31. Mai 2012

Sonntagsevangelium (28)

Dreifaltigkeitssonntag (B): Mt 28,16-20 

Der Schlussabschnitt des Matthäus-Evangeliums kann als Schlüssel zum ganzen Werk verstanden werden. Jesus als Träger universaler Vollmacht (28,18) – dies erklärt das im ganzen hoheitliche Bild des irdischen Jesus bei Matthäus. Jesus spricht davon, dass ihm alles (wohl: alle Macht) von seinem Vater übergeben sei (11,27). Die Jünger bekennen ihn kniefällig als den Sohn Gottes (14,33) und rufen ihn als Herrn an (8,25). An beiden Stellen hat Matthäus seine Vorlage im Markus-Evangelium geändert: das Gottessohn-Bekenntnis ersetzt die Notiz, die Jünger hätten keine Einsicht gewonnen (Mk 6,52); die Bitte an den Herrn um Rettung tritt an die Stelle eines Vorwurfs (Mk 4,38). 

24. Mai 2012

Sonntagsevangelium (27)

Pfingstsonntag: Joh 20,19-23 oder 15,26-27; 16,12-15

Zu Joh 20,19-23 s. hier. Die folgenden Überlegungen beziehen sich auf den Alternativtext. 


Die Gegenwart Jesu im Geist nach seiner Rückkehr zum Va­ter: dies ist das eine große Thema der sogenannten »Para­klet-Sprüche« in den Abschiedsreden des Johannes-Evange­liums. Das griechische Wort, das unübersetzt mit »Paraklet« wiedergegeben wird (παράκλητος), bedeutet wörtlich »der Herbeigerufene« und bezeichnet ursprünglich vor allem den Beistand vor Gericht, ohne allerdings auf diesen Bereich festgelegt zu sein. Es kann sich um einen Fürsprecher jedweder Art handeln. Außerdem erhielt der Begriff »Paraklet« auch den Sinn: einer, der ermutigt, tröstet, mahnt, belehrt. Die Begriffsgeschichte zeigt eine außerordentliche Anpassungsfähigkeit des Ausdrucks. In den Abschiedsreden kann dessen Bedeutung wohl am besten mit  »Beistand« wiedergegeben werden. 

19. Mai 2012

»Pro multis«, contra Lehmann et Papam

Die Debatte über das »pro multis« hat gestern ein kleines Lehrstück darüber geliefert, wie Texte so wahrgenommen werden können, dass man schon nicht mehr von wahrnehmen sprechen kann. Es scheint ein psychologisches Gesetz zu sein: Hat man sich erst einmal mit seinem Feindbild angefreundet, wirkt es wie ein Filter, der nur noch durchlässt, was zu diesem Bild passt. Manche sich besonders katholisch wähnende Kreise haben Kardinal Lehmann als einen Feind auserkoren, dessen Äußerungen zu äußerst heftigen Reaktionen führen. Mit Schaum vor dem Mund werden mir erregten Fingern herabwürdigende Kommentare in die Tastatur gehämmert - die moderne Internet-Variante der Maul- und Klauenseuche (stomatis epidemica commentatorum).

Was hat Kardinal Lehmann nun Furchtbares gesagt? Folgende Meldung auf kath.net hat dazu geführt, dass nicht wenige Kommentatoren den Jauchekübel hervorgeholt und sich als Abonnenten einer Unflat-Rate zu erkennen gegeben haben:

18. Mai 2012

Sonntagsevangelium (26)

7. Sonntag der Osterzeit (B): Joh 17,6a.11b-19

Am Ende der Abschiedsreden spricht Jesus nicht mehr mit den Jüngern, sondern wendet sich im so genannten »hohepriesterlichen Gebet« an den Vater (ab 17,1).  Jesus bittet um die Einheit der Jünger. Dieser Ge­danke klingt zunächst nur kurz an (17,11), er kommt aus­führlicher zur Sprache in der Bitte, die auch die Glaubenden der späteren Zeit einschließt (17,20-23). In ihr wird ausdrücklich, was die Abschiedsreden insgesamt kennzeichnet: die literarischen Figuren der Jünger sind transparent für die Glaubenden. Die Abschiedsreden bedenken die Situation nach dem Weggang Jesu und haben deshalb alle im Blick, die sich zu Jesus bekennen, nicht allein die Begleiter Jesu. 


