Wie man Geschichte nicht schreiben soll (2)

Michael Hesemann hat auf die Kritik, die ich kürzlich an seiner Art der Geschichtsschreibung geäußert habe, reagiert und eine Erwiderung geschrieben, die er auf seiner Homepage und auf kath.net veröffentlicht hat. Diese Erwiderung bestätigt nicht nur voll und ganz die Schwäche seiner historischen Argumentation, sondern zeigt auch, dass sich Hesemann auf historische Argumente nicht verlassen will. Er sieht nämlich meine Ausführungen als Hinweis darauf, dass man mich an die Lehre der Kirche erinnern müsse. Dafür ist ihm zu danken, denn ich wüsste nicht, was das Urteil, Hesemann denke nicht historisch, besser bekräftigen könnte. Er will auch nicht allein das Argument treffen, sondern den, der es vorgetragen hat. Zwar schießt er in beiden Fällen daneben, lässt als Illusionskünstler sein kath.net-Publikum aber glauben, er sei ein vorzüglicher Schütze.

»Bei dem hier wissen wir, woher er ist« (Joh 7,27) 

Damit das Ganze funktioniert, wird den Lesern zunächst klar gemacht, mit wem sie es bei mir zu tun haben, und zwar über meinen wissenschaftlichen »Stammbaum«. Dass ohne Zeugungsaussage meine Herkunft aufgezählt wird (Häfner, Oberlinner, Vögtle, Bultmann), ist kein intertextuelles Spiel mit dem Thema der Diskussion (Stammbaum Jesu bei Lukas). Vielmehr wird gleich zu Beginn durch den Namen »Bultmann« eine Duftmarke gesetzt, die als Stinkmorchel wirken soll: Was ist bei solch üblem Stallgeruch noch Gutes zu erwarten? Auch wenn die Funktion dieses Einstiegs ärgerlich und der Blick auf den Weg der katholischen Exegese in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beängstigend schlicht ist, muss ich doch sagen, dass ich die Ahnenreihe als Auszeichnung empfinde und gar nicht weiß, ob ich mich ihrer rühmen darf.

Verzerrungen 

Sicher dagegen weiß ich, dass die Einschätzung falsch ist, ich polemisierte »gegen die romtreue katholische Publizistik« und würde in ihr »'theologische Zwerge', 'verkrachte Kommentatoren' und 'karriereorientierte Bischöfe'« verorten. Ich bestreite nicht, dass es auf dem genannten Feld Grund und bisweilen geradezu Notwendigkeit zur Polemik gibt, der ich mich nicht immer verweigert habe. Die Zitate aber sind einem Beitrag entnommen, der auf ein Interview mit Pater Wolfgang Ockenfels reagierte (s. hier). Wie der Vorspann erklärt, soll die Substanzlosigkeit der Polemik Ockenfels' durch den Aufweis deutlich gemacht werden, dass man mit wenigen Textänderungen die Anwürfe umdrehen und auf die Gegenseite lenken kann. Die Schärfe der Polemik stammt von Ockenfels; das dürfte man seinen Lesern ruhig mitteilen. 

Grob verzerrend ist auch folgende Aussage. »Ohne einen echten Grund zweifelt Häfner an, dass 'die biblischen Texte historisch zuverlässige Aussagen treffen'«. Das liest sich so, als würde ich grundsätzlich den historischen Wert biblischer Texte bezweifeln. Die zitierte Aussage richtete sich aber gegen Hesemanns Vorgehen, von der historischen Zuverlässigkeit der biblischen Texte auszugehen und in der Folge ein Hypothesengebäude zu errichten, das diese Zuverlässigkeit sichern soll (aber eben historisch nicht tragfähig ist). Der von mir genannte »Sprung hinter das 18. Jahrhundert« wird in der Folge ebenso falsch zugeordnet. 

Nicht in derselben Weise verzerrend, aber auf bezeichnende Weise tendenziös ist die Einschätzung meine Kritik am Jesusbuch von Papst Benedikt sei zynisch. Kritisiert hatte ich den unklaren Begriff des Historischen und die Unmöglichkeit des Programms, den Jesus der Evangelien darzustellen. Schon die Tatsache einer kritischen Erwiderung wird offenbar als zynisch empfunden. Da Papst Benedikt selbst sein Buch für Kritik freigegeben hat, würde man sich wünschen, dass seine Anhänger ihn in diesem Punkt ernster nähmen. 

Zur historischen Argumentation 

Fast könnte man, kaum zufällig, nach dem Einstieg, den Hesemann für seine Erwiderung gewählt hat, vergessen, dass es um die Frage geht, ob seine Argumentation zu den Stammbäumen historisch tragfähig ist. Bringt er nun überzeugendere Argumente? 

Paulus und die Jungfrauengeburt 
Eine Streitfrage war, ob Paulus die Vorstellung der Jungfrauengeburt kennt. Hesemann versucht nun eine bejahende Antwort über zwei Wege. (1) Er stützt sich auf eine bestimmte Rekonstruktion der Abfassungsverhältnisse des Markus-Evangeliums. Es stamme von einem Paulusbegleiter und sei um das Jahr 43 verfasst, wie man aus dem Qumran-Fragment 7Q5 schließen könne, das »von Experten« auf ca. 50 datiert werde. Von diesen Annahmen kann nichts als historisch wahrscheinlich gelten. Da aber die Auseinandersetzung mit dieser Position hier zu weit führt (vielleicht später einmal mehr dazu), gehen wir einfach von der Richtigkeit des genannten Urteils zur historischen Verortung des Markus-Evangeliums aus. 

