Aufbruchsschelte

Der Katholikentag in Mannheim weckt, angesichts der derzeitigen Polarisierungen nicht ganz überraschend, nicht nur freudige Erwartungen. Wer als Veranstalter das »sogenannte Zentralkomitee der deutschen Katholiken« ausmacht oder ein  »Nein-danke: ZdK«-Video ins Netz stellt, wird zu einer positiven Würdigung des Katholikentags wenig geneigt sein. In scharfer Form hat jetzt Alexander Kissler im Vatican-Magazin das Motto des Treffens aufs Korn genommen: »Einen neuen Aufbruch wagen«. Er spielt mit der Mehrdeutigkeit des Substantivs »Aufbruch«, mehr noch des Verbs »aufbrechen« und weist auf die negative Bedeutung hin.
»Wenn ein gebrochener Knochen nicht heilen will, bricht er auf. Wenn eine Wunde sich nicht schließt und zu eitern beginnt, kann sie aufbrechen. Wenn die Erde bebt, Häuser wanken und die Straße die Menschlein in den Abgrund zieht, bricht der Asphalt auf. Aufbrüche sind Katastrophen. Sie ereignen sich am Zenit einer Fehlentwicklung. Dann hilft nur Ruhe, Schonung, Gottvertrauen.«
In biblischem Zusammenhang fühlt man sich dagegen beim Thema  »Aufbruch« an Abraham erinnert, an den das Wort des Herrn erging: »Geh aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters in das Land, das ich dir zeigen werde« (Gen 12,1). Und wie antwortete Abraham? »Ach, Herr, Aufbrüche sind Katastrophen, lass mir lieber meine Ruhe.« Diese Antwort würde wohl in den Codex Alexandri polemici rescriptus passen, ist in alten Handschriften aber nicht überliefert. 



Ist der Begriff »Aufbruch« erst einmal negativ konnotiert, kann man auch das Rede vom Wagnis kritisieren:

»Schleierhaft aber bleibt, warum es nötig sein soll, ihn zu wagen, den schmerzenden Aufbruch. Dessen Wesenszug ist, dass er uns zustößt, wenn wir ihn am wenigsten gebrauchen können, dass er, uns aufbrechend, Gestalt annimmt in uns. Ein organisierter Aufbruch ist ein Widerspruch in sich.«
Das gilt allerdings nur, wenn man sich den Begriff vorher so zurechtgelegt hat, dass das Moment der Organisation zum inneren Widerspruch wird. Zum paradigmatischen Aufbrecher Abraham lesen wir nicht, dass ihm der Aufbruch zugestoßen sei, als er ihn am wenigsten gebrauchen konnte; dass er, den Patriarchen aufbrechend, Gestalt annahm in ihm. Auch gab es einiges zu organisieren: 
»Und Abraham nahm seine Frau Sarai und Lot, den Sohn seines Bruders, und all ihre Habe, die sie erworben, und die Leute, die sie in Haran gewonnen hatten, und sie zogen aus, um in das Land Kanaan zu gehen, und sie kamen in das Land Kanaan.« (Gen 12,5)
Sicher muss Abraham nicht »Agenden formulieren, Ansprüche verstärken, Strategien bündeln«, wie Kissler das Planungsmoment des Katholikentagsaufbruchs umschreibt. Ich will ja auch nicht behaupten, dass sich die katholische Kirche hierzulande in der Situation des Erzvaters befände. Aber das nicht unbiblische Motto des Katholikentags durch einen semantischen Trick ins Lächerliche zu ziehen wird nur die erfreuen, die ihr negatives Urteil über die Veranstaltung bestätigt sehen wollen. Mit Schaudern denkt man daran, was Übelwollende unter Anwendung derselben Methode mit dem Fest Cathedra Petri in der üblichen deutschen Übersetzung veranstalten könnten. 

Die Willkürlichkeit der Negativ-Auslegung des Mottos wird durch die Tatsache bestätigt, dass die Neuevangelisierung ebenfalls mit »Aufbruch« verbunden wird - bislang meines Wissens aber unkritisiert (z.B. hier, hier, hier (pdf) und hier [Seite des Verlags, in dem das Vatican-Magazin erscheint]. Dass ein Ziel angegeben wird, unterscheidet diese Fälle zwar vom offenen Katholikentagsmotto. Dennoch zeigt sich: Die Katastrophendeutung von »Aufbruch« wird dort angewandt, wo man den Aufbrechenden nicht traut. Der Begriff selbst liefert der Kritik keine Basis. 


