Sonntagsevangelium (75)

6. Sonntag der Osterzeit (C): Joh 14,23-29 

Der Zusammenhang von Glaube und Handeln wird im Johannes-Evangelium nur allgemein angesprochen. Liebe zu Jesus ist gebunden an das Halten der Gebote Jesu (14,15.21) oder seiner Worte (14,23). Dies bezieht sich im Rahmen des Abschieds auf Jesu Aufforderung zu gegenseitiger Liebe, die ausdrücklich als »Gebot« bezeichnet ist (13,34f, s. dazu hier). Auch an die Fußwaschung ist zu denken. Sie erscheint als Beispiel, nach dem die Jünger handeln sollen (13,15). 

Im Zusammenhang der Worte Jesu wird auch die Rückbindung Jesu an Gott betont: Diese Worte stammen vom Vater, der Jesus gesandt hat (14,24). Und so verbindet sich mit dem Bewahren dieser Worte die Verheißung, dass Jesus und der Vater bei den Glaubenden wohnen werden (14,23). Damit wird eine frühere Ankündigung aufgegriffen und umgedeutet. Jesus hatte seinen Jüngern verheißen, ihnen bei seinem Vater eine Wohnung zu bereiten, »damit ihr dort seid, wo ich bin« (14,2f). An dieser Stelle ist die Verheißung in den Bahnen der traditionellen Vorstellung der Wiederkunft Christi formuliert: »Ich komme wieder und werde euch zu mir nehmen«. Im Lauf der Szene aber verändert sich die Perspektive grundlegend: Es geht nicht mehr darum, dass die Jünger an einen anderen Ort kommen, in die vom Erhöhten bereiteten Wohnungen; umgekehrt ist nun davon die Rede, dass Jesus und der Vater bei denen Wohnung nehmen, die Jesu Wort bewahren (14,23).


Mit dieser veränderten räumlichen Perspektive verschiebt sich auch die zeitliche. Die Erwartung der Wiederkunft richtete sich auf die Zukunft, auch wenn diese in urchristlichen Zeugnissen als nahe bevorstehend gekennzeichnet werden konnte (z.B. 1Thess 4,15). Wenn Jesus und der Vater in den Jüngern Wohnungen nehmen, liegt der Zukunftsaspekt nur auf der literarischen Ebene: Im Rahmen der Abschiedsrede, in der Jesus noch bei seinen Jüngern ist, steht dieses Kommen noch aus; die Leser des Evangeliums sollen dagegen ihre eigene Gegenwart durch dieses Ereignis geprägt sehen. In der Gegenwart des Glaubens wird die Gemeinschaft mit Jesus und Gott geschenkt. Dass Johannes sehr stark das bereits verwirklichte Heil betont, zeigt sich auch im Zuspruch des Friedens (Joh 14,27). Darin ist alles beschlossen, was Jesus seinen Jüngern geben kann und als Auferstandener gibt (20,19). 

Die Verbindung der Zeitebenen betrifft aber nicht nur Gegenwart und Zukunft, sondern schließt auch die Vergangenheit des Wirkens Jesu ein. Die bleibende Gemeinschaft mit Jesus bedeutet auch die bleibende Gegenwart der in und mit Jesus geschehenen Offenbarung. Dies ergibt sich nicht nur aus der Besonderheit johanneischer Theologie, nach der die Person Jesu selbst die Offenbarung Gottes ist. Der Spruch vom »Tröster-Geist« (nach dem griechischcn Wort auch Paraklet-Spruch genannt) macht diesen Gedanken auch ausdrücklich: Der Geist wird die Jünger alles lehren und sie an alles erinnern, was Jesus gesagt hat (14,26). Außerdem: Wie Jesus wird der Geist vom Vater gesandt – diese Aussage zeigt die Parallelität zwischen Jesus und Geist: Der Geist nimmt als gesandter die Stelle Jesu ein. Der Bezug auf das Wort Jesu macht deutlich, dass der Geist keine neue Lehren zu bringen hat, sondern das Wirken Jesu für die Glaubenden erschließt. 

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