Was folgt daraus für unsere Frage? Hesemann wertet die Bezeichnung Jesu als »Sohn Marias« durch die Einwohner Nazarets in Mk 6,3 aus. Nun ist diese Wendung wohl auffällig, aber was soll sie eigentlich begründen? Soll man wirklich die geistgewirkte Empfängnis für einen stadtbekannten Tatbestand halten? Wer sich dazu durchringen kann, müsste allerdings erklären, warum die Sprecher fragen, woher Jesus Weisheit und Wunderkraft zukommen – das sollte ihnen dann ja klar sein. Oder geht die Formulierung »Sohn Marias« auf Markus zurück, der sie nur den Kritikern Jesu in den Mund legt? Dann wäre aber zu fragen, warum sich der Evangelist mit dieser dunklen Andeutung begnügen sollte, ohne auch nur an einer Stelle seines Werkes die geistgewirkte Empfängnis ausdrücklich zu erwähnen. Dafür, dass Paulus die Vorstellung von der Jungfrauengeburt von Markus übernommen haben könnte, gibt es keinen tragfähigen Hinweis – selbst dann nicht, wenn er das Markus-Evangelium oder seinen Verfasser gekannt hätte. 

(2) Auch der Versuch, diese Vorstellung aus Gal 4,4 nachzuweisen, scheitert. Hesemann wirft mir vor, den Bezug auf Gott als Vater in der Sendungsformel unterschlagen zu haben. Dies ist ein eindrückliches Beispiel dafür, dass nicht der biblische Text in seiner geschichtlichen Verortung wahrgenommen wird, sondern die entscheidenden Parameter der Auslegung von außen herangetragen werden. Wenn Jesus als der gesandte Sohn Gottes bezeichnet wird, ist die Frage einer biologischen Vaterschaft völlig außerhalb des Blickfeldes. Und da es heißt, der Sohn Gottes sei von einer Frau (gr. γυνή) geboren (nicht: von einer Jungfrau [gr. παρθένος]), gibt es nicht den geringsten Anhaltspunkt dafür, dass Paulus hier an eine geistgewirkte Empfängnis denkt. 

Der Quellenwert des Protevangeliums des Jakobus 
In diesem zweiten Streitpunkt unterstellt Hesemann meiner kritischen Einschätzung theologische Motive. »Denn zunächst sind für den Historiker auch 'legendarische Texte' Quellen, die um historische Ereignisse herum entstanden sein können.« Die Frage ist allerdings, in welchem Ausmaß sich »um historische Ereignisse herum« das Legendarische entfaltet hat. Im Fall des Protevangeliums hat man keine guten Voraussetzungen, historisch Zuverlässiges zu erheben. Hesemann meint: Das Werk »entstand … offensichtlich im judenchristlichen Millieu (sic) der 'Herrenverwandten' und enthält Familientraditionen«. Nicht selten verbirgt das Adverb offensichtlich die Tatsache, dass etwas nicht offensichtlich ist. Wer erzählt, dass Maria ihr Leben im Alter zwischen drei und zwölf Jahren am Tempel zugebracht hat und als Tempeljungfrau einem Keuschheitsgelübde unterstand, lässt eine »intime Kenntnis jüdischer Sitten und Gebräuche des 1. vorchristlichen Jahrhunderts« gerade nicht erkennen. 

Aber hier urteilt wohl großzügiger, wer meint, dieses Werk liefere »eine ganz und gar unlegendarische, dafür aber astronomisch akkurate Beschreibung der Supernova des Frühjahrs 5 v.Chr. …, die der Astronom Prof. Kidger als Stern von Bethlehem identifiziert hat«. An dem Satz ist so ziemlich alles falsch. (1) Verglichen mit Mt 2,1-12, wo der Stern überhaupt nicht näher beschrieben, sondern nur dem König der Juden zugeordnet wird, ist dessen Beschreibung im Protevangelium eine nachträgliche Ausgestaltung, und nicht »ganz und gar unlegendarisch«. (2) In dem fraglichen Werk heißt es: »Wir haben gesehen, wie ein unbeschreiblich großer Stern unter diesen Sternen schien und die anderen verdunkelte, so dass die Sterne nicht mehr schienen«. Einen solchen Satz kann jeder hinschreiben, der einen Stern als auffällig hell und die anderen überstrahlend darstellen und damit erklären will, woran die Magier denn den Stern erkannt haben. (3) Zu einer Supernova müsste erklärt werden, wie es sein kann, dass sie »zu Häupten des Kindes stehen blieb« (Protevangelium 21).  Hier endet in jedem Fall die »astronomisch akkurate Beschreibung der Supernova«. 

Der Stammbaum Jesu 
Hesemann insinuiert, die Stammbäume in den Evangelien müssten in historischen Sinn zutreffen, weil die Ahnentafeln am Tempel für die Gegner einsehbar gewesen wären; deshalb wäre eine Fälschung kontraproduktiv gewesen. Wie lässt sich eine solche Behauptung begründen? Die Notiz des Josephus, er habe seinen Stammbaum wiedergegeben, wie er ihn in den amtlichen Urkunden vorgefunden habe (Vita 6), reicht dazu sicher nicht. Josephus ordnet sich in eine der ältesten Priesterfamilien und näherhin in die erste Klasse ein. Dass die Ahnentafel eines Bauhandwerkers aus Nazareth im Tempel verwahrt wurde, scheint mir, vorsichtig formuliert, keine allzu sichere Annahme zu sein. Und wenn die Christen hätten fürchten müssen, mit falschen Stammbäumen leicht widerlegt werden zu können – warum deckt dann Matthäus unterschiedlich lange Zeiträume jeweils durch 14 Generationen ab? Warum wird dann die Unterschiedlichkeit der Stammbäume nicht eindeutig geklärt?

Auch eine Episode aus der Zeit der Wende vom 1. zum 2. Jahrhundert, auf die sich Hesemann bezieht, hilft nicht weiter. Wenn Verwandte Jesu zu jener Zeit vor die römische Obrigkeit gezerrt worden sein sollten (Eusebius, Hist. Eccl. 20,1-6; 32,4-6), dann hätten die Römer nicht auf irgendwelche Ahnentafeln zurückgreifen müssen, um eine Abstammung aus der davidischen Königsfamilie zu erheben. Jesus war als König der Juden hingerichtet worden, und dies konnte Verwandte aus römischer Sicht verdächtig machen. So heißt es zu Symeon, er sei von den Häretikern »als Vetter des Herrn« angezeigt worden (32,6). 

