht von einem Wanderradikalen... handelt, sondern dem lebendigen Wort/Vernunft in menschlicher Person(Rolle/Aufgabe)scheint die Geschichte nicht nur einen realen geschichtlichen Grund zu haben,sondern von weit größerer zeitgeschichtlicher Bedeutung gewesen zu sein, als dies bei heutigen Teufelaustreibungen bzw. ähnlichem Hokus-Pokus zu vermuten wäre.


Die Dämonenaustreibung an die ich denke könnte dabei wirklich vom Oberhaupt der kath. Kirche ausgehen. Unter
www.theologie-der-vernunft.de kannst du nachlesen, dass ich den Papst schon mehrfach aufgefordert habe, ein aufgeklärtes Nachdenken über den historisch-hoheitlichen Jesus als zeitgemäßen/-vernünftigen Ausdruck kreativer=schöpferischer Vernunft anzustoßen. Statt nur dogmatisch zu behaupten, dass ein junger Jude der Sohn Gottes bzw. lebendiges Wort oder universale Vernunft sei. (Denn da kann nur Dämonisches rauskommen.)
Gerhard Mentzel hat gesagt…
Neben den in die Homepage zu findenden Begründung, die aufgrund des heutigen historischen Wissens, wie der biblischen Deutung deutlich machen, dass am Anfang kein wundertätiger Wanderguru stand, sondern Vernunft geschichtlich wirkte, hat mich gerade ein Vortrag von Gerd Theißen angeregt, hierzu seine gegen die Radikalkrtik gerichte Argumente aufzugreifen.

Vorweg möchte ich auch seine Schüler bitten, auf wissenschaftliche Weise das Wesen des christlichen Glaubens aus neuer Perspektive zu betrachten. Was spricht dagegen, dass das NT durch das bewirkt wurde, was den Griechen als Logos/Vernunft bzw. den Juden als Wort galt und damals das Thema der Kulturdiskussion war, verschieden definiert wurde?

Wenn mir z.B. die Theologen gerade beibringen, welche Rolle Elija für die Verfasser des NT spielte, wie im Wandel die damals allegorisch gelesene Elijatradition in hellenistischen Zeit in der Person Jesus festgemacht wurde, wie kann ich diesen Denkern dann unterstellen, sie hätten die Geschichte von einem Guru, der der die Schwiegermutter seines Fischerfreudes von bösen Geistern befreite, aufgeschrieben?

Und wenn selbst in der Literatur des kath. Bibelwerkes deutlich wird, dass der Koran nicht den nächstlichen Eingebungen an einen Propheten entsprang, sondern hier in Entwicklung der Zeit ein Denken kulturelle Schriftform angenommen hat, das sich in früher Christologie-Diskussion von der westlich-kirchlichen Denkweise abspaltete. Wie kann ich dann allen Ernstes weiter annehmen, bei Jesus - bzw. dem von dem die Diskussion und die Kirchenvägter ausgingen, das NT handelt - wäre es um einen guten Jungen gegangen, der...???
Gerd Häfner hat gesagt…
In historischer Sicht kann man kaum bezweifeln, dass Jesus als Exorzist aufgetreten ist: zu deutlich ist dieser Aspekt in der Jesustradition verankert und auch mit dem Zentralthema der Botschaft Jesu verbunden, dem Reich Gottes (s. Lk 11,20). Besonders "spektakulär" ist dieses Wirken aber nicht gewesen. Es ist nicht nur von anderen Gestalten der Religionsgeschichte belegt, sondern Jesus schreibt es in Lk 11,19 selbst einen Kritikern zu.

