Sonntagsevangelium (59)

Erscheinung des Herrn: Mt 2,1-12

Die Geschichte vom Besuch der Weisen aus dem Osten ist keine Geburtsgeschichte, denn die Geburt liegt in der Erzählung schon eine ganze Weile zurück. Es geht nicht um den neugeborenen »König der Juden«, wie die Übersetzungen meist wiedergeben. Die Sternkundigen aus dem Osten beziehen ihr Wissen, das nicht näher erläutert, aber auch von niemandem in der Geschichte angezweifelt wird, vom Aufgang eines Sterns, den sie dem »König der Juden« zuordnen. Im Hintergrund steht wohl die Vorstellung, dass jedem Menschen ein Stern zugeordnet ist und die Sterne besonderer Menschen besonders hell strahlen. Da Herodes sich bei den Weisen erkundigt, wann der fragliche Stern aufgegangen sei (2,7), und danach das Alter der zu ermordenden Kinder auf bis zu zwei Jahre festlegt (2,16), kann die Erzählung nicht vom neugeborenen Jesus handeln.

Als Leitstern fungiert der »Stern von Bethlehem« nur auf dem Weg von Jerusalem nach Bethlehem. Die ist erzähllogisch konsequent. So ist plausibel, dass die Weisen nach Jerusalem kommen: Sie ordnen den Stern dem »König der Juden« zu und suchen diesen natürlich im Zentrum des jüdischen Volkes. Erst auf dem Weg nach Bethlehem wird der Stern wieder erwähnt und als derjenige gekennzeichnet, den sie »im Aufgang« gesehen hatten (2,9). Dass sein Anblick Freude auslöst (2,10), bestätigt: Nun erst führt der Stern die Weisen auf ihrem Weg bis zum Kind.

Deutlich handelt es sich um einen Wunderstern, der die Suche nach einmaligen oder wiederkehrenden astronomischen Ereignissen im ersten Jahrzehnt v.Chr. hinfällig macht (wie unlängst besprochen). In historischer Hinsicht bietet die Erzählung weitere Probleme: Warum erschrickt ganz Jerusalem zusammen mit Herodes über die Nachricht über die Geburt des Königs? Warum nehmen die Schriftgelehrten die Information über die Geburt des Königs (als Geburt des Messias) einerseits ernst, begnügen sich dann aber mit der Auskunft über den Geburtsort, ohne selbst der Sache nachzugehen? Warum verlässt sich Herodes, der später zu drastischen Mitteln greift, auf die Rückkehr der Weisen und schickt keine Leute mit? Warum ist die Erzählung so uninteressiert daran, wie genau die Sternkundigen zu ihrer Interpretation des Sterns gekommen sind? Wie soll sich diese Geschichte mit derjenigen von Lk 2,1-20 vereinbaren lassen, wenn der nicht neugeborene Jesus sich »im Haus« in Bethlehem aufhält (Mt 2,11)?

Die Fragen machen deutlich: Wir haben es hier mit einer theologischen Erzählung zu tun. Sie stellt im Vorgriff das Verhältnis »Jesus - Israel - Heiden« dar, wie es für das ganze Matthäus-Evangelium kennzeichnend ist. (1) Die Heiden kommen aus der Ferne nach Jerusalem, ohne zu wissen, wo genau sie den König der Juden finden. Erst nachdem sie aus der Schrift unterwiesen wurden (2,5f), zieht ihnen der Stern voran nach Betlehem. Die Heiden können also nur durch die Vermittlung jüdischer Schriftgelehrter zu Jesus finden. In diesem Erzählzug zeigt sich die Vorrangstellung Israels, die gerade Matthäus stark betont: Jesus ist nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel (15,24; auch 10,5f). (2) Nachdem der Geburtsort des Messias geklärt ist, ziehen aber nur die Heiden hinaus, um dem König der Juden zu huldigen. Wenn Jerusalem angesichts der Nachricht von der Geburt des Messias erschrickt (2,3) und keine Konsequenz zieht aus dem Wissen um den Geburtsort, dann deutet sich darin an: Jerusalem wird seinen König ablehnen (27,25). Heiden können, dem Auftrag des Auferstandenen zufolge, schließlich zu Jüngern Jesu werden (28,19).

Diese Öffnung zu den Heiden wird in der Magier-Erzählung durch die Nennung der Gaben (Gold, Weihrauch, Myrrhe) mit einer Anspielung auf die endzeitlichen Wallfahrt der Völker und ihrer Könige nach Jes 60 verbunden. Dieser Verheißung zufolge strömt der Reichtum der Völker nach Jerusalem (60,5). Eigens erwähnt werden u.a. Weihrauch und Gold. Es finden sich nicht alle drei der in Mt 2,11 genannten Gaben – weder hier noch an einer anderen alttestamentlichen Stelle. Dennoch dürfte das Thema (Heiden kommen zur Unterwerfung/Verehrung nach Jerusalem) und der wörtliche Anklang in den Gaben ausreichen, um eine Anspielung anzunehmen. Dieser alttestamentliche Bezug stellt das positive Verhältnis zwischen den Heiden und dem Messias Israels in den Rahmen der Erfüllung einer Heilsverheißung. 

