Wie viele bayerische Ortschaften werden in der Bibel erwähnt? (3)

Vor einem Jahr habe ich auf die Gründung des Instituts für bayerisch-biblische Textforschung hingewiesen und erste Forschungsergebnisse referiert, die eine zuvor bereits dokumentierte Phase des Projekts fortführten. Der Hinweis auf diese in der Fachwelt erst langsam rezipierten älteren Einsichten scheint notwendig, damit sich die Ernsthaftigkeit des nun vorliegenden dritten Berichts richtig ermessen lässt. 


Wieder haben die Forschungen zu einigen eindeutigen Ergebnissen geführt. Kaum zu zählen (und deshalb hier nicht im Einzelnen aufgeführt) ist die Menge an Belegen für die Gemeinde Berg (Oberfranken); ja, wenn man ehrlich ist, muss man auch die Ortschaft selbst für kaum überschaubar halten, denn es könnte auch die hier sein (Oberbayern) oder die hier (Oberpfalz). Nimmt man noch die Pluralform hinzu (Bergen [Oberbayern] oder Bergen [Mittelfranken]), wird der Befund noch unüberschaubarer. Auffällig ist, dass sich fast alle Orte in Regionen befinden, die mit »Ober-« gebildet sind. Da dies mit der Semantik des Ortsnamens so überaus glücklich harmoniert, müssen weitere Untersuchungen zeigen, ob sich für diese Ortschaften eine besondere theologisch-topographische Verheißungsgeschichte  erheben lässt.

Recht leicht sind auch drei weitere Orte in biblische Zeit zurückzuführen. Von besonderer Schönheit scheint ein Flecken im Allgäu zu sein, denn bereits Salomo hat ihn besungen:

»Er dichtete von den Bäumen, von der Zeder an auf dem Libanon bis zum Ysop, der aus der Wand wächst. Auch dichtete er von den Tieren des Landes, von Vögeln, vom Gewürm und von Fischen« (1Kön 5,13). 
Dass sich ein Ort am bayerischen Wald bis in die Urgeschichte zurückverfolgen lässt, wird diejenigen nicht überraschen, nach deren Urteil sich jene Region im Osten Bayerns seit dem Urzustand nur wenig entwickelt hat. Allerdings kann die immense Bedeutung, die dieser Stadt zugeschrieben wird, deren Einwohner über solche Verunglimpfungen mehr als hinwegtrösten:
»Meinen Bogen habe ich in die Wolken gesetzt; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde.« (Gen 9,13) 
Mit dem Propheten Elija verbindet sich ein Ort im Landkreis Augsburg, der zunächst von Hochwasser bedroht scheint:
»Und das Wasser lief um den Altar her und der Graben wurde auch voll Wasser« (1Kön 18,35).
Die eingeleitete Gegenmaßnahme wird, da nicht ganz ungefährlich, heutzutage nicht mehr angewandt:
 »Da fiel das Feuer des HERRN herab und fraß Brandopfer, Holz, Steine und Erde und leckte das Wasser auf im Graben« (1Kön 18,38). 
Komplizierter liegt der Fall, wenn zwei Orte in einer Aussage verbunden sind. Die folgende Frage geht davon aus, dass eine mittelfränkische Ansiedlung von einer anderen absolut abhängig ist:
»Kann auch Rohr aufwachsen, wo es nicht Feucht ist, oder Schilf wachsen ohne Wasser?« (Hiob 8,11)
Es handelt sich deutlich um eine rhetorische Frage, die nur eine verneinende Antwort zulässt. Noch ist unklar, worin die Abhängigkeit Rohrs von Feucht begründet ist: ein weites Feld für interdisziplinäre Forschung.

Mindestens ebenso dunkel ist die Aussage von Ps 105,32:
»Er gab ihnen Hagelstadt Regen, Feuerflammen in ihrem Lande.«
Untersucht wird derzeit, wie das Verhältnis zwischen der oberpfälzischen (Hagelstadt) und der niederbayerischen Ansiedlung (Regen) zu verstehen ist: im Sinne der Aufzählung (ein Komma fehlt, wie des Öfteren, in unserem Hauptzeugen, dem Codex Aloisii Bavarensis rescriptus)? Bedenklich scheint, dass die Rede von Feuerflammen beide Ortschaften in einen negativen Kontext stellt. Man wird auch hier, wie bereits an früherer Stelle vermerkt, mit preußischen Texteingriffen zu rechnen haben. 