Dass die Zeugungsaussage im lukanischen Stammbaum fehlt, lässt sich nicht auswerten für die Einschätzung, es würde sich um den juristischen Stammbaum Josefs handeln. In diesem Sinn habe ich in meinem Beitrag davon gesprochen, dass die meisten Leser auch ohne Zeugungsnotiz eine Vorstellung über das Zustandekommen der Generationenfolge haben. Dies hat sich nicht auf Jesus bezogen, sondern auf Josefs Abstammung. Dass die Zeugungsaussage bei Lukas fehlt und nur eine Reihung von Namen erscheint, hängt wohl damit zusammen, dass der Stammbaum rückwärts gerichtet verläuft. Entscheidend ist: Der Text selbst gibt keinerlei Anhaltspunkt dafür, dass er zu Josef nicht den biologischen Stammbaum bietet. 

Dies lässt sich nicht dadurch ausgleichen, dass man Eli mit Eljakim und wiederum mit Jojakim identifiziert. Die Willkürlichkeit dieser Gleichsetzung ist durch Hesemanns Antwort bestätigt, nicht beseitigt. 2 Kön 23,34 kann, da auf einen konkreten Fall bezogen, die Austauschbarkeit von Eljakim und Jojakim nicht begründen. Und wenn richtig ist, dass »gewiss die ursprüngliche, nicht die vom ägyptischen Pharao diktierte Version des Namens bevorzugt wurde« (also Eljakim), dann ist die Ersetzung durch Jojakim im Protevangelium ein Problem – zumal wenn man es in judenchristlich geprägter Familientradition verankert. 

Dass Maria Erbtochter war, ist aus dem Neuen Testament nicht zu begründen. Hesemann sieht als Beleg die Reise nach Bethlehem zur Steuerschätzung. Sie setze Landbesitz voraus, und der sei für den Bauhandwerker Josef unwahrscheinlich. Eine solche Argumentation überspielt die Schwierigkeit der historischen Auswertung dieser Reise. Diese Schwierigkeit ist nicht dem Unglauben von Exegeten zu verdanken, sondern u.a. der matthäischen Kindheitsgeschichte, nach der Josef und Maria in Bethlehem wohnen und erst nach der Rückkehr aus Ägypten nach Nazaret umziehen (Mt 2,22f). So scheitert auch der Nachweis aus dem Neuen Testament, dass Maria Davididin war, weil sie als Erbtochter innerhalb der Sippe hätte heiraten müssen. Und wie sich aus Neh 7,63, einer Aussage über einen bestimmten Fall, eine »gängige Rechtspraxis« begründen lässt, wäre ein wenig näher zu erläutern. 

Bei all der argumentativen Akrobatik, die nötig ist, um den Stammbaum Jesu bei Lukas als juristischen Stammbaum Josefs über die Familie Marias laufen zu lassen, bleibt im Übrigen auch eine grundsätzliche Frage ungeklärt: Warum wird dieser Charakter des Stammbaums nicht ausdrücklich gemacht? Gerade wenn man, wie Hesemann, meint, dass Lukas den matthäischen Stammbaum kannte, wäre ein klärender Hinweis doch nicht ganz überflüssig. Wer davon ausgeht, dass Lukas im Gefolge des Paulus während fast drei Jahren (57-59) in Jerusalem »jede Menge Zeit für Recherchen« gehabt habe, bewegt sich nicht nur im Blick auf die vorausgesetzten Fakten auf dünnem Eis. Selbst wenn man auf diesem Grund zu gehen wagt: Mehr als dass Lukas die Zeit zu Recherchen gehabt hätte, ist damit nicht gesagt. Dafür, dass er Nachforschungen zum Stammbaum durchgeführt hat, ist so wenig positive Evidenz gewonnen wie für die Annahme, Lukas habe die Zeit zum Baden im Toten Meer genutzt. 

Die Häresie-Keule 

Wie bereits eingangs bemerkt, beschränkt sich die Erwiderung Hesemanns nicht auf die Ebene historischer Argumentation, auf der ich ihn kritisiert hatte. Er sieht es als tragisch an, wenn der Historiker »einen katholischen Theologen daran erinnern muss, was die Kirche lehrt«. Der Theologe hatte den Historiker auf dessen Feld angegriffen; warum sollte ihn dann der Historiker an die Lehre der Kirche erinnern müssen? Doch nur dann, wenn er seine Aufgabe als Historiker mit der des Verteidigers der kirchlichen Lehre (wie er sie versteht!) vermischt. Oder anders: wenn er nicht historisch denkt – so lautete mein Urteil. 

Die Unterstellung antidogmatischer Haltung 
Wo die Argumente ausgehen, kommt die Diffamierung zu Hilfe. Hesemann unterstellt, seine Erklärung dürfe in meinen Augen nicht sein; sein »simpler Versuch, einen scheinbaren Widerspruch in den Quellen zu verstehen« sei bei mir unerwünscht. Zu meinem Urteil, sein Konstrukt habe nur den Sinn, die historische Zuverlässigkeit der Stammbäume zu retten, entgegnet er, meine Polemik habe nur den Sinn, die Stammbäume um jeden Preis als legendarisch zu diffamieren. Der Unterschied: Ich habe durch Beobachtungen an Hesemanns Ausführungen gezeigt, dass die Überzeugung von der historischen Zuverlässigkeit der Tradition der Ausgangspunkt ist; er dagegen phantasiert über meine Motive und geht sogar bis zur Behauptung, ein Verständnis der Kindheitsgeschichten als historisches Geschehen würde deshalb abgelehnt, weil dann »die Dogmen der Kirche wahr sein (müssten)« – und das sei »offenbar für einen katholischen Universitätstheologen schwer zu schlucken und noch schwerer zu glauben«. Es erstaunt nicht, dass der kath.net-Mob auf solche Behauptungen anspringt (s. die Beispiele hier). Wie jemand, der in seiner Argumentation ernst genommen werden will, auf solche Unterstellungen kommt, ist dagegen nicht zu begreifen.

