9. Februar 2012

Sonntagsevangelium (12)

6. Sonntag im Jahreskreis (B), Mk 1,40-45

Das Buch Leviticus handelt in den Kapiteln 13 und 14 von verschiedenen Hautanomalien, die zwar in der griechischen Übersetzung als Lepra (λέπρα) bezeichnet werden, aber nicht mit der Krankheit identisch sind, die heute mit diesem Begriff bezeichnet wird: eine Infektionskrankheit, hervorgerufen durch ein bestimmtes Bakterium (Mycobacterium leprae). Man widmete in alttestamentlicher Zeit den Hautveränderungen wohl deshalb derartige Aufmerksamkeit, weil die Haut den Menschen nach außen abgrenzt. Wenn sie dies nicht mehr wie üblich tut, besteht, so die Vorstellung, die Gefahr, dass unheilvolle Mächte die Grenze leicht überwinden und in den Menschen eindringen können. Wer von einer solchen Anomalie betroffen ist, wird deshalb als Unreiner durch den Priester vom heiligen Bezirk abgesondert.

Die einzige Geschichte von der Heilung eines »Aussätzigen« im Markus-Evangelium zeichnet ein hoheitliches Jesusbild. Der Kranke fällt vor Jesus auf die Knie und spricht ihn auf seine Fähigkeit zur Heilung an: »Wenn du willst, kannst du mich rein machen« (Mk 1,40). Deshalb kann man eine Beziehung zu 2Kön 5,7 herstellen. Dort sagt der um Heilung des aussätzigen Syrers Naaman gebetene König von Israel:

»Bin ich denn Gott, der die Macht hat, zu töten und lebendig zu machen, dass dieser zu mir sendet, einen Menschen von seinem Aussatz zu befreien?«
Liest man Mk 1,40-45 vor dem Hintergrund dieses Textes, wird Jesus als Wundertäter vorgestellt, der in göttlicher Macht handelt. Und dazu passt das Verhalten des Aussätzigen: In beidem, in der Geste des Niederfallens und im Wort, erkennt der Aussätzige die gött­liche Macht Jesu an. Wie die Bitte äußert sich dann auch die Heilung in Geste (Berührung) und Wort (1,41).

Angeschlos­sen ist ein auffälliges Schweigegebot – auffällig, weil es verbunden ist mit einer Handlung, die die geschehene Hei­lung gerade demonstriert: die Reinerklärung durch den Priester (1,44). Nicht die Heilung selbst soll also geheim bleiben, sondern dass und wie sie durch Jesus geschehen ist. Dass Jesus den Geheilten zum Priester schickt, erweist ihn als gesetzestreuen Juden (siehe Lev 14,2-4). Die Ge­schichte dürfte ursprünglich also in judenchristlichen Kreisen erzählt worden sein, um für den Glauben an Jesus zu werben. Zu dieser missionarischen Ausrichtung passt auch, dass der Ge­heilte das Schweigegebot durchbricht (Mk 1,45); denn dies zeigt die Größe des Wunders an.

Die Spannung zwischen Schweigegebot und an die Öffentlichkeit drängendem Wunder ist typisch für das Markus-Evangelium (s. 7,36; auch 3,11f; 9,25). Markus setzt im Ganzen einen starken Akzent auf das Wunderwirken Jesu und will doch Jesus nicht nur einseitig unter diesem Blickwinkel wahrgenommen wissen. Deshalb soll der Geheilte die Tat Jesu eigentlich nicht erzählen - wie auch die Dämonen schweigen sollen, die die wahre Identität Jesu kennen (s. dazu hier).

Möglicherweise richtet sich das Verhalten des Geheilten aber nicht nur auf die Ausbreitung der Wundertat. Markus verwendet ein geprägtes Wort: der Geheilte verkündet - wie es gerade in 1,39 von Jesus gesagt wurde. Und er verbreitet das Wort (meist wird eine andere Übersetzung gewählt: Sache, Geschichte). In der nächsten Erzählung wird es dann von Jesus heißen, dass er zu seinen Hörern das Wort redete (2,2). Breitet auch der Geheilte im Sinne des Markus die Botschaft Jesu aus und nicht nur die Geschichte von seiner Heilung? Die verwendeten Begriffe deuten in diese Richtung; im Ganzen des Markus-Evangeliums wäre dies allerdings ein einmaliger Zug. 

5 Kommentare:

Gerhard Mentzel hat gesagt…

Sehr geehrter Herr Prof. Häfner,

zeigt uns nicht auch diese Geschichte wieder, dass es den Verfassern um ein hoheitliches Wesen und nicht den guten Jungen, Rebellen, wundersamen Heiler... ging, als der der historische Jesus meist hier oder an den Hochschulen gilt? Kann dies bei allem dem, was wir wissen, weiter die einzige Hypothese sein?