Allerdings liegt jenen antiken Nachrichten über Dämonenaustreibungen eine andere Welterfahtung als unsere zugrunde (Ausgesetztsein an das Wirken böser und guter Mächte). U.a. deshalb scheint es mir auch schwierig, heutige Exorzismus-Berichte mit den biblischen Erzählungen in Verbindung zu bringen. Leute wie der in diesen Tagen medial präsente Gabriele Amorth wissen jedenfalls über Hölle und Dämonen wesentlich mehr als das Neue Testament, dem es wesentlich um die mit Jesus gekommene Befreiung des Menschen aus der Macht des Bösen geht.
Gerhard Mentzel hat gesagt…
Ich zweifle nicht daran, dass Jesus Dämonen bzw. Teufel (u.a. gefallene Boten/Vermittler schöpferischer Macht...)austrieb und damit die Menschen aus der Macht des Bösen befreite.

Doch kann es dann um einen jungen Juden gegangen sein, wie er heute als historisch gilt, der als eine Art antiker Exorzist auftrat? Wie hätte ein nach seiner Hinrichtung verherrlichter junger Jude, wie er heute Gegenstand der historischen Wissenschaft ist, das bewirken sollen, um was es im NT geht?

Ähnlich wie die hoheitlichen Bedeutungsaussagen, die der Papst leider nur dogmatisch betont, lässt sich auch die historische Wirklichkeit der biblischen Aussagen nur begründen, wenn wir hinter den biblischen Bildern die Vernunft(erklärung des logischen Lebensflusses: den Logos)bedenken, der Gegenstand des Denkens der Antike war, damals bekanntlich verschieden definiert wurde. Eine schöpferische Vernunft, die nicht nur Christologie Alexandriens zugrunde liegt, an die die Kirche in ihrer Diskussion anknüpfte, sondern m.E. erst in der Geschichtsgestalt (mit dem menschlichen Gesicht,u.a. Josua/gr. Jesus), wie wir sie kennen, messianische Wirkung entfaltete.

Mir ist bewusst, dass ich mit dieser Sicht des historischen Jesus nicht der Hochschullehre entspreche. Doch ich warte immer noch auf ein Gegenargument, das über die eingefahrene (m.E. inzwischen unhaltbare) buchstäbliche Historienhypothese hinausgeht.

Danke!
Anonym hat gesagt…
Im Zusammenhang mit der Perikope mal noch eine ganz andere, "selten gestellte Frage" zur Familie des Simon (Petrus), der hier mit seiner Familie einschließlich Schwiegermutter und Bruder Andreas in einem Haus wohnt: Wie waren wohl die Eltern dieser beiden Brüder so drauf(*)?

Die Söhne des Jona (vgl. Mt 16,17) trugen zum einen den hebräisch-jüdischen Namen Schimon, zum anderen den griechischen Andreas. War das unter Fischern in Kafarnaum eine Ausnahme (die beiden Söhne des Zebedäus haben jedenfalls jüdische Namen). Gibt es Untersuchungen, die Aufschluss über solche Namenswahlen geben und Rückschlüsse auf das geistig-kulturelle Klima ermöglichen?

Was Andreas und Simon betrifft, so hatten sie ja später unterschiedliche Wirkungskreise: Andreas im hellenistischen Kleinasien und Petrus in der Jerusalemer Gemeinde. Offenbar eine interessante Familie.

(*) „Sie heißen Rudolf, ihr Bruder Adolf, und wie waren Ihre Eltern sonst so drauf?“, fragte Friedrich Küppersbusch in der legendären WDR-Sendung „ZAK“ einmal den perplexen damaligen Bundesinnenminister Rudolf Seiters (CDU).
Gerhard Mentzel hat gesagt…
Ein radikalkritischer Leser würde selbst aufgrund der wundersamen Namensgeben der angeblichen Fischerfamilie behaupten, dass dies alles Lug und Betrug sei, was da in der Bibel steht, weil es so unmöglich gewesen sein kann.

Doch sollten wir nicht lieber fragen, was hinter dem Bild der Fischerfamilie und den Namen steht, die in hebr.jüd. und mit Andreas in die hellensitische Richtung verweisen?