Außerdem begegnet der Gedanke der Bewahrung der Jünger: Keiner von ihnen ging verloren (17,12). Dieser Gedanke ist bereits in der Brotrede angeklungen (6,39), und er wird in der Verhaftungsszene aufgegriffen, wenn das Einschreiten Jesu für seine Jünger (»lasst diese gehen«) als Erfüllung dieses Wortes Jesu erscheint (18,9). Dass Judas am Ende von 17,12 ausdrücklich ausgenommen wird, entspricht dem äußerst negativen Judas-Bild des vierten Evangeliums (z.B. 6,70f). 


Ein drittes Thema des Abschnitts ist das Verhältnis der Jünger zur Welt. »Welt« hat im Johannes-Evangelium vor allem zwei Bedeutungen. Als Bestimmungsort der Sendung Jesu ist der Begriff universal zu verstehen: Jesu Wirken und Geschick betrifft alle Menschen. In diesem Sinn ist Jesus das Licht der Welt (8,12), kam er als Licht in die Welt (1,9), ist er Ausdruck der Liebe Gottes zur Welt (3,16). 


Daneben kann »die Welt« aber auch die Gegengröße zu den glaubenden Jüngern sein: Sie werden gehasst von der Welt, weil sie einen anderen Ursprung haben (17,14). Wenn vom Hass der Welt die Rede ist, dann wird der Welt kein moralischer Defekt vorgehalten. Der Vorwurf lautet nicht, dass es in der Welt Hass gibt, sondern dass die Welt Jesus und folglich auch die Jünger hasst (s.a. 15,18-25). Die Negativität der Welt hängt also daran, dass sie durch Unglauben gekennzeichnet ist. Die Welt wird dadurch bestimmt, dass sie Jesus und die Jünger ablehnt, nicht dadurch, dass sie falschen Maßstäben des Handelns folgte und durch solchen Einfluss auf die Jünger deren Zeugnis gefährden könnte. 


Trotz dieser scharfen Abgrenzung ist die Schei­dung zwischen Gemeinde und Welt nicht endgültig. Die un­gläubige Welt ist gerade der Ort, an dem sich die Sendung der Kirche vollzieht – nach dem Vorbild der Sendung Jesu (17,18). Der Kreis der Glaubenden darf nicht in sich ab­geschlossen sein, sondern soll darauf hinwirken, dass die Welt zum Glauben kommt (17,21.23).

17. Mai 2012

Aufbruchsschelte

Der Katholikentag in Mannheim weckt, angesichts der derzeitigen Polarisierungen nicht ganz überraschend, nicht nur freudige Erwartungen. Wer als Veranstalter das »sogenannte Zentralkomitee der deutschen Katholiken« ausmacht oder ein  »Nein-danke: ZdK«-Video ins Netz stellt, wird zu einer positiven Würdigung des Katholikentags wenig geneigt sein. In scharfer Form hat jetzt Alexander Kissler im Vatican-Magazin das Motto des Treffens aufs Korn genommen: »Einen neuen Aufbruch wagen«. Er spielt mit der Mehrdeutigkeit des Substantivs »Aufbruch«, mehr noch des Verbs »aufbrechen« und weist auf die negative Bedeutung hin.
»Wenn ein gebrochener Knochen nicht heilen will, bricht er auf. Wenn eine Wunde sich nicht schließt und zu eitern beginnt, kann sie aufbrechen. Wenn die Erde bebt, Häuser wanken und die Straße die Menschlein in den Abgrund zieht, bricht der Asphalt auf. Aufbrüche sind Katastrophen. Sie ereignen sich am Zenit einer Fehlentwicklung. Dann hilft nur Ruhe, Schonung, Gottvertrauen.«
In biblischem Zusammenhang fühlt man sich dagegen beim Thema  »Aufbruch« an Abraham erinnert, an den das Wort des Herrn erging: »Geh aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters in das Land, das ich dir zeigen werde« (Gen 12,1). Und wie antwortete Abraham? »Ach, Herr, Aufbrüche sind Katastrophen, lass mir lieber meine Ruhe.« Diese Antwort würde wohl in den Codex Alexandri polemici rescriptus passen, ist in alten Handschriften aber nicht überliefert. 

