Sonntagsevangelium (104)

34. Sonntag im Jahreskreis (C) - Christkönigssonntag: Lk 23,35-43

An den Passionsgeschichten lässt sich besonders klar erkennen, dass die Evangelien die Geschichte Jesu nicht berichten, sondern deuten. Sie beziehen sich alle auf ein und dasselbe Geschehen, tun dies aber in sehr unterschiedlicher Weise. Dies zeigt auch der Abschnitt, in dem von der Verspottung des Gekreuzigten erzählt wird. Während Johannes diese Szene ganz übergeht, ist sie in den synoptischen Evangelien mit jeweils eigenen Akzenten versehen, die nicht Niederschlag geschichtlicher Vorgänge sind, sondern die Intention der Evangelisten bezeugen.

Besonders deutlich wird dies im Fall des Lukas-Evangeliums. Dreimal wird der gekreuzigte Jesus verspottet: von den jüdischen Autoritäten, von den römischen Soldaten und von einem der Mitgekreuzigten. Mit dieser Darstellung weicht Lukas stark von seiner Vorlage, dem Markus-Evangelium, ab. So hat das Volk nichts mit der Verspottung Jesu zu tun. Es steht schauend dabei (23,35) und wird angesichts des Todes Jesu Reue empfinden (23,48). Nach Mk 15,29 haben dagegen »die Vorübergehenden« Jesus geschmäht. Eine Verspottung durch die Soldaten (Lk 23,36) bietet Markus allein im Anschluss an die Verurteilung Jesu, nicht in der Kreuzigungsszene (Mk 15,16-20a). Am bedeutendsten ist allerdings die Änderung, die aus einem der Mitgekreuzigten eine positive Figur werden lässt, indem er die Verspottung Jesu zurückweist (nach Mk 15,32 wird Jesus von beiden geschmäht).


Damit verbindet sich eine eigene Szene, die für die Passionsdarstellung des Lukas kennzeichnend ist. Der Einspruch des zweiten Schächers bietet eine weitere Gelegenheit, die Unschuld Jesu festzustellen (Lk 23,41), nachdem dies bereits Pilatus mehrfach getan hat (23,4.14f.22) und ehe es der Hauptmann unter dem Kreuz erneut tun wird (23,47). Mit der Frage, woher denn der Verurteilte seine genaue Kenntnis über Jesus bezieht, befasst sich Lukas nicht. Dies bestätigt den eingangs genannten Charakter der Erzählung. In historischer Hinsicht wäre ja von erheblichem Interesse, wie ein verurteilter und zuvor also gefangener Verbrecher um die Hintergründe des Prozesses Jesu weiß und wie er die Hoheit Jesu (»...wenn du in dein Reich kommst«) recht erkennen kann, wenn von einem Kontakt mit Jesus zuvor nichts erzählt wird. Solche Fragen aber liegen außerhalb der Perspektive des Evangelisten. Ihm kommt es nur darauf an, dass sich ein Gespräch zwischen Jesus und einem Mitgekreuzigten ergibt.

Er nutzt dieses Gespräch, um auf den zuvor geäußerten Spott einzugehen, zwar nicht begrifflich, aber doch der Sache nach. Kernpunkt der Verspottung ist in allen Fällen der Aufruf zur Selbstrettung. Zwischen messianischem Anspruch und der hilflosen Lage am Kreuz wird ein Widerspruch gesehen, der den Anspruch widerlegt (23,35.37.39). Dagegen zeigt die Episode mit dem reuigen Schächer, auf welche Art Jesus der Retter ist: Er rettet andere, nicht sich selbst; und er rettet, indem er Sündern Vergebung zusagt, hier mit Bezug auf seinen Tod: »Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein« (23,43). Die Zeitangabe bezieht sich zum einen auf das Geschick des Schächers nach seinem (unmittelbar bevorstehenden) Tod; zum anderen ist sie der Schlusspunkt einer Reihe von Heilszusagen, die sich mit dem »heute« verbinden (s. hier zu Lk 19,5). Mit seinem Weg, der schließlich durch das Leiden zur Herrlichkeit führt, eröffnet Jesus für andere den Weg zum Leben.

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