Oder will die ttheologische Wissenschaft die Welt weiter im Glauben lassen, da wären zwei Fischerbuben mit sonderbarer Namensgebung gewesen, die dann später die jüdische und griechische Welt zur einer Lehre bekehrt hätten, die ihnen ein junger Zimmermann verkaufte?
Volker Schnitzler hat gesagt…
Apg 6,5 zeigt uns ganz deutlich, wie selbstverständlich hellenistisch geprägte Juden griechische Namen tragen. Gerade in Galiläa wird das wohl ganz normal gewesen sein. Und mit diesen sieben Hellenisten geht dann die Post erst so richtig ab ;-) Nix mehr mit brav im Tempel sitzen, jetzt steht die Botschaft Jesu samt Tempelkritik (Apg 6,13) wieder im Vordergrund, was für Stephanus tödliche Konsequenzen hat. Soviel zum Thema Witwenversorgung :-) Und nach dem Galaterbrief scheint auch Petrus nur begrenzte Zeit in Jerusalem tätig gewesen zu sein. Beim zweiten Besuch des Paulus scheint bereits der Herrenbruder das Kommando zu haben (Reihenfolge Gal 2,9). Danach scheint Petrus über Antiochia und Korinth bis nach Rom gekommen zu sein.
Gerd Häfner hat gesagt…
Da Galiläa von hellenistischer Kultur nicht abgeschottet war, zeigt die Verwendung griechischer Namen wohl eine gewisse Öffnung zu dieser Kultur, ist aber nicht besonders ungewöhnlich. Mit Philippus ist in jedem Fall ein zweiter griechischer Name in der Zwölferliste zu finden.

Zur Missionstätigkeit des Andreas existieren keine alten Überlieferungen. Man kann aus den späteren altkirchlichen Traditionen kaum historische Rückschlüsse auf das Wirken des Andreas in Bithynien, Thrakien oder Griechenland.
Gerhard Mentzel hat gesagt…
Selbstverständlich war hellenistischer Kult und griechisch-philosophisches Denken genau dort zu finden, wo an den Hochschulen weiter nur ein Wanderguru und seine Fischerfreunde um den See gejagt werden soll. Man muss sich von jungen Theologen in Lichtbildvortägen die Nachbauten der hellenistischen Kultur in Sephoris anschauen, über Heraklesstatuetten lesen, die bei der Suche nach dem Jesusschiff ausgegraben werden und gleichzeitig über das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen (von überkommenem Götterkult bis zu kulturuntauglicher Philosophielehre und röm. Kaiservergötterung oder entleertem Ritusversessenen Tempelkult reiner Schriftleere) in antiker Aufklärungszeit nachdenken. Selbst die Entstehung der Synagoen,die auch im Heidenland (wofür doch auch Galiläa steht) zu finden sind, verweisen auf ein neues Denken und Suchen. Und wenn man sich auch sagen lässt, wie Herodes nach heutigem Wissen kein Kinderschlächter, sondern ein jüd.-römischer Herrscher war, der u.a. auch mit dem Tempel vergeblich versuchte die Kulturen zu versöhnen. Dann die Reformbewegungen innerhalb des Judentums betrachtet oder z.B. die phil. Christologie Alexandriens und die vielfältigen Denkweisen, die heute als Anfang des Christentums anerkannt sind.

Wenn man dann gleichzeitig den Neutestamentlern folgt, die deutlich machen, dass die Verfasser Jesus für den wahren Tempel gehalten haben.... oder Aussagen, wie sie im Sonntagsevangelium zu lesen sind, als Christologie in Geschichtsform, hochtheologische Aussagen deuten.

Kann es dann wirklich weiter die einzige wissenschaftliche Hypothese sein,in Jesus einen jungen Heils- oder Reformprediger anzunehmen und die Glaubwürdigkeit von zwei Fischerbuben zu belegen, die ihn angehimmelt haben?

