Wie man Geschichte nicht schreiben soll

Michael Hesemann hat schon vor einem Jahr Anlass zu einer Replik gegeben, als er den weihnachtlichen Faktencheck einer ZDF-Sendung einer kritikwürdigen Kritik unterzog (s. hier). Erst kürzlich bin ich auf einen Beitrag im Münchener Merkur aufmerksam geworden, in dem Hesemann im Vorfeld des Weihnachtsfestes den historischen Wert der »Kindheitsgeschichten« verteidigen durfte (s. hier). Es geht dabei nicht überzeugender zu als in jenem Faktencheck-Check; eine detaillierte Besprechung würde deshalb auf eine Wiederholung des oben verlinkten Posts hinauslaufen. Aber eine Passage will ich dennoch herausgreifen, weil sich in ihr sehr deutlich zeigt, warum eine Argumentation à la Hesemann historisch nicht funktioniert: die Behandlung der beiden unterschiedlichen Stammbäume im Matthäus- und Lukas-Evangelium (Mt 1,1,17; Lk 3,23-30).

Die vorgetragene Lösung erfordert, dass auch die Familie Marias in die Davidslinie gehört. Dafür beansprucht Hesemann als Zeugen nicht nur das Protevangelium des Jakobus, sondern das Neue Testament. Die Erzählungen bei Matthäus und Lukas bieten dafür allerdings keinen Anhaltspunkt; in ihnen wird immer nur Josef als Davidide bezeichnet. Wer springt in die Bresche? Einer mit dem niemand, einschließlich ihm selbst, hier gerechnet hätte: Paulus. Der schrieb am Beginn des Römerbriefs, Christus sei »aus dem Samen Davids dem Fleisch nach«. Und da Josef, so Hesemann, »bekanntlich nur sein Adoptivvater« war, muss auch Maria aus einer davidischen Familie stammen. Nun bietet Paulus mindestens genauso bekanntlich keinen Anhaltspunkt für die Sicht, dass Josef nur der Adoptivvater Jesu war. Auch Gal 4,4 lässt sich dafür nicht beanspruchen. Dort wird gerade das Gewöhnliche an der Menschwerdung des gesandten Gottessohnes betont: Er ist (wie jeder Mensch) »von einer Frau geboren«, er ist (wie jeder Jude) der Tora unterstellt. Dass die Aussage von der davidischen Abstammung in Röm 1,3 nicht den Vater einschließen könne, müsste man Paulus erst erklären.


Als grundlegendes Problem zeigt sich: Hesemann nimmt Paulus in einem Rahmen wahr, der dem Apostel in dessen geschichtlicher Situation nicht gerecht wird. Der Rahmen ist vorgegeben von der kirchlichen Tradition, in sie wird die Aussage des Paulus von der davidischen Abstammung Jesu eingepasst: Als neutestamentlicher Autor kann er nur das gemeint haben, was jenem Rahmen entspricht. Eine solche Position setzt ein ungebrochenes Verhältnis zur Tradition voraus, die Tradition ist die normierende Größe für das Verständnis einzelner neutestamentlicher Aussagen. Seit der Zeit der Aufklärung ist unsere geistesgeschichtliche Lage, ob uns das gefällt oder nicht, aber durch eine grundsätzliche Distanz zur Tradition bestimmt. Historisches Denken hat sich gerade daraus entwickelt, dass ein durch die Überlieferung vorgegebener Verständnisrahmen nicht mehr akzeptiert wurde. Man kann es immer noch eindrucksvoll bei Hermann Samuel Reimarus nachlesen, zu welchen Schlüssen man kommt, wenn man die Evangelien nicht von der entwickelten christlichen Dogmatik her liest, sondern das Wirken Jesu aus den Bedingungen seiner Zeit verstehen will (»wenn man nur die Worte in der Bedeutung nehmen will, die ihnen damals anklebte«).

Dass Hesemann zwar häufig als Historiker vorgestellt wird, aber nicht historisch denkt, bestätigt sich, wenn man seinen (auf der Linie älterer Harmonisierungsversuche liegenden) Vorschlag zur Erklärung der so erheblichen Differenzen zwischen beiden Stammbäumen betrachtet. Ein derart legendarisch aufgeladenes Werk wie das Protevangelium des Jakobus unbesehen als geschichtliche Quelle heranzuziehen ist mit historischer Methode nicht vereinbar. Weitere Verzweiflungstaten kommen hinzu. Die Tatsache, dass der Stammbaum bei Matthäus nach dem Muster »A zeugte B« läuft, bei Lukas aber nur eine Namensliste geboten wird, wird so zugespitzt, dass Lukas den Stammbaum »ohne den Hinweis auf eine biologische Zeugung« wiedergebe (auch ohne solchen Hinweis werden die meisten Leser allerdings eine Vorstellung über das Zustandekommen der Generationenfolge haben).