10. Mai 2012

Sonntagsevangelium (25)


6. Sonntag der Osterzeit (B): Joh 15,9-17


Auf das Bildwort vom wahren Weinstock folgt ein Abschnitt, der die Stich­worte »bleiben« und »Fruchtbringen« aufgreift und näher auslegt auf die Liebe hin. Sie verbindet Gott, Jesus und die Glaubenden miteinander. 

Als Grundlage dieses Verhält­nisses erscheint die Liebe des Vaters zum Sohn, aus der die Liebe des Sohnes zu den Jüngern erwuchs. In ihr sollen die Jünger bleiben (15,9). Die Erwartung, dass dies durch die Liebe der Jünger zu Jesus geschieht, wird zu­nächst durchkreuzt. Die Jünger bleiben in Jesu Liebe vielmehr dadurch, dass sie seine Gebote halten (15,10). Die Rede von Jesu Geboten wird in der Folge auf ein Gebot reduziert: gegenseitige Liebe der Glaubenden nach dem Vorbild der Liebe Jesu (15,12).

9. Mai 2012

Endzeitpropheten

Die evangelische Nachrichtenagentur IDEA berichtet über Beiträge, die pfingstkirchliche Theologen in der Zeitschrift »GEISTbewegt« zur Frage nach den Zeichen der Endzeit veröffentlicht haben. Zwar wird geurteilt, dass sich alle Festlegungen der Vergangenheit als falsch erwiesen hätten - eine Analyse, der angesichts des bisher nachweislich ausgebliebenen Weltuntergangs nur wenige widersprechen werden. Dennoch wagt der Autor eines Beitrags, Pastor Hanspeter Weber, eine Prognose: »So nahe wie jetzt war die Menschheit dem Ende noch nie.« Nun ist auch dies auf den ersten Blick eine recht unstrittige Aussage, doch hat der Pastor sicher nicht mitteilen wollen, dass sich seiner Auffassung nach der Zeitstrahl ununterbrochen in dieselbe Richtung bewegt. Immerhin hat er für seine banal klingende Aussage ein prominentes Vorbild, das uns bei der Auslegung seines Satzes helfen kann.

4. Mai 2012

Sonntagsevangelium (24)

5. Sonntag der Osterzeit (B): Joh 15,1-8

Wie beim Bildwort vom guten Hirten geht es auch bei der Metapher von Jesus als dem wahren Weinstock um die Verbundenheit Jesu mit den Glaubenden. Zwar scheint diese Verbundenheit aufgrund der Rede von Weinstock und Rebzweigen nun stärker auf organische Einheit hin akzentuiert zu sein. Es lässt sich ja bei der Gleichsetzung des Weinstocks mit Jesus und der Rebzweige mit den Jüngern im Bild insofern keine Trennung durchführen, als der Weinstock die Rebzweige schon einschließt. Andererseits zeigt diese Zuordnung von umfassender Größe (Weinstock) und Einzelelement (Rebzweig), dass die beiden Teile dieser Einheit nicht gleichwertig gedacht sind. Das Bild wird auch ausdrücklich nur auf die Abhängigkeit der Rebzweige vom Weinstock hin ausgelegt. Es entfaltet also den Grundgedanken, dass die Glaubenden mit Jesus verbunden sein müssen. 