Verbaut dieses Beweisen wollen einer Buchstäblichkeit, aus der dann nur noch Banalitäten kommen, die die gesamten biblischen Bedeutungsaussagen Christologie zu einem leeren Konstrukt der Kirche machen, nicht den Blick auf die Vernunft, das damals das Thema der Kulturdiskussion war. Eine von den hellenisten im rationalen Weltbau begründete schöpferische Vernunft, die verschieden definiert wurde und für die bildlosen Monotheisten den Namen Josua hatte, Dämonen austrieb...?
Volker Schnitzler hat gesagt…
@Gerhard Mentzel

Irgendwie kann ich Ihren Ausführungen nur schwer folgen. Sie machen auf mich den Eindruck, als wären sie gnostisch ausgerichtet?! Doch die Lehre Jesu war wohl keine Geheimlehre für Intellektuelle oder erleuchtete Eliten, sie richtete sich an alle Menschen, zuerst sogar an die Außenseiter, die Kranken und Schwachen. Dass sie von unten kommt, von Fischern und Handwerkern, das macht sie für mich gerade so überzeugend. Und das macht sie im ersten Jahrhundert sicher auch so erfolgreich, weil in den entstehenden Gemeinden alle Getauften eins sind in Jesus Christus und so alle diskriminierenden Unterschiede aufgehoben sind. Ja, es ist gut, dass diese göttliche Botschaft von "unten" kommt und keine gnostisch-elitäre Philosophie ist.
Gerhard Mentzel hat gesagt…
Die im kausalen Werden der Welt wahrgenommene Vernunft, die Gegenstand der geschichtlichen Diskussion der Zeitenwenwende gewesen ist, war ganz und gar keine Geheimlehre. Auch wenn ich davon ausgehe, dass da kein Zweibeiner mit Fischerfreunden war, sondern der Ausdruck der menschlichen Person (Rolle/Aufgabe)einer heute wieder aus rationaler Welterkärung ableitbaren Vernunft damals messiansichen Wirkung brachte, ist das keine Geheimlehre.

Wenn ich aber auf buchstäbliche Weise einen guten Jungen, Rebellen, Charismatiker... annehmen würde, der mit seinen Freunden um den See gezogen ist und würde dann vom Gottessohn reden oder diesen auf gelehrte Weise in theologischen Tratakten erklären bzw. auseinandernehmen, um die Bedeutungsaussagen der Bibel auf ihn beziehen zu können, wäre das dann keine Gnosis bzw. Geheimniskrämerei?
Gerhard Mentzel hat gesagt…
Warum die Vernunft (Logos), die aller Welt/dem Werdens zugrunde liegt, damals von den vom bilblosen Monotheismus begeisterten Juden-Griechen nicht als panth.-phil. Gott gesehen wurde, sondern als Offenbarung des Unsagbaren.

Warum die heute nur auf wissenschaftliche Weise beschriebene schöpferische Vernunft für sie wahrer Tempel bzw. Vergegenwärtigung schöpferischer Wirklichkeit war.

Warum sie als Wort (hebr. Vernunft)oder das verstanden wurde, was den Juden in königlicher Personifikation als Weisheit galt, in vielfältiger Weise besungen wurde bzw. dem (aus einem Aufklärungsprozess/Exil am Anfang des Hellenismus entsprungenen) AT zugrunde lag.

Warum sie auch keine rein menschliche Lehre, sondern eine schöpferische Wirklicheit war... Oder warum nicht eine recht abstrakte Logos-Lehre, die im Alexandrien zur Zeit Jesus statt Göttersöhne galt (heute als Christologie gilt, an die die Kirche anknüpfte), sondern erst ihr kulturgerechter Ausdruck (inzwischen mit Bart) das bewirken konnte, was vormals Göttermythen/-söhne waren.

Warum die erwartete wahrhaft messiansische Wirkung erst vom menschlichen Ausdruck dessen ausging, was sonst oft abstrakte Lehre blieb. Das alles lässt sich vernünftig erklären und im Geschichtsprozess bzw. dem geistigen Kontext nachvollziehen.

Selbst wie die Vernunft Dämonen aus bzw. falsche/gefallene Lehren vertrieb, Fehlverhalten beseitigte und von Schuld befreite oder wie sie auf jungfräuliche Weise (unvoreingenommen, nur von Schöpfung ausgehend) zur Welt gebracht wurde, lässt sich erklären.