Von diesem Ausgangspunkt geht es einfallsreich weiter: Der Vater Josefs heißt bei Lukas »Eli«, dies sei die Kurzform für »Eliachim«, dies wiederum würde latinisiert zu »Joachim«, und so heißt ja der Vater Mariens im Protevangelium des Jakobus. Aus diesem Werk lasse sich außerdem ableiten, dass Maria eine »Erbtochter« ist. Fehlen männliche Nachkommen kann (nach Num 27,1-11; 36) das Erbe auf die Tochter übergehen. Hesemann nennt als weitere Voraussetzung für das Erben der Tochter, dass deren Mann »von ihrem Vater pro forma adoptiert wird«. Und auf diese Weise lasse sich die Differenz zwischen den Stammbäumen bei Matthäus und Lukas erklären: Josef wurde von Mariens Vater Joachim (=Eli) adoptiert, die von Lukas gebotene Reihe ist »der biologische Stammbaum Jesu und Mariens, aber der juristische Stammbaum Josefs«.

Man kann diese Rekonstruktion an verschiedenen Stellen befragen: Warum soll das Fehlen einer Zeugungsaussage in einer Generationenfolge darauf hinweisen, dasss nicht an »biologische Zeugung« gedacht sei? Woraus ergibt sich, dass »Eli« die Kurzform für Eliachim ist, und nicht der volle Name oder die Kurzform für Eliezer, Elihu, Elimelech o.a.? Wie wird aus Eliachim »latinisiert« Joachim? Was soll überhaupt der Bezug auf eine latinisierte Form in einer griechischen Schrift (Protevangelium des Jakobus)? Deutet der einzige biblische Anhaltspunkt für eine Beziehung zwischen Eljakim und Jojakim (2Kön 23,34: der Pharao ändert den Namen Eljakims in Jojakim) nicht darauf, dass zwar in diesem Fall die Person identisch, die beiden Namen aber nicht einfach austauschbar sind? Auf welcher Grundlage wird behauptet, dass der Mann einer Erbtochter von seinem Schwiegervater adoptiert werden musste?

Fragen dieser Art stellen sich, weil das Vorgehen nicht der historischen Methode entspricht. Hesemanns Konstrukt hat nur den Sinn, die historische Zuverlässigkeit der beiden Stammbäume zu retten. Ausgangspunkt ist nicht die Befragung und Auswertung der zur Verfügung stehenden Quellen, sondern die Überzeugung, dass die biblischen Texte historisch zuverlässige Aussagen treffen. Um diese Überzeugung zu begründen, wird dann ein Hypothesengebäude errichtet, dessen Statik nach den Plänen von Mt 7,26 berechnet ist. Der Platzregen, die Flüsse und die Stürme sind längst über dieses Gebäude hinweggegangen, und »sein Fall war groß« (7,27). Heute noch so zu tun, als könnten wir davon ausgehen, dass die Evangelien grundsätzlich und durchweg historisch auswertbare Aussagen bieten, ist wie ein Sprung hinter das 18. Jahrhundert. Solange eine unumstritten gültige Tradition den Verständnisrahmen vorgab, konnte man nach dem Muster verfahren, dem Hesemann folgt: die Schwierigkeiten eines Textes (hier also die differierenden Stammbäume) durch eine Fülle von Zusatzannahmen beseitigen, die durch den Text nicht gedeckt sind. Solange akzeptiert ist, dass die biblischen Aussagen in historischem Sinn zutreffen müssen, werden auch die spekulativen Zusatzannahmen akzeptiert. Das ist aber nicht die Voraussetzung, unter der heute die Frage nach dem Geschichtswert biblischer Schriften gestellt werden kann.

Michael Hesemann sieht seine Aufgabe selbst in der Verteidigung der Kirche (s. hier). Dass gerade ein Historiker dieses Schlages anscheinend über nicht geringes Ansehen in Rom verfügt, bestärkt das bereits an anderer Stelle geäußerte Urteil: Die Herausforderung, die das historische Denken für den Glauben darstellt, wird kirchlicherseits am liebsten zur Seite geschoben.

Auf diesen Beitrag hat Michael Hesemann reagiert. Meine Antwort findet sich hier

Kommentare

Anonym hat gesagt…
gaudete!
Michael Hesemann hat gesagt…
Hier meine ausführliche Erwiderung:

http://michaelhesemann.info/6.html
Michael Hesemann hat gesagt…
Und hier ebenfalls ... http://kath.net/news/44700
Galahad hat gesagt…
Das wundert mich jetzt nicht wirklich, dass Hesemann mit seinem Glaubenseifer bei den inquisitorischen Dunkelkatholiken von kath.net angekommen ist. In deises Milieu passt er perfekt hinein.
Frau Wigefortis hat gesagt…
Was mich gestern beim Lesen des Evangeliums zu Lichtmess etwas stutzig machte: Wenn Maria und Josef Land besessen hatten, warum lösten sie ihren Erstgeborenen nur mit zwei Turteltauben aus?
Johannes hat gesagt…
Wenn ich Land besitze muss ich nicht reich sein.

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