Ein falsch gespiegelter Vorwurf
Mein Vorwurf, Hesemann würde »Schwierigkeiten eines Textes durch eine Fülle von Zusatzannahmen beseitigen, die durch den Text nicht gedeckt sind«, war Ergebnis der Argumentation: Die Schwierigkeit, der Widerspruch zwischen den Stammbäumen bei Lukas und Matthäus, will Hesemann dadurch beseitigen, dass er einen bestimmten Namen (Eli) mit einem anderen Namen (Joachim) identifiziert und die mit diesem Namen verbundenen Informationen aus einer legendarischen Schrift aus dem 2. Jahrhundert in den biblischen Text einliest, der nun zum juristischen Stammbaum Josefs über die Linie Marias wird, obwohl davon nichts im Text steht. Hesemann will nun den Spieß umdrehen und behauptet, dies sei genau meine Methode: Ich machte »Josef zum leiblichen Vater Jesu, obwohl der Text das Gegenteil erklärt«, ignorierte »jüdische Gesetze, die zur Zeit Jesu für alle Juden galten«, und unterstellte »den Evangelisten betrügerische Absichten, obwohl diese uns ihre Sorgfalt versichern«.

Da sind nun ganz verschiedene Zutaten zu einem faden Eintopf verrührt. (1) Nirgends in meinem Text habe ich Josef zum leiblichen Vater Jesu erklärt (dass das Fehlen der Zeugungsaussage im lukanischen Stammbaum nicht ausgewertet werden kann, bezog sich nur auf den Versuch, hier einen Ansatzpunkt für den juristischen Stammbaum Josefs zu finden; s.o.). Aber selbst wenn die Unterstellung zuträfe, ginge es hier nicht darum, die Schwierigkeiten eines Textes durch Zusatzannahmen zu klären, sondern um die Frage, inwiefern eine biblische Aussage historisch zu verstehen ist. (2) Die Existenz der von Hesemann für alle Juden rekonstruierten Gesetze lässt sich bestreiten. Hier sind wir auf der Ebene der Rekonstruktion der jüdischen Welt zur Zeit Jesu, aber wieder nicht dabei, die Schwierigkeiten eines Textes durch Zusatzannahmen zu erklären. (3) Ob man den Evangelisten betrügerische Absichten unterstellt, wenn man einen Text in ihrem Werk nicht für historisch zutreffend hält, ist eine hermeneutische Frage. Wer meint, dass Lk 1,1-4 (wo uns der Evangelist seiner Sorgfalt versichert) eine historisch skeptische Beurteilung des Werkes grundsätzlich ausschließe, ist im Blick auf die »Zusatzannahmen« in keiner anderen Position als derjenige, der dieser Position nicht folgen kann.

Die Zuspitzung auf eine nicht behandelte Frage
Die Behandlung von Hesemanns Erwiderung durch die Redaktion von kath.net versucht dann konsequent und erfolgreich, jede Fairness in der Auseinandersetzung zu vermeiden. In Überschrift und Einleitung rückt nun die Aussage von der leiblichen Vaterschaft Josefs in den Vordergrund. Mit der Häresie-Keule gehen die Jäger und Sammler aus Linz am liebsten auf die Pirsch, auch wenn sie dabei bei Licht besehen gar nichts in der Hand haben.
»Wer war Jesu Vater? War Maria wirklich 'Jungfrau'? Der Münchner Theologieprofessor Gerd Häfner 'macht Josef zum leiblichen Vater Jesu, obwohl der Text das Gegenteil erklärt'«. 
Ich wiederhole mich, aber der Deutlichkeit halber sei es noch einmal gesagt: Das ist die Reaktion auf einen Beitrag, in dem es darum ging, ob man den Stammbaum Jesu nach Lukas dadurch mit demjenigen nach Matthäus harmonisieren kann, dass man ihn als juristischen Stammbaum Josefs versteht. Treffsicher wird aus Hesemanns Replik herausgepickt, was das größte Erregungspotential in den Kreisen hat, die fehlende Sachkenntnis am liebsten durch verbale Aggressivität ausgleichen. Das Thema meines Beitrags muss da nicht interessieren, jetzt geht es auf einmal um die geistgewirkte Empfängnis. Auch wenn das alles in hohem Maß betrüblich ist, nehme ich den regelwidrig zugespielten Ball auf.

Ich kann mich nicht erinnern, irgendwo geschrieben zu haben, Josef sei der leibliche Vater Jesu. Das Erkenntnisinteresse der Exegeten richtet sich nicht auf Vaterschaftsfragen, sondern auf die biblischen Texte. Historisch-kritische Exegese geht (in Übereinstimmung mit Dei Verbum 12) davon aus, dass der Sinn der Texte nicht unabhängig von ihrer geschichtlichen Einbindung zu erheben ist. Für die Überlieferung von der geistgewirkten Empfängnis stellen sich z.B. diese Fragen: Worauf zielen die Texte, wenn man die aufgenommenen Sprachmuster aus der alttestamentlichen Tradition erkennt? Wie konnten diese Texte rezipiert werden, wenn man das religionsgeschichtliche Vergleichsmaterial zu göttlicher Zeugung berücksichtigt? Was lässt sich über die Herkunft dieser Texte sagen, wenn man den Gesamtbefund des Neuen Testaments bedenkt? Kommt man auf diesem Weg zu der Einsicht, es gehe diesen Texten (im Rahmen der in der Antike bekannten Vorstellung, herausragende Bedeutung auf einen besonderen Ursprung zurückzuführen) wesentlich darum, die Bedeutung Jesu als Sohn Gottes zu entfalten, so folgt daraus: Die Aussage dieser Texte wird nicht verkürzt, wenn man die geistgewirkte Empfängnis nicht in biologischem Sinn versteht.

Da nun aber die Klage des Salvian von Marseille (5. Jh.), die Menschen würden nicht so sehr darauf achten, was sie lesen, als vielmehr von wem sie etwas lesen, auch heute nicht veraltet ist, sei Joseph Ratzinger zitiert: Gott wird durch die Empfängnis Jesu
»nicht etwa zum biologischen Vater Jesu, und das Neue Testament wie die kirchliche Theologie haben grundsätzlich nie in diesem Bericht bzw. in dem darin mitgeteilten Ereignis den Grund für das wahre Gottsein Jesu, für seine 'Gottessohnschaft' gesehen ... Die Gottessohnschaft Jesu beruht nach dem kirchlichem Glauben nicht darauf, dass Jesus keinen menschlichen Vater hatte; die Lehre vom Gottsein Jesu würde nicht angetastet, wenn Jesus aus einer normalen menschlichen Ehe hervorgegangen wäre. Denn die Gottessohnschaft, von der der Glaube spricht, ist kein biologisches, sondern ein ontologisches Faktum« (Joseph Ratzinger, Einführung in das Christentum, München 2000, 258).