Tu infelix Austria


Ein anderer (nicht im Netz verfügbarer) Beitrag desselben Heftes, die Glosse Aufgeschnappt - hinter dem Sant’ Anna-Tor, nutzt den Katholikentag als Aufhänger für einen Rundum(tot)schlag gegen Reformdebatten. Es habe in Rom Befürchtungen gegeben, das »ökofaire und glaubensneutrale Treffen« hätte durch einen ehemaligen Generalvikar und einen emeritierten Lehrstuhlinhaber aus Österreich »mit ihrer multimedialen Präsenz und der Strahlkraft vierzig Jahre alter Ideen ergrauender kirchlicher Pensionäre einen neuen unwiderstehlichen Elan« erhalten können (gemeint sind wohl Helmut Schüller und Paul M. Zulehner). 


Wahrscheinlich muss man der Vorstellung, das Alter einer Idee und ihres Vertreters sei für deren Wert in irgendeiner Hinsicht relevant, zustimmen, um die Ironie einer solchen Passage schätzen zu können. Und ein gepflegtes Vorurteil über die Eitelkeit der deutschen Professorenschaft hilft immens, wenn man den Bezug auf die 

»in veraltete Nadelstreifenanzüge gezwängten teutonischen Professoren der Theologie sowie emsige Hilfsbischöfe im Norden des Landes, die auf Schlagzeilen so unausweichlich angewiesen sind wie Drogensüchtige auf eine Heroinspritze« 
witzig finden will. 

Aber der heftigste Schlag wird gar nicht gegen deutsche Hochschullehrer geführt, sondern gegen österreichische »Mitraträger« - und da hat sich dann auch alle Ironie verabschiedet. Stattdessen werden etwas verklausuliert, aber dennoch plump Aggiornamento-Versuche attackiert. Jene Mitraträger und die ihnen zugehörige Lokalkirche hätten sich schon immer durch die »Gabe ausgezeichnet, sich mit den Erfordernissen der Zeit in Einklang zu bringen«. Zwei Beispiele werden angeführt, ich gehe hier nur das zweite ein, das sich auf die Vorgänge des Jahres 1938 bezieht (ohne dieses Jahr oder irgendeine beteiligte Person beim Namen zu nennen): 

Als »ein Abkömmling der Heimat großer Söhne und Töchter das Land einem anderen, größeren Reich anschloß, begrüßte ihn der Erzbischof der Walzermetropole mit einer schneidigen Bekundung völkischen Willens.«
Der Autor zieht also tatsächlich eine Parallele zwischen dem Verhalten der kirchlichen Autorität in der Erzdiözese Wien (Kardinal Theodor Innitzer) bei den Vorgängen um den »Anschluss« Österreichs an Nazi-Deutschland und den heutigen innerkirchlichen Debatten. Die Fortsetzung des gerade zitierten Satzes lautet: 
»Und auch heute bemühen sich die Seelenhirten der Republik um freundliche Seitenblicke der heimisch-heimeligen Gesellschaft und wenden sich oft 'ein bisserl' oder auch etwas mehr vom verstörenden Anblick des Kreuzes ab.« 
Da werden Äpfel nicht nur mit Birnen verglichen, sondern mit Pferdeäpfeln. Beide Größen haben tatsächlich gewisse Gemeinsamkeiten: sie kommen auf unserem Planeten vor, haben ähnliche Form und können auf die Erde fallen. Dass die Unterschiede dennoch in hohem Maß überwiegen, wird man beim Verzehr feststellen. 

Der Trick des Autors besteht darin, eine übergreifende Formulierung zu wählen (»sich mit den Erfordernissen der Zeit in Einklang bringen«), die man auf zwei Phänomene anwenden kann, obwohl diese sachlich meilenweit auseinander liegen: hier die Frage, wie die Kirche das Evangelium unter heutigen Bedingungen verkünden soll; dort die Frage, wie die Kirche am besten auf die Ansprüche eines diktatorischen Regimes reagiert. Und das Praktische an dieser Strategie: Man kann kirchliche Reformversuche atmosphärisch mit Nazivergleichen belasten. Dass man damit weder den geschichtlichen Vorgängen im Ganzen (s. dazu hier) noch der Gegenwart gerecht wird, steht auf einem anderen Blatt, das Hinter dem Sant’ Anna-Tor aber offensichtlich nicht herumlag. 

Kommentare

Anonym hat gesagt…
Danke! Und ich dachte schon es gäbe nur noch mit schwarzen Brettern vernagelte Köpfe wie Kissler in der Kirche. Aber die gibts immer noch viel zu häufig.
Gerhard Mentzel hat gesagt…
Wie besser hätte die kath. Kirche zum Ausdruck bringen können, was für den chr. Glauben notwendig ist, als mit dem Motte in Mannheim?

Wer allerdings keine Krise des Glaubens sehen, keine Fehlentwicklungen in der theologischen Deutung der chr. Grundlagen bedenken will, der darf sich nicht wundern, wenn das Motto stört bzw. in den Dreck gezogen wird.