Er 
dürfte im Übrigen dafür verantwortlich sein, dass man im Laufe der Auslegungsgeschichte in den Weisen Könige sah; bei Matthäus ist diese Kennzeichnung nicht zu finden. Die dort ebenfalls nicht erwähnte Anzahl drei ist sicher aus den Geschenken abgeleitet. 

Kommentare

Gerhard Mentzel hat gesagt…
Danke, Herr Prof. Häfner,

dass Sie in dieser Geburtsgeschichte, die nicht nur für die Kirche des Ostens ebenso geschichtlich ist, wie bei uns Weihnachten, als Beschreibung eines theologischen Sachverhaltes deutlich machen. Einmal mehr machen Sie so deutlich, dass auch in der Weihnachtskrippe nicht der lag, der heute als historisch angenommen wird, sondern das lebendige Wort/die Vernuft allen Werdens auch an Weihnachten das Thema war.

Denn der theologische Sachverhalt, den Sie als Bestätigung des von den Juden abgelehnten eigenen Königs durch heidnische, kosmosorientiere Weisheit deuten, die in Bethlehem geboren ist und den ewigen Weg nach Jerusalem beleuchtet, verweist auf das Wort (hebr. Vernunft) allen Werdens, das den anfänglichen Monotheismus der Exils-/Prophetenzeit begründete.

Es kann es sich mit Sicherheit nicht um den gehandelt haben, der im weihnachtlichen Dokumentarfilm zu sehen war.

Nein, hier wurde weder ein jüdischer Charismatiker in den Himmel gehoben, noch nur AT oder sonstige Texte aufgegriffen, um die Herrlichkeit eines Heilspredigers zu beschreiben.

Mit Sterndeutung im banalen Sinne oder einem von den Römern eingesetzten Judenkönig, der drei Heiden nach dem Weg fragten, um einem Baby den Kopf abzuhacken, weil er Angst vor Konkurrenz hatte, kann das sicher nichts zu tun haben. All das zeigt doch nur wie hirnrissig es ist, das biblische Geschehen im bisherigen Sinne als geschichtlich zu betrachten.

Hier wird eine Kulturentwicklung beschrieben, die geschichtlich nachvollziehbar ist: Ein theologischer Sachverhalt, der auch heute wieder deutlich wird.

Auch heute sind es Heiden bzw. die kosmische/z.B. ökologische Ordnung beschreibende und davon ausgehende Weisheit, die den Weg zu der vom Papst vor dem Bundestag dort zu bedenken gegebenden Vernunft weist, die König der Juden war. Doch auch heute scheint die von Ihnen beschriebene Bestätigung durch die Schriftlehre notwendig, um den Weg von Bethlehem nach Jerusalem in die künftige Stadt weitergehen zu können.

Darum sind Sie gefragt.
Gerhard Mentzel hat gesagt…
Erneut die Frage:

Wenn doch auch all Ihre Auslegung deutlich macht, dass es den Evangelisten bei der Beschreibung des Heilsereignisses nicht um einen jungen Heilsprediger, sondern um den Ausdruck der Herrlicheit des von Bethlehem kommenden Wortes/der Weisheit geht, die bereits in den Judenkönigen (dem hörenden Herzen Salomos oder David) zum Ausdruck kommt.

Was spricht für die kath. Wissenschaft dagegen, heute den die ökologische Lehre/kosmische Ordnung (in der der Papst eine unserem Handeln, wie unserer Kultur zugrunde liegende Vernunft sieht), den Weg nach Bethlehem bzw. zu einem gemeinsamen Jerusalem zu ermöglichen?

Warum darf nur ein junger Wanderprediger der Grund des Glaubens bzw. der Glaubensgeschichte sein, wenn doch klar ist, dass es am Anfang um das Wort (hebr. Vernunft) allen Werdens ging?
Gerhard Mentzel hat gesagt…
Wer die Auslegung der von der Ostkiche als Geburts- und im Westen als Erscheinungsfest gefeierte Geschichte bei Prof. Ratzinger nachblättert, muss zu dem gleichen Schluss kommen, der sich auch durch die Betrachtung von Prof. Häfner aufzwingt:

Dem Verfasser geht es um ein theologisches Geschehen, das nichts mit dem zu tun haben kann, der heute als historischer Jesus in der Krippe liegt. Bei all dem, was wir auch über die Bedeutungsaussagen und das theologische Konzept wissen, muss es um das von Schöpfung ausgehende Wort (hebr. Vernunft allen Werdens) gegangen sein, das nun auch für die Heiden/Weisen aus dem Morgenland galt und mit Hilfe der Schriftlehre als Erscheinung der nun universal geltentenden Herrlichkeit und Wegweisung dessen gesehen wurde, der unsagbar war und sein wird.

Wenn Magier, lt. dem Papst phil. Bildung ("beeinflusst durch gr. Philosophen, die als Schüler gesahen wurden") bzw. kosmosorientiertes Denken aus dem Land der aufgehenden Sonne oder persische, in Zarathustra zum Ausdruck kommende Kultvorstellungen die Herrlichkeit des Kindes in der Kippe bestätigten und mit heidnischen Kultgütern beschenkten, dann lag dort nicht das, was im historisch-kritischen Kurz-schluss hinten als historisches Wesen herauskommt. Und was von kath. Seite als eine Art chr. Gottesbild hochgehalten wird.