Sehnsucht nach einer verlorenen Vergangenheit
Das Verfahren, von der historischen Zuverlässigkeit der Texte auszugehen und durch Hilfskonstruktionen die dabei auftretenden Schwierigkeiten zu beseitigen, habe ich als »Sprung hinter das 18. Jahrhundert« bezeichnet. Hesemann kommentiert das mit den Worten: »Das heißt: Zurück in die Zeit des Glaubens! Aber auch: eine verbotene Infragestellung der materialistischen und atheistischen Doktrin der 'Aufklärung'«. Genau dies hatte ich gesagt: Seine Art der Argumentation funktioniert nur unter der seit der Aufklärung verlorenen Voraussetzung, dass die Tradition normierende Größe für das Verständnis der Bibeltexte ist.

Wer dies verkennt und sich in die Zeit davor zurücksehnt, »die Zeit des Glaubens!«, ist auch für einfache Erklärungen empfänglich. Da gründet dann die Krise der Kirche in den Hörsälen der Theologischen Fakultäten und ist das Jesusbuch des Papstes das Gegengift. Hesemann mag das glauben; er mag auch der Ansicht sein, dass Leute wie ich »einer unseligen Vergangenheit« angehören. Davon wird man ihn wohl nicht abbringen können.

Aber wenn er meint, er sei in der Lage und gerade dabei, die Scherben dieser Vergangenheit zusammenzukehren, ist er Opfer einer gewaltigen Selbsttäuschung. 

Kommentare

Luke Hetzi hat gesagt…
Lieber Prof. Häfner,
danke für die längst überfällige Antwort auf die unsägliche Hesemann-Reaktion! Ich hoffe sehr, dass Sie trotzdem - oder erst recht - auch weiterhin nicht davor zurückschrecken, als Blogger zu solchen Themen Stellung zu beziehen. Das schlimmste was wir wohl tun könnten, wäre, das Feld solchen Randgruppen zu überlassen...
Michael Hauber hat gesagt…
Lieber Herr Häfner,

auch ich möchte Ihnen danken, dass Sie ausführlich, treffend und stilsicher reagiert haben. Danke auch dafür, dass Sie an Dei Verbum erinnert haben. Historisch-kritische Exegese ist nicht obsolet - auf sie hat sich Rom selbst verpflichtet.
Gerhard Mentzel hat gesagt…
Sehr geehrter Herr Häfner,

auch die weitere Diskussion macht deutlich, dass eine geschichtswissenschaftliche Betrachtung, wie Sie sie vertreten, weiter nach dem Grund der Texte fragen muss, wie bisher geschehen.

Bei keiner der Aussagen, die hier zur Debatte stehen, kann es dem damaligen Denken um deb gegangen sein, den Hesemann der Welt erklären will. Da des aber dem Denken der antiken Aufklärung auch nicht weiter zu unterstellen ist, einen jungen Juden zum Judenkönig oder gar einer Art Gott gemacht zu haben, muss doch auf aufgeklärte Weise gefragt werden: Was war Grund der Christologie bzw. Theologiedebatten, die vom Logos handeln, den mit Sicherheit nicht nur Johannes zum Thema seiner Geschichte machte.

Bei der Debatte über die päpstlichen Jesusbücher wurde die Problematik besonders gut deutlich. Der Vorwurf, er hätte sich bei seiner Beschreibung eines hoheitlichen Wesens, das manche Ihrer Kollegen als die schöpferische Vernunft, das päpstliches Lebensthema ausmachten, an den biblischen gehalten, zeigt doch, was Thema des NT ist. Ein Heilsprediger, der dann doch nicht... oder nur... ist es auf jeden Fall nicht gewesen.

Der war ja auch nicht Thema der Theologie dieser Zeit bzw. des nun universal geltenden Monotheismus, den Ihre Kollegen in phil. Lehren auch im NT nachblättern.

Von Stammbaum, über den schöpferischen Vater bis zum Stern, das alles lässt sich sicher nicht weiter in einem Heilsprediger begründen. Aber wenn wir von der damals definierten und diskutierten Vernunft ausgehen, die als Wort verstanden, Josua, gr. Jesus war, wird es logisch.

Die Zeit der Darstellung Hesemann ist um. Heute wird doch längst bezweifelt, ob es einen Großkönig David oder überhaupt ein jüd. Staatsvolk vor dem 2. Weltkrieg gegeben hat. Was es aber gegeben hat, war der Verstand des Wortes, der Weisheit allen Werdens, die den Juden statt römischer Kaiser galt.

Und wenn doch auch die heutige Theologie längst selbst auflisten, wie nicht nur in der Geburtsgeschichte in Jesus Asklepios, Dionysos & Co. nachgestellt wurde. Dann ist es sicher lächerlich, im Sinne Hesemanns eine junge Hebräerin aus dem Hause Davids hinzustellen, die einen mit Hilfe des HG jungfräulich geborenen Heilsprediger gezaubert hat. Da aber die Antike in den Göttergestalten bereits einen Ausdruck der schöpferischen Vernunftordnung sah, wäre es an der Zeit, die hoheitliche Bedeutung Jesus nicht zu verkleinern. Warum sollte es sich nicht deutlich machen lassen, warum nicht die Göttersöhne, sondern die Vernunft allen Werdens/ das Wort in Person Jesus (der so im bildlosen Kult bekannten Ausdrucksweise, Aufgabe, Rolle) den Kulturwandel in antiker Aufklärung brachte.