Schade, dass ich die nächsten Tage keine Zeit habe, um über dem Rhein theologische Veranstaltungen zu besuchen. Denn einen "Einen neuen Aufbruch wagen" scheint mir mehr als Not-wendig. Auch wenn ich dabei weniger an "das Verhältnis zu Wiederverheirateten" denke, wie es in den Nachrichten als ein Thema genannt wurde, sondern grundsätzlichere Fragen.

Wenn Wunden falsch heilen, sich Fehlentwicklungen einstellen, dann hilft kein Verdrängen, muss ein Aufbruch sein. Ein Thema, das nicht nur wie geschildert das AT betrifft, sondern letztlich der Grund des NT gewesen scheint. In einer aktuellen Deutung dessen letzten Buches in "Bibel und Kirche" des Kath. Bibelwerkes über die Johannesapokalypse machen verschiedene Theologen das wieder deutlich:

Einerseits Zusammenbruch, Ende, Katastrophe, aber in Wirklichkeit Sehen was ist: Aufdecken, Enthüllen der Wirklichkeit zur Bewältigung der Krise, Enthüllung der Zukunft an einem Übergang, Erwartung einer neuen Wirklichkeit im Neuanfang...

Und was die Theologen da über die Bilder-Macht des Johannes darlegen, wie hier in Auseinandersetzung mit den Kulturproblemen, Missständen der der Zeit, die mehr waren, als römische Kaiser, alttestamentliche Bilder der Prophetenzeit aufgegriffen wurden, um einen neuen Aufbruch zu beschreiben, dann wird mir wieder deutlich, wie not-wendig wir den in Sachen dessen haben, der in der Apolkalypse das Thema war und hier den Namen Jesus hatte.

Ich gebe daher die Hoffnung auf nicht auf, dass theologiche Wissenschaftler einen "Neuen Aufbruch wagen", der dann auch dzu einer ganz anderen Neuevangelisierung führt, als bisher angenommen: Nicht nur als neue rhetorische Verkündung oder Remythologisierung der in Aufklärung vom Glaube abgebrochenen, sondern Christus in der Fülle des Evangeliums auf aufgeklärte Weise verstehen und vergegenwärtigen lässt.

Denn dem Verfasser dieses antiken Aufbruches bzw. der Apokalypse weiter zu unterstellen, er hätte von dem geschrieben, der heute als der historische Jesus gilt, den als Messias gegen den römischen Kaiser gestellt bzw. einen besonders charismatischen Religions-Rebellen als Gott gesehen oder ihn zum offenbaren Wort gemacht, darin einen neuen Bund bzw. Monoth. begründet, das "neue Jerusalem" gesehen, den Tempel und das lebendige Gesetz, das verlangt schon einen gewaltigen Aufbruch.

Wieviel Weisheit doch die Bibel enthält, wenn sie in ihren vielen Bildern deutlich macht, wie immer wieder ein Aufbruch notwendig ist, um die selbstherrliche Sprachverwirrung/den Abfall zu überwinden, um auf der ewigen Reise von Babylon nach Jerusalem zu führen, auf neue Weise gemeinsam in vielen Sprachen das zu verstehen, was am Anfang als Wort (hebr. Vernunft) galt und vielfache Gestalt hatte. Aber bis Pfingsten sind es ja noch paar Tage.
Alexander Kissler hat gesagt…
Wieder mit Schmackes geschrieben! Chapeau. Dass dem Begriff indes (auch) eine Abgründigkeit innewohnt, ist evident. Siehe zum Beispiel http://www.enzyklo.de/Begriff/Aufbruch
Aufbruch kann demnach den "Aufbruch eines Geschwüres" meinen oder das Aufschneiden eines erlegten Wildes, sodass dessen "Aufbruch" zum Vorschein kommt. Das gälte es, lieber Herr Häfner, durchaus mitzubedenken. Und der neueste Faszikel aus dem Codex Alexandri polemici rescriptus (zuviel der Ehre...) findet sich hier: http://www.theeuropean.de/alexander-kissler/11071-katholikentag-in-mannheim
Gott zum Gruße!
Regina hat gesagt…
Ich empfehle den beiden Herren Mentzel und Herrn Kissler folgenden Beitrag :

http://www.heise.de/tp/artikel/36/36935/1.html
Anonym hat gesagt…
Danke Regina für den Link!

Auch Herr Nürnberger hat sich schon mal Gedanken über den Zustand seiner Kirche gemacht und das nicht nur einmal. Unter anderem in der Süddeutschen Zeitung am 23. Juli letzten Jahres.

Titel seines Beitrags:

O Jesus!
Ein Bestseller feiert den Zölibat, Gottesdienste sollen
wieder Mysterien sein, Promis entdecken die
Unfehlbarkeit: Was da los ist? Der Hurra-Katholizismus
ist los.

Der ganze Artikel unter:

http://www.muenster.de/~angergun/nuernberger.pdf

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