Sicher können wir die in alten Texten ähnliche Heilungsgeschichten nachblättern. Doch ist es den damaligen jüd.-griechischen Denkern als einzige wissenschaftliche Hypohtese weiter zu unterstellen, sie wollten nur einen jungen Juden verherrlichen, wie er heute als historisch vorausgesetzt wird?

Lässt nicht gerade die hoheitliche Rolle als König der Juden oder lebendiges Wort auf Erden, von dem schöpferische Kraft und Heilung ausging, auch den Logos/die Vernunft allen kreativen Werdens in den Blick nehmen, die damals verschieden diskutiert wurde, Gegenstand der Theologie/Philosophie war?

Gerd Häfner hat gesagt…

Sehr geehrter Herr Mentzel,

sicher ging es den Evangelisten, wenn sie von Jesus erzählen, nicht einfach um einen »guten Jungen«, sondern um den Kyrios, Sohn Gottes, um den, dem »alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben ist« (Mt 28,18). Aber sie stellen ihn und sein Wirken doch so dar, dass er im Rahmen jüdischer Tradition als Verkünder der Gottesherrschaft und Wundertäter erscheint. An einer Diskussion um »den Logos/die Vernunft allen kreativen Werdens ..., die damals verschieden diskutiert wurde, Gegenstand der Theologie/Philosophie war«, wie Sie schreiben, nehmen sie nicht teil.

Dies gilt auch für das Johannes-Evangelium, das wegen der Logos-Christologie des Prologs am ehesten in Frage käme als Gewährsmann für Ihre Position. Die Evangelientradition zeigt aber im Ganzen keine Beteiligung an philosophischen Diskussionen in der griechischen Welt. Sie will sicher nicht nur »einen jungen Juden verherrlichen«, aber sie versucht, die Bedeutung Jesu mit Kategorien der jüdischen Tradition zu erfassen. Das ist auch eine durchaus hoheitliche Sicht (den Evangelisten geht es nicht um den »historischen Jesus«), aber sie orientiert sich nicht erkennbar an Fragestellungen der griechischen Philosophie.

Gerhard Mentzel hat gesagt…

Vielen Dank Herr Häfner,

dass Sie auf meine Frage antworten. Ihr Kollege außer Amt, Klaus Berger, an den ich - angeregt durch seine Bücher, Vorträge oder Ausführungen seiner Schüler - unzählige Briefe richtete (auf meiner Homepage zu finden) sind,hat mir nur empfohlen, nicht zu sehr auf den Logos zu insistieren, sondern in der Bibel zu lesen.

Auf den ersten Blick ist dort natürlich nur im Johannesprolog vom Logos zu lesen bzw. von einer philosophischen Fragestellung bei den Evangelisten kaum was zu finden.

Doch wenn es den Evangelisten nicht um den historischen Jesus ging, sondern ein hoheitliches Wesen (das Ihr Kollege Berger als historischen Jesus postmodernen bewahren will), wen soll ich jetzt in der Bibel suchen? Wie kommt die Wissenschaft dazu, mit Bezug auf die Bibel neben den hoheitlichen Jesus, der dort das Theama ist, nur einen historischen Wanderprediger stellen zu wollen, wie er heute allgemein gesucht wird?

Wie wahrscheinlich ist es, dass in einer Zeit, in der der bildlose Kult von Reformjuden wie griechischer Aufklärung neu durchdacht bzw. phil. Monotheismusformen diskutiert wurden, in Alexandrien statt Göttersöhne nun der Logos (die rationale Welterkärung) galt (eine "Christologie" an die die Kirchendiskussion anknüpfte) einen Reforprediger, der heute als historisch gilt, als offenbaren Gottessohn, Christus, Neubegründung des Monotheismus... sah, der nun für Griechen und Junden galt?

Reicht es, in den die Evangelien nach einem historischen Menschen Ausschau zu halten und ihn in die Zeit hineinzulesen, wenn dort von einem hoheitlichen Wesen zu lesen ist? Wenn wir doch wissen, dass der Kanon das Werk früher Kirche ist, das z.B. Marcions Textsammlung oder der von den Römern verkündeten frohen Botschaft (dem Kaiserevangelium) entgegengesetzt wurde, müssen wir dann nicht schauen, was am Anfang Grund der sehr vielfältigen Reformbewegungen war?

Kann bei dem, was wir heute über die sehr vielfältigen Anfänge, die christich-philosophische Gnosis, die jüdische Apologetik Alexandrien und andere jüdischen Reformbewegungen, wie die gr. Denkschulen dieser Zeit... wissen, weiter angenommen werden, die frühen christlichen Apologeten und Kirchenväter, die eindeutig vom Logos als Jesus schreiben, hätten einen jungen Juden vor Augen gehabt, wie er heute als historischer Jesus gesucht wird? Kann das weiter die einzige wissenschafltiche Hypothese sein?