Denn ein Heilsprediger ist den damaligen Denkern nicht weiter zu unterstellen. In dem lassen sich die theologischen Bedeutungsaussagen des NT, der Kulturwandel, die Neubegründung des Monoth. bzw. Offenbarung so wenig erklären, wie Hesemanns jungfräuliche Geburt.
Andreas Metge hat gesagt…
Der Geruch der "Stinkmorchel" wird ja im Hesemann'schen Text noch verstärkt durch den Hinweis auf das "von ihm mitunterzeichnete(n) anti-römische(n) „Memorandum(s) Freiheit“ von 2011": Wer den geistigen Lenden Bultmanns [pfui!] entspringt, der kann ja nur "antirömisch" (also gegen den Papst [pfuipfui]) sein und bestreitet so (siehe Überschrift des Hesemann'schen Textes) "das Wirken Gottes" [dreifach-donnerndes pfui!pfui!pfui!].
Um so angenehmer diese Replik, aus der ich Absatz für Absatz eine Menge Lernstoff mitnehme in den Tag!
Volker Schnitzler hat gesagt…
Spätestens jetzt steht Hesemann tatsächlich vor einem Scherbenhaufen ;-) Gut so! Und vielen Dank für diesen tollen Beitrag, Herr Häfner!
Markus hat gesagt…
Mir ist nicht ganz klar, was immer dieser Rumreiten auf der Aufklärung soll.

Ich verstehe grundsätzlich Menschen, die von Religion nichts wissen wollen. Die sagen, dass wir 80 Jahre haben und dann ist's halt aus. Kein Gott, keine Seele, einfach nur Anhäufungen von Molekülen. Diese Menschen tun mir ein wenig leid, aber ich finde ich Position nachvollziehbar. Was ich nicht verstehe sind die Leute, die sich mit übernatürlichen Instanzen unterhalten (beten) und dann aber meinen, sie müssten das irgendwie vor der Aufklärung rechtfertigen.

Das ist ein falsches Verständnis der Aufklärung bzw. der Naturwissenschaften. Diese sagen ja nicht, dass Beten rational ist, solange man die Bibel kritisch ließt. Die Naturwissenschaften sind Religionen ggü entweder indifferent oder grundsätzlich ablehnend. Es ist ein Trugschluss, dass man sich dem mit bestimmten theologischen Methoden annähern kann. Aus Sicht des Materialismus besteht kein Unterschied zwischen dem Glauben an eine menschliche Seele und dem an die Jungfrauengeburt oder die Arche Noah. Das ist alles gleich irrational.

Mir persönlich ist das egal. Ich glaube an Gott und an eine menschliche Seele. Und wenn ich das schon tue - da bin ich dann konsequent - kann ich auch gleich an den heiligen Geist glauben. Und der ist das entscheidende, nicht die Bibel.
Martin Kornelius hat gesagt…
Lieber Herr Prof. Häfner,
ich gehöre zu den stillen Lesern Ihres Blogs, als einer, der immer wieder mit viel Genuss und Erkenntnisgewinn Ihre Ausführungen liest. Recht herzlichen Dank.
Und auch von meiner Seite aus Dank dafür, dass Sie "die Stellung halten", die Mitte unserer Welt (von der ja auch die Bibel erzählt) lässt sich nur mit offenen Augen entdecken.
Markus hat gesagt…
Noch etwas:

Zum Thema was Vergangenheit und Scherben zusammenkehren angeht, lohnt es sich, ab und zu mal nicht den Instanzenweg zu gehen (zB eine Stellungnahme des BDKJ einzuholen), sondern mal ungefiltert die Weltsicht junger Katholiken zu erleben:

Die Kommentare zum Beitrag "Trierer Bischof Stephan Ackermann sieht Veränderungsbedarf in der Moral und Sexualethik der Katholischen Kirche" auf
https://www.facebook.com/bistumtrier sprechen Bände.

Natürlich ist das aber nicht die Rückmeldung, die er in den Bistumsgremien bekommt, wo der Altersdurchschnitt bei 68 liegt.
Markus hat gesagt…
Es tut mir leid, dass ich jetzt schon wieder einen Nachtrag schreibe, aber manchmal kommen die Gedanken erst so nach und nach.

Ich finde diese ganze Diskussion inhaltlich total irrelevant. Welcher Evangelist hat was gewusst? Gähn! Der Unterschied zwischen Prof. Häfner und Hesemann ist, dass Hesemann verstanden hat, worum es geht. Und deshalb kann Prof. Häfner hier langfristig nur verlieren. Weil es eben nicht darum geht, wie man die Bibel historisch richtig lesen sollte. Es geht viel mehr um Kultur, um die Art und Weise, wie ich die Welt sehe. Und hier hat Prof. Häfner uns nichts zu bieten außer seinem ad verecundiam Hinweis auf die Aufklärung. Hesemann dagegen spricht genau das an, was vielen Menschen heute fehlt: Der Wunsch nach Beständigkeit, Verlässlichkeit, Klarheit ist heute in jungen Menschen viel stärker ausgeprägt als vor 30 Jahren. Und es ist auch kein Geheimnis, dass gerade die "liberalen" Gruppierungen in der Kirche keinen Nachwuchs finden. Wir-sind-Kirche ist ein personeller Insolvenzfall. Diese ganzen Reformgruppen sind überaltert und eingerostet, denn sie haben in ihrem Glauben, die Speerspitze der Verjüngung zu sein, völlig vergessen, sich für die nächste Generation zu interessieren. Insofern hat Hesemann schon recht mit seinem Hinweis auf die Vergangenheit. Es ist kein Wunder, dass der Altersdurchschnitt bei den Messer der Piusbruderschaft viel geringer ist als im Pfarrgottesdienst. Es ist kein Wunder, dass katholisch.de nur einen Bruchteil der Besucherzahlen bekommt wie kath.net oder katholisches.info.