Die Weisen würden einen Aufbruch der Menschheit auf Christus hin verkörptern, der nun als universales Heil gesehen wurde, eine Art anthropologische Wende, so Benedikt XVI. Doch damit mach der Papst, wie Prof. Häfner deutlich, dass das Kind Gottes neu dort zu bedenken ist, wo damals die schöpferiche Vernunft als ewiges Wort, statt Göttersöhne als Mittler gesehen wurde und in menschlichem/der jüdischen Kultur entsprechenden (als Josua, gr. Jesus) Ausdruck erst messiansiche Wirkung hatte.

Mit einem egal wie gearteten Heilsprediger ist das alles nicht zu machen. Damit lässt sich keine der theologischen Konzeptionen und Bedeutunsaussagen begründen.

Wenn der König der Juden bzw. des bildlosen proph. Monotheismus, der auf das Wort allen Werdens gründete durch heidnische Weisheit gesehen und bestätigt wurde, dann war mehr, als heute nur dogmatisch hochgehalten wird, um einen Heilsprediger in den Himmel zu heben.

Auch wenn die Schriftlehre erst der heidnischen Wissenschaft den Weg nach Bethlehem wies. Die Autorität des Worte/Jesus ging nicht vor Vor-gesetzten und deren Texten, sondern von oben bzw. Schöpfung in der Geschichte von Kosmos und Kultur aus.

Und wenn sich der Verfasser wirklich auf die Konjunktur von Jupiter (der für den heidnischen, kosmoszentrierten Denker Hauptgott war) und Saturn (den das Kirchenoberhaupt als kosmische Repräsentanz des jüdischen Volkes bezeichnet), beziehen, hier den Stern sehen, der auf Jesus und dessen Herrlichkeit verweist, dann weist dieser Stern noch heute den Weg: Die Synthese von Wissen und Glaubensvorstellung/-geschichten ist angesagt. Dort wo der Papst vor dem Bundestag in Bezug auf Stoa, wie königlich-jüd. Weisheit das rechtsgrundlegende schöpferische Wort in ökologischer/wissenschaftlicher Welterkärung zu bedenken gab, wäre der Grund chr. Glaubens zu bedenken.

Aber ohne die Schriftlehre, deren Mitwirkung führt auch heute der Weg nicht weiter.






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Gerhard Mentzel hat gesagt…
Auch was den Kindermord des Herodes betrifft, da hab ich bei Prof. Ratzinger was dazugelernt. Denn der macht klar, wie hier von den Verfassern der neue, nun universale Exodus beschrieben wurde.

Was für das Kirchenoberhaupt nicht heißt, dass hier eine Geschichte erfunden wurde, um dem im Anfangsmythos des AT erzählten Kindermord zu entsprechen. Und mit Sicherheit war auch die Anfangsgeschichte keine freie Erfindung, lag auch der Tötung von Neugeborenen des Anfangs mehr zugrunde, als ein banales Familendrama.

Doch wer weiß, dass es beim sog. Exodus weder um eine geheimnisvolle Volksbefreiung oder nur eine Arbeiterflucht ging (wie dann heute verkürzt wird), sondern in sog. Exils-/Aufklärungszeiten inmitten antiker Hochkulturen der prophetische Monoth. im Verständnis des Wortes (hebr. Vernunft allen Werdens) erwachsen ist und in Rückprojektion sich eine Geschichte gab. Für den ist dann selbst der Kindermord ein Hinweis darauf, dass es bei Jesus nicht um die Geburt eines egal wie gearteten Reformpredigeres gegangen sein kann.

Und wenn noch so viele Kinder getötet, noch so oft das Neuverständnis von kreativer/schöpferischer Vernunft als ewigem Wort im Keim erstickt wird.

Auch diese Deutung der päpstlichen Schriftlehre weist den Weg nach Bethlehem, wo das den bildlosen Monoth. begründende Wort allen Werdens das Licht er Welt erblickt hat und das die heutige Wissenschaft in Vernunft erkärt.

Gerhard Mentzel hat gesagt…
Als der Stern von Bethlehem über Berlin leuchtete, hat ihn scheinbar keiner bemerkt. Denn vor dem Bundestag hat das Oberhaupt der kath. Kirche eine Konjunktion von heidnischem Weltbild und jüd.-chr. Glaubenslehre erneut angestoßen.

Wer eine schöpferische Vernunft, die er meist als Wesen des chr. Glaubens begründet, als dessen Vertreter er gilt, in Bezug auf Salomo, wie die Stoa in heutiger ökologischer Welterkärung zu bedenken gibt, der weist doch den heutigen Weg nach Bethlehem. Der macht wieder wahr, was damals in der Konjunktion von Jupiter und Saturn gesehen/erhofft wurde?

Warum darf dieser Weg nicht auf wissenschaftliche Weise weitergegangen werden?

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