Demgegenüber kann man eine Verschreibung in einem anderen Fall nach textkritischen Regeln recht leicht begründen. Sie hat dazu geführt, dass ein bayerischer Ort aus der Textüberlieferung gänzlich verschwunden ist. Er lässt sich aber durch eine einfache Konjektur als ursprünglich erweisen. In Gen 30,31 ist in den erhaltenen Handschriften zu lesen:
»Er (Laban) sprach: Was soll ich dir denn geben? Jakob sprach: Du brauchst mir gar nichts zu geben! Wenn du mir nur das tun willst, so will ich deine Herden wieder weiden und hüten ...«
Es ist an der kursiv gesetzten Stelle zu einer Buchstabenvertauschung gekommen: das Schluss-s ist ein Wort zu weit gerutscht. Zur Anwendung kommt also die textkritische Regel des Paragraphieteleuton (mit Fremdwort klingt es gleich seriöser; es ist zwar frei erfunden, aber trotzdem auf der drittletzten Silbe zu betonen). Eigentlich lautet die Passage: 
»Du brauchst mir Gars nicht zu geben ...« 
Als Folge der Verschreibung ist dann auch konsequenterweise das Angebot Labans, Jakob mit der oberbayerischen Ortschaft zu entlohnen, aus dem Text gestrichen worden. 

Bereits die früheren Forschungen haben gezeigt, dass man bisweilen Lautverschiebungen und Dialektfärbungen berücksichtigen muss, wenn man die Befunde nicht künstlich klein halten will. In Offb 10,2 tritt ein riesiger Engel auf, der einen oberbayerischen Ort in der Hand hält: 
»Und er hatte in seiner Hand ein geöffnetes Bichl. Und er stellte seinen rechten Fuß auf das Meer, den linken aber auf die Erde.«
Die wenig erfreuliche Aussicht, vom Seher Johannes verspeist zu werden (Offb 10,9f), lässt sich bewältigen, wenn man eine metaphorische Auslegung apokalyptischer Texte vertritt. Die Einwohner Bichls sammeln mit einer Chronik über ihren Ort, also einem Bichl über Bichl, gerade Erfahrungen mit der Meta-Ebene.

Das Buch Nehemia beginnt mit einem Gebet, in dem Nehemia die Sünden der Israeliten bekennt und sich selbst einschließt (Neh 1,6):
»... und ich und meines Vaters Hausham auch gesündigt.«
Die Gemeinde Hausham wirbt nicht mit dieser biblischen Erwähnung, wahrscheinlich wegen des negativen Kontextes der Sünde, den man löblicherweise nicht für die Steigerung zweifelhafter touristischer Attraktivität nutzen will. Nicht dass Hausham (trotz ganz anderer Postleitzahl) in die Nähe von Sodom und Gomorra gerät!

Unverfänglicher ist die Nennung einer Gemeinde im Landkreis Dachau. die es in die Noah-Geschichte geschafft hat:
»Und es geschah im 601. Jahr, im ersten Monat, am Ersten des Monats, da war das Wasser von der Erdweg getrocknet.« (Gen 8,13)
Die Geschichte der Gemeinde muss vor diesem Hintergrund neu beleuchtet werden, wird doch behauptet, sie sei »1972 durch Zusammenlegung der Gemeinden Eisenhofen, Großberghofen, Kleinberghofen, Unterweikertshofen und Welshofen« entstanden (s. hier).

Auch international haben sich wieder Funde ergeben. Ein oberbayerischer Ort ist inzwischen nicht mehr so blutig, wie er in Ez 16,6 erscheint, aber die Lebenszusage hat sich als wirksam erweisen:
»Then I passed by and saw you kIcking about in your blood, and as you lay there in your blood I said to you, 'Live!'« (NIV)
Ganz erstaunlich häufig ist eine Gemeinde mit einer Bevölkerungsdichte von 71 Personen je Quadratkilometer in der Bibel genannt (zum Vergleich: München 4468; Berlin: 3785; Zahlen nach Wikipedia zum 31.12. 2012). Der Ort hat einen derart englischen Namen, dass manche nicht glauben, dass er in Bayern liegt. Seine Existenz  im Landkreis Miesbach ist aber durch verschiedenste Quellen gesichert. Aus den biblischen Bezügen greife ich nur einen zum Idyll (s. Bevölkerungsdichte) passenden heraus:
»Isaac’s servants dug in the Valley and discovered a well of fresh water there.« (Gen 26,19)
Mit diesem Ort schließt sich motivlich der Kreis zu den ersten, oben erwähnten Gemeinden (Berg, Bergen). Weitere Funde kündigen sich an, sie sind aber noch nicht reif für die Veröffentlichung. Ein DFG-Antrag wird vorbereitet.

Kommentare

Roland Breitenbach hat gesagt…
Schon gewusst?
Waren auch Türken beim Abendmahl?

Ja, zwei von Anfang an:
nämlich Neh-Met und Es-Set.

Herzliche Grüße

Meistgelesen

Das Bier im Kühlschrank und die Theologie

Zu Mk 5,1-20: Der Besessene von Gerasa

Die eingebildete »Entgöttlichung Christi«