Deshalb gewinnt das Stichwort bleiben tragen­de Bedeutung. Da es um ein gegenseitiges Ineinander-Blei­ben geht (15,4), ist deutlich die nachösterliche Situation im Blick: In 14,19f hatte Jesus vorausgeblickt auf die Zeit nach seinem Tod und dafür die Erkenntnis des gegen­seitigen Ineinanderseins von Vater, Sohn und Glaubenden verheißen:
»Noch ein Kleines, und die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich: weil ich lebe, werdet auch ihr leben. An jenem Tag werdet ihr erkennen, dass ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch.« 
Die Rede vom Bleiben zielt nicht nur auf Dauer, Verlässlichkeit und Treue im Verhältnis zwischen Jesus und den Glaubenden. Die Bedeutung des Bleibens wird auch entfaltet im Blick auf das Fruchtbringen, das zweite sinntragende Stichwort des Abschnitts. Was genau damit gemeint ist, klärt der Text nicht – eine Beobachtung, die sich auch sonst in der urchristlichen Überlieferung treffen lässt: die Fruchtmetaphorik wird nicht aufgelöst (vgl. z.B. Mk 4,20). Einen Hinweis könnte allerdings der nachfolgende Kontext des Weinstock-Bildes geben (Joh 15,9-17). In ihm ist das Liebesgebot angesiedelt und auch vom Fruchtbringen die Rede:
»Dies ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, wie ich euch geliebt habe. Größere Liebe hat niemand als die, dass er sein Leben hingibt für seine Freunde.« (15,12f)
»Ihr habt nicht mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und euch gesetzt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibe, damit, was ihr den Vater bitten werdet in meinem Namen, er euch gebe.« (15,16)
Deshalb liegt es nahe, beim »Fruchtbringen« an ein »in Glaube und Liebe bewährtes Gemeindeleben« zu denken (Rudolf Schnackenburg). Das Bildwort vom Weinstock hebt zwar nicht auf, dass es im Fruchtbringen um das eigene Tun der Jünger geht; doch wird der Gedanke be­tont, dass solches Tun nur zur Wirkung kommen lässt, was Jesus für die Glaubenden getan hat.
Die Bezeichnung Jesu als wahrer Weinstock lässt zunächst an eine polemische Abgrenzung denken: Jesus, und nicht ein anderer ist der Weinstock. Doch dürfte der Zusammenhang interner Jüngerunterweisung dagegen sprechen. Dann wäre der Ausdruck dahingehend zu deuten, dass Jesus derjenige ist, auf den die Rede vom Weinstock voll und ganz zutrifft. 

1. Mai 2012

»Pro multis«

In diesen Tagen sorgte ein Brief von Papst Benedikt für Aufsehen. In ihm forderte er die deutschen Bischöfe auf, endlich die angemahnte Änderung in der Übersetzung von »pro multis« in den Kanongebeten der heiligen Messe durchzuführen. Als wichtigstes Motiv erscheint die Einheit des eucharistischen Gebets in der Weltkirche wie auch in den deutschsprachigen Bistümern, in denen der Papst für das neue Gotteslob eine uneinheitliche Regelung kommen sieht. Ziel des Briefes ist, »einer Spaltung im innersten Raum unseres Betens zuvorzukommen«. Ich empfinde das Schreiben als behutsam und werbend, ohne scharfe Töne. Und da der Brief klarstellt, dass keine theologische Restauration mit der geforderten Änderung der Übersetzung verbunden ist, kann man in der Sache ganz unaufgeregt bleiben. Die folgende Reaktion bezieht sich auf einige Aspekte der Begründung, die mir aus neutestamentlicher Sicht nicht in allem geglückt scheint.