Die 68er-Kirche hat in ihrer Selbstherrlichkeit die folgende Generation mit ihren Bedürfnissen total vergessen. Sie hat sich an (vor dem Hintergrund der Situation der Weltkirche ohnehin) irrelevanten Anliegen aufgerieben, an irgendwelchen Memoranden gefeilt und dabei die genannten Sehnsüchte nach Verlässlichkeit und Beständigkeit (pathetisch gesagt: die Kirche als Fels in der Brandung des modernen Lebens) total ignoriert, ja sogar verächtlich gemacht. Damit hat sie diese ganzen Menschen dem rechten Rand überlassen. Und jetzt ist das Heulen groß. Und die Kirche hat es immer noch nicht verstanden, dass flotte Sprüche wie von Bischof Ackermann vor allem der Piusbruderschaft nutzen. Die wächst jeden Tag, während der Dom in Trier leer bleibt.
Anonym hat gesagt…
Ohne mich jetzt irgendwie in Ihrem kruden Kirchenbild positionieren zu wollen, aber das Heulen kommt seit Franziskus nur noch aus einer Ecke. Und Reformer sind da weit und breit nicht auszumachen ;-)
Markus hat gesagt…
@ Anonym

Sie haben sich zu meinem Kirchenbild positioniert. Sie haben es "krude" genannt. Nicht sonderlich überzeugend, sich im ersten Satz selbst zu widersprechen. ;-)

Im Übrigen habe ich über mein Kirchenbild überhaupt nichts gesagt. Was genau finden Sie denn krude? Sie können mir ja gerne widersprechen und behaupten, dass die Piusbruderschaft nicht wächst oder dass Wir-sind-Kirche tausende 22-jährige Anhänger in froher Aufbruchstimmung hat. Dann können wir Ihre und meine Behauptungen ganz einfach verifizieren. Mit Kirchenbild hat das allerdings wenig zu tun. Das wäre ja etwas Normatives.

Was das Heulen betrifft, haben Sie sicher nicht ganz Unrecht. Aber das ist eine andere Art von Heulen. Und ob das langfristig so bleibt, darüber können wir momentan nur spekulieren. Ich habe jedenfalls meine Zweifel, dass Franziskus vor hat, alle Anliegen zu erfüllen, die ihm da von deutschen Medien in den Mund gelegt werden. Da ist auch viel selektive Wahrnehmung im Spiel. Enttäuschte Liebe ist ja oft ein Quell großen Hasses. Und, wie gesagt, für die Piusbrüder ist dieser Papst (oder die Berichterstattung über ihn) bislang strategisch eher vorteilhaft.

Das Heulen, das ich meinte, ist aber ein anderes. Und es betrifft nicht nur die Kirche. Es geht um eine Generation, die sich in ihrem Selbstbild immer als jung, frisch und dynamisch gesehen hat. Deshalb sah man da keine Notwendigkeit, andere Ideen und "frischen Wind" reinzulassen. Diese Generation stellt jetzt langsam mit Entsetzen fest, dass sich weite Teile ihrer Nachkommen, die sich vernachlässigt haben, überhaupt nicht für das Lebenswerk der Eltern interessieren und sich dezidiert wieder auf "alte Werte" rückbesinnen. Auch in diesem Punkt dürfen Sie mir natürlich gerne widersprechen.

Um es noch mal klarzustellen, damit Sie hier keinen falschen Eindruck bekommen. Ich bin kein Anhänger der Piusbruderschaft oder katholisches.info. Was mich ärgert ist, dass da lauter junge, ernsthafte Katholiken hinrennen, weil das Kirchenestablishment sich nicht für sie interessiert und ihnen keine Angebote macht. Ich würde mir wünschen, dass diese Spaltung aufhört und sich auch konservative Katholiken wieder im Sonntagsgottesdienst wohlfühlen können.
Gerd Häfner hat gesagt…
@Markus (13:40)

Vielleicht darf man daran erinnern, wovon diese Diskussion ihren Ausgang nahm. Es ging nicht um die Frage, ob Hesemann das anspreche, was Menschen heute fehlt, sondern um die Frage, ob man historisch so argumentieren kann, wie er es tut. Und da ist der Verweis auf die Aufklärung kein Autoritätsargument, sondern ein Hinweis darauf, unter welchen Bedingungen sich historisches Denken entwickelt hat. Einfach so zu tun, als habe der mit der Aufklärung verbundene Traditionsbruch nicht stattgefunden, ist keine tragfähige Lösung. Wenn der Wunsch junger Menschen nach »Beständigkeit, Verlässlichkeit, Klarheit« ausgeprägter sein sollte als vor 30 Jahren, so kann ich mir nicht vorstellen, dass dieser Wunsch auf Dauer erfüllt wird, wenn Eindeutigkeit durch das Verschweigen von Problemen erkauft ist. Es wird wahrscheinlich immer Leute geben, die diesen Preis zu zahlen bereit sind. Wenn sie aber die Zukunft der Kirche sein sollen, dann wird die Zukunft der Kirche die kleine, abgegrenzte Gruppe sein. Solches anzuzielen würde allerdings kirchlicherseits einen erheblichen Traditionsbruch bedeuten.

Mir geht es nicht darum, zu gewinnen oder darum, dass ein anderer verliert. Aber ich halte die Art und Weise, wie Hesemann versucht, die historische Glaubwürdigkeit von neutestamentlichen Überlieferungen zu retten, für rückwärtsgewandt und nicht für zukunftsfähig – oder eben zukunftsfähig nur bei jenen, denen Eindeutigkeit wichtiger ist als das ehrliche Nachdenken über den Glauben unter den Bedingungen der jeweiligen Zeit. Ich meine, dass zu diesen Bedingungen das historische Bewusstsein gehört und deshalb bei der Frage des Verhältnisses von Glaube und Vernunft die historische Vernunft nicht ausgeklammert werden darf.
Anonym hat gesagt…
Und wieder dieses krude Bild einer Kirche, die nur in Ihrer Phantasie aus den beiden Lagern mit ihren stereotypen Attributen besteht. Wer so einfach gestrickt denkt, der glaubt dann vermutlich tatsächlich, dass ein rechtgläubiger Katholik ist, während Häfner die Kirche zu zerstören sucht, weil er keinen Glauben mehr hat.
Anonym hat gesagt…
da fehlt unten der Hesemann, wie konnte der mir nur entwischen ;-)
Markus hat gesagt…
@ Prof. Häfner

Vielen Dank für Ihre Antwort.

