9. Mai 2012

Endzeitpropheten

Die evangelische Nachrichtenagentur IDEA berichtet über Beiträge, die pfingstkirchliche Theologen in der Zeitschrift »GEISTbewegt« zur Frage nach den Zeichen der Endzeit veröffentlicht haben. Zwar wird geurteilt, dass sich alle Festlegungen der Vergangenheit als falsch erwiesen hätten - eine Analyse, der angesichts des bisher nachweislich ausgebliebenen Weltuntergangs nur wenige widersprechen werden. Dennoch wagt der Autor eines Beitrags, Pastor Hanspeter Weber, eine Prognose: »So nahe wie jetzt war die Menschheit dem Ende noch nie.« Nun ist auch dies auf den ersten Blick eine recht unstrittige Aussage, doch hat der Pastor sicher nicht mitteilen wollen, dass sich seiner Auffassung nach der Zeitstrahl ununterbrochen in dieselbe Richtung bewegt. Immerhin hat er für seine banal klingende Aussage ein prominentes Vorbild, das uns bei der Auslegung seines Satzes helfen kann.


Paulus schreibt in Röm 13,11:

»Jetzt ist die Rettung näher als zu der Zeit, da wir zum Glauben kamen«.
Auch hier kann man davon ausgehen, dass Paulus nicht sagen wollte, dass uns der Ablauf der Zeit einem künftigen Ereignis näher bringt. Seine Aussage zielt auf die Nähe des künftigen Ereignisses: Jetzt ist die Rettung noch näher als zu der Zeit, da wir zum Glauben kamen. Der Satz ist also ein Zeugnis der Naherwartung des Apostels. Und das ist auch die Botschaft von Pastor Weber, mit der er seine Warnung vor Festlegungen zum Zeitpunkt des Endes gleich wieder zurücknimmt: Wir wissen zwar nicht, wann genau das Ende kommt, aber es ist doch so nah, dass man seine Zeichen schon wahrnehmen kann.
Internet, Erdbeben, Multimedia

Und dass dann tatsächlich nach diesen Zeichen gesucht wird, ist aus exegetischer Sicht fragwürdiger als die Zeitstrahl-Tautologie. Denn dies bezeugt einen unsachmäßen Umgang mit apokalyptischen Motiven: die Deutung der eigenen Gegenwart als Zeit, in der bestimmte biblische Vorhersagen eintreffen. Mit ausreichender Phantasie lässt sich hier immer etwas finden. Selbst »ein dichter werdendes Überwachungsnetz über das Internet« kann dann ausgeschlachtet werden, obwohl in biblischen Texten das Internet nach allgemeiner Auffassung nicht direkt zur Sprache kommt. 

Besser steht es da mit den Erdbeben, denn die werden tatsächlich genannt z.B. Mk 13,8). Aber warum deren Zunahme gerade jetzt für die Endzeit signifikant sein soll, erfahren wir nicht. Dass es immer mehr werden, ist unvermeidlich, denn ein einmal geschehenes Erdbeben kann nicht rückgängig gemacht werden. Wahrscheinlich ist gemeint, dass sie immer häufiger auftreten. Doch sie werden einfach nur häufiger gemessen und mitgeteilt als früher (s. dazu hier und hier).

Während der Fortschritt der Technik zu den Erdbeben nicht bedacht wird, wertet Pastor Weber die neuen Kommunikationsmittel in einem anderen Fall direkt für die Endzeit-Diagnose aus. Dass in Mk 13,7 das Hören von Kriegen und Kriegsgerüchten als »Anfang der (endzeitlichen) Wehen« gedeutet wird, weise auf die heutigen massenmediale Möglichkeiten: 
»Noch nie waren Menschen so gut über die kriegerischen Auseinandersetzungen vielerorts informiert wie in unserer multimedialen Zeit...«
Das trifft wohl zu, aber was hat das mit Mk 13,7 zu tun? Dieses Wort hebt nicht darauf ab, dass man zum Beginn der endzeitlichen Katastrophenzeit besonders gut über »Kriege und Kriegsgerüchte« informiert sei.
Immer richtig: »Eine Zeit wie nie!«

Ein zweiter Beitrag leitet die nahe Endzeit vor allem aus der Situation im Nahen Osten mit der Bedrohung des Staates Israel ab: 
»Eine Zeit wie nie! Aus all dem zeichnet sich der Aufstieg des Antichristen und seines Reiches ab. In Verbindung mit dem Schicksal Israels. Der Herr wird die Völker erschüttern. Er ist schon dabei!«  
Gibt es eine Zeit, über die man nicht sagen könnte: »Eine Zeit wie nie!«? Wann wurden die Völker nicht erschüttert? Wer das apokalyptische Schreckensszenario nicht unbedingt miterleben möchte, dem bleibt fast nur die Hoffnung auf ein Erlahmen der christlichen Mission. Denn Pastor Weber verweist auf den Zusammenhang von Abschluss der Mission und dem Kommen des Endes (Mt 24,14). Da es noch viele Sprach- und Volksgruppen gebe, denen die christliche Botschaft unbekannt sei, bleibe noch einiges zu tun.

Club of Rome und Apokalyptik

Wie man diese apokalyptischen Traditionen sachgerechter auslegt, habe ich an anderer Stelle vorgestellt (s. hier), weshalb es nicht wiederholt werden muss. Nur einen Grundgedanken apokalyptischen Denkens greife ich auf: Es geht in ihm wesentlich darum, angesichts einer als äußerst bedrängend und notvoll erfahrenen Gegenwart das Vertrauen auf Gottes Hilfe und Eingreifen zu stärken. Deshalb sind Katastrophenszenarien, wie sie jetzt gerade der Bericht an den Club of Rome präsentiert hat, nicht als Bestätigung apokalyptischer Zukunftsvisionen zu deuten. Ihnen fehlt nicht nur der theologische Grundzug der Apokalyptik. Es bleibt auch ein zweiter grundsätzlicher Unterschied zu bedenken: Die damaligen Apokalyptiker entwickelten zwar eine universale Lösung (das Kommen der neuen Welt Gottes); die Krise, die sie mit dieser Lösung bewältigten, hatte aber keineswegs globales Ausmaß. Auch deshalb wäre es völlig verfehlt, wenn man sich über die diagnostizierte Bedrohung des irdischen Lebens mit dem Hinweis beruhigen wollte, dass ein solch katastrophaler Untergang im Geschichtsplan Gottes eben festgeschrieben sei. Die apokalyptischen Texte zielen keineswegs auf einen solchen Gedanken. 

Bibeltreue?


Im Übrigen ist es erstaunlich, dass Leute, die doch sehr gut den Satz kennen, um den Tag und die Stunde des Endes wisse allein der Vater, nicht einmal der Sohn (Mk 13,32), ihn doch nicht als Warnung vor Terminspekulationen ernst nehmen. Sie überlassen zwar Tag und Stunde dem Vater, an der Bestimmung von Jahr oder Jahrzehnt machen sie sich aber zu schaffen.