Mir ist bewusst, dass Apologeten wie als erster Verfasser geltende Justin oder der aus der Phil. kommende Kirchenvater Origenes die menschliche Seite/Darstellung (Augabe/Rolle=Person) Jesus gegen andere Denkformen verteidigen. Deren Argumentation kann ich (auch von Vernunft, statt einem Zweibeiner ausgehend), durchaus nachvollziehen. Doch zeigt nicht allein die Diskussion, dass es am Anfang auch anderes ging?

Und ist bei diesen chr. Anfängen, deren Diskussion sich eindeutig auf den Logos bzw. die rationale Welterkärung bezog, weiter ein Wanderprediger als einzige Historienhypothese zu unterstellen?

Wrum sollte es nicht Aufgabe der neutestamentlichen Wissenschaft sein, nicht nur an einen Wanderprediger, sondern das damals in anfänglicher rationaler Welterkärung verstandene Wort/Vernunft nachzudenken, wenn über den Grund der vielfältigen Anfänge bzw. der jüd.-gr. Reformbewegungen, die zum Christentum wurden (wie wir heute wissen, auch zum Islam oder dem jetzigen Judentum)geforscht wird.

Gerd Häfner hat gesagt…

Ich weiß nicht, ob ich Sie richtig verstehe. Sie fragen: »Wie kommt die Wissenschaft dazu, mit Bezug auf die Bibel neben den hoheitlichen Jesus, der dort das Thema ist, nur einen historischen Wanderprediger stellen zu wollen, wie er heute allgemein gesucht wird?« Die Antwort lautet: weil die Evangelien einen solchen Wanderprediger vor Augen stellen. Das JohEv sagt vom Logos, dass er ins Fleisch gekommen ist, die Kirchenväter verteidigen, wie Sie selbst schreiben, »die menschliche Seite/Darstellung«. Das »hoheitliche Wesen« der Evangelien vom konkreten Menschen abzulösen, »dem jüdischen Jungen« in Ihrer Diktion, lässt sich aus den Ursprungsdokumenten nicht begründen und auch nicht durch einen allgemeinen philosophischen Hintergrund (Logos-Spekulation) wahrscheinlich machen.

Gerhard Mentzel hat gesagt…

Danke Herr Häfner, für ihre Antwort,

auch wenn sie nicht auf die vorgebrachten Argumente eingegangen sind, die m.E. danach verlangen, neben einem einem historischen Menschen mit zufälligem Namen Jesus, auch die in dieser Gestalt kulturgerecht zum Ausdruck gebrachte bzw. damals verschieden definierte und vieldiskutierte Vernunft als historische Realität und gleichzeitig hoheitliches Wesen (Grund des erneuerten bildlosen jüd. Monoth. bzw. chr. Glaubens) zu bedenken.

Denn genau wie Sie sagen, lässt sich das hoheitliche Wesen nicht vom historischen Jesus trennen. Doch kann bei Licht betrachtet, den anfänglichen Denkern in ihren vielfältigen Diskussionen weiter als einzige wissenschaftliche Hypothese unterstellt werden, sie hätten den vor Augen gehabt, der heute als historisch gilt?

Sicher war und ist es richtig, dass die Evangelisten das Bild des guten Jungen, Rebellen, Charismatiker... bzw. Wunderheilers vor Augen stellen. Doch wenn nicht nur die Kritik deutlich macht, dass dies kein historischer Bericht ist, sondern die Kirchenlehre alles als hohe Theologie bzw. Christologie in Geschichtsform erklärt und auch Sie sagen, dass die Evangelisten von einem hoheitlichen Wesen, nicht von einem historischen Jesus handeln. Wie kommen wir dann darauf, dass es den Verfassern bzw. Herausgebern des Kanon um den ging, dessen soziales Umfeld heute untersucht wird?

Ist den anfänglichen Denkern, die jede Menschenvergottung, wie z.B. den Kaiserkult ablehnten, weiter einfach zu unterstellen, sie hätten einen Heilsprediger als Gottessohn vor Augen gehabt und darauf einen für alle Welt geltende Monotheismus gründen wollen?

Können wir weiter einfach die Augen vor dem Wissen um die sehr vielfältigen - auch doketistischen, gnostischen - heute als urchr. geltende Anfänge, die phil. Definition des Monoth. antiker Aufklärung, die in Vernunft begründete jüd. Reformbewegung Alexandriens dieser Zeit... verschließen und so tun, wie wenn es den vom Logos als Jesus schreibendenden Denkern wie Justin, Origenes & Co., aber auch anderen Kirchenvätern oder Irenäus, der am Anfang des kirchlichen Kanons steht, um den guten Jungen gegangen wäre, der heute als historisch gilt?