Wer nur einen jungen Juden an den Anfang stellt und in dem oder der angeblich nur davon ausgehenden Kirchenlehre/Wirkung das alles erklären will, befreuert der nicht die Kritik, die nicht nur die hoheitlichen Aussagen als Lug und Trug nachweisen will?

Und macht der nicht die ganze Gottessohnslehre bzw. Christologie,sämtliche Bedeutungsaussagen,zu einem groooßen Geheimnis/Gnosis? (Kann sie allenfalls noch in alten Bildern begründen, die angeblich einem Heilsprediger zur Verherrlichung aufgesetzt wurden.)

Und nimmt der nicht selbst mit Blick auf die Dämonenaustreibung bzw. Exorzismusgeschichten bei aufgeklärte Menschen die Glaubwürdigkeit?
Abaelard hat gesagt…
„Die Geschichte von der Heilung der Schwiegermutter Simons geht wahrscheinlich auf eine bestimmte Tat Jesu zurück.“
(G. Häfner)
Das besagt (?):
Der Geschichte sei nicht zu entnehmen, worin die Tat konkret bestanden hat, obwohl der Wortlaut der Geschichte eine konkrete Tat benennt: Heilung der fieberkranken Mutter des Simon.
Mit „bestimmte Tat“ dürfte Herr Häfner eigentlich eine „unbestimmte Tat“ meinen, d.h. eine Tat, die mit dem vorliegenden Wortlaut nicht übereinstimmen muss. Diese bestimmte-unbestimmte Tat sei zudem nicht sicher, sondern nur wahrscheinlich.
Selbstvertändlich gehe ich davon aus, dass Prof. Häfner aus rationalen Gründen zu dieser Sichtweise kommt. Aber glatt nachvollziehbar ist sie mir (vorläufig) nicht.
Gewisse Vorbehalte habe ich, weil ich denke, dass ein Text zunächst einmal so genommen werden muss, wie er dasteht, also beim Wortsinn.
Welche Gründe sprechen nun aber dagegen, dass der Verfasser des Textes Anspruch erhebt auf dessen wörtliche Geltung?
Nach Häfner scheint die Beobachtung, dass die Geschichte einem allgemeinen Erzähl-Muster („Erzählgesetz“) folgt, zu zeigen, dass der Verfasser nicht darauf besteht, dass es sich genau so zugetragen hat. Denn ein Ereignis in ein (literarisches) Schema zu bringen geht immer auf Kosten der individuellen-konkreten Züge.
Nun zweifle ich ein wenig daran, dass es solche stereotypen Erzählmuster wirklich gibt. Könnte es nicht sein, dass die Ähnlichkeit in den Darstellungen von Heilungswundern einfach auf der Ähnlichkeit der Heilungsgeschehnisse selbst beruht? Die Struktur der Erzählung folgt dann schlicht der Sachlogik, und diese ist bei allen Heilungsereignissen ähnlich. So ist es doch wohl für jede Heilungserzählung in der Sache selbst begründet, dass Zeugen staunen und dass dieses Staunen am Schluss und nicht schon am Anfang stattfindet. Oder dass eine Begegnung von Heiler und Heilsuchendem (bzw. dessen stellvertretendem Bittsteller) und dann erst die Heilung erfolgt.
Häfners Bemerkung, die Geschichte gehe auf eine bestimmte Tat zurück, provoziert die Frage, ob er dem bibl. Verfasser zutraut, dass dieser aus einer „bestimmten Tat“, die aus etwas anderem als der Fieberheilung der Schwiegermutter des Simon bestanden haben könnte, dann eben doch eine Fieberheilung der Schwiegermutter des Petrus inszeniert?
Jedoch: Um für den Glauben an Jesus zu werben, braucht der Autor doch gar nichts anderes zu tun als die Geschichte möglichst genau so zu erzählen , wie sie sich tatsächlich zugetragen hat. Warum sollte er auf ein Schema ausweichen?

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