Es tut mir leid, wenn ich die Diskussion vom eigentlich Thema weggeführt haben sollte. Ich hatte aber den Eindruck, dass Ihr Blogeintrag nicht nur das historische Thema (zu dem ich mich mangels Kenntnis nicht äußern kann) behandelt, sondern auch die Art und Weise, wie man miteinander umgeht. Etwa die Hälfte Ihres Textes behandelt ja keine historische Analyse, sondern die Mentalität auf kath.net und den großen Zuspruch, den Hesemann dort erfährt.

Und ich sage, Sie machen einen Fehler, wenn sie das einfach auf ein paar Gestrige abschieben, um die man sich nicht weiter kümmern muss. Wenn Sie an diesem Phänomen wirklich etwas ändern wollen, müssen Sie die dahinterstehenden Dynamiken verstehen. Und die haben viel mit Enttäuschung und Sehnsucht zu tun. Das könnte die Kirche eigentlich relativ einfach integrieren. Stattdessen werden die Leute ausgegrenzt und kommen dann irgendwann als pöbelnde Kommentatoren auf kath.net wieder. Ich finde, soweit müsste es nicht kommen.

Die Frage ist halt letztlich, um was es Ihnen geht. Wollen Sie nur Ihrem Publikum zeigen, das Hesemann Unrecht hat? Oder wollen Sie an das grundsätzlich Problem, das dahinter steht?

Markus hat gesagt…
@ Anonym

Dass es in der deutschen Kirche Lagerkämpfe gibt, die uA in Hesemanns Angriffen auf Prof. Häfner ihren Ausdruck finden, ist sicher nicht meiner Phantasie entsprungen. Dass darüber hinaus die Kirche aus mehr als zwei Personen besteht, ist eine triviale Erkenntnis. Schwieriger zu erkennen ist allerdings, dass Sie mit mir genau dasselbe versuchen, was Hesemann mit Prof. Häfner macht, wenn er ihm unterstellt, von der leiblichen Vaterschaft Josephs auszugehen.
Gerd Häfner hat gesagt…
@ Markus

Ursprünglich ging es tatsächlich um die Beurteilung des historischen Befundes, und ich habe auch einigen Aufwand betrieben, um auf die Erwiderung Hesemanns auf diesem Feld zu antworten. Allerdings habe ich auch zur Frage des gegenseitigen Umgangs insofern geschrieben, als Hesemann mich persönlich und meine Position als häretisch angegriffen hat. Das hat allerdings auch mit dem ursprünglichen Thema zu tun, denn diese Reaktion hat mich in meinem Urteil bestätigt, dass seine Argumentation nicht wirklich von historischem Denken geleitet ist.

Was die Mentalität auf kath.net betrifft, so finde ich es halt äußerst betrüblich, dass dort mit verzerrenden Darstellungen gearbeitet wird, um Theologen anzuschwärzen (ich bin ja beleibe nicht der erste). Und wenn sich dort von Enttäuschung und Sehnsucht Getriebene treffen, ist es umso betrüblicher, dass sie von diesem Portal zu der verbalen Aggressivität, die ich beklagt habe, geradezu ermuntert werden. Und die Enttäuschung wird nur noch gesteigert, wenn ihnen Theologen als Häretiker präsentiert werden, mit E-Mail-Link zur kirchlichen Obrigkeit - und wenn die dann nicht reagiert, weil die Vorwürfe absurd sind, wird man in seiner Enttäuschung bestätigt.

Was ich mit meinen Beiträgen wollte: Nicht zeigen, dass Hesemann Unrecht hat (das ist zu persönlich formuliert), sondern zeigen, dass man so nicht historisch argumentieren kann. Die Universitätstheologie steht in einem eigenen Gesprächskontext, der nicht im kirchlichen Binnendiskurs angesiedelt ist (das ist ihre auch kirchlich gewollte Aufgabe). Und ich fände es fatal, wenn das Bild entstünde, dass die Kirche ihre Texte mit solcher pseudo-historischen Argumentation retten will.
Markus hat gesagt…
@ Prof. Häfner

Wieder vielen Dank für Ihre Antwort.
Ich werde Ihren Beitrag und Ihre Ausführungen bedenken.

Mein grundsätzliches Problem wird allerdings wohl bleiben. Aber da hilft wohl nur auswandern.
Gerhard Mentzel hat gesagt…
@Markus,

wohin wollen Sie auswandern? In den Vatikan, zu Amerikanern, die den Worten des Evangelisten glauben oder in den Nahen Osten?

Es hilft nur Aufklärung über die wahren Wurzeln in kreativer Vernunft, damit der chr. Kult wieder bedeutend wird.
Markus hat gesagt…
In den Vatikan? Haha! Der war gut!

Nene, ich wandere in die Diaspora aus. Dorthin, wo die Kirche klein und jung ist. Wo es keine Grabenkämpfe gibt. Keine Kirchensteuer. Keine Theologenkonferenzen. Keine Kirchenpolitik. Keine Laiengruppierungen. Keine Unterschriftenlisten. Keine Internetportale. Keine Pfarrerinitiativen. Keine stellvertretenden Gemeinderäte. Keine dicken Bischöfe, die mit Politikern Sekt saufen. Keine Leute, die dem christlichen Heilsversprechen irgendeine weltliche Bedeutsamkeit geben wollen. Nur eine handvoll Zerknirschter, die ehrfürchtig vor einem alten Kreuz knien.

Ne, Herr Mentzel, was red' ich? Wir beide sind so verschieden, dass Sie sich meine Träume nicht mal annähernd vorstellen können. Lassen wir's gut sein.
Anonym hat gesagt…
Lieber Herr Professor Häfner,

Sie sind alles andere als ein Polemiker, aber, wenn sie wollen, können Sie sich des Floretts gut bedienen. Aber wer sich gegen einen Giftspritzer wehren muss, hat dazu alles Recht! Ich danke Ihnen für Ihre gelehrte, kluge und überzeugende Replik. Bitte lassen Sie es sich nicht verdrießen, weiter auf irreführende Berichterstattung, auch in kath-net, zu reagieren.
Presbyterus

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